M 86.
Montag, den 18. April.
1887.
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Zweites Blatt.
* Fürst Alexander von Bulgarien.
(Schluß aus dem ersten Blatte.)
I« Varna, wo der Fürst ein Jahr zuvor seine Schwester und seinen Schwager (den Grafen Erbach) empfangen hatte, erschienen am 15. September 1885 zwei Abgesandte de» Geheimen Cen- tralcomitü« in Philippopel, Rizoff und Kurteff, um dem Fürsten die Mittheilung zu machen, daß nach einem Beschlüsse de» Ausschüsse» die Revolution in Ostrumelien zwffchen dem 27. September und dem 2. Oktober zum Ausbruch kommen werde. Der Fürst war sehr überrascht von dieser Nachricht, legte derselben aber keine große Wichtigkeit bei, weil ihm schon häufig ähnliche Mitthei- hingen gemacht worden waren. Dennoch bat er die Abgesandten, ihren Freunden zu sagen, daß die Zeit für einen Aufstand schlecht gewählt war. Ehe dieselben aber nach Hause kamen, brach der Aufstand am 18. September au». Zacharin Sto- janoff hatte da» Signal zum sofortigen Aufstande gegeben, weil er merkte, daß die Regierung gewarnt worden war. In Petersburg konnte man von der Revolution nicht überrascht sein, denn wie Koch mittheilt, ist c» Thatsache, daß der russische Generalconsul Jgelstroem und der russische Militär-Attache der entscheidenden Sitzung de» gcheimen Comite» in Dermeudere, wo der Zeitpunkt für den Ausbruch der Revolution festgesetzt wurde, und der Unterzeichnung de» Protokoll- persönlich angewohnt hatten und daß beide dem Fürsten wiederholt versichert haben, daß sie Bericht über Bericht über die nahe bevorstehende Revolution nach Petersburg gesandt hätten. Es wird sich also nicht leugnen lassen, daß diese Revolution nur deswegen die Billigung Rußland» nicht fand, weil sie bett Fürsten nicht wegfegte. Für den Fürsten war die Entscheidung nicht schwer. Er sah, daß da» ganze bulgarische Volk für die Vereinigung war, und fühlte, daß e» seine Pflicht al« bulgarischer Fürst sei, sich dem Rufe seines Volke» nicht zu entziehen. Er telegraphirte sofort an Rußland und bat den Kaiser, Bulgarien seinen Beistand nicht zu versagen. Der Verlauf der Revolution, der Krieg mit Serbien find in ihren Einzelheiten bekannt. Auch die weiteren Agitationen der russisch-bulgarischen Verschwörer, die schließlich zu dem Attentat vom 22. August 1886 führten, liegen noch nahe genug. Der Fürst machte sich über die Unsicherheit seiner Lage keine Illusion; an seine Schwester schrieb tt kurz vor Ausbruch der Revolution, sein Thron gleiche einer geladenen Dynamitbombe.
Interessant sind die Bemerkungen über die bekannte Rustschuker Depesche de» Fürsten an den Kaiser von Rußland: „Diese Depesche erschien in ihrem „unterwürfigen Tone" Vielen de» Fügten nicht würdig; sie nannten e» einen Abfall von der Idee. Der Fürst aber war nie antiruffisch; er wollte ein unabhängiges, selbstständiges, nach allen Seiten entwickelte« Bulgarien in engem Anschluß an Rußland schaffen: deßwegen hat er fast alle Schläge, die gegen ihn persönlich geführt waren, ruhig hingenommen in der Ueberzeugung, daß er nicht da« Recht habe, seine persönlichen Empfindungen und die seine« Lande« zu verwech- fein. Er hat deßhalb im Interesse seine« Lande» nicht nur einmal, nein, drei-, viermal den Kaiser um Versöhnung gebeten. „Ich habe mir bei allen meinen Schritten stet« vorgehalten, daß Rußland in erster Linie mich zum Fürsten diese« Lander gemacht und große, schwere Opfer für Bulgarien gebracht hat, und war daher der Ansicht, daß I
diese beiden, durch doppelte Bande des Blutes verbundenen Länder niemals sich trennen dürfen. Leider verlor ich da« Vertrauen de« Kaiser« von Rußland durch den falschen Schein, den die, wie ich glaubte, nothgedrungene Abwehr von Ueber- griffen untergeordneter Organe der russischen Regierung auf meine Regierungshandlungen warf. Wenn ich dabei unter schweren Kämpfen, in die ich durch diese Konflikte zwischen meiner Stellung im Lande selbst und derjenigen zu Rußland verwickelt wurde, die Grenzlinie, die ich hätte einhalten sollen, überschritten habe, so bin ich gern bereit, den Kaiser dafür um Verzeihuug zu bitten. Aber allerdings darf der Kaiser mich nicht zum Scheinregenten herabdrücken wollen in der Weise, daß andere an meiner Stelle regieren und ich mit meinem Namen und meiner Verantwortung ihre Handlungen dem Volke gegenüber vertreten müßte. Dann würde ich eine schwere Schädigung der monarchischen Würde und eine Verletzung der von mir meinem Volke gegenüber übernommenen Verpflichtungen sehen und bald in Gewissens- und Verfassungskonflikte gerathen, die meine Stellung im Lande unhaltbar machen würden."
