M 85.
Sonnabend, den 16. April. .
1887.
.Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.
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Deutsches Reich.
Berlin, 15. April.
* Die Kronprinzlichen Herrschaften sind gestern Abend nach Bad Ems abgereist. Prinz und Prinzessin Wilhelm gaben denselben bis zum Bahnhof das Geleit.
* Während der Bundesrath heute seine erste Sitzung nach den Osterferien abhielt, nehmen der Reichstag und das preußische Abgeordnetenhaus ihre Verhandlungen am Dienstag wieder auf. Das Herrenhaus tritt am 27. ds. Mts. zusammen.
* Die .Post', welche in der letzten Zeit im Verein mit der .Konservativen Korrespondenz', dafür agitirt hatte, daß die nationale Majorität des Abgeordnetenhauses die vom Herrenhause be- schlosienen Aenderungen des kirchenpolitischen Gesetzes ablehnen und lediglich die Regierungsvorlage annehmen solle, bringt heute folgende auffällige Erklärung:
„Mit Bezug auf unsere neulichen kirchenpolitischen Ausführungen, welche im Hinblick auf die bevorstehenden Verhandlungen im Abgeordnetenhaus« wesentlich die dort bestehenden Anschauungen wiedergeben, sind wir in der Lage zu erklären, daß in einflußreichen Kreisen unserer Parteigenossen aus höheren politischen Gründen die Auf- rechterhaltung der Herrenhausbeschlüffe zur Erhaltung des vollen Friedens für nothwendig erachtet wird."
Diese Erklärung, sagt die ,Frkf. Zig/, läßt vermuthen, daß ein sehr Mächtiger der scheinbaren OppofitionSlust der Konservativen und Nationalliberalen gegen die Herrenhausbeschlüffe ein plötzliches Ende bereitet hat. Und die ,Germ.' bemerkt dazu: „Im Großen und Ganzen scheinen möglichst kräftige Hebel angesetzt zu werden, die unveränderte Annahme des Kirchen- gesetze« in der HerrenhauSfaffung zu erreichen. (Vergl. hiezu die Nachrichten aus Köln unter „Neueste Post" am Schluß ds. Bl.)
* Das neuerdings vielgenannte preußische Herren- Hausmitglied Frhr. v.Solemacher, bekanntlich einer von jenen adeligen Katholiken, welche während des „Kulturkampfes" kühl bis ins Herz hinein zuschauten, jetzt aber, nachdem das Centrum die Regierung zum Rückzüge gezwungen hat, dieses bei Seite schieben und selbst eine hervorragende Rolle spielen möchten, veröffentlicht eine Erklärung,
Im i|el der Sildndirdm.
Roman aus dem Englischen von E. Blackburn«.
21. Fortsetzung.
Sie sah ihn nicht an, al» sie diese Worte hart und mechanisch sprach. Dcffen ungeachtet schloß sie der entzückte Advokat mehreremal in seine Arme; aber es war etwas in ihrem Benehmen und in ihrem Tone, das ihn warnte, beffer nicht so frei zu sein.
„Ich danke Ihne», danke Ihnen tausendmal. Mein ganzes künftige» Leben soll Ihnen geweiht sein, um sie glücklich zu machen. Aber warum wollen Sie mich noch sechs Monate warten lassen?"
„Weil ich dieser Zeit bedarf, um mein altes Ich aufzugeben." sagte sie halb überdrüssig. „Aber sehen Sie, ist da nicht Jakob Drake?"
Eine Gestalt kam eilig den Pfad hinunter. Mr. Lynck fitzte seine Brille auf; es war Jakob. Schon war er der Oeffnung in der Hecke ganz nahe.
„Nun, Jakob, was gibt»?"
