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JH 123. Mittwoch, den 1. Juni. 1887.

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—* Das neue französische Kabinet.

Da» neue französische Ministerium ist endlich zusammengebracht. An der Spitze derselben steht der bisherige Vorsitzende der Büdgetkommission Rouvier. Der Präsident der Republik Grevy hatte sich, nachdem verschiedene Kombinationen ge­scheitert, an Rouvier gewandt mit der Motivirung, daß dieser, nachdem, die Budgetkommisfion das Ministerium Go bl et zu Falle gebracht, nun auch berufen sei, au« der Budgetkommission die Elemente eine» neuen Ministeriums zusammenzustellen. Ur­sprünglich wollte Rouvier sein Kabinet aus den drei republikanischen Gruppen der Kammer zu­sammensetzen, doch sollte der Krieg-Minister Bou­langer von vornherein ausgeschloffen sein. Die äußerste Linke wollte aber davon nicht» wissen; so ist denn das neue Kabinet fast ausschließ­lich aus Opportunisten gebildet. Aus dem Ministerium Goblet ist nur Flouren», der Minister de» Auswärtigen, geblieben. Große Schwierig­keiten hat die Besetzung des Postens des Kriegs­ministers bereitet. In erster Linie kam dafiir General Saussier, der Gouverneur von Paris, in Frage. Derselbe hat indeß wiederholt abgelehnt. Man kann sich leicht vorstellen, daß es einem französischen Offizier unter den vorliegenden Um­ständen schwer fallen mußte, das dem General Boulanger mit so vieler Mühe entwundene Porte­feuille zu übernehmen. Nun hat sich General Ferron, der ehemalige Chef des Generalstabes, unter dem Grandminifl «re Gambettas dazu bereit gefunden. Welche Schwierigkeiten die Neubildung des Kabinet» bereitete, erhellt auch au» dem Um­stande, daß Rouvier außer dem Präsidium auch die Portefeuille» der Finanzen und der Posten und Telegraphen übernehmen mußte. Da» neue Mi­nisterium wird mit einer Erklärung vor die Kam­mer treten, in welcher die Schwierigkeiten, welche mit der Neubildung des Kabinet» verknüpft waren, aufgezghlt werden; im Anschluß daran wird die Nothwendigkeit einer Finanz-Reform und insbesondere von Ersparungen dargethan und ein neue» Budget in Aussicht gestellt. Die von der Kammer beschlossene Reihenfolge in Bezug auf die Berathung der Militärvorlagen soll ein­gehalten werden; endlich wird betont, daß das Kabinet Bereit sei, zurückzutreten, wenn sich unter

Aelly's Verlobung.

Eine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann.

1. Fortsetzung.

Ein unheimliche- Stampfen und Krachen, ein Klirren wie von zerbrochenen Fensterscheiben tönte an ihr Ohr, ein eiskalter, feuchter Luftzug streifte höchst unangenehm über Ihr Gesicht und an der rechten Hand verspürte sie einen fatalen, brennen­den Schmerz. Einige Sekunden nach dem Eintritt der gräßlichen Katastrophe regte sich'» auch in dem dicken, weichen Bündel, auf welche» Nelly gefallen war. Ein klägliche», halb ersticktes Wimmern klang au« demselben hervor und eine angstvolle Stimme, die nur diejenige Tante Doretten« sein konnte, fragte unter dem Biberpelz:

„Nelly, mein Herzchen, um Gotte« willen, wa« ist geschehen? Bist Du noch am Leben oder hat e» Dich auch erschlagen?"

„Nein, Tantchen," antwortete Nelly etwa» wei­nerlich, ohne sich von der Stelle zu rühren, „ich lebe noch; aber ich kann mich gar nicht bewegen. Ich glaube, wir find in einen Abgrund gestürzt."

