JVs. 103. . Sonnabend, den 7. Mai.
1887.
Witt W Jtilm.
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Zweites Blatt.
* Cantate!*)
Singet! So lautet der Name des nächsten Sonntag«. Ec erinnert unS an die Bedeutung des Gesanges, jener schönen Kunst, durch welche ein Einzelner oder eine Gesammtheit einer edlen Empfindung Ausdruck und Kraft giebt. Von Anfang an hat der Gesang beim Gottesdienste eine große Rolle gespielt, und mit Recht, denn dort handelt es sich um die edelste Empfindung, welche die Herzen aller Versammelten gleichmäßig beseelt und zu einem gemeinsamen Ausdruck in möglichst schöner und erhebender Form drängt.
Rur nicht ängstlich! Ich will trotz dieser ge« gemessenen Einleitung durchaus hine Geschichte des Kirchen- oder des profanen Gesanges schreiben, sondern zunächst nur die hausbackene Bemerkung machen, daß auch auf dem Gebiete des Gesanges die „modernen" Menschen zu einer gewiffen Blafirt- heit und vornehm sein sollenden Zurückhaltung neigen. Z. B. habe ich öfters und an verschiedenen Orten beobachtet, daß beim Gesang der Gemeinde in der Kirche ein großer Theil den Mund nicht aufthut, sondern in seinem Gebetbuch weiterliest, als ob ihn Text und Melodie gar nichts angingen. Bei genauem Zusehen findet man unter diesen Schweigsamen besonders viele von den sogen. „Honoratioren", welche anscheinend ihre Stimmen für zu vornehm halten, um sie mit den Schallwellen der Kinder und gewöhnlichen Leute zu vereinigen.. Andere singen aus Bequemlichkeit und Trägheit nicht mit, und so gestaltet sich in manchen Kirchen der Volksgesang recht „dünn", fast nur aus Orgelklang und Kindersopran bestehend. In vielen anderen Gemeinden weiß dagegen ein musikbegabter Küster, Lehrer, Geistlicher oder sonst ein thätiger Gesangfreund die Gemeinde aufzurütteln, so daß die schönen Festlieder in mächtigem Klang das Haus des Herrn durchhallen, Aller Herzen erbauend.
Für eine schöne Orgel geben selbst arme Gemeinden recht große Summen aus; man sollte
*) Nachdruck verboten.
Im i|al der Mcrbirkcu.
Roman aus dem Englischen von E. Blackburns.
(Fortsetzung aus dem ersten Blatt.)
„Nuala, mein Kind, was ist Dir?" sagte Miß Nanny, de» Mädchen« elendes, blaßes Gesicht und hohle Augen betrachtend, „Du hättest nicht hierher kommen müßen."
„Ich mußte Dich sehen, Tante Nanny, ich muß mit Dir sprechen."
„Warum schicktest Du denn nicht, daß ich kam?"
„Ich war zu ruhelos; ich konnte nicht ruhig da bleiben. Und dann fürchte ich auch, daß Gustav Lynch gekommen wäre und uns unterbrochen hätte."
„Ich weiß Alles, mein Kind; Mr. Thurgood hat mir Alle» erzählt. Ich hätte nicht geglaubt, daß Gustav Lynch so schlecht würde handeln können."
„Rein, Tante," sagte Nuala, indem sie ihre Augen niederschlug und ihr blaße» Antlitz mit ihren Händen verdeckte, „Mr. Thurgood hat Dir noch nicht Alles erzählt. Ich sah gestern Gustav Lynch und er sagte, er hätte mich doch noch in seiner Gewalt und ich müsse mein Versprechen halten."
„Da» wollen wir sehen I" rief Miß Nanny energisch, auf jede» Knie eine Hand legend, sich vorwärt» beugend und so heftig ihr Haupt schüttelnd,
doch nicht vergeßen, daß die Klänge an« bet Menschenbrust schöner und herrlicher find, al» alle Laute, welche der Blasebalg au« den kalten Pfeifen locken kann. Jeder, auch Bürgermeister«, Doktor», Apothekers und Rentiers, follte« eine Ehre darin setzen, ihr „Stimmrecht" in der Kirche, vor dem Altäre de» Höchsten, aurzuüben und ein werkthä- tige» Glied der Erbauungsversammlung zu sei».
