JK 109.
Sonnabend, den 14. Mai.
1887.
fnliutr W 3riliig.
Zweites Blatt
ob von Seiten des Kapitalisten Werthtitel ausge- boten oder gesucht werden. Das ist zwar der natürliche Marktgang im Handel auch. Aber dre Agiotage verfährt so, daß sie neben jedes wrrklrche Angebot noch ein Scheinangebot setzt, so daß sie, wenn 100 Stück einer Werthgattung wirklich zu verkaufen sind, 1000 oder mehr ausbietet oder umgekehrt, wodurch natürlich eine weit stärkere Werthverschiebung eintritt, als dann, wenn nur das wirkliche Angebot und die wirkliche Nachfrage in Betracht kämen.
Hierzu kommt für den engeren Börsenzirkel, die sogen. Haute-finance, welche nur aus wenigen Firmen besteht, noch ein Punkt. Dieselbe hat nämlich ein Jnteresie daran, die Course niedrig zu halten, wenn für einen Staat rc. die Nothwendrg- feit vorliegt, bald wieder eine Anleihe zu machen. Denn da sich die Staaten der Haute-finance bei ihren Anleihen bedienen und da die Anleihenabschlüffe sich nach den zeitweiligen Coursen richten, so wird natürlich d-r AbfLluß um so vorthell- Hafter, je niedriger die Course sind. Hat aber der Abschluß stattgefunden, so tritt das entgegengesetzte Jntereffe ein. Die Subscription und der Verkauf soll möglichst hoch stattfinden. Man steigert also die Course, was man leicht kann, da die Makler die Gegenparthie zu verschweigen haben. Man kann also verkaufen und kaufen zugleich. Durch den einen Makler läßt man „nehmen", durch den anderen „geben", und auf diese Weise läßt sich das größte „Geschäft" in Scene setzen, ohne daß nur ein Stück wirklich in andere Hände überzu- gehen braucht. Auf diese Weise wird das Publikum, das wirklich Anlagen zu machen sucht und Geld dazu bringt, zu fortgesetzt steigenden Coursen, bezw. Preisen herangezogen.
Dies dauert so lange, bis die Haute-finance den betreffenden Werthtitel ganz oder doch nahezu gänzlich ausverkauft hat. Damit hat ihr Jntereffe an den hohen Coursen jenes Papiers aufgehört. Im Gegentheil muß nun angenommen werden, daß jetzt in dem natürlichen Verlauf der Dinge wieder öfter Posten des betreffenden Titels von Seiten des Kapitalisten zum Verkauf gebracht werden — durch Erbschaft, anderes Kapitalbedürfi niß und dergleichen. Diese Posten billiger, als sie verkauft wurden, wieder zu kaufen, macht dann den „Verdienst" der Börse. Melden sich also Käufer für das Papier, fo räth man „wegen zu hohen Courses" vom Kauf ab und empfiehlt an- dere, die man selbst auf Lager hat, als „preiswürdiger", und so läßt man den „Cours" nach und nach „abbröckeln", bis man auf diese billige SBebe davon wieder so viel „Material" in der Hand hat, um selbst wieder das Jntereffe zu empfinden, theuer zu verkaufen.
Wenn nun die preußischen 3^/zprozentigen Consols jetzt niedriger stehen, als im Vorjahr, so kann man in der That voraussetzen, daß die Haute- finance ihr Lager davon geräumt hat und daß jetzt öfter wieder Posten Seitens der Kapitalisten zum Ausgebot kommen. Es bestehen aber noch andere Motive. Darunter ist beachtenswerth die ablehnende Haltung, welche man maßgebenderseits seit etwa Jahresfrist gegen die auswärtigen Emis- Ronen innehält, wonach «ch auch die Königliche Seehandlung nicht medr an solchen Operationen betheiligt. Seitdem hat die Börse einen paffwen Widerstand gegen die neuen 3Vz vrozentigen Consols eingerichtet und hat auch schon öfter die Gelegenheit benutzt, die Reichs- und die preuß. Papiere stärker in die Baiffe zu werfen. (Mercuria.)
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Finanzielles.
