Jfö 105.
Dienstag, den 10. Mai.
1887.
filher W
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0 Erhöhung der landwirthschast- lichen Getreidezölle.
I
(Nachdruck untersagt.)
Zur selben Stunde, als im deutschen Reichstage der neue Branntweinsteuer-Entwurf eingebracht wurde, eine Vorlage, hinter der man in weiten Kreisen eine indirekte Staatsunterstützung der schnapsbrennenden Großgrundbesitzer im Osten der preußischen Monarchie erblicken will — ob mit Recht oder Unrecht, soll hier nicht untersucht werden — wurde im preußischen Abgeordnetenhause ein von dem Abg. Freiherrn v. Minnigerode eingebrachter, von der ganzen deutschkonservativen Partei unterstützter Antrag verhandelt, der nicht minder einen agrarischen Beigeschmack hat. Der Antrag bezweckte, die preußische Regierung zu ersuchen, im Bundesrathe auf eine weitere Erhöhung der landwirthschaftlichen Schutzzölle hinzuarbeiten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß auch die dem Reichstage vorliegende Kunstbuttervorlage das Interesse der landwirthschaftlichen Produktion zu fördern bestimmt ist.
Daß jetzt mit einem Male und für die öffentliche Meinung ziemlich unvorbereitet die Frage einer abermaligen Erhöhung der landwirthschaftlichen Schutzzölle auf die politische Tagesordnung gebracht wird, hat wohl in den weitesten Kreisen überrascht. Selbst bei den letzten Reichstagswahlen ist davon im Ernste nirgendwo die Rede gewesen. Fast noch mehr dürfte aber die offizielle Erklärung des preußischen LandwirthschaftSministerS überrascht haben, welcher ohne Umschweife die Bereitwilligkeit der preußischen Regierung ankündigte, eine ange- meffene Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle im Bundesrathe und Reichstage zur Vorlage zu bringen. Wir gebrauchten den Ausdruck „überrascht" ; damit soll aber gar nicht gesagt sein, daß uns dieser Gang der Dinge unangenehm berührt habe; wir, und mit uns wohl noch Viele, hätten indeffen eins so glatte, fast wie abgekartet erscheinende Behandlung des Antrages Minnigerode in der That nicht erwartet. Wenn wir den Minister Lucius recht verstanden haben, so stehen wir noch in dieser Reichstagssession vor einer Erhöhung der landwirthschaftlichen Schutzzölle. Das hat noch vor Kurzem kaum Jemand geahnt.
Im ijul der Mrrdirdm.
Roman aus dem Englischen von E. Blackburne.
40. Fortsetzung.
39. Kapitel.
An der Treppe.
ES war eine blondhaarige Frau, in tiefe Trauer gekleidet, die ihre Arme um Jakob schlang. Eme Minute lang stellte der Pöbel sein Geschrei ein, als aber die Frau ihr Geficht zu ihnen wandte, brachen die Verwünschungen wieder von Neuem aus. Denn Manche aus der Menge erkannten sie; es war die Wittwe des ermordeten Cameron.
„Ihr Feiglinge!" schrie sie nochmal« mit vor Erregung zitternder Stimme. „Wie dürft ihr einen unschuldigen, wehrlosen Mann wie Jakob Drake angreifen!"
„Sie gehört auch zu dem Schwindlerpack!" rief wieder eine Stimme aus der Menge. „Schont sie auch nicht!"
Der Pöbel ist gewöhnlich wie der Rädelsführer. Auch das hier versammelte Volk war nicht blutdürstig, es folgte bloß d>m Rathe, der ihm gegeben war, und stand j tzt wie gelähmt.
„Sie ist das Weib des schottischen Aufsehers und hat Mr. Randal Macsorley in's Gefängniß
Stellen wir nun kurz die Situation klar. Wie steht e« heute mit den landwirthschaftlichen Schutz' zöllen? Was wollen die konservativen Antragstel- ler? Was will die Regierung? Was wollen die übrigen Parteien?