Auf dem Gebiete der weltlichen Sangeskunst und Sangesfreuden macht sich übrigen» derselbe Zug einer „würdig sein sollenden Zurückhaltung" bemerklich. Gesangvereine mit Mitgliedern au» den „gesetzteren" und „höheren" Kreisen g'ebt es freilich hier und da noch, aber welcher „angesehene" Mann unterfängt sich noch, zu Hause, in Gesellschaften oder im Wirthshause ein „Lied aus voller Brust" anzustimmen? Es wäre ja „ordinär", sich so „gehen zu lassen" ! Al» eine Kuriosität wurde mir einmal erzählt, daß ein königlich preußischer Staatsminister in einer Gesellschaft, welche von Langeweile bedroht war, ein frisches Burschenlied gesungen und damit ungeheuere Sensation erregt habe. Namentlich soll sich ein anwesender Franzose furchtbar darüber gewundert Haben, daß in Deutschland ein hoher Staatsmann so jovial sein könne.
„Böse Menschen haben keine Lieder," sagt der Dichter und ermahnt uns darauf hin, daß wir uns dort niederlassen, wo man singt. Wer e» immer auf einen solchen Niederlassungsort abgesehen hätte, der könnte lange suchen. Er müßte schon zu den jungen Leuten gehen, welche von den Rücksichten auf die „Würde" noch nicht angekränkelt sind. Auf den Studenten-Kommersen geht es manchmal über die Grenzen der Vernunft und Sitte, aber wenn doch ein idealer Zug vorherrschend bleibt, so verdankt man da« einzig und allein dem Gesänge, welcher geradezu al« das moralische Rückgrat der Burschenlust gelten kann. Die Philister sitzen ohne Sang und Klang in ihrer Gesellschaft und an ihren Stammtischen, vertreiben sich die Zeit erst mit Klatsch und Hänseleien, dann mit „pikanten" Anekdoten, und wenn auch das nicht mehr „zieht", werden die Karten oder Würfel hervorgeholt. Am Spieltisch das Geld vergeuden, ist „fein"; ein lustiges Lied singen, das wäre
daß alle ihre Mützenbänder in kräftige Bewegung geriethen.
„Welche Gewalt könnte Lynch noch über Sie haben, Miß O'Donnel," fragte Mr. Thurgood, der, Miß Nanny ansehend, ein Lächeln nicht verbergen konnte.
Nuala erzählte Alles von Anfang bi« zu Ende; daß sie Geld für absolut nothwendige Ausgaben bedurft und daß es ihr Gustav Lynch gegeben, indem sie Wechsel auf ihren Namen gezogen hätte; daß ihr Vater einen großen Theil davon verbraucht und daß sie, des Geschäftes unkundig, ernstlich geglaubt hätte, da« Geld gehöre ihnen und Gustav Lynch zahle es ihnen der Umstände halber nur im voraus.
Miß Nanny's Augen und Mund öffneten sich mehr und mehr, je weiter Nuala in ihrer Erzählung fortschritt, während Mr. Thurgood, der unausgesetzt Nuala's Antlitz betrachtete, fast geneigt war, Gustav Lynch zu entschuldigen, nach dessen Meinung jedenfalls eine List erlaubt war, um zu einem Zwecke zu gelangen, und hier handelte es sich ja um einen süßen Preis.
„Und deswegen hast Du Dich selbst so gequält, mein Kind," sagte Miß Nanny, nachdem sie Alles gehört hatte.
„Er soll Dir nichts anhaben können!"
Nuala blickte auf mit einem schweren Seufzer der Erleichterung.
„unfein". Ja, wenn e» noch ein zweideutige« Kauplet au« der neuesten Operette ist, da« läßt man sich gefallen; aber ein „Freut euch des Leben«" — pfui, wie „ordinär"!
Er giebt sogar Eltern, welche die GesangSübun- gen in der Schule mit scheelen Augen ansehen. Sonderbare Leute! Wenn ich Kinder hätte, so würde ich dem Lehrer dankbar sein, wenn er möglichst viel Zeit auf da» Singen verwendete.
