Im Wl der Silbrrdirkcii.
Roman aus dem Englischen von E. Blackburne.
19. Fortsetzung.
Er streichelte bei diesen Worten seinen langen braunen Bart. Seine Augen streiften das Mädchen und blieben auf dessen erregtem, glühenden Gestchte haften.
„Sie find sehr gut." Weiter wußte Nuala augenblicklich nicht« zu sagen.
„Wenn ich nun aber nicht strenger vorgehen will, so kann ich wohl verlangen, daß Sie den Hund erschießen lassen."
Noch immer sah er da» Mädchen unverwandt an, er bemerkte, wie der erregte, unentschloffene Ausdruck ihres Gesichtes verschwand und ärgerlichem Trotz Platz machte.
„WaS l" rief sie, indem sie aufstand und sich ihm gegenüberstellte, „ich sollte meinen Hund erschießen lassen? Das wollen Sie ein freundschaftliches Uebereinkommen nennen! Ich werde niemals erlauben, daß mein Hund erschossen wird. Verklagen Sie meinen Vater und verklagen Sie mich, wenn Sie wollen. Das ist nun einmal Thatsache, daß ihr Engländer an nichts denkt, als an Geld."
„Ich danke Ihnen, daß Sie mir so unverhohlen ihre Meinung sagen, Miß O'Donnel," sagte er aufstehmd. „Für den Augenblick lassen wir die Sache am besten ruhen. Doch bitte, lassen Sie den Hund anschließen."
„Ich — ich bitte um Verzeihung," stammelte sie; denn all' ihr Selbstvertrauen und ihr Stolz schwanden bei seinem maßvollen, höflichen Tone. „Ja, ich will den Hund anschließen lassen."
„Dann ist die Sache abgemacht." Ein vergnügtes Lächeln glitt über sein gutmüthigcs Gesicht und er machte eine Bewegung, zu gehen.
„Leben Sie wohl," sagte sie, ihm die Hand reichend, „ich danke Ihnen."
„Für was?"
"Weil Sie sagten, Sie würden Spot nicht erschossen haben."
„Das habe ich nicht gesagt. Leben Sie wohl, Miß O'Donnel, und vergessen Sie nicht, den Hund festlegen zu lassen."
Sie sah ihm nach, während er über den Grasplatz schritt; und obgleich sie ihn für den gut« müthigsten Edelmann hielt, den sie je gesehen, so war doch etwa« in seinem Wesen, was sie in Verwirrung brachte, und sie legte sich selbst die Frage i vor: „Was meint er?"
18. Kapitel.
Vergleichungen.
Gewohnt, nur wohl einexsrzirte, wohl beobachtete, modern gekleidete junge Mädchen zu sehen, war Robert Thurgood durch das Seltsame in Nuala O'Donnel's Kleidung, Manieren und Erscheinung, sowie durch die besonderen Verhältnisse, in welche sie gestellt war, nicht wenig überrascht. Der Gedanke, daß ein junges Mädchen gleich Nuala ein Geschäft mit ihm, dem reichen Gutsbesitzer und Eigenthümer von Glinwei hatte, bot zuerst einen Reiz für ihn; aber al» er länger darüber nach- dachte, mußte er über da» ganze Geschäft lachen. Er hatte wenig Sinn für Humor und gewiß noch weniger Romantik in seiner Natur. Aus zweierlei Gründen war er höflich und aufmerksam gegen Nuala: ersten» weil sie eine Dame war und somit einen Anspruch auf Höflichkeit hatte, und zweitens weil sie nach seinen sächsischen Anschauungen nicht die geeignete Person war, mit der sich ein Geschäft abschließen ließ.
Also beschloß er zu warten bis zur Rückkehr von Garret O'Donnel. Ec hatte so wenig gesagt, weil er das einsame Mädchen nicht traurig machen wollte. Er glaubte ein halb dankbares Aufleuchten ihrer herrlichen Augen bemerkt zu haben, nachdem
1887.
