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Donnerstag, den 2. Juni.

.HL 123.

1887.

filhtr M Mnng.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wlederholungen^entsprechender^Rabatt^^^^^^^^^^^^^^^^

Deutsches Reich.

Berlin. 1. Juni.

* Der Kaiser begibt sich morgen mit Gefolge nach Kiel, um die Grundsteinlegung des Nordostseekanal» zu vollziehen. Der Empfangs« Zug zählt, wie au» Kiel gemeldet wird, gegen 4000 Personen mit sechs MusikkorpS, einer großen Zahl von Fahnen und Emblemen der verschiedenen Vereine und Gewerbe.

• In dem Befinden des Reichskanzlers Fürsten Bismarck ist zwar einige Besserung eingetreten, doch muß derselbe in Folge von Muskelschmerzen noch immer das Bett hüten und kann deshalb der Feier in Holtenau nicht beiwohnen.

* Wie man der ,®erm.' aus Rom durch ein Privattelegramm meldet, hebt der .Moniteur de Rome' in einer neuen Besprechung der Allocution Leo XIII. den Passus über da» Centrum her­vor und sagt, dasselbe habe noch niemals eine solche autoritative und vollkommene Sanktion er­halten; es sei die erste parlamentarische Partei Europas. — lieber denselben Gegen­stand bringt das ,Berl. Tageblatt' folgendes römische Privattelegramm: „Der .Moniteur de Rome' erklärt in einem Artikel über Preußen und den Vatican, da« Centrum sei auch künftig als dieWache undAvantgarde de»Papst- thum» für dieRückforderung derR.echte und Interessen der Kirch« anzusehen."

* Die .Kreuzzeitung' gibt die Richtigkeit der von der .Kölnischen Volszeitung' gebrachten Mit­theilung über die von der Düfieldorfer Regierung erhobene Beschuldigung katholischer Geistlichen de» rheinischen Antheile» der Diözese Münster wegen Wahlagitation zu und fügt hinzu, e» handele stch ausschließlich um Geistliche, welche die Kanzel oder ihre Stellung als Schulinspektoren zu einer sep- tennatsfeindlichen Agitation benutzt hätten. — In derselben Angelegenheit schreibt der,Wests. Merkur': „Rach demjenigen, wa» uns vom Niederrhein über die Sache berichtet wurde, soll das Vorgehen der Düfieldorfer Regierung der Reflex einer zu Kempen abgehaltenen Konferenz v onBürger meistern und andern bei der damaligen ungeschickten Agi­tation betheiligten Beamten sein, und soll, was diese an Beschuldigungen gegen Geistliche vorge-

Melly's gttlibnng.

Eine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann.

2. Fortsetzung.

Damit drehte er ihr den Rücken und beugte sich mit der Laterne zu dem Kutscher herab. Nelly athmete auf; aber gleichzeitig wollte sich doch ein Gefühl von Aerger in ihrem Herzen regen, denn wenn der Mann wirklich ein Arzt war, so hätte er immerhin etwas mehr Lebensart entwickeln und sich mit größerer Zuvorkommenheit um sie be­mühen können. Erst jetzt erinnerte sie sich de» unangenehmen Schmerzgefühls an ihrer rechten Hand, sie wagte sich etwas näher an den schwachen Lichtkreis der Laterne heran, um sich von der Ursache zu überzeugen, und stieß gleich darauf einen allerliebsten kleinen Schrei de» Entsetzens au».

Der Doktor wendete ihr sein Gesicht zu, ohne sich vom Boden zu erheben.

„Nun, mein F änsiin?"

„O, ich bin verwundet," hauchte Nelly. „Es blutet! E» wird doch nicht die Pulsader sein ?"

Der Arzt beging die unglaubliche Unschicklich­keit, auf die angstvolle Frage zu lächeln, während er fortfuhr, den Kopf des noch immer regungs­losen Johann zu untersuchen.

bracht haben, in manchen Fällen so wenig zu- treffen, daß ein Kaplan, welcher der Agitation von der Kanzel her beschuldigt wurde, sich darauf berufen konnte, an den betreffenden Tagen die Kanzel gar nicht betreten zu haben."