Es ist erfreulich, daß sich die besitzenden Kreise neuerdings mehr um die Ursachen des Steigens und Fallens der Börsen-Course kümmern und dadurch bekunden, daß sie nicht mehr so ganz geneigt sind sich hinsichtlich der Einflußnahme auf ihr Vermögen, der sie durch die Coursbewegung unter- liegen lediglich als willenlose Heerde behandeln zu lassen. Erst wenn nach dieser Richtung hin ein kräftiger Zug geht, wird Hoffnung fein, daß sich Besitz und Vermögen wieder von jenem Einfluß befreien. Es ist dies ein sehr wesentlicher Punkt hinsichtlich der Befferung der sozialen Lage. Denn wesentlich durch jene Einflußnahme werden dre produktiven Betriebe erträgnißlos und wird das solide Vermögen in Bezug auf Kapital und ZmS gefährdet. Die willkürliche Herauf- und Herab- setzung der Course, durch welche gegenwärtig das mobile Vermögen der Nation in unausgesetztem Schwanken erhalten wird, kann nur eine Grenze finden in dem Willen des Kapitalisten selbst, sich durch jene nicht beeinfluffen zu lassen, sondern selbstständig ein Urtheil auf wirthschaftlicher Grundlage zu faffen und sich insbesondere bei diesem Urtheil nicht durch die „Motive" der Börse bestimmen zu lassen.
„Politische Motive" spielen nun bekanntlich an der" Börse eine außerordentlich große Rolle für den — Laien. Sie werden daher auch am meisten von den Börsenblättern in den Vordergrund geschoben, und wenn sie nicht vorhanden sind, so werden sie erfunden ober aufgebauscht. Die Börse geht dabei immer von der Annahme aus, daß viele Besitzer von Werthpapieren dieselben in Sicher- heit und Ertrag für gefährdet halten durch etwarge politische Unsicherheit, und diese Meinung pflegt die Börse dadurch, daß sie in der That auf solche Gerüchte die Course fallen läßt. Wer nun von den wirklichen Besitzern sich durch solche Gerüchte beängstigen läßt, oder wer genöthigt ist, in Augen- blicken des Coursrückganges zu verkaufen, der erleidet dis durch die Coursherabsetzung hergestellte Differenz als Verlust.
Nun besteht aber die Agiotage nur in der Her- stellung von Differenzen, welche Verluste für den wirklichen Besitz darstellen. Die Börse besteht und häuft ihre Reichthümer nur dadurch, daß sie billig kauft und theuer verkauft. Denn aus dem bloßen Differenzspiel kann natürlich noch kein Gewinn hervorgehen. Aber weil bei der ungeheuren Mafien- Hastigkeit, welche die mobilen Weiche jetzt besitzen, schon auf natürlichem Wege fortwährend eine große Kauf- und Verkaufnothwendigkeit besteht, so fehlt es niemals an „Material", um an demselben die erwünschten Gewinne zu machen. Dieses Matenal wird aber dadurch, daß auch viele Leute außer- halb der Börse spekuliren, indem dieselben Depotgeschäfte machen, also den Bankier« die angekauften Papiere in der Hand lassen, noch erheblich ge- steigert. Denn viele von diesen Leuten werden, wenn die Course plötzlich fallen, zum Zwangsverkauf ihrer Titel genöthigt, weil sie nicht im Stande sind, in solchen Fällen ihre Deckung bis zur verlangten Höhe nachzuzahlen. Auch der Verlust, der sich auf diese Weise für das kapitalbesitzende Publikum ergiebt, fällt der Börse zu.
Wie wir also ausführten, ergibt sich, daß die Börse das einzige Jnterefie hat, die Course in Schwankung zu erhalten. Daher kommt es, daß oft die Course an einem Tage den mannigfaltigsten Bewegungen unterliegen, fe nachdem sich zeigt,
Vermischtes.