Der Zolltarif und die Einführung landwirth- fchaftlicher Schutzzölle datirt bekanntlich vom Jahre 1879; im Jahre 1885 wurden neben vielen anderen Zöllen auch die Getreidezölle und andere landwirthschaftlichen Schutzzölle erhöht. Rach dem vom Reichstage in dritter Lesung am 13. Mai 1885 mit 199 gegen 105 Stimmen definitiv beschlossenen veränderten Zolltarif betragen die Getreidezölle (pro 100 Klgr.) für Weizen 3 Mk, für Roggen 3 Mk., für Hafer 1.50 Mk., für Gerste 1.50 Mk., für Mais 1 Mk., für Buchweizen 1 Mk., für Raps 2 Mk. u. s. w. Die Viehzölle stellen sich für Ochsen auf 30 Mk., Stiere und Kühe 9 Mk., Jungvieh 6 Mk., Käl- der 3 Mk., Pferde 20 Mk., Schweine 6 Mk., Spanferkel 1 Mk.
Den Zweck, den die Einführung und ebenso die Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle haben sollten, nämlich den Schutz der Landwirthschaft, die Verbefferung der Preise oder wenigstens die Aufhaltung des rapiden Preisrückganges, ist nicht eingetreten, naturgemäß aber auch ebensowenig die von den Freihändlern in so grellen Farben aus- gemalte Steigerung der Preise für Brod und Fleisch. Der preußische LandwirthschaftSminister Lucius hat mit dankenswerther Offenheit erklärt, daß ein starker Preisrückgang des Getreides trotz der Zölle und trotz der Zollerhöhung von 1885 unbestreitbare Thatsache sei. So habe Weizen 1881 einen Durchschnittspreis gehabt von 220 M., 1882: 208 M., 1883: 185 M., 1884: 173 M., 1885 dem Jahre, wo der Zoll von 1 auf 3 ,M. erhöht wurde, 162 M., 1886: 157 M. und 1887: 161 M. Roggen habe weniger geschwankt, sei aber ebenfalls in den letzten Jahren stark gefallen trotz Einführung des Zolles im Jahre 1879 und trotz Erhöhung des Zolles im Jahre 1885. Ebensolche Preisabschläge hätten stattgefunden bei Mehl und bei allen übrigen großen Produkten. Andererseits haben die Zölle finanziell sehr günstige Resultate ergeben, von 14 Millionen im Jahre 1885 ist der Ertrag der Getreidezölle im Jahre 1886 auf 30 Millionen gestiegen, der Ertrag der
geholfen. Jungen! Jungen! Schont sie nicht!" rief eine tiefe Stimme.
Ein Hagel von Mißhandlungen aller Art folgte diesen Worten und fiel auf den erschreckten Jakob und das muthigeWeib. Aber sie blieb stehen und beugte nur ihren Kopf oder auch ihren Körper vor- oder rückwärts, oder auch seitwärts, je nachdem sie angegriffen wurde. Ein dicker Stock fiel zu ihren Füßen nieder. Sie nahm ihn auf, lehme sich auf denselben und schaute kühn und ruhig auf die wüthende Menge. Diese zagte fast vor dem Blicke ihrer blauen Augen. Da stand sie, allein und wehrlos, in Gehorsam gebietender Stellung. Ihr blaffes Angesicht stach merkwürdig ab gegen ihre tiefe Trauerkleidung. Der Pöbel starrte sie an und wunderte sich und schwieg endlich.
Allerdings war es kein völliges Schweigen, war entstand, denn noch immer durchli-f ein Gemurmel die Menge, gleich dem Rollen eines fernen Donners. Einige Polizeibeamte waren unterdessen auch angekommen, aber ihre Geg> nwart machte in keiner Weife Eindruck. E» ist eine schlimme Thatiache daß die Polizei fast immer mit dem irischen Pöd l gehalten hat. Die R gteiungSbeamt n hegten ent weder tiefe Thcilnahme oder wandten brutale Gewalt aus sogenanntem Pflichtgefühle an.