Ganz so schlimm war e« nun allerdings in Wirklichkeit nicht, wenn auch die Situation für die beiden Damm eine keinesweg» erfreuliche war. Vom Schlaf übermannt und feinen frommen Der­

ben republikanischen Gruppen eine Mehrheit für dasselbe nicht fände. E» hat nicht den Anschein, als ob fich eine solche Mehrheit finden sollte. Die extreme Linke ist dem neuen Kabinet nicht grün; dieselbe beantragt noch heute eine Inter­pellation über die von dem Kabinet zu verfolgende Politik, um dem neuen Ministerium von vorn­herein den Boden unter den Füßen abzugraben. Die beiden radikalm Mitglieder des Kabinet» Hsrsdia, ein Creole aus Havanna, der das Mini­sterium der Bauten und Barbe, der da» des Ackerbaus» übernommen hat, beide Mitglieder der radikalen Linken, werden von der radikalen Presse scharf angegriffen. Hsrödia wird in seinem bi-herigen Organ ,8a Lanterne' geradezu al» Verräther gebrandmarkt. Rochefort tauft in seinem .Jntransigeant' da» neue Kabinet ,,Le mlnifiöre allemand". Die Opportunisten hoffen auf die Unterstützung de» Kabinet» durch die ver­nünftigen Radikalen, und die Organe der Rechten versprechen demselben die Unterstützung der Con- servativen gegen die Umsturzpartei. Wenn diese» Versprechen gehalten würde, so könnte sich das neue Ministerium trotz der zweifelhaften Stellung, die ihm heute bereitet ist, allerdings behaupten.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Mai.

• Der Kaiser empfing vorgestern den Prinzen Anton von Arenberg, welcher zum Besuch seine» Sohne» au» Brüssel hier eingetroffen ist. Pariser Blätter hatten behauptet, der Prinz habe die Spezialmission, da» Berliner Kabinet über die belgischen Vorgänge zu beruhigen. Die belgische Regierung dementirt entschieden jede derartige Spezialkommiffion. Gestern wohnte der Kaiser der Feier des Stiftungsfeste» de« Lehrinfanteriebatail­lon» zu Potsdam bei. Am zweiten Juni beab­sichtigt Se. Majestät zur Grundsteinlegung de» Nordostseekanalbaues von hier nach Kiel abzureisen und soweit bi» jetzt bestimmt, am Abend de» nächsten Tage» von dort wieder in Berlin ein- zutreffen.

* Hinsichtlich der hessischen kirchenp oli- tischen Vorlage wird neuerding» au» Rom gemeldet, daß die vom Vattkan geforderten Ab­änderungen de» Gesetzentwurf» in dem publizirten

ständigen Pferden völlig verttauend, hatte der Kutscher die Zügel fahren lassen und die Augen geschloffen. Eine gute Weile hatten die braven Gäule ihren Weg denn auch in einem gelinden Trab fortgesetzt. Nur ein einzige» Mal hatte sie ihr natürlicher Scharfsinn im Stich gelassen, sie waren in einen falschen Weg abgebogen, der gar nicht für Fuhrwerke bestimmt war und hatten dort eine» abgehauenen Baumstammes wegen den Wagen in aller Gemüthsruhe umgeworfen. Glücklicherweise bewährte sich ihre gute Gewöhnung jetzt wenigstens insoweit, al» sie nach Eintritt de« fürchterlichen Ereignisse» ruhig stehen blieben, um der weiteren Entwickelung der Dinge zu harren.

Als die beiden Damen in der Ueberzeugung, auf den Boden eine» Abgrundes zu liegen, au« dem fie fich ohne fremde Hülfe nicht hervorarbeiten könnten, einige Minuten in ihrer unbequemen Lage au»qeharrt hatten, ohne daß sich irgend etwa« um fie her gerührt hätte, machte Nelly einen zaghasten Versuch, sich ein wenig aufzurichten und nach dem Kutsaer zu rufen. Die Tante aber gab mit ver­stärktem Wimmern der Ansicht Ausdruck, daß Jo­hann unzweifelhaft auch gänzlich zerschmettert wäre, wobei aus dem eingeflochtenen „auch" deutlich ge­nug hervorging, daß Tante Dorette sich selbst für gänzlich zerschmettert hielt. In der That gab der

Wortlaut nicht enthalten sind. Also der Gesetz, entwurf an sich ist nicht nach den Wünschen Rom» andererseits hat Staatsminister Finger -im Gesetz­gebungsausschuß der zweiten hessischen Kammer am 26. Mai erklärt, daß die der Kurie in Aus­sicht gestellte Revision de» „Gesetzes über den Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt" zunächst bis zu beiderseitiger Verständigung vorbehalten bleibe. Die hier referirten beiden Tatsachen darf man nur zusammenhalten, bemerkt hierzu die ,Germ.', um zu erkennen, wie wenig vorgeschritten die kirchenpolitische Situation augenblicklich in Hessen noch ist.