* Aus Antwerpen wird dem ,St. Raphaels«-Blatt" geschrieben: Die Auswanderung ist in der letzten Zeit eine derartig starke, wie lange nicht mehr. So verließen allein in der zweiten April Woche mit drei Dampfern der Red Star Line ca. 2600 Zwischendecks-Passagiere unser» Hafen. Von dieser bedeutenden Ziffer nahmen nur zwei Familien mit im Ganzen fünf Köpfen die Hülfe des Vertrauensmannes, Hrn. Würden, in Anspruch. Ueberhaupt erhält Hr. Würden aus Deutschland so gut wie gar kerne Zuweisungen mehr; die Auswanderer, die sich direckt an ihn wenden, bekommen seine Adresse aus Amerika durch Bekannte und Freunde. Dagegen sind fast alle Auswanderer die hier anlangen, obwohl sie fast ausschließlich aus katholischen Gegenden, namentlich aus Süddeutschland stammen, mit Einpfehlungskarten an Pastor Berkemeyer vom lutherischen Emigrantenhause in New-York versehen. Wir halten es für unsere Pflicht, den hochw. Seelsorgs- Kkerus recht nachdrücklich auf diese Thatsache und dre daraus sich ergebenden Folgen für einen recht großen Therl der Auswanderer aufmerksam zu machen, und knüpfen daran die wiederholte dringende Bitte, die Herren Geistlichen, denen es doch nicht unbekannt bleiben kann, wenn Mitglieder ihrer Gemeinden sich zur Auswanderung rüsten, möchten es nicht versäumen, ihre scheidenden Pfarrkmder mit dem St. Raphaels-Verein bekannt zu machen und an den Vertrauensmann des V ereins (in Antwerpen ■ Hrn. I W Würden, 49 Avenue Charlotte) zu adressiren. — Auswanderer der Diözese Fulda wollen sich um Ertherlung von Karten an Herrn Domkapitular Dr. Braun m Fulda wenden. , . m . .
* Hinter die Kulissen der Meininger einen kurzen Blick zu werfen, ist nicht uninteressant. Es «st dort manches anders, als bei den übrigen Theatern. Wenn die Künstler in eine neue Stadt auf ihren Gastreisen kommen, da heißt vor allen Dingen zu den Massenwir- kunqen Statisten ausfindig machen und abnchten. Wo ihnen Soldaten zur Verfügung gestellt werden, ,st die Aufqabe nicht so schwer, aber wenn sie sich genöthigt sehen, zu Handwerkern zu greifen, kostet das Elndnllen viele Mühe und vieleProbe». So mußten sie einmal in P.st die Bäckerinnung für ihre Zwecke verwenden. D,e wackeren Bäcker, gewohnt, die Vrode m den Backofen zu schieben, machten als römische Bürger in den aufgeregten Volksscenen des „Cäsar" dieselben Bewegungen mit ihren Armen, wie in den frühen Morgenstunden m der Backstube und brachten den Regiffeur fast zur Verzweiflung. Das viel bewunderte Volksgeräusch, das Anwachsen desselben und Verlaufen wird auf eine eigenthumliche, fast komische Weise hergestellt. Jeder der „Aufgeregten" bekommt ein Zeitungsblatt und liest nun daraus, je nach dem Zeichen des Leiters, gedämpft oder laut entweder mit dem Rücken nach der Bühne oder umgekehrt, nahe den Kulissen oder sich entfernend, oft auf dem Fußboden liegend. Die Wirkungen sind ganz genau abgestlmmt. Die drolligsten Dinge kommen ja Bet dieser allgemeinen Volksvorlesung zu Tage. Es schwirrt von hoher Politik, Hofnachrichien, von Verlobungsanzeigen und Hinrichtungen, von Maffenverkauf und Schwindeleien, von Gagenzahlung und Steuern durcheinander, und das staunende Publikum draußen im Zuschauerraum ist starr über die große Natürlichkeit und klatscht lebhaft Beifall — In den Garderoben herrscht die musterhafte Ordnung, da zu einer Tracht, der Echtheit wegen, viele Kleinigkeiten gehören und viele Künstler genöthigt sind, an einem Abend mehrere verschiedene Trachten abwechselnd anzulegen. Streng wird darüber gewacht, daß sich keiner aus Bequemlichkeit auch nur die geringste Kleinigkeit „schenkt , rote man tn der Bühnensprache sagt, oder ein paar Schuhe oder Strümpfe, eine Feder, ein Schwert beim Umkleiden zum „nächsten Charakter" behält, weil letztere daffelbe vertragen könnte. - Wenn in der „Bluthochzeit" die Flmten knattern, drehen hinter den Kuliffen ein paar Maschinisten Winden, die mit hölzernen Zungen versehen sind, welche gegen einen Resonanzboden schlagen; rede Drehung bringt ein Pelotonfeuer hervor. Die Llchtwirkungen, die eilenden Wolken, die Geistererscheinungen, der Wiederschein des brennenden Paris werden meistens mittels einer Lateraa magica hergestellt, und der Donner in seinem verschiedenen Grollen wird — in Meiningen wenigstens — in einer fast röhrenförmigen Vorrichtung erzeugt, m der vom Schnürboden herabgeworfene Steine auf ihrem auf bis hinunter auf mannichfaltige Hindernisse stoßen, geg n die Wände anprallen und den rollenden Laut hervor- brinaen. ________