.HL 120. Sonnabend, den 28. Mai. 1887.
Altor W Iritut.
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Erstes Blatt.
* Pfingsten.')
Die hehren Ei zählungen der heiligen Geschichte, sinnige Darstellungen in gebundener und ungebundener Rede, Kultus und Predigt, Kunst und Natur, Pinsel und Meißel, Priester und Volk, Geistliche und Weltliche, Fürsten und Unterthanen, Sitten und Gebräuche haben seit Jahrhunderten zusammengewirkt in harmonischem Vereine, um das erhabene Pfingstfest zugleich zu einem wunderlieblichen zu machen. Ungsmein einladend und gleich einem kräftig frischen Quell eine reiche Fülle von Gedanken anregend find die mannigfachnn Grund- gedanken dieser Feierlichkeit. Gehen wir hin nach allen Richtungen der bewohnten Erde, durchstreifen wir die Steppen der asiatischen Hochebene, schlagen wir unsere Wohnung auf bei den Stämmen von Amerika, gehen wir hinauf bis zum Eispol, drin« gen wir hinein in die glühende Sandwüste des inner« Afrika, überall, wo nur ein christliches Wesen athmet, da erhebt sich am heutigen Tage fein Auge nach oben; überall, wo ein christlicher «erstand denkt, da hat er Gedanken ewigen Geistes; wo immer ein christliches Herz schlözt, da wird es durchschauert von geheimnißvollen Ahnungen des heiligen Geistes. Die Glocken des mächtigen Domes, dessen Tyürme zu den Wolken ragen, sowie des ärmlichen Kirchleins im beschei« denen Dörfchen und der wenig bekannte« Kapelle «lf der einsamen Bergeshalde verkünden an dem heutigen Tage ohne Worte und doch so laut und eindringlich da» Kommen und Wehen des Geistes der wahren Weisheit und der ächten Wisse, schc ,., der hohen Gotteskraft und Gottesfurcht, der himmlischen Freude und des himmlischen Frieden». Vor Allem aber weisen un« Weiflagung und Erfüllung, Ankündigung, Erscheinung und Wirksamkeit mächtig hin auf den Geist der Wahrheit. Wie aber einst Proteus nach der alten Sage die Kraft und Fähig- leit besaß, in den verschiedensten Verwandlungen in die Erscheinung zu kommen, so tritt auch die Lüge in tausendfacher Gestalt, und in den einzelnen Zeiten immer neue Formen annehmend, auf. In unfern Tagen erhebt sie vor Allen mächtig ihr Haupt al» politische Heuchelei, unbändiger Hochmuth und charakterloser Sklavensinn, widerlicher Despotismus und würdeloser Servilismu»; Wahrheit, wahre Demuth und Freiheit, wahrer Freimuth und Hochfinn sind so vielfach geschwunden.
Erst seit der Geist de« Christenthums in die Welt gekommen, ist dem Menschen auch aufgegangen die wahre Erkenntniß seiner selbst, seiner Niedrigkeit und Ohnmacht au» sich, seiner Größe und Hoheit durch Gotte» freie Gabe. Die Frucht davon ist die Demuth. Sie ist die Wirkung der erhabenen Stellung, zu welcher, wie ein geistreicher Apologet sagt, da» Christenthum den Menschen erhoben, des erweiterten Gesichtskreises, in den er durch die lebhafte Erkenntniß der ganzen Größe Gottes getreten. Und die Demuth ist Wahrheit, aber auch Kraft. E» ist ein geheimnißooller Trieb, ein unwiderstehichr» Streben in de» Menschen Brust, was die Phantasie de« Jüngling« erregt, de« Manne« Thatkrast spornt; aber die Wirttich- feit, da« Gefühl der eigenen Ohnmacht, schmettert ihn nieder, und e» finkt bald zurück in starre Apathie da» Herz, vordem so „trotzig" und jetzt so „verzagt". Nicht so der durch den Geist Gotte« in Demuth Wandelnde. Au« fich hat et nur Zwiespalt, Schwachheit, Sünde; er weiß fich ent- dehrlich für Gott und sein Reich, ein „unnützer Knecht", auch wenn er Alle» gethan, mit den
*) Rachdr. »er«.
reichsten Gaben ausgestattet, nicht auf diese in eitler Selbstgefälligkeit den Blick richtend, sondern auf den, der sie ihm zur Verwaltung gegeben ohne und gegen sein Verdienst, darum Alle» besitzend, al« besäße er es nicht. Tyrannischer Despotismus und charakterloser Sklavensinn, sich würdevoll erniedrigen, um unbändig zu herrschen, das ist in Kürze die Geschichte der vom Geiste Gottes abgewandten Welt, bescheidene Hoheit in niedrigster Stellung, menschenwürdige Uebermacht mitten in sch^inlarer Ohnmacht, das ist die Geschichte der Seele, welche im heiligen Geiste eine Dienerin Gottes geworden. Und wo der Stolz sich beugt, weil seine Hilfsquellen versiegen, da zeigt die Demuth am wenigsten unmännliche Furcht und feige Nachgiebigkeit. Weil auf Wahrheit ruhend und Gerechtigkeit gegen Gott, ist die Demuth stark im Kampfe gegen die Ungerechtigkeit der Menschen, erzielt sie große Charaktere, schafft sie starke Herzen, unbeugsam, hochsinnige, kraftvolle Naturen. Weil der Christ im heiligen Geist Gott fürchtet, kennt er keine Menschenfurcht.
