X 125. Sonnabend, den 4. Juni.
1887.
Die .Fuldaer Reituna' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenkeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.
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Zweites Blatt.
* Zur Bierstatistik.
Nach dem statistischen Jahrbuch für das deutsche Reich von 1886 ist der Bierverbrauch in Deutschland in den Jahren 1872 bis 1885 von 33,202,000 auf 41,325,000 Hektoliter gestiegen, so daß im letzten Jahre auf den Kopf der Bevölkerung etwa 90 Liter jährlich trafen. Bringt man Kinder und Frauen in Abrechnung, so kommen auf den erwachsenen Mann 270 Liter. In Sachsen und Bayern ist aber der Bierkonsum viel größer, obwohl derselbe auch in Norddeutschland stetig zugenommen hat. Namentlich das bayerische Bier erfreut fich dort einer steigenden Beliebtheit. Es berechnen stch in den 10 Jahren von 1876/77 bi» 1885/86 die Biereinfuhren aus Süddeutsch- land in da» norddeutsche Steuergebiet auf bezw. 471 000, 478,000, 502,000,(456,000) 554,000, 639,000, 713,000, 796,000, 610,000 und 1,000,000 Hektoliter. Es ist gleichzeitig aber auch in dem Gebiete der norddeutschen Biersteuergemeinschaft die Produktion der nach bayerischer Art hergestellten Biere erheblich gestiegen und zwar sind in den Jahren 1879/80 bis 1885/86 12,1 13,2 13,5 14,2 15,3 und 16,2 Millionen Hektl. untergährige» Bier gewonnen worden. Bis 1884/85 hat also die Steigerung im Durchschnitt jährlich nicht weniger als 800,000 Hektoliter betragen.
Bayerisches Bier wurde nach Norddeutschland überhaupt ausgeführt in Hekl. 1879: 462,410,40, 1880: 520,884,30, 1881: 608,499.94, 1882: 679222.07,1883:783,779.16,1884:910,696.57. Zunahme seit 1879 etwa 97 pCt. Eine viel bedeutendere Progreffion zeigt der Export von Münchener Bier. Während im Jahre 1879 aus dem Zollamtsbezlrke München nur 63,154 Hektol. über die bayerische Grenze gingen, betrug die Ausfuhr im Jahre 1884 die Summe von 499,541 Hektoliter. Die Zunahme gegen 1879 beträgt also etwa 550 pCt. Der Malzverbrauch der 37 Münchener Braunbierbrauereien hat sich in der Sudperiode 1885 bis 1886 bedeutend gehoben. Während vom 1. Juli 1883 bis 1. Juli 1884 749,550 Hektoliter Malz und vom 1. Juli 1884 bis 15. Juli 1885 887,582 Hektoliter Malz zur Versteuerung kamen, betrug die Summe vom 1. Juli 1885 bis 1. Juli 1886 996,480 Hektol. Malz oder 108,898 Hektcl. mehr als im Vorjahre.
e Ein seltsames Merniß.
(Nachdruck untersagt.)
Daß eine vorwitzige lange Nase mitunter recht störend wirken kann, das weiß wohl ein Jeder; aber daß eine solche lange Nase einmal das hemmende Hinderniß für eine ganze Schwadron Husaren gewesen — der Fall ist gewiß so kurios, daß er verdient, auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden.
Es war zur Zeit des siebenjährigen Krieges, da sollte eine Schwadron rothe Husaren ein hessisches Städtchen passiren, welches ziemlich abseits von der großen Heerstraße lag. Die gesammte Einwohnerschaft war voller Erwartung und alle Fenster der Hauptstraße, Kopf en Kopf, schon von früher Morgenstunde an besetzt. Ein derartiges kriegerisches Schauspiel war ja auch dem Städtchen seit undenklichen Zeiten nicht geboten worden.
