Sonnabend, den 28. Mai.
JVs. 120.
1887.
fnlimtr W 3rilxig.
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Zweites Blatt.
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Pfingstnacht.
Der Himmel in flerniger Bläue, Die Erde in ruhiger Pracht — Kommt Eden wohl auf's Neue In wundersamer Nacht?
Kein Blatt, das falb, keine Blume, Die nicht zum Licht erwacht.
3 int himmlischen Heiligihume Wölbt sich die heilige Nacht.
Es ahnet wohl die Erde, In dieser Gottesnacht, Daß sie verkläret werde Dereinst zur Himmelspracht, Wenn aller Fluch geschwunden, Wenn alles Fleisch besiegt, Wenn Gott und Mensch gefunden Sich ganz am Herzen liegt.
Schon blühen Rose und Traube, Wo sonst nur Dornenschmerz, Des Friedens weiße Taube Kehrt ein in’8 müde Herz;
Nun heilt, was eh verwundet. Nun liebet, was erst Haß, Was krankte, nun gesundet, Und wo ist Thränennaß?
Tief in der Seele wieder, So ohne Sünde und Leid, Da klingen alte Lieder Von seliger Ewigkeit, Als müßt' sie die Schwingen heben Mit seligem Flügelschwung Hinauf zu ewigem Leben, Zu Hügeln ewigjung.
O Pfingstnacht, heil'ge, süße. So voller Glanz und Pracht, Wie hast du Himmelsgrüße Der weiten Welt gebracht! Noch ahnen wir und sehnen, Doch jauchzt des Herzens Schlag; Du kündest ja nach Thränen Den ewiggold'nen Tag.
Dr. F. A. Muth.
Im <|el dkl Mkrdirkkn.
Roman auS dem Englischen von E. Blackburne.
(Schluß.)
„Wir wollen nicht weiter mehr darüber sprechen, mein Junge," erwiederte der alte Edelmann, ein Päckchen aus seiner Tasche ziehend. „Hier, mein lieber Junge, sind die Kaufbriefe von Schloß Garret'« Besitzthum, welche« ich al« Weihnachtgeschenk für Dich erstanden habe. Möge Gott Dich dort glücklich sein lasten! Möge es mir vergönnt sein, Dich dort mit einem guten Weibe zu sehen, die ein Weib sein wird im wahren Sinne des Wortes — eine Helferin und kein Hinderniß!"
Randal'« Herz war zu voll, um mehr als die Worte sagen zu können: „Du bist zu gut, Onkel, das habe ich nicht verdient."
„Nun wohl, suche es zu verdienen!" sagte der alte Edelmann in seiner gewöhnlichen, kurzen, trockenen Weise. „Und nun wollte ich noch über eine andere Sache sprechen. Bald wird die allgemeine Wahl sein. Ich dachte, Robert Thurgood solle als Vertreter der Grafschaft aufgestellt werden, aber er widersetzt sich."
„Warum?" fragte Randal rasch.
„Weil da« wenig nützen würde." sagte Robert Thurgood ruhig. „Wollte ich Erfolg haben, so könnte derselbe nur durch offenkundige Bestechung erzielt werden. Ich bin hier nicht beliebt. Wenn Sie aufgestellt würden, so würde Ihnen jede Stimme der Grafschaft sicher sein, denn das Volk betrachtet Sie als einen Märtyrer und mich als Ihren Quäler."
„Abscheulich, Robert!" sprach Nuala.
„Er spricht die Wahrheit," sagte der alte Mac- sorley. „Also, Randal, wenn Du die Grafschaft zu vertreten wünschest, laß es mich misten, die nöthigen Gelder stehen Dir zu Diensten."
Wiederum war ein Jahr entflohen, und dieselbe Gesellschaft war wieder versammelt, aber dieses Mal zu Schloß Garret. Randal Macsorley war al« Parlamentsmitglied zurückgekehrt und hatte goldene Ansichten gewonnen. Auch noch eine andere Eroberung hatte er gemacht, denn Robert Thurgood's hübsche Nichte, die an seiner Seite saß, war seit drei Monaten seine Braut.
