jß 119. Freitag, den 27. Mai. 1887.
Fuldaer K 3filiii(j.
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Deutsches Reich.
Berlin, 26. Mai.
• Dcr Kaiser nahm heute Vormittag auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin die Frühjahrsparade über die in Berlin und Spandau garnisonirenden Truppen des Garde-Corps ab. Nachmittags fand im Königlichen Schlosse ein Paradediner und Abends eine Militärvorstellung im Opernhause statt. Morgen gedenkt sich der Kaiser nach Potsdam zu begeben, um über die dort garnisonirenden Truppen die Frühjahrsparade abzuhalten.
* lieber die Erkrankung des Kronprinzen bringt der.Reichsanzeiger' folgendes Communique: „S. k. k. H. der Kronprinz erkrankte im Januar d. I. an einer Halsentzündung, welche in ihren äußeren Erscheinungen, einem geringen Husten und einer intenstven Heiserkeit, durch die bisher in ähnlichen Fällen bei Sr. kaiserl. Hoheit mit Erfolg angewendeten Mittel sich nicht beseitigen ließ. Auch eine mehrwöchentliche Kur in Ems, welche im Nebligen auf das Allgemeinbefinden Sr. kaiserl. Hoheit von bester Wirkung war, vermochte doch das örtliche Leiden nicht zu heben, so daß die im Laufe der Erkrankung neben dem behandelnden Leibarzt zugezogenen ärztlichen Autoritäten sich einverstanden damit erklärten, daß ein englischer Spezialist für Halsleiden, Dr. Morell Mackenzie aus London, mit seinem Urtheil gehört werde. Derselbe ist vor einigen Tagen hier eingetroffen und hat nach wiederholter Untersuchung Sr. kaiserl. Hoheit den Zustand deffelben nicht so besorgnißerregend gefunden, daß er nicht hoffte, durch eine zweckentsprechende Behandlung das Uebel in nicht zu langer Zeit beseitigen zu können.
* Der Reichskanzler Fürst Bismarck begibt sich demnächst nach Friedrichsruh. In unserem diplomatischen Dienste stehen mehrere Veränderungen bevor. Der bisherige deutsche Botschafter in Rom von Keudell verläßt am Sonnabend die iialienische Hauptstadt. Der deutsche Gesandte in Madrid ist zu anderweiter dienstlicher Verwendung von seinem Posten abberufen worden und hat Madrid bereits verlaflen. Derselbe soll Herrn v. Keudell in Rom ersetzen. Auch Graf Münster, der deutsche Botschafter in Paris soll, mit Rücksicht auf seine Gesundheit seinen Abschied zu nehmen beabsichtigen.
Im Thal der Silberbirktn.
Roman aus dem Englischen von E. Blackburne.
54. Fortsetzung.
54. Kapitel.
Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.
Schon einige ^Zeit vorher, ehe MißNanny dem Fieber erlegen, war sie schon sehr krank gewesen. Mehrere Tage hatte sie schon das Bett gehütet, bevor erlaubt werden konnte, daß ihr ein „Krankenbesuch" gemacht wurde. Aber am Nachmittage vor dem Weihnachtsabende war der Doktor mit einem sehr ernsten Gesichte aus Miß Nanny's Krankenzimmer gekommen und hatte Jakob Drake zu Nuala und ihrem Gatten geschickt. Bald nach Nuala's Ankunft machte auch der Doktor wieder seinen Besuch.
„Meine liebe MrS. Thurgood," sagte sie, „ich wollte, Ihr Gatte wäre bei Ihnen."
„Warum? Ist Tante Nanny so krank?"
„Sie ist sehr krank," erwiederle er ernst. Glücklicherweise hat sie noch den Villen Gebrauch ihrer Sinne, aber wir muffen auf einen großen Wechsel gefaßt sein, und das sehr bald."
Nuala war äußerst betrübt und erschrocken. Jede
* Staatssekretär Graf Herbert Bismarck kehrt heute Abend aus London zurück. Die Abreise des Reichskanzlers Fürsten Bismarck nach Friedrichsruhe dürfte bereits morgen erfolgen.