Das war ausgesprochenermaßen die Stellung, die der Fürst zu Rußland einnahm und in allen Lagen festhielt. Daß der Ton dieses Telegrammetwas unterwürfig klingt, kann den nicht Wunder nehmen, der weiß, daß der Kaiser an den voraus- gehenden Schreiben des Fürsten die zu große Schärfe und Bestimmtheit de» Ausdruck» getadelt hat und sich dadurch vom Gedanken an Versöhnung mit dem Fürsten abgekehri hat. Nun glaubte aber der Fürst außerdem in dem Erscheinen de» russischen Konsul» bei seiner Wiederkunft ein Zeichen zu sehen, daß auch den Kaiser selbst ein menschliche» Rühren mit seinem Geschicke erfaßt habe — ein Jrrthum, den ihm gewiß Jeder verzeihen wird — und er ergriff mit der Dankbarkeit für da» kleinste Entgegenkommen, die seiner edlen Natur eigen ist, die dargebotene Hand. Wa» lag an ihm und seiner persönlichen Demüthigung, wenn nur da» Land die Freundschaft de» Zaren wieder gewann?
Am Schluß de» Buche» heißt e»: „Al» er (Fürst Alexander) sieben Jahre zuvor in voller Jugendschönheit in Varna zum ersten Mal seinen Fuß auf bulgarischen Boden setzte, jubelten ihm die Bulgaren Hoffnung! froh zu: jetzt war er zum Manne herangereist, und sie wußten jetzt, wa» sie an ihm hatten und konnten sich ihr Land ohne ihn nicht mehr denken. Und gerade jetzt sollten sie ihn verlieren? Darum trauerten sie um ihn wie um einen Vater. In Lompalanka, Widdin und Turnseverin waren die ©eenen de» Abschied- ergreifend. Alle» Volk schluchzte und weinte. Alder Zug, der den Fürsten entführte, sich in Bewegung setzte, da riefen die Anwesenden: „Es lebe der Held von Bulgarien! Es lebe der Held von Slivnitza! Auf Wiedersehen!"
Vermischtes.
* Ueber Br and stift ungen durch Kinder, insbesondere die durch Strafunmündige (unter 12 Jahren) in der Provinz Sachsen und in den Fürfienthümern Schwarzburg- Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und Reuß jüngere Linie, durch welche die Magdeburger Land-Feuer- Sozietät, die des Herzogthums Sachsen und die Provin- zial-Städte Feuer-Sozietät der Provinz Sachsen in den Jahren 1872 bis 1885 betroffen sind, haben die genannten Gesellschaften im vorigen Jahre (1886) eingehende Ermittelungen angestellt, deren Beachtung von erheblichem Interesse ist. Bei den genannten Gesellschaften sind in dem bezeichneten Zeüraum nicht weniger als 1030 durch Kinder verursachte Brandstiftungen zur Anzeige gebracht (950 durch Spielen mit Streichhölzern und 80 durch unvorsichtiges Umgehen mit Feuer und Licht), und
I zwar in solcher Zunahme, daß die Vermehrung der versicherten Gehöfte und Gebäude weit dahinter zurückbleibt. Am häufigsten kommen die Brandstiftungen durch Kinder auf dem platten Lande vor, wo die Bevölkerung zum großen Theile in Folge ihrer ErwerbSthätig- keit den Haupttheil des Tages von HauS abwesend ist, während die Kinder ohne Aufstcht zurückbleiben. Rur da stellt sich auf dem Lande das Verhältniß günstiger, wa Zuckerrübenbau getrieben wird, in dem die Kinder mit beschäftigt werden. Bezüglich deS Lebensalter» nimmt die Zahl der Brandstiftungen bis zur Schulpflichtigke it zu und danach erheblich ab--im Alter von 2
Jahren 25, im Alter von 5 Jahren 252, im Alter von 11 Jahren 31. Die Zahl der ibetheiligten Knaben ist fast zehnmal so groß als die der Mädchen. Wegen Vernachlässigung der Aufsicht find nur in 107 Fällen die Eltern bestraft worden, die Kinder wegen Fahrlässigkeit in 263 Fällen (168 durch die Eltern und 95 durch die Lehrer); zur Zwangserziehung find nur 25 Kinder übergeführt worden. Die Ahndung erscheint danach ungenügend und wird in diesem Mangel ein Grund der Zunahme gesehen. Der Hauptnachdruck wird mit Recht auf die vorbeugenden Maßregeln gelegt und als solche außer der Verwarnung der Kinder durch die Lehrer gefordert, daß von Seiten der Geistlichen und der Verwaltungsbehörden m den einzelnen Orten eine zweckmäßige, zeitweise Beauffich- tigung und Beschäftigung derjenigen Kinder eingerichtet wird, welche von ihren außerhalb beschäftigten Eltern allein zu Haus zurückgelaffen werden müssen.