„Nuala, wo ist Hugo?" sagte Robert Thurgood. dies war der Name seine« kleinen Sohnes und Erben.
„Jedenfalls in der Küche bei Jakob Drake, mit den kleinen Clancy's spielend, denn das gefällt ihm besser, als Dein Kommis und Deine rechte Hand zu fein," erwiederte Nuala lachend. „Jedenfalls muß ich Jakob noch als Hauptwärter anstellen, denn Hugo betet ihn einfach an."
„Und wo ist das Kind?" denn Robert Thurgood war auch schon glücklicher Vater einer kleinen Tochter.
„Ich weiß es nicht," erwiederte sie mit nachlässigem, zufriedenen Lächeln. „Wenn ich nach Schloß Garret komme, bekümmere ich mich nicht mehr um die Kinder. Denn ich weiß, daß hier Niemand ist, der nicht sein Leben für die Kinder hingeben würde."
„Bravo, Nuala!" rief Randal. „Eine ganze Gesellschaft unserer alten Freunde ist in der Küche zum Mittagsesten. Ich will Ihnen auf unsere Gesundheit am ersten Weihnachtstage zutrinken, den ich mit meiner Braut in meinem eigenen Hause feiere. Wollt Ihr hinunterkommen, dann will ich sie alle versammeln."
Gesagt, gethan. Da waren sie alle, unsere alten Freunde. Betty Neal mit dem kleinen Mädchen auf ihren Armen, Jakob Drake, dem ein kräftiger Knabe auf den Schultern ritt, sich zur Belustigung der anderen an Jakob's rothem Haare festhaltend; Betty Clancy und ihre Kinder, die Wittwe Taffe und ihre Heerde, Konrad und Brigitte — Alle waren da.
„Ich wollte Euch zutrinken auf unser aller Glück und lange« Leben," sagte Randal. „Einige von un« haben Mißgriffe gemacht und können es noch ferner thun, denn wir sind Menschen. Aber heute, an diesem gesegneten Weihnachtstage, laßt un- allen Streit vergesten und versuchen, wie wir vereinigt Alle« zum Besten wenden können."
Der Toast wurde herzlich getrunken mit einem dreifachen Lebehoch. Als die Aufregung sich etwas gelegt hatte, sagte Nuala: „Meine Freunde — und ich schmeichle mir, daß ihr alle meine Freunde seid — Ihr wißt, meine Kinder sind halb englisch, aber wenn mir etwa« begegnen sollte, ehe sie erwachsen sind, so muß Euch da« nicht hindern, ihnen die Freundschaft zu bewahren, die Ihr mir erzeigt habt."
„O, Miß Nuala, Liebling," unterbrach Mrs. Clancy, die rasch vorwärts kam, mit Thränen in den Augen, „sagen Sie nichts mehr. Sicher, die Leute denken jetzt, Mr. Thurgood hätte damals nicht recht gewußt, was er that, als er seine Un
tergebenen austrieb. Aber jetzt thut er sein Bestes für uns, und 'manches Gute thut er, ohne etwas davon zu sagen. Möge Gott ihn und seine Kinder dafür segnen! Und sicher, Nachbarn, ich darf sagen, daß wir anfangen, ihn wegen seiner selbst zu lieben, nicht mehr allein Miß Nuala'» wegen."
„Du hast Recht, Betty." sagte Jakob. „Gott segne ihn und segne uns Alle!"
„Amen!" war die herzliche Antwort. Und Robert Thurgood, seine Hand in die seines Weibes gelegt, verbeugte sich nur schweigend, denn sein Herz war zu voll, um etwas erwiedern zu können. Wahrlich, an diesem Tage erfüllte sich die Verheißung: „Friede den Menschen auf Erden," im Thale der silbernen Birken.
Vermischtes.