„Ah, da find Cie, Sir. Ihr Diener, Miß O'Donnel," fuhr er fort, indem er feine Stirne mit seinem Haken berührte. „Mr. Dillon in Newtown ist sehr krank, Sir, und er sandte nach Ihnen, damit Sie sein Testament aufnehmen
wonach er denFrhrn. o.Schorlemer-Metter- nich wegen einer angeblich politischen Beleidigung (es handelt sich um den Antrag Solemacher, betreffend die Demonstration des preußischen Herrenhauses gegen den Reichstag durch eine Adresse an den Kaiser) zweimal, einmal halboffiziell, einmal offiziell auf Pistolen habe fordern lassen. Frhr. v. Schorlemer hat das Duell aus religiösen Gründen (die kath. Kirche verbietet das Duell unter der Strafe der Exkommunikation) abgelehnt. Hr. v. Solemacher mag an sich thun, was ihm gefällt, wenn er sich aber an Papst und Bischöfe herandrängt, kann er nicht zu gleicher Zeit den elementarsten religiösen Verpflichtungen zuwiderhandeln.
* Die Einnahme an Wechselstempelsteuer im deutschen Reiche belief sich im abgelaufenen Etatsjahre 1886/87 auf 6,576,545 Mk., d. i. 51,518 Mk. weniger als im Etatjahre 1885/86. Der Oberpostdirektionsbezirk Berlin hat eine Mehreinnahme von circa 63,000, das Königreich Bayern eine solche von 20,500 aufzuweisen. Größere Mindereinnahmen haben namentlich die Oberpostdinktionsbezirke Danzig, Bremen, Arns- berg, Königsberg.
* Vor dem Landgericht zu Posen hat heute der Prozeß gegen die Sozialisten Janiszarrki und Genoßen wegen Verbreitung verbotener sozialistischer Schriften und sozialistischer Geheim- bundelei begonnen. Angeklagt find 23 Personen, die meist in jugendlichem Alter stehen. Die Verhandlung findet unter Ausschluß der Oeffentlich- lichkeit statt.
* Kulm, a. W., 13. April. Der Gymnasiallehrer Bor zuckt ist „im Interesse be* Dienstes" von hier nach Hersfeld in H.ssen-Nassau versetzt worden.
* Aus dem für 1886 erstatteten Jahresbericht der bayerischen Fabrikinspektoren geht hervor, daß die Neigung, an Stelle der männlichen Arbeiter weibliche und jugendliche zu beschäftigen, nicht ab-, sondern zugenommen hat. ES wird damit aufs Neue der Beweis erbracht, wie dringend nothwendig die Inangriffnahme der Arbeiterschutzgesetzgebung ist, welcher unsere parlamentarischen Fraktionen mit Ausnahme des CentrumS und der Konservativen so sehr widerstreben.
sollen. Ich wußte, daß Sie nach Schloß Garret gegangen waren und kam sofort hierher."
„Gut, Jakob. Mach' mein Pferd fertig und führe es den Thorweg hinunter."
„Ja, Sir. Guten Abend, Miß," und er wandte sich schon zum Gehen, als sein Herr sagte:
„Komm noch einmal zurück, Jakob." Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er: „Jakob, ich stelle Dir hier Deine künftige Gebieterin vor. Miß O'Donnel wird nächsten» meine Frau werden."
Jakob starrte bald den einen, bald den andern an, al» ob er seine Sinne verloren hätte. Doch ermannte er sich bald wieder und sagte:
„Ich gratulire Ihnen besten» und wünsche Ihnen viel Glück und ein lange» Leben. Sie können in Wahrheit stolz sein, Sir, das hübscheste Mädchen der ganzen Gegend als Gattin heimführen zu dürfen."
„Ich danke Ihnen, Jakob," war Alles, was Nuala sagte und dabei flammten ihre Augen wie eine böse Vorbedeutung.
Sobald sich Jakob so weit entfernt hatte, daß er ihre Worte mcht mehr verstand, sagte sie: „Ich wünschte, Sie hätten da» nicht gethan. Sie müssen ja erst noch die Einwilligung meines Vaters zu erlangen suchen."