Zu allen Zetten waren daher diejenigen, welche in Wahrheit für die Sache Gottes und seiner Kirche kämpften, nicht gewillt, nach Oben einen Freibrief auszustellen, und wenn sie für die Rechte de» Papstes, der Kirche und der Bischöfe noch so sehr eintraten, verfochten sie auch die damit verbundenen Pflichten mit einem Freimuth, den wir ebenso anstaunen, wie den Hochsinn, mit dem er vor dem Betreffenden ertragen wurde. Um nur kurz auf Eine» hinzuweisen, auch in den traurigen Tagen der „babylonischen Gefangenschaft" der Päpste hatte ein Dante sich vor dem Papste, dem Haupte der Christenheit, in Ehrfurcht gebeugt, wie der Sohn vor dem Vater, dabei hat er aber, „von Eifer für da» Hau» Gotte« verzehrt", seinen tiefen Unwillen über die habsüchtigen und nepotistischen Päpste in Flammenworten ausgesprochen, allerdings sehr wohl zwischen Papstthum und Papst, zwischen Person und Amt unterscheidend. Und die herrliche Färberstochter von Siena, die einfache, aber gottbegeisterte Dominikanerin, sagte Gregor XI. die allerbittersten Wahrheiten, ohne jedcch jemals die dem Statthalter Christi gebührende Ehrfurcht außer Acht zu laffen.
Und e« ist ein immerwährend schöne« Zeugniß für Gregor, daß Katharina so freimüthig sprechen durste, für Letztere, daß sie so sprach. Und nur ein gerüttelte« Maß von Unkenntniß, Vorurtheil und Ungerechtigkeit k<mn daher wähnen, al« ob die Katholiken nur Marionetten, Drahtpuppen in der Hand eine« Einzigen wären, al» ob sie in blindem Sklavensinn nur einen Kadavergehorsam zu leisten hätten. So viele Reiche der Völker und ihre Herrlichkeit find, wie die Gemäuer der Städte und Fürstenpaläste, in Trümmer versunken; die weisen Einrichtungen Lykurg» und Salon« find au« dem Leben geschwunden; aber seit Jahrtausenden besteht da« Werk de« heiligen Geiste« in seinem hehren Ansehen und seiner Wirksamkeit; und e« ist siegreich durch die drohenden Waffen der Feinde, durch Waffer und Flammen, die Tatzen wilder Thirre und die Zertrümmerung alle« äußerlich Bestandenen hindurchgegangen, und auch Wahrheit, Demrtth, Freimuth und Hochfinn werden in ihrer GotteSkrast länger bestehen, al» widerstrebender Hochmuth, Sklavensinn, Despotismus und ©eroiliftnu«.
Allocutio« des h. Vaters
gehalten in dem Confistorium vom 23. Mai 1887.
Ehrwürdig« Brüd«r!
Wir wollen di« heutigen Ernennungen zur Ergänzung der Rechen der BischSst und eurres erhabenen Kollegs nicht eher vollliehen, als bis Wir besonders über eine
Angelegenheit etwas gesagt haben, über die ihr zwar schon genügend unterrichtet seid, dennoch aber, wie Wir glauben, gern an diesem Orte und aus Unserem Munde selbst vernehmen werdet, weil sie von mehr als gewöhnlicher Bedeutung ist. Wir meinen naturgemäß das, was in jüngster Zeit zur Hebung der Sache der katholischen Kirche in Preußen geschehen ist. Beglichen ist. Dank der Hilfe Gottes» eine langwierige und mühevolle Aufgabe, der Wir uns mit ganzer Seele widmeten; und indem Wir jede Erwägung, die von geringerem Werthe zu sein schien, bei Seite stellten, war das Heil der Seelen für Uns, wie es sein mußte, oberstes Gesetz. Denn es ist euch nicht unbekannt, wie die Dinge schon viele Jahre hindurch lagen: oft habt ihr ja in großer Kümmerniß mit Uns darüber geklagt, daß die siirchen ohne Bischöfe und die Pfarreien ohne Pfarrer blieben; ferner habt ihr mit uns geklagt über die Schmälerung der Freiheit der öffentlichen Religionsübung, über das Verbot der geistlichen Seminare, und über den nothwendig daraus hervorgehenden Mangel an Priestern, der ja so groß wurde, daß oft viele von Unseren Gläubigen Niemand hatten zur Befriedigung der gottesdienstlichen Bedürfniffe und zur Verwaltung des Bußsakramentes. — Die Größe dieser Uebel beängstigte Uns um so mehr, da Wir allein dieselben nicht abstellen und auch nicht leichter machen konnten, zumal Unser« Gewalt in