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M 125.

Sonnabend, den 4. Juni.

1887.

hlher W Jeitnnj.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bnngerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' m Fulda 1 M. 70 Pf-, auswärts I M. 75 Pf.

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Erstes Blatt.

* Windthorst in französischer Belenchtnng.

In einer französischen Zeitschrift hat Vicomte H. Biguen eine Skizze des Centrumsführers ge- zeichnet, deren Wiedergabe unsere Leser vielleicht interessiren dürfte. Der Vicomte Biguen hat Ende Januar 1886 der bekannten Sitzung des preußi- schen Abgeordnetenhauses beigewohnt, in welcher die Angelegenheit der Polen-Ausweisungen auf der Tagesordnung stand, kurz nachdem der Reichskanz­ler eine Niederlage erlitten hatte. „Während der fiebenviertelstündigen Rede des Fürsten Bismarck — so schreibt der Franzose — war Windthorst auf seinem Platze stehen geblieben und hatte dem Ministertische den Rücken zugewendet. Die Hand in der Weste hörte er gesenkten Hauptes aufmerk­sam zu, ohne eine Notiz zu machen — denn sein schwaches Auge verbietet ihm Lesen und Schreiben — nur bei den heftigsten Stellen leise lächelnd. Seine Entgegnung war voll Geist und Schlagfer­tigkeit. Er antwortete dem Kanzler Punkt für Punkt, nahm zuerst die letzten Vorwürfe des Für» sten Bismarck auf und ging dann zu den vorher­gehenden über; er ließ keine Beschuldigung ohne Abweisung, keine Thatsache ohne Prüfung. Seine Beredtsamkeit ist lebhaft und einfach. In seinen kurzen Sätzen befinden sich keine so schlagenden Worte wie in den Reden des Reichskanzlers, aber sie sind voll boshafter Pointen und feiner Witze, viel feiner als deutsche Witze sonst zu sein pflegen. Er hat übrigens das Talent, den Fürsten Bismarck zu ärgern, denn nachdem dieser eine Zeit lang in nervöser Ungeduld Notizen mit seinem Riesenblei­stift gemacht hatte, warf er ihn plötzlich mit zor- niger Bewegung fort und verließ den Sitzungs­saal. — Man kann wohl sagen, daß der Kanzler diesem würdigen Gegner selbst die einflußreiche Stellung im Parlamente verschafft und seine volle Bedeutung erkennt. Windthorst selbst sagte einmal zum Fürsten Bismarck: „Ich bin nichts, und Sie bestehen darauf, etwas aus mir zu machen." Die­ser halbblinde, fast 76jährige Greis ist der Gegen­stand so großer Verehrung und Zärtlichkeit seitens seiner Partei, daß sie uns Franzosen sehr über-

Aklly's öttlilieng.

Eine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann.

4. Fortsetzung.

Sie stand auf und griff nach der Lampe. Doktor Fischer hielt sie zurück.

„Nicht mich hat das Wetter zu Euch herein- gejagt," sagte er, „wohl aber zwei Damen, die in der Nähe mit ihrem Wagen Unglück gehabt haben und auf den grundlosen Wegen nicht bi­ms Dorf können. Ich denke, Ihr' nehmt sie freundlich auf, bi» ich ein Fuhrwerk herbei­geschafft habe!"

Sie nickte statt aller Antwort mit dem Kopfe und folgte dem Doktor mit ihrem Lämp­chen auf den Vorplatz hinaus, wo Tante Dorette bisher vergebens nach einer Gelegenheit sich niederzusetzen herumgetastet hatte.

„Gott zum Gruß", meine Damen," sagte sie einfach, „wär' beffer gewesen, Sie hätten bei einem weniger armseligen Hause umgeworfen! Da es aber einmal nicht anders ist, werden Sie auch mit meiner Dürftigkeit vorlieb nehmen müffea! — Treten Sie nur hier ein! — S'lst zwar die Küche; aber drüben liegt mein kranker Mann und da werden Sie wohl nicht hinein wollen!"

