M 75. Sonnabend, den 2. April. 1887.
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Zweites Blatt.
* Die Tagesordnung des Kaisers.
Wie Kaiser Wilhelm, der Herrscher des mächtigen Deutschen Reiches sein Tagewerk geregelt und geordnet hat, mit welcher Einfachheit und Pflichttreue der greise Monarch lebt und thälig ist, das kann man am besten aus der nachfolgenden, in ihren Einzelheiten wohl nicht allgemein bekannten Tagesordnung ersehen.
Wer von der Rampe des Kaiserlichen Palais in die Vorhalle tritt, steht, wenn er sich nach links wendet, vor den Zimmern des Kaisers, von welchen das interessanteste das Arbeitszimmer ist. An dem historischen Eckfenster dcflelben steht der ein« fache Schreibtisch von dunklem Mahagoni, über welchem sich die mit Lorbeerkränzen geschmückten Statuetten Friedrich des Großen und Friedrich Wilhelm HL befinden. Das Schreibzeug des Kaisers ist von Porzellan. Daneben stehen Bilder von der Kaiserin als Braut und des Kaisers Schwester Charlotte als Braut des damaligen Großfürsten Nikolaus (späteren Kaisers) von Rußland. Eine Marmorbüste und zwei Pastellbilder der unvergeßlichen Königin Luise sind dem Andenken der Königl. Mutter gewidmet. Eine Profilbüste der Kaiserin Augusta und eine kleine anmuthige Büste der deutschen Kronprinzessin als Braut schmücken neben zahlreichen kunstvollen Handarbeiten der Damen der Kaiserfamilie das behagliche Arbeitszimmer.
Im Sommer steht der Kaiser jetzt um 7, int Winter um 8 Uhr Morgens auf und läßt sich gleich vollständig ankleiden, da er stets ein Feind de» Schlafrockes war. Er betritt sofort sein Ar- beitszimmer, in welchem er sein Frühstück einnimmt. Daffelbe besteht aus Kaffee, Karlsbader Oblaten und geröstetem Zwieback. Während des Frühstücks erscheinen die Leibärzte (von Lauer und Leuthold), die sich nach einem Aufenthalte von wenigen Minuten wieder verabschieden, wenn der Gesundheitszustand de» hohen Herrn ein befriedigender ist. Nach dem Frühstück liest der Kaiser die eingegangenen Briefe, die er alle selbst öffnet, wobei er sich beim Schreiben von Randbemerkungen, ähnlich wie Fürst Bismarck, sehr großer Bleistifte bedient. Sodann
nimmt er seine Zeitung zur Hand, die sehr eigen- thümlicher Natur ist. Sie besteht nämlich aus für den Kaiser besonders ausgewählten Ausschnitten aus den verschiedensten Z itungen, die auf Papierbogen in Zeitungsformat aufgeklebt sind. Bereits früher, gleich nach dem Aufstehen und Ankleiden, hat der Kaiser seine Zettelgallerie gemustert. Die Kammerdiener befestigen nämlich die im Palais abgegebenen Theaterzettel mit Nadeln an den Gardinen des kaiserlichen Schlafzimmers. Die Reihenfolge dieser Zettel, in welchem die Königl. Theater den Anfang machen, inspiziert der Kaiser an jedem Morgen aufmerksam.