Besonders freute sich der Nashorn Apotheker — der seinen Namen nicht etwa von der eigenen Nase, welche ihm die Natur als eine sehr hervorragende
In Berlin hat sich das Münchener Bier seit 1884 des regsten Absatzes zu erfreuen gehabt, während der Verbrauch an Erlanger und Kulmbacher, ja selbst Nürnberger im steten Rückgang begriffen ist. Nach dem ,Berl. Akt.' beträgt der jährliche Import bayerischen Bieres etwa 110,000 Hektoliter, während im letzten Geschäftsjahre die Berliner Brauereien Böhmisches Brauhaus 129,137 Hrkt., Tivoli 161,358, Patzenhofer 152,727 und Schultheiß 145,893 Hektoliter um- setzen. Von den hervorragenden bayerischen Gesellschaften werden pro Jahr nach Berlin gesandt: Spaten 34,000, Löwenbrauerei 23,500, Pschorr 12,000, Augustiner 11,500, St. Anna 6000, Leistbräu 4000, Tucher-Nürnberg 3500, Eberl 2800, Münchener Kindl 2000, Bürgerliches Brauhaus 2700, Kolosseum 1680, Ansbacher 1500 Hektl. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß in der letzten Zeit auch Dreher-Wien und Hacker-München in Wettbewerb getreten sind.
Vermischtes.
• Den Klavieren, oder vielmehr den Klavierspielern in Frankreich hat eine große Gefahr gedroht, die Gefahr nämlich, besteuert zu werden. Es war in der Kammer ein Gesetzentwurf ein- gebracht worden, des Inhaltes, auf jedes Klavier eine jährliche Steuer von 12 Franks auszuwerfen. Kürzlich kam dieser Entwurf zur Verhandlung und der Referent, Abgeordneter Thevenot, machte in seiner Motivierung geltend, daß da? Klavier wohl für Manche eine Quelle des Vergnügens, für Viele aber ein Marter-Instrument sei, woraus der Abg. Malier de Montjau rief: „Nieder mit der Tortur!" Der Referent fährt fort! Einer der größten Musiker unserer Zeit, Herr Gounot, hat sih entschieden gegen den Mißbrauch des Klaviers ausgesprochen. Das praktische Mittel, um die beklagenswerthen Wirkungen dieses Instrumentes abzuschwächen, wäre die Besteuerung desselben." — Abg. Bailt: „Zwölf Franks ist entschieden zu wenig, ich beantrage 1200 Frks. Die freiheitsliebenden Völker haben das Klavier nicht gekannt. Zum Beispiel die alten Römer ....." (Allgemeine Heiterkeit.) Nach kurzer Debatte wird der Gesetzentwurf abgelehnt und das Klavier bleibt vorläusig auch in Frankreich unbesteuert.
sDie Sonnenfinsterniß.) Hauptmann: „Feldwebel, machen Sie die Leute darauf aufmerksam, daß morgen Nachmittag 3 Uhr eine Sonnenfinsterniß stattfindet, und daß, um denselben Gelegenheit zu geben, dieses Phänomen zu sehen, der Nachmittagsdienst ausfällt. Ich werde selbst morgen um 3 Uhr in die Kaserne kommen
Gabe verliehen, sondern von der problematischen Tigerfigur über seiner Hausthür führte — daß er undzweifelhaft den allerbesten Platz hatte, war sein altes Giebelhaus doch nicht allein etwas vorgebaut, sondern es stuckte überdies noch recht selbstbewußt einen breiten Erker in die Gaffe.
„Sie kommen, sie kommen!" ertönte mit einem Male der jubelnde Ruf der lieben Straßenjugend und er pflanzte sich weit von Mund zu Mund. Und in der That, man hörte jetzt schmetternde Trompetenklänge und den taktmäßigen Schall der aufschlagenden Pferdehuse. Mit klingendem Spiele zog die berittene Mannschaft zum Stadtthore herein in die genannte Hauptstraße des Städtchens, welche jedoch an raumersparender Enge den anderen Gaffen nicht das geringste nachgab. Der neugierige Nashorn-Apotheker reckte seinen langen Hals und legte sich, soweit er nur konnte, zum Erkerfenster hinaus, um die anrückende glänzende Reiterschaar ja recht genau zu sehen.