Donnerstag, den 14. April.
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und Verfassungszustände er längere Zeit hindurch vertrat. Nach der Rückkehr habilitirte sich Katkoff als Docent der griechischen und lateinischen Sprache an der Moskauer Universität, wo er bald zum Professor aufrückte. Später zog er sich ins Privatleben zurück, um während der Dauer der letzten Regierungsjahre des Kaisers Nikolaus jeder Berührung mit der Ocffentlichkeit zu entsagen. Erst nachdem der Regierungswechsel vom Februar 1855 eingetreten, das in der Krim besiegte alte System bankerott geworden und durch die Reformverheißungen Alexander II. ein neues Zeitalter eröffnet worden war, glaubte Katkoff seine Zeit gekommen. Gemeinsam mit seinem Freunde Leontjew begründete er die noch gegenwärtig bestehende Zeitschrift ,Russki Westnik'. Den damals Mode gewordenen Wettlauf um die Palme größter demokratischer Entschiedenheit verschmähten die Herren Katkoff und Leontjew — die Reinheit ihrer liberalen Gesinnung wurde indessen durch die Mannhaftigkeit bezeugt, mit welcher sie gegen das alte System, für Aufhebung der Leibeigenschaft, für Reform der Justiz, für eine auf klassischer Grundlage ruhende Umgestaltung des Unterrichtswesens, für Beschränkung der Polizeiwillkür, insbesondere aber für Begründung eines aristokratischen ©elf» governements nach englischem Muster eintraten. Im Dezember 1862 pachteten die Herausgeber des .Russli Westnik' die Redaktion der im Eigen- thume der Moskauer Hochschule befindlichen ,Mos- kowskja Wjedomosti' (Moskauer Zeitung). Katkoff war immer ein wüthiger Polenhasser und den Panslavismus begriff er mit Rücksicht auf die griechisch-orthodoxen Slaven. Dementsprechend ließ er sich auch niemals etwas von der Ebenbürtigkeit der slavischen Völkerstämme einreden und gebrauchte gelegentlich solcher Diskussionen stets die Phrase: „die Slaven brauchen noch eine Bonne" — und diese Bonne kann nach den Anschauungen Katkoff's, wie aller Russen, natürlich nur Rußland sein. Seit der Thronbesteigung Alexanders III., der als besonderer Bewunderer Katkoffs gilt, hat sich sein Blatt dadurch Ansehen zu verschaffen gewußt, daß es sich als das eigentliche Sprachrohr des Zaren gerirte. Dazu schien Katkoff manche Berechtigung zu haben. Hat Zar Alexander III. doch seit seiner Thronbesteigung es an vielen Beweisen seiner Hochachtung für ihn nicht fehlen
* Professor Katkoff,
der Widersacher des Herrn von Giers, ist gegenwärtig einer der einflußreichsten Männer in Rußland. Er gilt als der Träger des Stockruffen- thumS und des Panslavismus. Seine Ansicht geht dahin, daß Rußland die Polen ausrotte, die anderen slavischen Völker sich unterwerfe, alle Gewissen in die russische Staatskirche und alle Zungen in die russische Sprache hineinzwänge und ein Regiment des zarischen Absolutismus über diese Völker errichte. Herr v. Giers ist anders gesinnt. Ec will Rußland vor dem Krieg bewahren, der die Folge solcher Pläne wäre, er sucht Rußlands Entwicklung eher in einem Anschluß an das Abendland als im feindlichen Gegensatz zu demselben. Der Zar schwankt haltlos zwischen Beiden hin und her, Katkoff's Absolutismus sagt seiner Despotennatur wohl zu, aber die Erfahrungen im letzten türkischen Kriege lassen ihn vor Abenteuern zurückschrecken und die Attentate der Nihilisten mahnen ihn immer wieder daran, daß ein Volk doch nicht stets nach altrussischem Muster wie eine Heerde Sklaven behandelt werden kann. Bei der Bedeutung, die Katkoff im heutigen Rußland einnimmt, möge hier eine kurze Schilderung dieses Mannes folgen.
