Sonnabend, den 9. April.
1887.
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Zweites Blatt.
Ostermorgen.*)
i.
Ostermorgen auf der Haide, In dem Hage Ostermorgen, Blumen dort im Festlagskleide, Hier magst Du den Vögeln horchen!
O das ist ein Blüh'» und Singen, O das ist ein Festfrohlocken, Und dazu ein süßes Klingen Ueberall von Osterglocken!
So vom Kirchlein, so vom Dome Regen sie die Festtagsschwingen;
Hier vom Berge, dort vom Strome Wollen Osterlieder klingen.
Ostermorgen in dem Herzen Latz auch Deine Glocken klingen,' Deine Blumen blüh'n wie Kerzen, Deine Vögel festlich fingen!
II.
Nach den dichten Winterflocken Warmer, gold'ner Sonnenschein, Lerchen hoch im Blau frohlocken Und die Glocken läuten drein.
Grün an Hecken, an den Bäumen Webet wundersame Pracht, Wie in sel'gen Himmelsträumen Auf die Welt zum Himmel lacht.
Jubelt Lerchen nur und Glocken: Wie nach Nacht der Morgenstern,
Wie der Lenz nach Sturm und Flocken Stieg empor der Leib des Herrn.
Tod und Grab mocht' ihn nicht hallen, Der das Leben selber ist, Der in heil'gem Liebeswalten Uns erlöst, der hehre Christ!
Neues Leben ist gekommen. Seit fein Tod den Tod besiegt;
Westen Brust ist noch beklommen, Da der Feind zu Boden liegt?
Wundersame Blumen blühen, Seit der Gärtner auferstand;
Wundersame Lichter glühen Ueber alles weite Land.
Jubelt Lerchen nur und Glocken, Heut' ist ja der Tag des Herrn!
Himmlich-österlich Frohlocken
Waltet nahe, waltet fern;
Denn ein wonnigliches Ahnen Muß durch alle Herzen geh'n, Ist für Leid und Streit das Mahnen: Nach dem Tod kommt Aufersteh'nl
*) Nachdruck nicht gestattet.
*** Anferstanden.
Novellete von Wilhelm Koch.
(Schluß.)
Frau Schön hatte vergebens die Rückkehr ihres Mannes erwartet, als aber der Abend hereinbrach, befiel sie eine wilde Angst, Sie sagte sich zwar filbst, daß es Thorheit sei, Träumen Glauben zu schenken, und doch Konnte sie sich das Gefühl nicht erwehren, ihrem Hause drohe schweres Unheil. Ihr Mann war zwar schon öfter weit über die angegebene Zeit, selbst schon über Nacht ausge- blieben, da der Dienst in dem weiten Revier dies manchmal so mit sich brachte, aber nie hatte Frau Schön dieserhalb eine solche Unruhe empfunden, wie heute. Der Charsreitag war e'n richtiger Leidensfreitag für sie geworden, und als die Uhr immer weiter rückte, ohne daß das freudige Gebell des Hundes die Rückkehr ihres Mannes ankündigte, da wurde es ihr immer banger zu Muthe, und den Augen entstürzte ein heißer Thränenqucll. „Mein Gott, wenn ihm nur kein Unglück zuge- stoßen ist!" jammerte sie. Die siebzehnjährige Tochter suchte die Mutter zu trösten und sich selbst Trost einzusprechen. „Ist der Vater nicht schon oftmals spät am Abend, in der Nacht und selbst
am andern Morgen heimgekehrt? Fürchte nicht gleich das Schlimmste. Ec kennt ja jede Stelle im Walde und die Wilderer hier in der Gegend find feige Menschen, die es auf einen Kampf mit dem schußsichern Vater gewiß nicht ankommen laffen". Lina schlang ihre Arme um den Hals der Mutter und streichelte die thränenfeuchten Wangen. „Kind, — es gibt Ahnungen, man mag darüber spotten, soviel man will, und mir ahnt Böses."