Um 9 Uhr empfängt der Monarch, nachdem er seine volle soldatische Toilette gemacht hat, die ersten Besuche. Es kommen sodann in genau geordneter Regelmäßigkeit die verschiedenen Hofchargen und Beamten zum Vortrag. Um 11 Uhr wird dem Kaiser auf dem Vorsprung eines Schrankes, welcher mit den Photographien der Kaiseil. Kinder und Enkel bedeckt ist, das zweite Frühstück hingcstellt. Dasselbe ist je nach der Jahreszeit verschieden. In der Hummersaison wird dies edle Krustenthier, welches zu den Lieblingsspeisen des Kaisers gehört, servirt. In der Austernsaison gibt es zuweilen auch Austern. Meist aber begnügt sich der Kaiser mit einem belegten Butterdrod und einem Glase Ungarwein oder Madeira. Zuweilen ist das Frühstücksgetränk eine halbe, oft mit Selterwasser gemischte Flasche Champagner, der meist aber nicht ganz ausgetrunken wird und dessen Rest zum Diner wieder servirt werden muß. Um 12 Uhr erfolgen die militärischen Meldungen, um 1 Uhr ertheilt der Kaiser Audienzen und gleich nach 2 Uhr macht er in Begleitung eines Flügeladjutanten seine bekannte Spazierfahrt. Nach der Rückkehr von derselben, um 3 Uhr, erscheint an einigen Tagen Staatssekretär Graf Herbert Bismarck zum Vortrag. Von 4—5 Uhr wird gemeinschaftlich mit der Kaiserin das Diner eingenommen. Dasselbe besteht für gewöhnlich, also wenn nicht die Anwesenheit von Gästen einen größeren Aufwand erfordert, nur aus vier Gängen: Suppe, Entre- met, Braten, Kompott. Von Getränken nimmt der Kaiser nur leichten Moselwein und Champagner zu sich. Bier berührt der Kaiser niemals und Rothwein nur, wenn er Gäste zu Tesche hat.
Kaffee wird nach dem Diner nur servirt, wenn sich Gäste an der Kaiserlichen Tafel befinden. Von Cigarren ist gar nicht die Rede, da der Kaiser kein Raucher ist. Aber in seiner bekannten Liebenswürdigkeit opfert er auch hier seine persönliche Neigung dem Behagen seiner Gäste. Wenn bei großen Paradediners die Tafel aufgehoben ist und Alles auf das Signal zum Rauchen wartet, dann zündet sich der Kaiser wohl eine Cegarre an, thut einige Züge aus derselben, legt sie aber dann bei Seite.
Nach der Tafel begiebt sich der Kaiser wieder in sein Arbeitszimmer und erledigt Briefschaften. Natürlich nickt der alte Herr dabei häufig ein, aber von einem regelmäßigen Mittagsschlaf will der greife Herrscher nichts wissen. Dagegen hat die glückliche Natur des Monarchen ein "Mittel gefunden, um denselben den Anstrengungen des Tages gewachsen zu machen. Der Kaiser verfällt mitten am Tage, besonders wenn die Vorträge zahlreich und a-.strengend waren, in einen wenige Minuten währenden Schlafzustand, aus dem er neugesiärkt erwacht. Um 6 Uhr erscheint wieder ein Leibarzt, um sich nach dem Befinden des Kaisers zu erkundigen. Dann folgt ein zwangloser Verkehr mit der kaiserlichen Familie, deren Mitglieder sich um diese Zeit im Palais einfinden, bis der Kaiser zwischen 7 und 8 Uhr ins Theater fährt, wo er bis 9 Uhr, oft auch bis zum Schluß der Vorstellung zu verweilen pflegt. Wen, der Kai- fer aus dem Theater zurückkehrt, wird im Palais der Thee serviert. Zu demselben sind regelmäßig 8 bis 12 Personen geladen, Generale, Mini- ster, hohe Hofbeamte u. s. w., mit welchen der Monarch sich heiter und angeregt unterhält. Von den aufgestellten Kuchen. und BisqnitS wird nichts berührt, da der Kaiser niemals davon nimmt. Nach dem Thee wird Eis serviert, sowie die kleinen, fein aromatischen Mandarinen - Apfelsiiten. Dieselben sind ein Geschenk der Kaiserin von Japan an die Deutsche Kaiserin, welche mit dieser Frucht den Theetisch des Kaisers versorgt. Selten dauert die Unterhaltung beim Kaiserlichen Thee länger als bis zehn Uhr. Nach dieser Zeit sieht der Berliner, der am Kaiserpalais vorbei geht, die Gemächer des Monarchen im Dunkel liegen. (Schorer's Familienblatt.)
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Gerhard Wiegand.