1887.
Mittwoch dm 8. Juni.
JE 128.
Muer
| Zeitung.
Die
Wir
MNN , als »so oder nicht
Wegen -es hl. Frohnleichnams- festes wird die nächste Nummer d. Bl. erst am Freitag ausgegeben.
legung fuhr e» ihr heraus:
„Aber sagten Sie denn nicht selbst, daß Sie von dem Herrn Doktor —"
Weiter kam sie nicht; aber die Alte hatte sie sehr wohl verstanden.
zurückweisen!"
Die Alte schüttelte den Kopf.
„Nein, Mamsell, da ist Ihr Geld!
nehmen keine Almosen!"
Diese schroffe Ablehnung in Gegenwart de» Doktors, der schweigend an ihrer Seite stand, machte Nelly vollends verwirrt, und ohne Ueber«
nicht zu leugnen, in der jetzigen Lage ist der Pap ein Gefangener Italiens.
4. Italien wird sich auch, mit Rücksicht auf die ganze katholische Welt, dazu bequemen smüfsen, anstatt der prekären „Dotation" eine eigentliche „Krieg»"« bezw. Friedens-Entschädigung in Form eines einmal zu zahlenden Kapitals herzugeben, denn auch diese» ist zur Schätzung der vollen und wahrhaften Freiheit de« Papstes nöthig, daß er von seinem späteren „Freunde" nicht als Groß» Pensionär abhängig werde.
5. Auf eine Militär-Oberhoheit über den neu abzugrenzenden Kirchenstaat, welche schon italienische RegierungS-Zeitungen fordern, ist feiten» Italien» zu verzichten, denn dadurch wäre ebenfalls die volle Souveränität des römischen Papste» verletzt; e» ist ja möglich, daß, nachdem der Kirchenstaat, ähnlich wie die Schweiz und Belgien, unter den Schutz der Großmächte al» „neutraler Staat" ge« stellt würde, der Papst mit Italien eine Militär- Konvention abschlöffe, wodurch das militärische In« tereffe Italiens ebenso gut wie die Würde und Unabhängigkeit des Papstes gesichert wären.
Bei der allgemein anerkannten friedlichen Gesinnung des hl. Vaters gegen alle Völker und Regenten, bei der ebenso notorischen Roth Italiens in Folge seines Zerwürfniffes mit dem Oberhaupte der Kirche ist wohl anzunehmen, daß Italien sich geneigt zeigen wird, in Verhandlungen einzutreten. Damit aber solche Verhandlungen zum guten Zwecke führen, darf Italien in Zukunft wesentlich mehr beachten, wa« göttliche» und menschliches Recht ist; und wenn es zugleich von seinem Dünkel und sei. ner Prahlerei etwas wegließe, so würde auch das der Sache dienlich sein.
„Sie haben etwas vergeffen, Mamsell! — Man soll vorsichtig sein mit so werthvollen Sachen!"
Die beinahe unfreundlich hervorgestoßenen Worte setzten Nelly in nicht geringe Verlegenheit.
„Ich habe das Geld nicht vergeffen," sagte sie zögernd. „Ich wollte Sie vielmehr bitten, es als eine kleine Entschädigung anzunehmen für die Mühe welche wir Ihnen verursacht haben I Oder i Sie das nicht wollen," fuhr sie hastig fort, die Alte eine abwehrende Bewegung machte, kaufen Sie Ihrem kranken Manne Fleisch Wein dafür! Um seinetwillen dürfen Sie es
Nelly'« Nerlib««-.
Eine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann.