* In der Klagesache des Dr. Heinzelmann zu Erfurt gegen den verantwortlichen Redakteur der ,Germania', Andreas Künemund, wegen angeblicher Beleidigung durch Aufnahme von Korrespondenzen, worin des an einer paritätischen Schule wirkenden Dr. Heinzelmann wegen seiner hervorragender Betheiligung an dem direkt gegen den Katholizismus gerichteten „Evangelischen Bunde" gedacht wird, stand am 24. er., Termin vor der 90. Abth. des Schöffengerichts beim Kgl. Amtsgericht I in Moabit. Der Gerichtshof entschied nach längerer Berathung dahin, daß in den angefochtenen Sätzen nichts Ehrenrühriges enthalten fei. Die Katholiken Erfurt's hätten in der von Heinzelmann selbst in seiner Denunziation zustandenen Thatsache, daß er an der Gründung des „Evangelischen Bundes" als Stifter thätig gewesen sei, einen Grund zur Kritik über das Verhalten dcs Dr. Heinzelmann den katholischen Schülern gegenüber gehabt, und wenn der incriminirte Artikel sich auch nur mit diesem einen Fall beschäftige, so könne man doch nach Lage der Sache annehmen, daß dem Ver- faffer bei gereiften Anstoß erregenden Worten auch sonstige Vorkommnisse aus dem konfessionellen Verhalten des Dr. Heinzelmann vorgeschwebt haben. Der Schutz des § 193 St.-G.-B. stehe dem An- geklagten zweifellos zur Seite, die Grenze einer erlaubten Kritik sei nicht überschritten. Demgemäß sei der Angeklagte von Strafe und Kosten freizusprechen.
• Die von der deutsch-westafrikanischen Compagnie ausgerüstete Handelsexpedition ist am 3. Mai von Capstadt aufgebrochen; dieselbe ist mit dem gecharterten Dampfer „Namaqua" nach der Walfischbai abgesegelt und von da am 15. nach dem Kaokofeld abgegangen, um fich zunächst nach dem Haupthandelsplatze in Damaraland Omuru zu j begeben. Von hier geht es nach Onkuambi in der Nähe des Cuneneflufses. Im Ovambo- lande soll eine feste Handelsstation errichtet und das Gebiet zwischen Cunene und Zambost genau erforscht werden. Im Juli geht eine zweite Expedition von Hamburg ab, welche nach dem Oko« wango aufbricht, an dessen Ufern eine neue Station
Minute bis zu der Ankunft ihres Gatten schien ihr eine Stunde zu fein. Als er gekommen, fetzte er fich an das Krankenbett und erzählte, was sich bei Bernard Clancy zugetragen hatte.
„Nuala," sagte Miß Nanny schwach, „Du weißt, daß ich Randal nie für schuldig gehalten habe."
„Ich weiß das, Tante; aber der Schein war gegen ihn."
„Das weiß ich. Aber ich wußte, daß er solches nie gethan haben würde. Robert," fuhr sie fort, ihm ihre abgemagerte Hand entgegenstreckend, „ich pflegte zu sagen, daß ich Nuala mein Ergenthum vererben würde. In der letzten Zeit habe ich mich anders besonnen."
„Wir sind überzeugt, daß Sie gethan haben, war am besten ist," erroieberte er. „Ich habe genug, Gott sei Dank, für Nuala und mich."
„Ich habe es Rarst al Macsorley hinterlassen, damit er auch geborgen ist," sagte sie.
„Ich gebe Ihnen mein Wort, Ihren Willen zu vollziehen, wenn Sie mir die Fähigkeit dazu zutrauen," erroieberte er feierlich.
Sie drückte schweigend seine Hand. Der Todesengel kam näher, und sie wußten es.