Vermischtes.
* In Niederschelden bei Siegen verstarb eine wegen ihres Geizes allgemein bekannte Wittwe. Als das Haus längere Zeit verschlossen blieb, drang man gewaltsam ein und fand die Frau tobt auf dem Fußboden liegen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Geizige in ihrem eigenen Hause verhungert ist; wenigstens wurde außer einer Kruste vertrockneten Brodes nichts Eßbares im Hause vorgefunden. Dagegen fand man in Schubläden und Kisten» Betten, auf dem Speicher und allen möglichen und unmöglichen Ecken und Kanten 61000 Mk. in Gold, Silber und Werthpapieren vor und anscheinend wird man noch mehr finden, da die Untersuchung des Hauses noch im Gange ist. Die lachenden Erben haben sich natürlich rechtzeitig eingefunden.
* Zwei abenteuerlustige Berliner Bengel gingen während der Osterfesttage ihren Eltern durch. Der eine Junge hatte seinem in der Belle - Alliancestraße wohnenden Vater einen Tausendmarkschein entwendet und mit dem Gelbe für sich unb einen Freund Revolver, Dolche, Munition unb verschiedene Reise-Utensilien eingekauft, um sich für eine Reise nach den Alpen zu rüsten. Die reiselustigen Rinaldo's — Räubergeschichten spukten in ihren Köpfen — erschienen fix unb fertig ix Joppen, auf ben Köpfen reich geschmückte Jägerhüte, um ben Leib breite Lebergurte unb in stilvollen hohen Leberstiefeln auf betn Bahnhof Friedrichstraße. Die Kerlchen erregten allgemein Aufsehen. Ein Schutzmann in Civil fragte sie höflich: „Na, meine Herren, wohin geht die Reise?" „Zu unfern Eltern nach der Schweiz." „Haben Sie denn auch ordentlich Reisegeld?" „Nanu, massig, der Mittelstand kann's nich", sagte der größere, sich eine Cigarette ansteckend. „Na, kommen Sie 'mal mit, wir wollen's der Sicherheit halber noch einmal zählen." „Fällt uns gar nicht ein, wir brauchen keinen Vormund, wir besorgen das Zählen ganz solo." Dieses Frage- und Antwortspiel veranlaßte die Abführung und so die Verettelung des Planes. Nach einer Stunde wurden die jungen Herren in den originellen Reise-Costumes ihren Vätern zugeführt; der Tausendmarkschein war nicht mehr vollständig vorhanden, die ein» gekauften Reisestöckchen dienten zum Ausgleich der Differenz.
„Sicher würde ihm nicht einer in der ganzen Gegend glauben," fuhr die alte Dame fort.
„Wenn er wirklich eine Klage gegen Sie an- strengen sollte, Miß O'Donnel," unterbrach Mr. Thurgood, „so könnten Sie ihn für einen Schwindler erklären."
Nuala'« Lippen zitterten. Der Schlag war zu hart für die Nerven de» armen Kinde»; der Gedanke an Befreiung bemächtigte sich ihrer und sie brach in Thränen aus. Die alte Dame umarmte das Mädchen zärtlich und sagte mit Thränen in ihren eigenen Augen: „Weine nicht, mein Kind, höre auf mich. Ich hatte Dir in meinem Testamente etwas Geld vermacht. Diese» will ich nun dazu verwenden, Gustav Lynch die Wechsel zu bezahlen, mit denen er Dich versorgt hat. Kannst Du mir die Summe genau angeben?"
Nuala rechnete rasch nach. Miß Nanny nahm ihr Wechselbuch und sagte: „Mr. Thurgood, wollen Sie nicht diesen Brief zur Post besorgen lassen?"
„Ich werde e« selbst thun, Miß O'Neil, wenn Sie wünschen, denn ich gehe noch nach Donnelstown."
Miß Nanny schrieb einen kurzen, geschäftsmäßigen Brief an Gustav Lynch, ihn bittend, die Rechnung über den Betrag des Geldes, welches er ihrer Nichte Nuala O'Donnel oorgestreckt, sofort zu überreichen und zugleich eine Quittung über die ganze Summe beizufügen.
(Forffetzung folgt.)