Die Thür ging auf, und der Sohn, ein hochgewachsener junger Mann von zwei und zwanzig Jahren, trat in's Zimmer. „Was gibt's denn? Mutter, Du weinst? Wo ist der Vater?"
„Eben drum weint die Mutter," versetzte die Schwester; „der Vater wollte um Mittag schon zurück sein."
„Ah bah, ein Forstmann kann sich an die Stunde nicht binden; beruhige Dich, liebe Mutter. Der Vater sitzt wahrscheinlich im Kasino zu T. und trinkt seinen Schoppen, ich werde ihn aufsuchen."
Robert war Offizier in einem Garde-Regiment und befand sich des Osterfestes wegen bei seinen Eltern auf Besuch. Er ging, kehrte aber in der Nacht mit der Nachricht zurück, daß er den Vater nicht angetroffen habe. „Ist wohl drüben in der Kreisstadt beim Forstmeister eingekehrt; es wäre ja nicht das erste Mal, und die dienstlichen An- gelegenheiten erledigen sich am besten bei einem Glase Wein."
Alle diese Möglichkeiten hatte Frau Schön auch schon erwogen, aber sie fand keinen Trost und keine Beruhigung darin; in der Nacht schloß sie kein Auge. Als aber auch am folgenden Morgen der Mann nicht zurückkehrte, da stand es bei ihr fest: es ist ein Unglück passirt, — selbst Robert ward von einer grenzenlosen Angst befallen, und begleitet von einigen Förstern, Knechten und Hunden eilte er dem Hochwalde zu, — leider wußte Niemand anzugeben, welche Richtung der Vermißte eingeschlagen.--
Der dritte Morgen war angebrochen, seit der unglückliche Oberförster sich in der Felsspalte befand, — es mußte nach seiner Berechnung Ostern sein. Ostern, —Auferstehung, — und er in dem schauerlichen Grabe! Würde es für ihn eine Auferstehung geben? Er verzweifelte daran, denn wenn man auch Nachforschungen anstellte, — an die Steinwildniß der „grauen Wand" dachte man schwerlich. Die Kraft und der Muth des Mannes waren gebrochen, sein ganzer Körper gelähmt, und zeitweise hatte es sich auch wie ein Schleier um seinen Geist gelegt. Die freischwebenden Beine hingen wie Bleigewichte an dem Körper, die Hüftknochen, die in den Felsentrichter eingezwängt waren, brannten wie Feuer, und der Kopf brannte auch, trotzdem der Körper vor Kälte und Nässe fast erstarrt war. Kein menschlicher Laut war in den 44 langen bangen Stunden hörbar geworden, kein Schlaf hatte die müden Lider geschloffen, und die Stimme hatte fast ihren Dienst versagt. Aber eine merkwürdige Aenderung hatte sich seit Freitag in dem Innern des Mannes vollzogen: er, der seit Jahren keine Kirche mehr besucht und die Religion als eine „nützliche Erfindung zur Bändigung der Volksmaffen" betrachtet hatte, hatte wieder beten gelernt! Er hatte den allmächtigen Gott, an dessen Dasein er gezweifelt, um Hilfe und Rettung angefleht und gelobt, ein Anderer zu werden, wenn der Steintrichtrr nicht sein Grab werden sollte. In der FinsteWiß der Felsspalte war ihm das Licht des Glaubens aufgegangen; er hatte eine ernste Gswiffenserforschung angestellt und nicht stolz gegrübelt, sondern demüthig gebetet. Steckte der Leib auch noch im dunklen Schachte, — die Seele, der Geist des Mannes hatte eine Auferstehung gefeiert, die ihn, so traurig
und trostlos seine Lage auch war, beglückte und beseligte. „Herr des Himmels," flehte er, „ich habe an Dir gefrevelt, — rechne es mir armen Erdenwurm nicht an! Ich, ein Sandkorn, gegenüber dem Allgewaltigen und Ewigen, verzeihe dem Reuigen I"
Horch, war das nicht Hundegebell, nicht die Stimme seiner Diana? Schön nahm seine letzte Kraft zusammen, stieß einen Pfiff aus und rief den Namen des Thieres. Das Gebell kam näher, es verwandelte sich in lautes, anhaltendes Gekleff, — Diana stand schnuppernd und bellend neben der Leiche des Karo, den Kopf über die Felsspalte reckend. „Gott, ich danke Dir!" jubelte Schön, rief nochmals dem Hunde zu, und dieser winselte vor Freude und sprang mit mächtigem Satze über die Spalte hinweg. Zehn Minuten später, — eine Ewigkeit für den von neuer Hoffnung belebten Harrenden, wurden menschliche Stimmen laut, und Robert, sein Sohn, rief laut den süßen Namen „Vater!" Eine schwache Stimme antwortete aus der Tiefe.