„Gott sei mir armen Sünder gnädig!" waren ihre letzten Worte, und der Geist der gütigen,
errichtet wird. Gleichzeitig mit dieser zweiten Expedition soll die Etablirung der Export-Schlächterei an der Küste zur Ausführung kommen. Die erste Expedition hatte vor ihrM Abgänge von Capstadt Drfferenzen mit dem Afrikareisenden August Ein- waldt, der sich Eigenmächtigkeiten und Jndis- cretionen hat zu Schulden kommen lassen, wie solche schon bei der St. Lucia-Angelegenheit vo.' gekommen waren. Einwaldt wurde deshalb von der Expedition ausgeschlossen.
Ausland.
* Brüssel, 25. Mai. Ueber die Vorgänge der drei letzten Tage bringt die ,Germania' einen ausführlichen Bericht, dem wir folgendes entnehmen: Am Samstag Abend versammelten sich die Mitglieder der einflußreichen Föderation Bruxelloise mit einigen anderen Genossenschaften in dem Maison du Peuple, um durch eine Kundgebung die Berechtigung der Ansprüche der Streikenden zu bestätigen. Man fetzte sich in Reih' und Glied, holte die rothe Fahne hervor und zog unter Hochrufen auf die Revolution, die Amnestie, die „Gröoe Generale" (allgemeiner Streik) und unter Absingung der Marseillaise über die glänzenden Boulevards und unter den Fenstern der Minister-Hotels vorüber, bis die etwa 1000 Personen zählende Bande am königlichen Palais auf- gehalten wurde, in Folge dessen hier der Ruf: „Nieder mit dem Kartenkönig!" erscholl. In dem sich anschließenden Meeting wurden drei Geheimpolizisten erkannt und aus dem Saale ausgewiesen. Der vorgestrige und gestrige Abend brachten eine Erneuerung dieser nächtlichen Promenaden, trotzdem Bürgermeister Buls dem Vorsteher des Arbeiterhauses angekündigt hatte, daß alle Ansammlungen gesprengt würden und dem entsprechende Vorkehrungen getroffen seien. Da die gegen 10 Uhr aus dem Vereinshause austretenden Sozialisten die umliegenden Straßen besetzt sahen, sammelten sie sich auf dem Fontainas-Platz und begannen den Umzug trotz des bürgermeisterlichen Verbotes. So kam es bald zu ernstlichen Reibereien, die Polizisten hieben mit blanker Waffe ein und zahlreiche Verwundungen und Verhaftungen bildeten das Endergebniß der Manifestation. Der Brüsseler General • Rath hat viel von seiner Autorität verloren und über die Hitzköpfe keine Macht mehr.
alten Dame ging ein in die Freude ihres Herrn, der ihre Stütze gewesen war in so manchen, schweren Jahren.
Miß Nanny wurde in die Familiengruft gesenkt, wo so manche Generationen, die vor ihr gelebt hatten, begraben lagen. Eine unermeßliche Volksmenge folgte ihr zur letzten Ruhestätte, zuerst der gute Vater Feimefty, als das Haupt seiner Heerde.
„Gott sei ihrer Seele gnädig!" sagte er, sich zu seinen Pfarrkindern wendend, ehe sie den Kirchhof verließen. „Miß Nanny war eine gute Christin, und das Beste, was ich Jedem aus Euch wünschen kann, ist, daß Ihr ihr gleichen möget. Sie sprach nicht viel über Ehristenthum, aber sie übte es. Sie folgte, so gut sie konnte, dem Bei- spiele des Herrn, denn „sie ging umher und that Gutes."
Der Februar war gekommen, ehe Randal Macsorley für frei erklärt wurde. Mehrere enthusiastische, aber übel geleitete Freunde würden an seiner Stelle gewünscht haben, durch eine öffentliche Ovation bewillkommnet zu werden, aber er verweigerte standhaft, an etwas Derartigem theilzu- nehmen. Während feiner Gefangenschaft hatte er genügend Zeit gehabt, nachzudenken, und Manches zu bereuen, wozu ihn sein heftiges Temperament verleitet hatte.