* Das Aufbewahren von Schinken zum Rohschneiden für den Sommer bietet noch immer viele Schwierigkeiten trotz der verschiedensten Versuche und Vorschläge, welche bereits gemacht find. Ein bewährtes Mittel ist folgendes: Die Schinken, welche in den Monaten März bis Mitte Mai durchgepökelt sind und zum Roh- schneiden für den Sommer bleiben sollen, werden, wie üblich, aus dem Pökel genommen, wenn dieselben gut durchgesalzen find, sehr rein abgewaschen und etwa 12 bis 24 Stunden zum Abtrocknen hingestellt. Die benutzten Pökel- fäffer werden sehr sauber gereinigt, und alsdann werden die Schinken so fest wie irgend möglich wieder eingepackt, leere Stellen werden womöglich mit Stücken Rückenfett ausgefüllt, welches ja immer nachher zur Kochwurst verwendet werden kann. Hierauf kommt eine nur schwache Lake mit reichlichem Zusatz von Stuttgarter Konservierungssalz hinzu, dann werden die Fässer mäßig gepreßt; gut ist es im Sommer, wenn die Luft im Keller schlecht ist, ab und zu einige Rosensche Schwefelfäden abzubrennen, wodurch die Luft gereinigt und jede Pilzbidung vermieden wird. Zur geeigneten Zeit werden die Schinken herausgenommen, etwa 8 bis 10 Stunden gewässert und abgeräuchert; derartig zubereitete Schinken find vorzüglich und geben nicht die harte und trockene Waare, wie so oft die in Schmalz oder Häcksel gelegten Schinken.
* Hausherr: Ach, lieber Freund, ich kann unmöglich mit Dir gehen, erstens ist es schon zu spät, zweitens aber sind die Kinder nicht recht wohl und ich selbst so abgespannt --Karlchen: Und dann, Papa, mußt Du
dem Herrn aber auch sagen, daß Mama es nicht haben will.
Literarisches.
Ludwig Uhlaud. Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstage. Von Dr. Friedr. Wilh. Grimme. Frankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge, herausgegeben von Dr. Joh. Mich. Raich. Bd. VIII, Heft 7. Frankfurt a. M. und Luzern. Druck und Verlag von A. Foesser Nachfolger. 1887. Nhland, der Lieblingsdichter des deutschen Volkes, hat es wohl verdient, daß sein Andenken lebendig erhalten werde. Die gehaltvolle Biographie, welche F. SB. Grimme wenige Wochen vor seinem Hinscheiden als Gedenkblatt zu Uhland's hundertjährigem Geburtstage geliefert hat, entspricht diesem Zwecke vollkommen. Nach Vorführung der Lebensdaten werden zuerst der Dichter und dann seine Schöpfungen beuttheilt. Zur Charakteristik des Dichters stellt Grimme, selbst ein mit Uhland geistesverwandter Musensohn, die Fragen: „Wie steht es mit seiner Religion, seiner Sittlich eit, seiner patriotischen Gesinnung?" Die Vergleiche, welche hier mit Goethe, Schiller, Wieland, Bürger, Heine angestellt werden, fallen entschieden zu Gunsten des schwäbischen Bolksdichters aus. Uhland hält das Christenihuin hoch. Obwohl Protestant, „webt und lebt seine Poesie unmittelbarer und unbefangener im Ka- tholieisrnus, als die anderer, von Geburt aus katholischer oder durch ihr Forschen und Dichten katholisch gewordener Romantiker". Uhland ist ferner ein sittlich reiner Dichter. Endlich hat es Uhland immer treu und redlich mit seinem engerem und weiteren Vaterlande gemeint. Es werden dann die herrlichen Früchte seiner Muse in systematischer Ordnung vorgeführt. Seine Lyrik besingt die Natur, die Liebe, den Wein; seine politischen Lieder haben das wahre Beste des deutschen Volkes und Staates im Auge; den Schwerpunkt bilden aber seine Balladen und Romanzen, über hundert an der Zahl, welche nach den verschiedenen Sagenkreisen geordnet find. Schließlich werden die beiden Dramen Uhland's und deffen wissenschaftliche Arbeiten kurz berühtt. Es ist dem Verfasser in hohem Grade gelungen, alles Wissenswerthe in ein plastisches Gesammt- bild von dem Manne und seinen Schöpfungen zu fassen.