7. Fortsetzung.
R. Zur römischen Frage.*) ii.
Daß es Italien nicht darum zu thun war, durch das Garantiegesefetz einen erträglichen Ueber. gangszustand, ähnlich wie während eines Waffenstillstandes, zu schaffen, das geht aus der prak« tischen Anwendung diese» „Gesetzes" seitens der italienischen Behörden hervor. Um nur Eines zu bezeichnen: durch das sog. Garantiegesetz wird auch die Person des Papstes als sakrosankt er« klärt, Beleidigungen des Papstes seitens der italienischen Unterthanen sollen gegen Letztem wie Masestätsbeleidigung geahndet werden. Nun, wer denkt da nicht an die Infamien, welche sich unter Konnivenz italienischer Behörden der italienische Pöbel gegen den Papst erlauben durfte? Die dem Papste gesetzlich zuerkannte „Entschädigungsdotation" wird im großen Staatsschuldbuche zu Gun« sten des hl. Stuhles als ewige und unveräußerliche Rente eingeschrieben. Und wie hat es Italien gemacht mit der Rente, welche e» auf den Titel der Säkularisation der Kirchengüter den kirchlichen Personen schuldet? Hätte der Papst eine solche Abfindung im Jahre 1871 acceptirt, so würde wahrscheinlich schon im folgenden Jahre ein neues Gesetz die Wandelbarkeit italienischer Zustände und Rechtsbegriffe der Welt bewiesen haben.
Das steht fest, durch das sogen. Garantiegesetz sollte die ganze katholische Welt dupirt werden, besonders aber der Papst, dieser sollte zugleich, nachdem er sich damit zufrieden gegeben hätte, als solcher hingestellt werden, der mit der ganzen Neuordnung der italienischen Angelegenheiten zu- frieden sei und zu Gunsten des savonyschen Fürsten. Hauses auf eigne Souveränität Verzicht leiste. Dieses scheint auch unser hl. Vater in der letzten Allocution darlegen zu wollen, wenn er sagt: „Wir wünschen lebhaft, daß Italien dem verhäng- nißvollen Streit mit dem Papstthum beseitige,
*) Nachdruck verboten.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juni.
x. * Der Reichstag hielt heute vor fast leeren Bänken seine erste Sitzung nach den Ferien ab und nahm in zweiter Lesung die Novelle zum Nah. rungsmittelgesetz und in dritter Lesung das Unfallversicherungsgesetz für Bauarbeiter debattelos an. Dann wurde in die erste Berathung der Post, dampfer. Novelle eingetreten. Abg. Grad (Els.) wünschte baldige Neutralifirung des Suezkanals ich da aufgetrieben habe, werden sich zwar etwas Zeit lasten, aber sie gerathen sicherlich nicht auf gefährliche Seitenwege."
Nelly schmollte ein wenig.
„Sie geben mir also doch einen Korb? Auch wenn ich sie recht, recht herzlich bitte? Nach Allem, was Sie in dieser Nacht bereits für uns gethan, kann doch die letzte Gefälligkeit kaum noch ins Gewicht fallen! Und Sie thun es doch, gelt?"
„Voll Erstaunen über diese schmeichelnde Lrebens- Würdigkeit, die von ihrem früheren Benehmen gar seltsam abstach, verneigte sich der Doktor, ohne weiter ein Wort zu sagen, und machte Miene, den Kutscherbock zu erklettern; aber mit einem Ausdruck unverholenen Entsetzens rief ihm Nelly iU „Ums Himmelswillen, wa» beginnen Sie da? So war es doch nicht gemeint! Sie müssen natürlich zu uns in den Wagen! Hier an meiner Seite ist noch Platz genug!"
Er wollte noch einige Ausflüchte machen, sich mit seinen beschmutzten Stiefeln und seinen nassen Kleidern entschuldigen; aber als sie erst bemerkt hatte, daß er doch wohl trotz allen Sträubens recht gern ihrer Einladung Folge geleistet hätte, schlug sie mit munterster Entschiedenheit seine Ein- Wendungen nieder und rückte, ihre Kleider dicht zusammen nehmend, bis in die äußerste Ecke,
— aber: 1. „unter Wahrung der Gerechtigkeit und der Würde des apostol. Stuhles . . - — 2. Als Zugang zur Eintracht muß eme solche Lage vorhanden sein, a) in welcher der römische Papst keiner Gewalt eine» Andern unterworfen ist und b) wie göttliche» und menschliches Recht e» erfordrrt, einer vollen und wahrhaften Freiheit ^b"?Das Erste also wäre, daß Italien aufhöre mit seinen versteckten und offenen Feindseligkeiten gegen den Papst, daß es mit dem Papste als gleichberechtigtem Souverän Friedensverhandlungen anzuknüpfen suche, und deßhalb vor Allem das Garantiegesetz abändere soweit daffelbe bte Tendenz hat, die volle Souveränität des römischen Papstes in seinem jetzigen Territorium zu negiren.