* Von Herrn Pfarrer Dr. Majunke geht der ,Schles. Volksztg.' nachstehende Erklärung zu:

In Nr. 235 Ihres Blaltes bringen Sie ein Referat der .Deutschen Reichsztg/ -um Abdruck, in welchem u. A. behauptet wird, ich sei der Veefafier des „Graf Donners- marck'schen Absagebriefes" sowie der „staatskatholischen Papst-Adreffe" gewesen. Beides ist unwahr. Ich habe sowohl von dem einen wie von dem andern Schriftstück erst durch die Zeitungen Kenntniß erhalten. Uebrigens billige ich das Graf Henckel'sche Schreiben insofern mcht, als darin verlangt wird, das ganze Cmtrum hätte für das Septennat stimmen sollen, und eine Adresse von Ka­tholiken, in welcher eine Zustimmung zu einem kuchen- politischen Akte des hl. Stuhles ausgesprochen wird, scheint mir zum mindesten überflüssig zu sein, «eil es gan- selbstverständlich ist, daß, sobald Rom gesprochen, wir uns zu unterwerfen haben, falls wir nicht das von unfern Gegnern vergebens erstreb! e Endziel des „Kulturkampfes", das „Los von Rom!" zur Durchführung bringen wollen. — Endlich ist es unwahr, wenn der schlesische Korrespon­dent des rheinischen Blattes behauptet, daß man von früherer sogenannter staatskatholischer Seite bemüht ge­wesen fei, mich zu „gewinnen". Ein derartiger Versuch ist wenigstens niemals zu meiner Kenntniß gekommen. Wenn man dort wirklich den in den 70er Jahren bekun­deten unkirchlichen Grundsätzen abgesagt haben sollte, dann brauchte man mich auch nicht erst zu „gewinnen". Dann hätte man mich schon! — Nur einmal ist man, und zwar erst vor kurzem — bei der letzten Reichstagswahl — von protestantisch-konservativer Seite an mich herangetreten mit dem Ersuchen, ich möchte bei der Wahl (im Glogauer Wahlkreise) dem gouvcrnementalrn^ und nicht dem frei­sinnigen Kandidaten die Stimme geben, oder mich roemg= stens der Wahl enthalten. Ich habe geantwortet, daß ich es in Anbetracht der kirchenpolitischen Gesammtlage für meine Pflicht halten müßte, freisinnig ,u wählen, was ich auch gethan habe. Hochkirch, den 27. Mar 1887. Dr. Majunke. ......

♦ Zum Weihbischof von Gnesen ist der dortige Generalvikar und Domherr Korytkowski vom Erzbischof Dinder dem Papste vorgeschlagen worden. Die Genehmigung wird als gesichert bezeichnet.

• Die allgemeine deutsche Lehrerversamm­lung in Gotha hat sich heute nahezu einstimmig für die Abschaffung öffentlicher Schulprüfungen erklärt.

• München, 1. Juni. Der Kaiser wird auf der Durchreise nach Gastein dem Prinz­regenten einen kurzen Besuch abstatten. (Fr. Z)

„Wohl schwerlich", sagte er lakonisch, „wenn Sie es erst jetzt bemerken! Wollen Sie gütigst etwas näher treten, so werde ich Sie gleich voll­ständig beruhigen können!"

Das war stark! — Statt amzuspringen und sich ihr dienstbereit zu widmen, verharrte dieser ungalante Arzt ruhig in seiner Stellung und for­derte sie im gleichgiltigsten Ton von der Welt auf, sich zu ihm zu bemühen. Sie war nahe daran, eine höchst ungnädige Antwort zu geben und auf seine Hilfeleistung zu verzichten; aber die Furcht, daß es doch etwas Ecnsiliches mit der Verletzung fein könne, behielt schließlich die Ober­hand. Auf den Fußspitzen tappte Re einige Schritte weiter durch den Morast und streckte dem Knieen- den aus einer immer noch beträchtlichen Entfernung die verwundete Hand entgegen. Er nahm die schlanken, zierlichen Fingerchen in seine Linke, zog ein weißes Tuch aus der inneren Brusttasche seines Mantel», beseitigte damit die wenigen noch her- vorquellenden Blutstropfen und betrachtete auf­merksam die kleine Verletzung.