„Gottlob, gefunden, — endlich!" jauchzte der Sohn; „hierher, Leute, — mein armer Vater ist in die Spalte gestürzt, und hier liegt Karo er- schoflen. . . . Lebst Du noch Vater? Ich bringe Hilfe, Rettung!"
Das war freilich schneller gesagt, als gethan, denn hinabsteigen in den Felsentrichter konnte Niemand, und er blieb nichts anderes übrig, als in den nächsten Ort zu eilen und ein langes Seil zu besorgen. Ein flinker Jägerbursche stürzte davon. „Auch eine Flasche Rothwein!" rief ihm der Offizier nach.
Robert kniete am Rande des Abgrunde» und sprach seinem Vater Trost zu. „In einer Stunde kann der Mann zurück sein, Vater. Wie haben wir uns um Dich geängstigt I Die Mutter ist halbtodt vor Aufregung und Leid. Seit gestern früh bin ich auf der Suche, auch die Nacht durch, mit Fackeln und Laternen. Aber gottlob, daß wir Dich endlich gefunden! Was mußt Du in der langen Zeit gelitten haben! Hast Du auch die Kraft und die freie Bewegung der Hände, um Dir das Seil um den Leib binden zu können?" ... Ein schmerzliches Stöhnen antwortete au« der Tiefe.
Auch diese qualvolle Stunde ging zu Ende — der Bursche kehrte schweißgebadet zurück, das Seil und eine Flasche tragend. Ersteres wurde mit einem Steine beschwert, in die Tiefe hinabgelaflen, und fünf Minuten später tönte der schwache Ruf herauf: „Zieht!" — Ein harter Ruck, der Körper schwebte frei zwischen den Felswänden, und bald nachher konnte Robert feinen Vater in seine Arme nehmen. Der junge Mann zitterte, und Helle Thränen perlten auf seinen Wangen. „Vater!" schluchzte er, „welch' ein Ostermorgen!"
„Alleluja!" stammelte der Oberförster, in den Armen seines Sohnes zusammenbrechend.
Aber war diese hinfällige Gestalt wirklich der . stattliche, kraftstrotzende Mann, der am Charsreitag sein Hau- verlaffen hatte? Das Gesicht war marmorbleich, das Haar plötzlich ergraut, die Augen blickten starr unv gläsern, und die Hände bluteten.
„Alleluja, Robert!"
Stehen konnte Schön nicht, die Beine versagten den Dienst, und auch der Wein belebte nur wenig die erschlafften Lebensgeister. Aus Baumzweigen wurde schleunigst eine Tragbahre hergestellt, der Gerettete darauf gebettet, und die warme goldene Sonne des Ostermorgens verklärte das blaffe Gesicht des Leidenden, welcher heute eine doppelte Auferstehung feierte. Er war nicht nur dem Grabesrande der Steinschlucht entstiegen, er hatte angesichts des Todes auch seinen Glauben an Gott und Ewigkeit wiedergefunden. — Alleluja!"