„Ihr Männer von Donnelstown," rief die
Viehzölle von 1 auf 4V2 Millionen. Daß die Landwirthschaft aus diesen Mehreinkünften des Staates indirekten Nutzen zieht, liegt klar auf der Hand, aber damit kann der Zweck einer Verbesserung der Preislage inländischer landwirthschast- licher Produkte nicht erreicht werden.
Wenn wir von dem LandwirthschaftSminister hören, daß seit der Krisis der Reinertrag der Landwirthschaft um 25 Prozent zurückgegangen fei und daß die bisherigen Zölle den Niedergang in keiner Weise aufgehalten hätten, so wird allerdings die Frage ernstlich geprüft werden muffen, ob nicht durch eine entsprechende Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle diese steigende Kalamität gebessert oder wenigstens einer weiteren Entwickelung derselben, einem fortschreitenden Ruin der Landwirthschaft vorgebeugt werden kann. Wir bekennen uns nach wie vor unter den heutigen Verhältnissen der Produktion und Konkurrenz als aufrichtige Schutzzöllner, aber deßhalb brauchen wir in dieser Frage keineswegs den Herren v. Minnigerode und Genossen und ihren Plänen blindlings Heerfolge zu leisten, namentlich nicht, so lange andere Mittel zur Besserung der Noth- lage der Landwirthschaft, z. B. die Entlastung des Grundeigenthums, die Beseitigung der Doppelbesteuerung des Grundbesitzes, sowie die noth- wendige Verschärfung der Wuchergesetzgebung und endlich auch eine größere Sparsamkeit im Staatshaushalt, unbeachtet bei Seite gelassen werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Mai.
* Der .Germania' wird aus Rom gemeldet: „Fürst Asenburg-Birstein hatte eine Audienz beim Papste, der die Verhandlungen über Abänderung der hessischen kirchenpolitischen Gesetze eröffnet hat. Die Verständigung ist wahrscheinlich."
* Prinz Albert vonSachsen-Altenburg, bisher Kaiserl. russischer General ä la suite ist mit dem Charakter als Generalmajor in der Kgl. preußischen Armee ä la suite derselben angestellt worden.
* Der russische Botschafter in Berlin, Graf Schuwaloff ist auf seinen hiesigen Posten zurückgekehrt, er wird auf demselben auch verbleiben,
Frau, sich oben an die Treppe stellend, so daß jedes Wort verstanden werden konnte, „was hat dieser arme Mann gethan, daß ihr ihn mißhandelt oder ihm sogar das Leben zu nehmen sucht?"
„Er ist einer der Schwindler," schrie man.
„Er ist nichts der Art. Er war bloß ein mechanisches Werkzeug in der Hand seines Herrn. „Irländer," rief sie den Leuten zu, die sie nun umstanden, ihr zu lauschen, „nehmt mein heiliges Ehrenwort, das ich euch als eine Frau und als eine Keltin — denn das bin ich so gut wie ihr — gebe, ich habe keinen andern Grund, diesen Manu zu schützen, als das Gefühl der Menschlichkeit."
Ein Murmeln folgte tbteber diesen Worten, ob zustimmend oder nicht, das war schwer zu sagen. Die Frau schien ihre Macht zu fühlen und erhob ihre Hand, um Schweigen zu gebieten.
„Laßt mich weiter sprechen," sagte sie. „Es war unrecht, daß ich sagte, ich hätte keinen Gtund, diesen Mann zu schützen, denn ich habe einen," und sie wandte sich zu dem erschütterten Jakob und nahm ihn lei b<r Hand. „Er war es, welcher meinen tobten Gatten auf der Haide fand, der thn mir — obgle ch tobt — tn’ö Haus brachte, oer mir Erleichterung verschaffte, der mein treuester Freund war in meinem tiefen Kummer. Könnt I ihr mich tadeln, wenn ich ihn zu retten wünsche?