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M 79.

Donnerstag, den 7. April.

1887.

Lfilher W 3ritaxg.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenkeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Zweites Blatt.

Charfreitag.

Hoch am Kreuze hängt der Heiland; Todesschmerz durchzuckt die Glieder; In den Hohn der grimmen Feinde Schallt des Dulders Stimme nieder:

O vergib, geliebter Vater, Allen, die mich quälen, höhnen I Straf' im Zorne nicht die Blinden! Laß dich durch mein Blut versöhnen!

Wunderbarer Gotteslehrer, Selbst die Feinde lehrst du lieben, Hast als Testament im Tode Uns dies Wort in's Herz geschrieben: „Auch die Feinde sollt ihr lieben," „Alles Unrecht schnell vergeben," „Gute That für böse spenden:" „Das verhilft zum cw'gen Leben!" Feindesliebe, Himmelstochter, Freundin auserwählter Seelen, Mögst du mir und all den Meinen Jetzt und einst im Tod nicht fehlen! (Cbl.Vztg.)

*** Auferstanden.

Rovellete von Wilhelm Koch.

(Nachdruck verboten.)

„Glaubst Du an Träume, Friedrich?"

„Dummer Zeug, Frau! Träume sind Schäume, Gebilde der Phantasie, Eindrücke, welche das Ge­hirn im Zustande des Schlummers in die selt­samsten Gestalten kleidet."

„Magst Recht haben; aber die beängstigenden Träume der Nacht, — der Inhalt derselben ist verworren und mir kaum noch erinnerlich — lasten wie ein dumpfer Druck auf mir."

„Träume kommen aus dem Magen; die dicken Fastenknödeln von gestern Abend tragen die Schuld . . . dumpfer Druck, — Unsinn; vor dem hellen Sonnenlichte verschwinden die Gespenster der Nacht."

„Und doch kann ich mich einer gewissen Angst nicht erwehren. Du solltest heute, am stillen Char- freitag, nicht in den Wald gehen."

Der Mann lachte. „Gerade heute, wo die Wild- frevler freie« Spiel zu haben glauben, muß ich ine Revier. Die Burschen treiben es zu toll; gestern Abend noch meldete mir der Förster Schnell, daß wieder ein stattlicher Hirsch den Dieben zur Beute gefallen. Adieu, Anna; gegen Mittag bin ich zurück."

Der Oberförster Friedrich Schön, ein kräftig gebauter Mann von etwa fünfzig Jahren, warf mit diesen Worten die Doppelstinte über die Schulter, pfiff seinem Hunde und schritt voran.

Es war ein herrlicher Frühlingsmorgen, einer jener sonnigen Tage, welche uns den rauhen Winter mit seinem Eis und Schnee, seinen Stür­men und Nebeln schnell vergessen lassen. Und der Winter war nicht nur ein strenger gewesen, son­dern er hatte seine Herrschaft auch mit einer Hart­näckigkeit behauptet, daß selbst gegen Ende des Monats März die Teiche und Bäche sich mit Eis­krusten überzogen und eine dichte Schneedecke Feld und Wald eingehüllt hatte. Jetzt aber war vor der siegenden Kraft der Sonne das aus Flocken gewebte Leichentuch geschmolzen, die Eiszapfen an den Dachfirsten waren gleich schweren Thränen tropfenweise zur Erde gefallen, und die entfesselten Bächlein kollerten und hüpften geschwätzig von Berg zu Thal. Wie mit einem Zauberschlage hatte die Natur sich verwandelt; vom blauen Himmel lachte die Sonne, die Fluren hatten sich mit dem ersten saftigen Grün geschmückt, und die Wiesenteppiche waren mit tausend bunten Blüm­chen durchstickt. Das allmächtige „Werde" der Schöpfers hatte Alles zu neuem Leben wachgerufcn.