Voran auf einem kräftigen Rosse ritt der Rittmeister der Schwadron, der wie ein Kriegsgott im
und der Mannschaft die Entstehung des Ereignifles, das weit Über Deutschlands Grenzen sichtbar ist, erklären." — Feldwebel: „Zu befehlen, Herr Hauptmann." — Feldwebel (beim Appell): „Auf Befehl des Herrn Hauptmann findet morgen Nachmittag 3 Uhr in der Kaserne eine Sonnenfinsterniß statt. Der Herr Hauptmann wird dieselbe selbst leiten und sich um diese Zeit in der Kaserne einfinden, woselbst er auch eine Erklärung Über die Entstehung dieses Dings, das in dem ganzen Umkreis unseres Königreichs sichtbar sein soll, geben wird. — Der Anzug ist Waffenrock und Tuchhose. — Der Nachmittagsdienst ist abgesagt. — Natürlich Alles nur bei gutem Wetter. — Und das sage ich Euch, daß mir Keiner so dichte ran geht!"
Chorgesang der Wucherer.
Ein freies Leben führen wir, Ein Leben wie die Heiden, Die Bauersleut' barbiren wir; Mit Tinte, Feder und Papier, Die Hälse wir abschneiden.
Und hat er uns sein Pferd und Rind, Sein Hab und Gut verschrieben. So klagen wir ihn ein geschwind, Er wird gepfändt mit Weib und Kind, Von Haus und Hof vertrieben.
Heut' kehren wir beim Michel ein Und bei dem Hansjörg morgen; Da treiben wir es schlau und fein, Und schreiben Hundert in den Schein, Wenn wir ihm Fünfzig borgen.
Uns ist die Arbeit Qual und Graus, „Schnell reich" ist unser Streben. Wir saugen andre Menschen aus Und leben dann in Saus und Braus. Hoch soll der Wucherer leben!
Literarisches.
Führer durch Cassel, Wilhelmshöhe und Umgegend nebst Terra'nkarte. 8. verbefferte Auflage. Verlag von G. Kegel, Caffel.
Der Führer hat in seiner 8. Auflage eine Erweiterung dahin erfahren, daß in einem Anhang zum ersten Male klimatische und allgemein hygienische Verhältnisse des Terrainkurortes Wilhelmshöhe veröffentlicht werden unter Hinweis auf eine mit Höhenburgen versehenen Terrainkarte von Wilhelmshöhe und Habichtswald. Die letztere, nach amtlichem Material entworfen, ist die einzige exiflirende Karte, welche für weitere Touren in den Habichtswald ein zuverlässiger Führer ist. Preis des Führers Mk. 1.20; der Karte (mit Notizen versehen) 50 Pfg.
O. Hübner's statistische Tafel ist soeben für den Jahrgang 1887 erschienen (50 Pf.). Diese ungemein praktische, wegen ihres reichen Inhalts, ihrer Gründlichkeit und Uebersichtlichkeit allgemein eingebürgerte Tabelle hat wiederum eine sehr bedeutende Umarbeitung erfahren. Sie giebt nach streng amtlichen Mitteilungen über tausenderlei, den ganzen Erdball umfassende Dinge Auskunft. Die Tafel ist daher jedem Zeitungsleser zur Anschaffung sehr zu empfehlen, denn sie bringt die neuesten Zahlen nicht allein Über Industrie und Handel, sondern auch Über die Heeres-, Bevölkerungs- und Münzverhältnisse :c. aller Länder. Neben dieser Plakat-Ausgabe ist das Merkchen auch in einem handlichen Taschenformat in Leinwand gebunden (M. 1. —) erschienen.
Sattel saß. Seine mnthigen schwarzen Augen trafen den Nashorn-Apotheker, und mit einem Male ko nmandirte er mit lauter Stimme: „Halt!" Wie in Steinbilder verwandelt standen Noffe und Reiter.
„Was mag das bedeuten?" dachte der Apotheker, aber siehe, da ritt der Rittmeister dicht an ihn heran, falutirte höflich und rief mit feiner lauten Stimme: „Dürste ich Sie wohl bitten, mein Herr, Ihre Nase ein wenig zurückzuziehen — die Schwadron kann sonst nicht vorüber!"
Und um den blankgewichsten schwarzen Schnurrbart zuckte es verrätherisch, die Leute in den Fenstern aber brachen in ein lautes, schallendes Gelächter ans, in welches die Husaren fröhlich mit einstimmten.
Wüthend warf der Nashorn-Apotheker das Fenster zu und trat mit einem Fluche in das Zimmer zurück. Bis an sein Lebensende aber wurde er damit gefoppt, daß er zwar das allerbeste Plätzchen in der Stadt geh«! t, aber doch keinen einzigen Husaren habe vorbeireiten sehen. I. G.