* Die .Germania' bemerkt zu der Meldung eine» Warschauer Blatte» über ein zwischen dem Herrenhausmitgliede v. K o S c i e l s k i und dem Ge­heimen Regisrungsrath Dr. ».Bitter flattgefun- dene«, unblutig verlaufene» Pistolenduell: „Ist da» richtig, bann wirb Herr v. Koscielski, ber Katholik ist, au» feinem Verhalten bis Konsequenz für seine Stellung al» Mitglieb ber polnischen Reichstagsfraktion ziehen müssen."

Ein Duell zwischen Herrn v. Koscielski und bem Geheimrath v. Bitter scheint thatsächlich statt­gefunden zu haben. Die Charlottenburger .Neue Zeit' meldet nämlich, die Forderung habe auf 15 Schritte Distanz mit einmaligem Kugelwechsel ge­lautet; bas Duell sei vor einigen Tagen Morgen« 4’/2 Uhr ausgetragen worben.

• Der österreichische Botschafter am hiesigen Hofe, Graf Szechenyi, ist am ersten Feiertage auf kurze Zeit nach Wien abgereift. E» hieß, daß berfelbe seinen hiesigen Posten enbgiltig verlasse; doch bestätigt sich bas sicherem Vernehmen nach nicht.

Lahr, 31. Mai. Die Cichorienfabrik Trampler in Lahr versendet in’« Elsaß ihre Ci- choriepäckcheu mit französischer Aufschrift und ge­schmückt mit den buntfarbigen Bildern französischer Soldaten. Die Sache ist so auffallend, daß die Polizei solche Päckchen von den Ladenfenstern ent­fernen ließ und deren Verkauf verbot. Die Firma Trampler, Inhaber Gebrüder Heidlauff, ist so frei, in einer Eingabe an die Handelskammer Lahr diese Thatsache aufrichtig einzugestehen und ein­fach mit Konkurrenzrücksichten zu „entschuldigen", weil die Elsaß-Lothringer Fabrikanten es ebenso machen. Daheim in Lahr fließt die ganze Firma

angerufene Rosselenker keine Antwort und Nelly, welche bemerkt hatte, daß sie sich doch viel besser bewegen könne, als sie geglaubt, setzte mit ver­stärkter Energie ihre Anstrengungen, sich zu be­freien, fort.

Der Erfolg war denn auch ein über Erwarten günstiger und schon nach wenigen Minuten stand da» junge Mädchen im Vollbesitz seiner ganzen Be­wegungsfreiheit draußen auf der lehmigen Land­straße neben dem halb auf der Seite liegenden Gefährt. Freilich war damit noch sehr wenig ge­wonnen; und dem ersten freudigen Aufathmen folgte unmittelbar die tiefste Niedergeschlagenheit. Im strömenden Regen, gegen den die in arge Un­ordnung gerochenen Tücher da» leichte Ballkleid nur sehr notdürftig zu schützen vermochten, auf durchgeweichtem und mit großen Pfützen bedecktem Boden, eingehüllt in undurchdringliche rabenschwarze Finsterniß, au» welcher nirgend» ein freundlich ein­ladende« Lichtlein schimmerte, hatte Nelly wohl Ursache, sich zu fürchten; denn dem Kutscher, ber auch j tzt auf ihren Zuruf keine Antwort gab, mußte wohl etwa» zugestoßen fein, und von der wimmernden Tante, die aller Bitten ungeachtet unbeweglich wie ein leblose« Kleiderbündel in ihrer durch den Sturz herbeigeführten Lage blieb, war nicht» weniger al« Schutz und Beistand zu erwar-