* Der Prinzregent von Bayern gehört zu den schlichtesten Erscheinungen auf der Münchener Straße. In dem einfachen meist der Jägertracht sich anpaffenden Straßengewand, kann Niemand, der die Persönlichkett nicht kennt, den Träger so hoher Würden und schwerer Bürden erkennen. Da ereignen sich natürlich mancherlei köstliche Episoden. Jüngst sprach ein Soldat den Regenten an und fragte ihn nach dem Laden eines Bäckers. Dieser Tage ging der hohe Herr im bürgerlichen Anzuge wieder durch die Ludwigsstraße und hinter ihm ging der Oberst eines Infanterie-Regiments. Dieser bemerkt, daß ein des Weges kommender Soldat seines Regiments den Prinzregenten zwar ansah, aber nicht grüßte, weshalb der Oberst durch Handbewegungen bemerklich zu machen suchte, der Soldat solle Honneur machen. Der Soldat mißverstand aber diese Zeichen und hielt den Regenten mit den Worten an: „Sie bleibens ein Wenig stehen, der Herr Oberst möcht' Ihnen was s asgen!"
* Eine reizende kleine Uhland-Anekdote erzählt ein alter Tübinger in der .Frankfurter Zeitung': Eines Tages befanden sich Uhland und seine Gattin in einer größeren Gesellschaft. Im Laufe des Gesprächs ließ Uhland die Bemerkung fallen, jedeS Ding habe zwei Seiten. „ Das bestreite ich", ließ sich zu aller Ueberraschung Uhlands Frau vernehmen. „Nun, liebe Emilie, welches Ding kannst Du namhaft machen, daß nicht zwei Seiten hat?" fragte der Dichter. „Deine Briefe, lieber Mann," war die Antwort, was Uhland lachend zuzeben mußte.
(Umgekehrt) Herr (der einen Diener engagirt): „ . Eine Schwäche scheinen Sie mir doch zu haben
— ich meine: das Trinken!" — Diener: „O, da irren Sie sich, gnädiger Herr, — das ist gerade meine Stärke!"
Zeit ist Geld.
Zeit ist Geld, — das merke Dir! Nur geschäftlich komm' zu mir. Willst Du unterhalten sein, Stelle Dich deS Abends ein.
Zeit ist Geld. — Wenn nicht für Dich, So doch immer noch für mich.
Hast Du nun mal nichts zu thun. Zwing' nicht andere mitzuruh'n.
Zeit ist Geld. — Bedenke das! Tropfen leeren auch das Faß! Zehn Minuten weg des Tags, — Macht im Jahr? — Wer's kann, der sag's!
Dar unter der Direktion de» Herrn OttoTaub- mann in Wiesbaden bestehende Freuden- berg'sche Konservatorium für Musik eröffnet am 2. Mai a. c. seinen Sommerkursu«. Genannte« Institut bietet Interessenten durch vorzügliche Lehrkräfte (für Orchesterinstrumente die Kgl. Kammermusiker der Wiesbadener Hoftheater-Kapelle) die beste Ausbildung in allen Fächern der Musik und ist alle» Nähere au« dem in der heutigen Nummer unsere« Blatte« befindlichen Inserate zu ersehen. [712