Ausland.
• lieber die Audienz des Ministers v. Putt- kamer beim hl. Vater in R o m meldet der ,H. C.': „Der zukünftige Schwiegersohn des Ministers von Puttkainer, Herr v. Chelius, ein Husaren-Ofsizkr, Adjutant de« Prinzen Wilhelm, ist katholischen Glaubens und hat vom Papste durch Herrn von Schlözer eine Audienz bewilligt erhalten, welcher auch Herr v. Puttkamer angewohnt hat."
* Aus Petersburg wird gemeldet, daß die von dem Czaren für den Minister des Auswärtigen Herrn von Giers beschlossene Auszeichnung (Großkrenz des Wladimir - Ordens) von einem Kaiserlichen Handschreiben begleitet sein werde, worin der Czar seine Zustimmung zu der von Gier« befolgten Politik ausdrückt und dieselbe als mit seinen Absichten und Gefühlen übereinstimmend bezeichnet. Dieser Nachricht wird allgemein eine friedliche Bedeutung beigemessen.
Ans Stadt, Provinz nnd Nachbargebiet.)
Fulda, 16. April.
-7- In Folge eines verhängnißoollen Fehltritte» hatte die 67jährige Wittwe Anna Bolst, Ehefrau des verlebten Maurers Balthasar Bolst, gestern Abend gegen 1/2 9 Uhr das Unglück, von der Treppe des von ihr in der Sackgasse bewohnten Wohnhauses Nr. 283 herabzustürzen. Nachdem man die Bedauernswerthe auf ihr Zimmer gebracht, erlag sie eine halbe Stunde darauf den wahrscheinlich mehr inneren al» äußeren Verletzungen.
* Herr O. Lamborg au» Wien hat sich mit seiner ersten musikalisch - humoristischen Soiröe im Pult'schen Saale recht glücklich hier cingesührt und das Publikum gründlich erheitert. Allen Theilnehmern war es offenbar eine sehr erwünschte Abwechselung, einmal statt ernsthafter Conzerte nur Lustige», scherzhafte Klavierstücke, Gesänge und Deklamationen zu hören. Recht amüsant war es, wie Herr Lamborg Mufikübungen aller Art knitterte. Viele der Typen, z. B. der stümpernde Klavieranfänger, die eitle Gouvernante, der heisere Tenorist rc. reizten unwiderstehlich zum Lachen. Erstaunlich schnell improvisierte der Vortragende nach einer ihm vom Publikum vorge-
„Seren bin ich sicher," erwiderte er ruhig. „Ich muß Sie nun verlassen, meine Liebste."
Nualas Augenbraunen zogen sich zusammen und der Advokat sah da».
„Doch bevor ich gehe," fuhr er fort, „wird es gut sein, Ihnen dieses zurückzulass n."
Er zog sein Notizbuch au» der Tasche und schrieb in einer gleichgültigen, geschäftsmäßigen Weise einen Wechsel.
„Ich danke Ihnen. Ich wollte Sie schon darum bitten," antwortete sie, wie gewöhnlich unbekannt mit der Art und Weise, wie ihres Vaters Geld- angelegenheiten geleitet wurden.
„Nun gut, hier ist ein Wechselformular, da« Sie selbst ausfüllen können. Nehmen Sie die Summe so hoch, wie Sie wollen. Sie wissen, daß Sie c« von jetzt ab, an nicht« mehr brauchen fehlen zu lassen.
Jakob erschien am Thore mit dem Pferde be« Abvokaten und so war er jgezwungen, weg zu reiten, ohne seiner Braut ein zärtlicheres Lebewohl sagen zu können.
20. Kapitel.
Ein Brief für Miß Nuala.
G.schäftsangelegenheiten zwingen Gustav Lynch, für einige Tage nach Dublin zu reifen, so daß Nuala für diese Zeit »on seiner Gegenwart befrei t