2. ES muß Italien bereit sein zur Gerechtigkeit; das größte und offenkundigste Unrecht desselben besteht in der Annexion des Kirchenstaates und Okkupation Roms. Es scheint nun Den Absichten unseres hl. Vaters zu entsprechen, daß Italien nicht angehalten werden soll, den ganzen Raub herauszugeben, daß vielmehr - ähnlich me es gemacht wurde nach der Säkularisation vieler Fürstbisthümer und gefürsteten Prälaturen durch den Reichsdeputationshauptschluß 1803 m Deutschland, — Italien beim päpstlichen Stuhle Arch Vermittlung eines andern Monarchen die Bitte zu stellen hätte, es möge der hl. Stuhl auf sem Eigenthumsrecht an einem Theile des fraglichen Objekts mit Rücksicht auf die innnerpolrtifchen Verhältniffe Italiens Verzicht leisten. Nur durch solches Vorgehen Italiens wäre auch die Wurde des apostolischen Stuhles anerkannt und gewahrt.
3. Es muß die jetzige Lage derart verändert werden, daß der Papst keiner Gewalt eines Anderen unterworfen ist — diese natürliche Forderung scheint von der Ansicht des hl. Vaters auszugehen^ daß jenes Territorium, welches er dermalen noch in wirklichen Besitz innehält, nicht genügt, sowohl seiner Größe wie seiner Lage — als Enklave Italiens — nach, damit der Papst einer vollen und wahrhaften Freiheit genieße. Italien, da» ist nicht zu vergeffen, hat es immer in der Hand, auch wenn es ehrlich den jetzigen Besitzstand des Papste» anerkennt, denselben und seine Regierung von der übrigen Welt abzuschließen, — es ist
„Das war etwas Anderes, Mamsell! Der Herr Doktor hat ein Herz für uns arme Leute ; ihm macht es Freude, uns zu helfen. Da drucken feine Wohlthaten nicht. Sie aber wollen sich nur mit mir abfinden, weil es Ihnen unangenehm ist, einer armen Frau einen kleinen Dank schuwrg zu sein. Da hätten Sie nun aber in ein Wirths« haus gehen muffen 1" ___ .
Es war so unverkennbar ihre Abstcht, sich des Geldes zu entledigen, daß Nelly sich wohl genöthigt sah, e» zurückzunehmen. Sie stieg in den Wagen, in welchem sich'» Tante Dorrtte auf dem breiten Rücksitz schon so bequem gemacht hatte, daß neben ihr kaum noch für ein Kind Platz gewesen wäre, und ließ sich auf dem schmalen Vordersitz weder. Der Doktor nahm seinen Hut ab und schickte sich an, die WagenthÜr zu schließen; aber noch ehe dieselbe in's Schloß gefallen war, legte sich Nelly» zierliche» Händchen auf den Schlag und ihr Gesicht tauchte noch einmal au» dem Dunkel auf.
„Bitte, Herr Doktor, Sie werden uns doch begleiten?" sagte sie ganz schüchtern. „Ich bin so furchtsam geworden, daß ich mich halbtodt ängstigen würde, ehe wir nach Hause kämen. Sie schlagen mir da» nicht ab, nicht wahr?"
„Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie nicht das Geringste mehr zu fürchten haben, mem Fräulein! — Die beiden ehrlichen Ackergaule, die