M 121. Dienstag, den 31. Mai. 1887.
filhtt W Jtiliig.
Die .Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnemenkspreis ohne Anngerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mit der belletristischen Wochenkeilage ,Sterne und Blumen" in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts I M. 75 Pf.
Inserate: Die einspaltig- Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Mai.
* Die in der letzten Nummer unseres Blattes mitgetheilte Ansprache des heiligen Vater« ist ein Aktenstück von ganz hervorragend friedlichem Charakter. Hervorgegangen aus dem Bestreben, „allen Völkern den Frieden zu bringen", äußert sie sich auch nach der italienischen Seite milder, als frühere Kundgebungen des heiligen Stuhles. Deutlich läßt sie wiederum erkennen, mit wie besonderer Aufmerksamkeit Leo XIII. die deutschen Verhältnisse verfolgt, und welche Freude ihm die bisher in Preußen erreichten und in Assen für die nächste Zukunft erwarteten Erfolge bereiten, ohne daß er deshalb die Hoffnung und das Streben nach „beffern Resultaten", d. h. Beseitigung weiterer maigesetzlicher Schranken, aufgäbe. Freudig begrüßen wir das warme Lob, welches Leo dem preußischen Episkopat und „den Katholiken im Parlament" spendet, den „höchst standhaften Männern, aus deren Ausdauer und Eintracht die Kirche nicht geringe Vortheile gezogen hat und weitere für die Zukunft erwartet". Für die Centrumspartei wird die päpstliche Kundgebung ein neuer Antrieb fein, im Einverständniß mit dem hl. Stuhle und dem Episkopat, furchtlos und treu wie bisher, die „Erzielung noch besserer Resultate" zu unterstützen.
» Die hessische kirchenpolitische Vorlage behält überall das ministerielle Ermcffen bei. Hessische Staatsangehörige, die sich dem theologischen Studium widmen, werden auf die deutschen Staats-Universitäten und ein einziges innerhalb der hessischen Grenzpsähle zu errichtendes kirchliches Seminar beschränkt, dessen Zulassung aber von der Genehmigung der Minister des Jnrern und der Justiz abhängig gemacht wird. Für die kirchlichen Anstalten wird, abgesehen von den Spezialbestimmungen des Gesetzes, das „allgemeine Aufsichtsrecht" ausdrücklich festgehalten, mit dem sich bei dem nöthigen Maß von gutem oder schlechtem Willen alles machen läßt. Soweit die unklare Redaktion erkennen läßt, wird das „Einspruchsrecht" nicht nur für die Pfarreien in Anspruch genommen, wie dies nach der letzten Novelle in Preußen der Fall ist; während ferner
Aklly's Verledeig.
Eine nächtliche Geschichte von Reinhold Ortmann. Nachdruck verboten.
Gesetz vom 11. Juni 1870.
„Nur diese Decke noch, mein Herzchen! — Und die Kapotte etwas tiefer ins Gesicht I — So I — Nun lege Dich recht behaglich in die Ecke zurück und laß uns versuchen, diese beiden Stunden zu verträumen?"
Der Wagenschlag war zugefallen. Der Kutscher hatte mit der Peitsche geknallt, weil ihm der Zuruf, an dem seine Gäule sonst gewöhnt waren, in einem gewaltigen Gähnen unterging, und mit diesem Aechzen und Knirschen, das wie ein Ausdruck des Aergers über die nächtliche Anstrengung klang, setzten sich die Räder des bequemen Landauers in Bewegung.
Zwei junge lebhafte dunkle Augen, die aus einem Wall von Tüchern, Decken und anderen schützenden Umhüllungen h^rvorschauten, sandten durch das trübe Wagenfenster; an dem der Regen in vielen Bächlein heiniederriesilte, einen letzten dankbaren Blick zu den hell erleuchteten Scheiben des Hauses zurück, und ein leichter Seufzer war die Antwort auf die freundliche Aufforderung der älteren Dame, die sich's unter dem Schutzs eines
die letztere ausdrücklich bestimmt: „Ein staatlicher | Zwang zur dauernden Besetzung der Pfarr Aemter findet fortan nicht statt," fieht der hessische Entwurf berei'.s Verhandlungen zwischen kirchlicher und staatlicher Behörde für den Fall vor, daß die Dauer der Verwesung eines Kirchen-Amtes die Frist von 6 Monaten übersteigt. Die Gründe, aus denen der Einspruch zulässig ist, sind buchstäblich dieselben wie in der preußischen Novelle. Von einer Regelung der Ordensfrage u. s. w. ist gar nicht die Rede. Darnach kommen die hessischen Katholiken schlechter weg, wie die preußischen, und sie werden dem Fürsten Isenburg, dem Vermittler dieses Friedensvertrages keinen besonders großen Dank wiffen.