Der Oberförster schritt den Hochwald hinan, und der schnuppernde Hund jagte in wilden Sätzen voraus. Das keimende Buschwerk zu beiden Seiten des Weges war mit braunen Knospenaugen und lichtgrünen Blättchen übersäet, während die hoch­stämmigen Buchen noch blattlos dastanden. Der goldene Feuerball der Sonne durchfluthete den Wald mit warmem Hauche, Leben weckend, Leben spendend, und die schlanken, weißen Stämme der Bäume, die zur unteren Hälfte mit einem dia­mantfunkelnden Moospolster umhüllt waren, glichen brennenden Riesenkerzen. Ueberall lebte, summte und schwirrte es; die Vöglein zwitscherten auf schwankenden Zweigen ihr Morgenlied und der Kukuk ließ seinen eintönigen Ruf erschallen.

„Das ist Poesie" murmelte Schön, „die Poesie des Frühlings, die schon vor Jahrtausenden die Menschen entzückte, zu Liedern und Gedichten be­geisterte und die Menschenherzen wachrufen wird, so oft in der fernsten Zukunft sich die Verjüngung der Natur wiederholt. Ist aber dies s sogenannte Wunder, dieses Erwachen und Aufleben der Natur, e!was mehr, als ein nothwendiger Wechselprozeß? Darf man ihn, wie die fromme Einfalt es zu thun beliebt, auch auf den Menschen übertragen? Gewiß, cs liegt ein unendlicher Trost in dem Ge­danken, daß wir nach diesem Leben voller Sorge, Enttäuschungen und Schmerzen zu einem neuen Leben auferwachen, das ungetrübt in die Ewig­keit sortdauert. Es schmeichelt der menschlichen Eigenliebe, daß der Körper nur die verwesliche Hülle eines unverweslichen Kernes sei, der in alle Ewigkeit fortleben, — aber ich glaube nicht daran, Auferstehen? ... Ja, wir stehen insofern auf, als unser Körper in seine Urstoffe zerfällt und neue Formen annehmen wird; aber wird auch das, was jetzt in mir denkt, will und handelt, mit Selbstbewußtsein auferstehen und fortleben? Die orientalischen Märchen, die uns in der Jugend mit so viel Ernst von Eltern und Lehrern, Tag für Tag vorgetragen wurden, an denen zu zwei­feln die größte Sünde war, — ja sie waren schön und tröstlich I .Aber kann der denkende Mann, der den Prüfstein der Vernunft an das poetische Sagen­gewebe anlegt, an ihre Echtheit glauben? Leben denn hier im Walde dieselben Blümchen, die im Winter abgestorben sind, wieder auf? . Nein, es sind andere von gleicher Form und Farbe, wenn auch der Stoff der früheren in sie übergegangen sein mag! .... Heute ist Charfreitag, über­morgen Ostern. Was bedeutet der gebildeten Welt Ostern? Das Frühlingsfest, das auch schon die alten Heiden kannten, und dem die Christen einen christlichen Zuschnitt gaben. „Alleluja, Christus ist erstanden!" singen die Gläubigen in der Kirche . . Ist er's?

Paff! Paff! Zwei Schüsse rollten durch den schweigenden Wald, und die Berge gaben das Echo rollend zurück. Das Geschwätz der Vögel ver­stummte auf einige Augenblicke, und der Ober­förster, der aus seiner Grübelei jäh aufgeschreckt worden, stand und horchte.

„Das war drüben an der grauen Wand", sagte er zornig, „Karo such!" Der Hund, der bei dem Knall der Flinte wie angewurzelt stehen geblieben war, schoß wie ein Pfeil davon; Schön folgte. Ec hatte das Gewehr von der Schulter gerissen und eilte, rechts abbiegend die steile Höhe hinan. Hier trat der Wald zurück; die Büsche und Bäume fanden in dem felsigen Boden keine Nahrung mehr; mächtige Steinblöcke und Geröll, vielfach von breiten Spalten durchzogen und von schäumenden Waldbächen durchbraust, bildeten die „graue Wand", — eine steil abfallende Granit- mauer, deren dunkle Abgründe tüf klafften. Ha, dort oben zeigt sich eine menschliche Gestalt, welcher der treue Hund dicht auf den Fersen war. Da

— noch ein Schuß, dem lautes Geheul folgte; das prächtige Thier wälzte sich in seinem Blute.