Sie hatte eine auf der andern Seite angebrachte Decke aufgehoben und ihre unerwarteten Gäste in

raschen muß, weil wir jeder Disziplin abhold und einer treuen politischen Anhänglichkeit unfähig sind. Man nennt Windthorst abwechselnd die „Perle von Meppen" und die „kleine Excellenz". Er ist einer der populärsten Männer in Deutschland. Wenn er Sonntags zur 11-Uhr-Messe in die St. Hedwigskirche geht, bleibt Jedermann stehen, um ihm Platz zu machen, und zieht den Hut vor ihm. Wenn man ihn einige Male gesehen hat, vergißt man ihn nicht wieder. Windthorst ist häßlich, aber sein Gesicht hat dabei nichts Unangenehmes, son­dern ist außerordentlich sympathisch; man sieht nur den Ausdruck großer Güte und seltener Intelligenz. Windthorst ist von ganz ausgesuchter Höflichkeit und von unendlichem Wohlwollen. Seine Unterhaltung ist geistreich und von jener Liebenswürdigkeit, welche die Deutschen „Gemüth" nennen und wofür wir Franzosen keinen Ausdruck haben. Seine Galan­terie ist sprichwörtlich. Seine Gemahlin ist eine Dame von seltenem Werth, seine Tochter pflegt ihn sorgsam, widmet sich ihm so vollständig, daß er die große Dankbarkeit für die Frauen seiner Familie auf alle Frauen überträgt. Ec läßt keine Gelegenheit vorübergehen, von den deutschen Frauen zu sprechen; bei großen Festmahlen ist sein Toast auf die Damen traditionell. Man muß anerken­nen, daß die deutschen Frauen sich nicht undankbar erweisen. Als Windthorst seinen 75. Geburtstag feierte, bekam er eine große Anzahl von Adressen, die von Frauen unterzeichnet waren, und als er bei der kürzlichen Eröffnung des Reichstages in den Sitzungssaal trat, fand er seinen Platz mit Blumen geschmückt, eine Huldigung der katholischen Berlinerinnen."

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Juni.

—• Zu Holtenau bei Kiel hat heute Mittag, vom Wetter begünstigt, die feierliche Inauguration des Nordostseekanalbaues, die Grundstein­legung zur ersten Schleuse deffelben durch Se. M. W Kaiser inmitten eines glänzenden Kreises von Festgästen stattgefunden, eine imposante Feier! Der Festplatz war prächtig geschmückt. Staat« - Minister von Bötticher eröffnete die Feier mit einer Ansprache, in welcher er einen kurzen Rück-

den al» Küche bezeichneten Raum voraufgehen lassen. Es war nicht zu leugnen, daß derselbe trotz seiner weniger als einfachen Ausstattung etwas Behagliches und Anheimelndes hatte. Dazu mochte freilich wohl vor Allem die angenehme Wärme beitragen, die ihn erfüllte, und die von einem eisernen Ofen ausging, der in der Ecke aufgestellt war. Außerdem brannte auf einem von Backsteinen roh aufgerichteten Heerde ein knistern­des Holzfeuer unter einem dampfenden Keffel. Einiges Blechgeräth, das im Widerschein der rochen, züngelnden Flammen wie Silber glänzte, hing neben mehreren irdenen Geschirren an der Wand oder stand auf einem Gesims über dem Heerd. Ein Trsch und eine Bank von rohem Holz machten auch hier die ganze Mobiliareinrichtung aus, daneben aber lag auf dem Fußboden eine Matratze, und die bunte wollene Decke, welche darüber hingebreitet war, bildete in ihrer ungeflickten Neuheit jedenfalls das bedeutsamste und werthvollste Stück der ganzen Ausstattung.