* Köln, 29. Mai. Aus dem Kreise Rees erhält die „K. Vztg." folgende, fehl interessante Zuschrift:
„Schon seit Wochen wird erzählt, daß verschiedene Geistliche des rheinischen Antheils der Diözese Münster von der bischöflichen Behörde ein Schreiben erhalten haben, in welchem sie über eine von der königlichen Regierung zu Düsseldorf gegen sie erhobene Beschuldigung wegen ungehöriger Agitation bei den letzten Reichstagswahlen zum Bericht aufgefordert werden. Man nennt aus verschiedenen Kreisen ein halbes Dutzend Geistliche, theils Pfarrer, theils Kapläne, denen das Schreiben zugegangen sei. Bisher haben die Blätter, so viel Schreiber dieses weiß, hierüber nichts berichtet; und doch ist die Thatsache interessant, lehrreich, und dient nach verschiedenen Richtungen zur Aufklärung. Leider sind wir auch jetzt noch nicht in der Lage, den genauen Wortlaut der Zuschrift zu bringen, sondern müssen uns darauf beschränken, ein Ref:rat zu veeLffentlichen, das nach mündlicher Mittheilung eines Betheiligten im Freundeskreise sofort möglichst wortgetreu ausgezeichnet ist. Das Schreiben der bischöstichen Behörde geht davon aus, daß sie von der königlichen Regierung in Düffeldorf aufmerksam darauf gemacht worden, daß das gute Verhältniß zwischen der Regierung und der Geistlichkeit des Bezirks in Folge des Verhaltens einiger Mtglieder der letzteren bei den jüngsten Reichstagswahlen ernstlich bedroht sei. Nach der Regierung vorliegenden Berichten hätten diese Geistlichen theils ausdrücklich, theils in nicht mißzuverstehender Weise die Wähler von der Kanzel herab zur Wahl der Zentrums-Kandidaten aufgefordert. Das Auftreten dieser Geistlichen, welche den amtlichen Einfluß ihrer Stellung zu einer gegen die Regierung gerichteten Agitation bei einer Wahl von ganz besonderem Charakter gebraucht hätten, habe die königliche Negierung der Frage näher treten lassen, ob sie denselben das Amt der Lokal-Schu linspektion einräumen und und Leitung des Religions-Unterrichts in den Elementarschulen anvertrauen dürfe. Jedenfalls sehe die Regierung sich veranlaßt, die betreffenden Geistlichen
mächtigen Pelzmantels in der anderen Wagenecke bequem gemacht hatte.
Träumen! — Darunter verstand die Tante zweifellos nichts Anderes als Schlafen! — Und wie man gleich nach einem Balle schlafen könne, war für Nelly von jeher etwas völlig Unbegreifliches gewesen. Nun gar während der beständigen Bewegung eiuer mehr als zweistündigen Wagenfahrt und unter den mannigfachen Geräuschen, welche das gleichmäßige Traben der Pferde, das Rollen des Wagens und das Niederströmen des Regens hervorbrachten! Hatte sich doch der rasche Schlag ihres Herzens kaum beruhigt, klangen ihr doch die lustigen Tanzweisen noch immer im Ohre nach und zulÜe es ihr doch in den Füßchen, als müßten sie sich auf der Stelle zu ihrem Lieblings- walzer in Bewegung setzen. Er war eigentlich jammerschade, daß statt der Eltern, die durch einen unerwarteten Besuch auf dem Gute festgehalten worden waren, Tante Dorette ihre Begleite, in gewesen war. Sie hatte ihr mit ihrer übergroßen Sorgfalt und Aenastlichkeit schon einen guten Theil des Vergnügens verdorben, und durch die tausendmal wiederholte Mahnung, sich ja nickt zu sehr zu erhitzen und anzustrengen, gerade die schön- sten Augenblicke recht garstig gestört; das Schlimmste aber war jedenfalls Tante Doreltcns unzeitiges
dem Hrn. Cultusminister zur Kenntmß zu bringen und vorzuschlageu, denselben alle Thätigkeit in den Schulen zu untersagen, wenn nicht Gewißheit verschafft werde daß sie sich in Zukunft anders verhalten würden. Hierauf verlangt die bischöfliche Behörde Bericht darüber, ob die Beschuldigung namentlich bezüglich der Kanzel auf Wahrheit beruhe, und wenn dies der Fall, in welchen Worten die Beeinfluffung der Wähler stattgefunden habe.""