Ein schriller Pfiff des Försters, und fort stürmte er über abstürzendes Geröll, von MMock zu Felsblock; eine breite Spalte hemmte den Lauf, aber mit kühnem Satze wollte Schön hinüber­springen. Schon hatte der linke Fuß den jen­seitigen Rand erfaßt, als das Gewehr sich zwischen die Beine schob, — der Mann taumelte zurück und schoß pfeilschnell in die Tiefe hinab. . . . Das Ganze war das Werk eines Augenblicks. Die sich allmälig verengende Schlucht hatte den Körper aufgefangen, — der Oberförster faß ein­geklemmt zwischen schroffen Felswänden; unter ihm rauschte ein gelblich-schmutziger Waldbach, und hoch über sich sah er durch die Spalte einen Streifen des blauen Frühlingshimmels. Wohl hundert Fuß mochte der Absturz betragen; die Beine schwebten frei, ohne einen Halt finden zu können, der Leib war in ein Felsenkorsett einge­klemmt ; jede Bewegung konnte möglicherweise den Sturz in die gähnende Untiefe herbeiführen. Der geschundene Körper schmerzte den Aermsten unsäg­lich, aber die Besinnung hatte er nicht verloren. Wenn über den Menschen plötzlich ein furchtbares Verhängniß hereinbricht, dann ist er in den ersten Momenten ein willen- und faffungsloses Opfer des Geschickes; eine Art von Betäubung macht ihn zuerst fast gleichgiltig gegen das Gräßliche, dann aber, sobald er sich klar geworden über seine Lage und sein Unglück, packt ihn wilde Ver­zweiflung, die durch fruchtlose Rettungsversuche nur noch gesteigert wird. Mag ein Erdbeben Tau­sende unter krachenden Trümmern begraben; mag der Schreckensruf „Feuer!" Hunderte, die in einem enggeschlossenen Raume sich befinden, durch­zucken — starre Lähmung, Betäubung, die das Entsetzliche nicht fassen mag und kann, geht dem Bewußtsein und der Erkenntniß der Situation voraus, und der Selbsterhaltungstrieb erschöpft sich in ohnmächtigen Anstrengungen, denn etwas ganz Ungeheuerliches grinst das armselige Men­schenkind an: der Tod! Es ist, als ob urplötzlich eine Riesenfaust aus einer andern Welt den Erden­wurm packe und schüttele, und derselbe Mensch, der vor wenig Augenblicken noch stolz und dünkel­haft sich blähte, der die menschliche Vernunft zum Gott erhob, erinnert und zittert jetzt im Bewußt­sein seiner Armseligkeit und Ohnmacht.

Als Schön in den Abgrund stürzte und mit heftigem Rucke festsaß, tief in der Erde, und doch gleichsam zwischen Himmel und Erde schwebend, und als er sich klar geworden über seine Lage, da rang ein tiefes, schmerzliches Stöhnen sich aus seiner Brust: „Ich bin verloren!" Angstschweiß bedeckte den Körper, und die Hände tasteten in Hast und Verzweiflung an den glatten, kalten Felswänden umher. Nirgend ein Halt, der auch nur einen Schimmer von Hoffnung gegeben hätte. Die Sekunden wurden zu Stunden, die Stunden zu Ewigkeiten; unten in der grausigen Tiefe grollte und gurgelte der Meßbach, ringsum Finsterniß, die durch das einfallende Licht nur schwach erhellt wurde. Der Mann kannte sein Schicksal: es war der Tod des langsamen Verhungerns, denn wenn die ©einigen auch Nachforschungen anst llen wür­den, wer konnte ihn in dieser öden Steinwildniß vermut en, wer kannte die Stelle, die dunkle Spalte, die ihn verschlungen? .... Und doch stieß er Hilferufe aus, laute, lang gezogene Rufe, die schauerlich zwischen den Felsenwänden verhall­ten. Da hörte er über sich leises, klagendes Ge­wimmer; es war der schwer verwundete Hund, den die Laute seines Herrn herbeigelockt hatten — es war der letzte Gruß au» der Oberwelt, und dann verstummte auch dieses Gewimmer, das treue Thier war verendet . . . (Schluß folgt.)