„Sie haben sich wahrscheinlich an dem Glas des zerbrochenen Wazenfenster» geschnitten", meinte er dann trocken. „Das hätte freilich eine tüchtige Wunde geben können!" L

Damit ließ er die Hand los und wendete sich

• Kaiserslautern, 31. Mai. Die Herren v. Bennigsen und Miquel erfahren in der Nationalliberalen „Pfälz. Presse', eine schmeichel­hafte Schilderung. Nachdem da» Blatt den Herren Windthorst und Richter das Zeugniß gezollt hat, daß sie ehedem, sowohl durch ihre Rednergabe, wie durch ihre Parlamentstaktek im Reichstag da» Feld beherrscht hätten, freut e» sich der wieder auf der Bildfläche erschienenen nationalliberalen Koryphäen und feiert dieselben mit folgenden Worten: „Seitdem Bennigsen und Miquel wieder im Hause find, hat sich das wesentlich geändert, denn die Beiden sind den Oppositionsführern nicht nur oratorisch völlig gewachsen und von gleicher Schlagfertigkeit, sondern sie sind auch zwei alte ausgetragene Füchse, die genau so gut, wie ihre Gegner, alle taktischen Kniffe und Pfiffe kennen. Gilt Bennigsen als die größere politische Figur, so genießt Miquel bei Freund und Feind besonders den Ruf, mit allen Wassern ge- waschen zu sein." Zu solcher Vertretung darf man den Nationalliberalen Glück wünschen.

Ausland.

* Seit einiger Zeit finden zwischen Deutschland und Belgien, einer Mittheilung, welche der bel­gische Ministerpräsident Beernaert dieser Tage in der belgischen Deputirtenkammer machte, zufolge, Verhandlungen wegen Herstellung einer direkten Eisenbahnverbindung zwischen Mainz u. Brüssel auf gemeinsame Kosten statt, lieber Erfolg ober Aussichten dieser Verhandlungen äußerte sich Herr Beernaert nicht.

* Brüssel, 1. Juni. Gestern Abend durch­zogen mehrere Haufen Sozialisten die Stadt und kamen dabei in ein Handgemenge mit der Polizei, mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Dem Vernehmen nach beschloß der Bürgermeister, eine Verfügung, wonach die Ansammlung von mehr als fünf Personen verboten ist, nachdrücklich zu handhaben. „ , m

* Lüttich, 1. Juni. Der Sinke tm Bassin Seraing und an beiden Maasusern erscheint be­endigt. In allen Kohlengruben wurde die Arbeit wieder ausgenommen.

* Paris, 31. Mai. Anläßlich des Abends m der Großen Oper stattgehabten Offiziers-Wohl- thätigkeitsballes hatten sich mehrere Tausende vor wieder dem Kutscher zu. Nelly war im tiefsten Grunde ihres Herzens empört über eine solche unbeschreibliche Rücksichtslosigkeit.

„Ja, wollen Sie mich denn nicht verbinden?" fragte sie, ohne ihre Gereiztheit zu unterdrücken.

„Das wäre unter den obwaltenden Umstän­den eine unverantwortliche Zeitvergeudung I — der kleine Schnitt ist so unbedeutend, daß e» vorläufig genügt, wenn Sie Ihr Taschentuch darüber legen. — Der Bursche hier hat im Augenblick meinen Beistand nöthiger, wenn schon es auch mit ihm lange nicht so schlimm bestellt ist, als es den Anschein hat!" . m j

„Und meine Tante, die noch tm Wagen liegt und vielleicht viel scklimmer zugerichtet ist als Johann? — Wollen Sie sich denn um die gar- nicht kümmern?"

„Da ich mich nicht zweitheilen kann, mein Fräulein, muß ich wohl Emen nach dem Andern vornehmen?"

„Aber man sollte doch annehmen, daß meine Tante dabei vor dem Kutscher den Vorzug hat!"

„Diese Rangordnung hat gewiß überall ihre volle Berechrigung", eiroib ite er mit einiger Ironie, „nur wir Aerzte sind in dieser Hinsicht leider viel schlimmer al» die ärgsten Republikaner. Der Leidende, der uns am nächsten ist, ist uns