vielfacher Weise unterbunden war. Dorther also, von wo Wir mußten, schickten Wir Uns an, Abhilfe zu verlangen; und Wir thaten dies mit um so größerer Zuversicht, weil Wir wußten, daß Unsere Bemühung, außer von den Bischöfen, aufrichtig und nachdrücklich unterstützt werde von den Katholiken aus dem Parlamente, jenen Männern, welche sich als die standhaftesten Vertreter der besten Sache erwiesen haben und aus deren nachdrücklicher Beharrlichkeit und Eintracht die Kirche nicht geringe Vortheile gezogen hat und noch gleiche Vortheile für di« Zukunft erhofft. Für Unsere Bereitwilligkeit und Unsere Hoffnung war dann aber auch der Umstand von nicht geringer Wichtigkeit, daß Wir in unzweifelhafter Weise erkannt hatten, daß bei Sr. Majestät dem deutschen Kaiser und ebenso bei feinen Staatsministern billige Friedensvorschläge Anklang fänden. In der That wurde bald die Wegräumung der größeren Unzuträglichkeiten erstrebt, dann kam man Schritt für Schritt auf verschiedenerlei Bedingungen überein, und jüngst wurden dann durch ein neues Gesetz, wie ihr wißt, die Bestimmungen der früheren Gesetze theils gänzlich aufgehoben, theils sehr gemildert: sicher ist jenem erbitterten Kampfe, welcher di« Kirch« schädigte und dem Staat« keinesfalls nützt«, ein Ziel gesetzt. Daß dies auf dem Wege vieler Arbeit und mit Hilfe euerer guten Rathschläge endlich vollbracht ist, freut uns, und darum sagen Wir Gott, dem Tröster und Schirmer seiner Kirche, besonderen Dank. — Wenn noch eine Anzahl Punkte übrig bleiben, hinsichtlich deren die Katholiken nicht ohne Grund Wünsche hegen, so muß man sich erinnern, daß Mehreres und Größeres Wir erreicht haben. Dazu gehört an erster Stelle, daß man in Preußen aufgehört hat, die Gewalt des römischen Papstes in der Regierung der katholischen Kirche als eine ausländische Macht zu betrachtm, und daß dafür gesorgt ist, daß sie fürder ohne Behinderung auSgeübt werden kann. Für nicht minder wichtig werdet ihr es halten, ehrwürdige Brüder, daß den Bischöfen in der Regierung ihrer Diözesen di« Frecheit zurückgeg«b«n wurde, daß die Klerikalseminare wieder hergestellt find, und mehreren religiösen Orden das Recht zur Rückkehr in die Heimath und die alten Gerechtsame wiedergegeben wurde. Was die noch übrigen Punkte betrifft, so werden Wir keineswegs in dem Laufe unserer Berathungen eine Zögerung eintreten laffen: und nach Erkenntniß de« guten Willens des erhabenen Monarchen und ebenso der Gesinnung seiner Minister, ist sicherlich Grund vorhanden, warum Wir wünschen, daß an dem Erreichten di« deutsch«« Katholiken sich ausrichten und stärken. Denn Wir hegen nicht den geringsten Zweifel, daß noch Befferes erreicht werden wird.
Es durst« ferner auch angebracht sein, auf die übrigen Theile Deutschlands den Blick zu werfen: denn wir dürfen ohne Voreiligkeit erwarten, daß auch anderswo als innerhalb der Grwqen Preußens gerechtere Anschauungen gegenüber der bttholischen Religion sich zeltend machen. Diese Hoffnung wird vermehrt durch bte jüngst vom Großherzog von Heffen-Darmstadt Uns zu erkennen gegebene Geneigtheit. Der Großherzog hat gerade in diesen Tagen einen Gesunden an Uns geschikt in einer der Freiheit der Kirche entsprechenden Weise. Wie sehr Uns da» lieb und nach Wunsch ist brauchen Wir kaum zu sagen, da Wir nichts so heiß ersehnen, als daß Uns mit Gottes Gnade so viel Saum zum Leben und so viel Freiheit für Untere Thätigkeit gewahrt werde, daß Wir endlich iu ganz Deutschland die katholischen Angelegenheiten geordnet und die Kirche furchUoS in dem Besitze ihres Rechtes und unter dem Schutze der Gesetze zu segensreicher Entsaltnng ihre» Kräfte anstandslos vorfchretten sehen können.
Aber Unsere Gedanken beschränken sich nicht auf die Grenzen Deutschlands. Wo auch immer man der Autorität des römischen Papste« gehorsantt, dorthin richtet sich