Katkoff steht heute im 66. Leben fahre. Sein Vater war „Panamar", nämlich Meßner in der Moskauer Uspenkischen Kathedrale, wo die Zaren gekrönt werden. Der junge Katkoff wurde auch ‘ darum von seinen Schulgenossen spottweise immer Panamarowitsch genannt. Der damalige Metropolit Philarethes wurde auf den talentvollen Knaben aufmerksam und sorgte für seine Erziehung und Ausbildung bis über die Universitätsstudien hinaus. Als eifriger Schüler deutscher, insbesondere Schelling'scher Philosophie bezog Katkoff zu Anfang der 40er Jahre die Berliner Hochschule, an welcher zahlreiche, freisinnige Russen studiren. Diesen Männern galt Katkoff als strebsamer, durch Fleiß und Besonnenheit hervorragender Gesinnungsgenosse, dessen aufrichtige Hingabe an die Ideen des Liberalismus über allen Zweifel erhaben sei, eine Meinung, die allein von Iwan Turgenj ff nicht getheilt wurde, der diesen Jugendbekannten für ehrgeizig und maßlos hochmüthig hielt. Von Berlin ging Katkoff nach England, dessen Rechts
lassen. Schon am 4. Februar 1882 ernannte er Katkoff zum Geh. Rath und zwar mit Ueber- gehung des Ranges eine» wirklichen Staatsrathes, so daß in der Ernennung eine ganz besondere Auszeichnung lag. Alle Augenblicke wurde, der „Geheimerath nach Petersburg berufen, um dem Zaren mit seinem Rathe beizustehen. Und daß dieser Rath von Alexander III. wohl gewürdigt wurde, bewies die erneute Auszeichnung, welche Katkoff im September 1886 durch die Verleihung des Wladimir-Ordens 2. Klasse zu Theil wurde. Der Zar begleitete die Verleihung mit den Worten, daß sie geschehe „für seine fruchtbringende Thätig- keit auf pädagogischem Gebiete und für seinen jahrelangen, unermüdlichen Eifer, klares Ver- ständniß für die wahren Grundlagen des russischen Staatslebens im Publikum zu befestigen." Nach dem Tode des Kaisers Alexanders II. stand Katkoff an der Spitze der Partei, die die von demselben beabsichtigte Einberufung eines Ausschusses der Provinzial-Landschaftsversammlungen verhinderte und die Entlassung der Minister Loris« Melikoff, Abasa und Miljutin und die Befolgung eines reaktionär-absolutistischen Systems durchsetzte. Katkoff ist ein Vollblut-Reaktionär geworden, der nichts verehrt, al» den Absolutismus der russischen Selbstherrscher, und der vor einigen Jahren in seinem Blatte erklärt hat, daß „das russische Volk in seinem Zaren seine eigene von Gott verliehene Kraft, seine Personifizirung erkennt", und daß dieses Volk „alle aus dem Abendlande kommenden negativen Größen -her Civilisation, diese Denker ohne Verstand, diese Gelehrten ohne Wissenschaft, diese Politiker ohne Nationalität und Anhänger jeglicher Lüge auf das Tiefste hasse." Das ist handgreiflicher und unheilbarer Fanatismus; je höher der Einfluß dieses verstockten Mannes steigt, desto schlimmer steht es um die Zukunst Rußlands, die nur denkbar ist, wenn sich da« Zarenreich entschließt, ein europäischer Staat zu werden und zu bleiben. ____________________________________
Deutsches Reich.
Berlin, 13. April.
* Der Kaiser hatte vorgestern Nachmittag eine längere Konferenz mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck. Fürst Bismarck, der gestern
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