Ausland.
* Im österreichischen Polen herrscht große Aufregung über den Zaren, welcher den Ausländern den Erwerb von Grund und Boden in Polen und anderen Gegenden Rußlands verbietet, zumal in Kongreßpolen nahezu 2000 polnische Familien Galiziens Grundbesitz haben. In Kongreßpolen beraubt der Ukas überdies die österreichischen Polen der Erbfähigkeit für jene Güter, welche ihren Ahnen gehört haben. Aus Galizien trafen über 300 Depeschen an polnische Abgeordnete ein, welche bei der österreichischen Regierung darauf hinwirken sollen, daß dieselben gegen die Maßregel der russischen Regierung Vorstellungen erhebt.
* Aus Wien werden neue zahlreiche Anarchistenverhaftungen gemeldet. In der Wohnung eines der Verhafteten, eines Tischlergesellen, soll eine große Menge von Sprengmaterial vorgefunden worden sein.
• Paris, 29. Mai. Dem Vernehmen nach dürfte das neue Kabinet wie folgt zusammengesetzt werden: Rouvier-Präsidium und Finanzen; Fallköres-Jnneres, Sausfier-Krieg, Jam«s-Marine, FlourenS-AuswärtigeS, Spuller-Unterricht, Barbe öffentliche Arbeiten, d'Autresme - Ackerbau. Das Handelsministerium soll mit dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten und dasjenige der Posten und Telegraphen mit dem Finanzministerium verbunden werden. Es bleibt demnach noch der Justizminister zu designiren.
* Glasgow, 28. Mai. Heute früh fand in der Kohlengrube Udston bei Glasgow eine Explosion schlagender Wetter statt, wobei 22 0 Arbeiter verschüttet wurden.
* Rom, 28. Mai. Zum Kardinalstaatssekretär wurde der seitherige Nuntius von Madrid Kardinal Rampolla ernannt. Derselbe erhält heute das Billet seiner Ernennung.
— Die Allokution des h. Vaters machte großen Eindruck in italienischen Kreisen und wurde im
Schlummerbedürfniß, daß jetzt, wo doch die prächtigste Gelegenheit dazu gewesen wäre, jeden Meinungsaustausch über die bedeutsamen Erlebnisse der letzten Stunden unmöglich zu machen drohte. Eine gute Weile hatte Nelly da« drückende Schweigen in der unheimlichen Fensternische ertragen. Sie hatte sich die lieblichen Bilder des hinter ihr liegenden Festes in buntem Durcheinander vor die Seele gezaubert und mehr als einmal still vor sick hin gelächelt, wenn sie der unverkennbaren Huldigungen gedachte, die ihr von dem liebens» würdigen und eleganten Assessor von Behrendt zu Theil geworden waren.' Aoer gerade, als diese ihre Gedanken sich mehr und mehr auf diesen einen Gegenstand zu vereinigen begannen, steigerte sich ihr Wunsch nach Mittheilung zu einem un- widerstehlichen Bedürfniß.
„War es nicht wunderschön auf dem Balle, Tantchen?" fragte sie einleitungsweise mit etwas schüchternem Ausdruck: aber ihr Muth wuchs sogleich, als unter d-m Pelzmantel hervor einige Lame vernehmlich wurden, die zwar an und für sich durchaus unverständlich waren, die aber immerhin erkennen ließen, daß der Golt des Schlummers von Tanre Dorette noch nicht ganz Besitz genommen habe. Das aber war für Nelly vollkommen genügend.