Die Alte stellte ihre Lampe auf den Tisch nieder und trat an den Heerd. Tante Dorette sank mit einem tiefen Klagelaut ohne Weitere« auf die Matratze und nur Nelly blieb zaudernd neben dem Eingang stehen. Als sie mit raschem Auge chre Umgebung gemustert hatte, glitt ihr

blick auf die Vorgeschichte de» Kanalbaues gab. Ec hob hervor, daß erst das neue Reich die Kraft gab, das große Unternehmen auszuführen und schloß mit dem Wunsche, daß daffelbe zum Vor- theil und Schutze des Reiches gedeihen möge. Nach einer Ansprache des Reichstagspräsidemen von Wedell trat der Kaiser an den Grundstein heran. Der Vertreter Bayerns, Graf Lerchenfeld- Köfering, überreichte ihm Hammer und Kelle, Präsident v. Wedell aber Mörtel auf silbernem Teller. Minister von Bötticher legte die auf die Kanalfeier bezüglichen Dokumente und Münzen in die Höhlung des Steines, worauf der Kaiser ent­blößten Hauptes die drei Hammerschläge that mit den Worten: „Zu Ehren des deutschen Reichs, dem fortschreitenden Wohle zu seiner größten Macht und Stärke!" Darauf that er drei Schläge im Namen der Kaiserin mit dem Wunsche, daß das Werk dem Frieden zur Ehre, dem Volke im Kriege zur Wehr, dem Reiche zum Heil und Segen gedeihen möge. Im Namen des Kron­prinzen that Prinz Wilhelm drei wuchtige Schläge. Die Weiherede hielt Hosprediger Kögel. Mit einem vom Minister von Bötticher ausgebrachten Hoch auf den Kaiser, in welches die Festoer­sammlung begeistert einfiel, schloß der Festakt. Dann begab sich der Kaiser an Bord der „Pommerauia", um die Flottenparade abzu­nehmen , die ein Schauspiel von mächtiger Wirkung war.

* Die Gesetze, betreffend die Errichtung eines Seminar« für orientalische Sprachen und be­treffend Abänderungen des Reichsbeamtengesetzes haben am 23. bezw. 25. v. M. die Kaiserliche Sanktion erhalten und werden heute amtlich ver­öffentlicht.

* Die .Kreuzzeitung' versichert, daß an den entscheidenden Stellen der Gedanke an eine spätere Vereinigung der Herzogthümer Coburg-Gotha und Meiningen und Erhebung derselben zu einem Großherzogthum keineswegs fallen gelaffen worden und wesentliche Schwierigkeiten der Aus­führung dieses Planes sich nicht entgegenstellen dürften.

* Die seit Beginn des Kulturkampfes ge­schloffene geistliche Demeriten-Anstalt in Storchnest ist in Folge einer Vereinbarung der

Blick zum ersten Mal seit der Katastrophe an ihrer eigenen Gestalt nieder, und sie machte da die Wahrnehmung, daß die Unordnung ihrer vor Kurzem noch so prächtigen Toilette eine mehr komische al« gewinnende Erscheinung aus ihr ge­macht habe. Ihre Wangen erglühten und sie sah sich scheu nach dem Doktor um, ob sich nicht viel­leicht im Gesicht deffelben etwas wie Spott oder Schadenfreude auspräge. Der aber hatte garnicht weiter Notiz von ihr genommen und war in das dunkle Krankenzimmer hinübergeschlüpft, aus dem er erst nach einigen Minuten zurückkehrte.

„Er schläft ziemlich ruhig, Mutter Conrad," wendete er sich an die Alte, „der Pulaschlag ist gleichmäßiger geworden, das Fieber hat nachge- lasten. Vielleicht bringen wir ihn doch noch ein­mal auf die Beine!"

„Das steht in Gotte» Hand, Herr Doktor", antwortete sie mit ihrer rauhen, tiefen Stimme, „aber was Menschenkraft dabei verrichten kann, das haben Sie gewiß gethan!"

„Ich will jetzt hinunter ins Dorf, einen Wagen zu besorgen, damit wir den Kutscher fortschaffen und die Damen nach Hause bringen können! — Ihr bringt wohl unterdesten ein Gla» Glühwein zu Stande, Mutter Gertrud, nicht wahr?"

Wenn ihn die Damen au» einer Taste trinken wollen! — Gläser haben wir leider nicht im Be-