M 67.
Mtttvoch, den 23. März.
1887.
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Fürst Alexander von Bulgarien über seine Entthronung.
Aus dem soeben erschienenen Buche des Hof- predigers Koch „Fürst Alexander von Bulgarien" (Darmstadt, A. Bergsträßer), entnehmen wir den Bericht, welchen Fürst Alexander in Darmstadt über seine Entthronung und die Schicksale auf seiner Reise einigen Freunden lieferte. Die Erzählung lautet wie folgt:
„Ich hatte am 21. August bis tief in die Nacht hinein gearbeitet und war kaum eingeschlafen, als ich durch Lärm, der von dem Gang vor meinem Schlafzimmer aus zu mir drang, wieder geweckt wurde. Es mochte etwa v/, Uhr gewesen sein. In dem nächsten Augenblick stürzte auch schon mein bulgarischer Diener Dimitri in mein Zimmer und rief, an allen Gliedern zitternd und bebend: „Sie find verrathen: man will Sie ermorden. Fliehen Sie, ehe es zu spät ist!" Ich sprang aus dem Bette und nahm meinen Revolver in die Hand. Da hörte ich militärische Kommandorufe und athmete erleichtert auf. Ich sagte zu Dimitri: „Ich bin gerettet, das Militär ist da." Der aber, immer noch bebend, stieß die Worte hervor: „Nein, fliehen Sie, das Militär ist's gerade, das Sie tobten will." Da stürzte ich im Hemd an die zum Garten führende Thür; aber so wie ich dieselbe öffnete, bekam ich Feuer. Gleich darauf hörte ich Schüsse von allen Seiten. Ich ging daher durch den dunklen Korridor nach der Diener- treppe und in den ersten Stock hinauf in den Wintergarten, um von dort aus einen Ueberblick zu gewinnen und zu sehen, ob es noch möglich wäre zu entkommen. Es war da droben so dunkel, daß ich meine Hand vor den Augen nicht sehen konnte, aber an der Feuerlinie der schießenden Soldaten konnte ich erkennen» daß das ganze Palais umstellt und an ein Entkommen nicht mehr zu denken war; die einschlagenden Kugeln ließen keinen Zweifel an dem Ernst der Lage aufkommen. Zugleich hörte ich die hundertstimmigen Rufe: „Dulo Knjaz!“ (Nieder mit dem Fürsten!) Darauf ging ich in mein Zimmer zurück, um meine Uniform anzuziehen; denn ich wollte mich wenigstens in Uniform niederschießen lassen. Im Zimmer wieder angekommen, beschloß ich, Licht zu machen; aber sofort schossen die Soldaten zum Fenster herein. Deßhalb löschte ich mein Licht wieder aus und zog im Dunkeln, so schnell ich konnte und ohne erst Unterkleider und Strümpfe anzulegen, meine Uniform an.
Während dessen wurde der Lärm, das Waffengeklirr und Geschrei aufgeregter Menschen immer stärker. Als ich fertig war, trat ich hinaus auf den Korridor. Dort wurde ich sofort von einer Masse Menschen umringt, und obwohl nur eine einzige Stearinkerze brannte, konnte ich doch an dem Blitzen der Sajonnette sehen, daß etwa hundertfünfzig Mann um mich her standen. An Widerstand war natürlich nicht zu denken, da nur zwei Leibwächter da waren. Diese wollten zwar Feuer geben, aber ich verbot es ihnen. Ich ging nun, gedrängt von diesem Menschen« Haufen, in die Vorhalle des Palais. In demselben Augen- bWtaSÄ
Roman aus dem Englischen von E. Blackburne.
3. Fortsetzung.
3. Kapitel.
Eine Anweisung für eine Anweisung.
Rath Lynch befand sich in einer peinlichen Verlegenheit. Ec hätte gar zu gerne diesem Mädchen Trost gegeben; und doch mochte er sich auch in dem ihm aufgetragenen Geschäfte nicht zu gelinde oder gar nachlässig zeigen.
„Ich vergaß zu fragen, wie Ihr Vater sich befindet", sagte er endlich, um nur etwas zu sagen.
„O, wie gewöhnlich."
„Haben Sie nicht mit ihm über den Inhalt des Brieses gesprochen?"
„Ich habe den Brief meinem Vater vorgelesen", sagte sie in einem etwas kalten und zurückhaltenden Tone. ,
„Dann hätte er Ihnen eigentlich die Sache auseinander setzen müßen. Der Advokat blickte sie bei diesen Worten scharf an und ihre Blicke begegneten sich. Nuala O' Donnel erröthete schmerzlich; aber sie antwortete in demselben Tone wie zuvor:
„Gr war zu krank, um der Sache die nöthrge
blick kam auch mein Bruder. Wie ich da stand, riß ein frecher Kadet auS dem auf dem Tische aufliegenden Em- schreibebuch ein Blatt heraus, und die ganze, wie deutlich zu spüren war, stark angetrunkene Schaar schrie mir zu ich solle meine Abdankung unterschreiben. Einige der Frechsten, darunter namentlich der Kapitän Dimitriew, hielten mir dabei den Revolver unter die Nase. Eine Unterhaltung mit diesen aufgeregten Menschen war unmöglich. Nur das Eine konnte ich ihnen sagen: sie sollten selber schreiben, da ich nicht roiffe, welchen Grund ich für meine Abdankung angeben solle. Da nahm einer der Umstehenden die Feder und begann zu schreiben, machte aber in feiner Betrunkenheit so viele Kleckse und unleserliche Zeichen, daß er selbst, wie er das Geschriebene vorlesen wollte, den Versuch wieder aufgab. Da nahm ich ohne weiteres die Feder und schrieb auf dieses Papier: „Gott schütze Bulgarien I Alexander." Kaum hatte ich geschrieben, so rissen sie mir das Blatt unter den Händen weg und Kapitän Dimitriew steckte es, ohne es anzusehen — so aufgeregt war er — in die Tasche. Dann verlangten sie von mir, daß ich nach dem Kriegsministerium gehe. Dort wurde ich in ein Zimmer' gebracht und innerhalb und außerhalb meines Zimmers wurden Soldaten als Wachen aufgestellt. Außerdem giftg ein Offizier mit dem Rovolver in der Hand in meinem Zimmer auf und ab.
Während ich noch dort war, kam Kapitän Benderew, die Hände in den Taschen, um sich an meinem Anblick zu weiden. Ich fragte ihn: „Was habt Ihr mit mir vor?« und erhielt als Antwort: „Du kommst nach Rußland." Eine halbe Stunde später wurde ich gezwungen, tn einen Wagen zu ft igen, ohne daß mir erlaubt worden wäre, meinen Bruder, wie ich gewünscht hatte, zu mir zu nehmen. Er mußte in einen anderen Wagen steigen. Beim Einsteigen bemerkte ich ich etwa neunzig Offiziere, die ruhig meinem Weggehen zusahen. Wir fuhren zunächst auf der Orchanier Straße, bogen aber bald rechts ab und «hielten etwa fünfundzwanzig Kilometer von Sofia in einem elenden Kloster auf dem Etropol-Balkan. Dort wurden wir in ein enges, dumpfes Gemach gesteckt, das voll von Flöhen, Wanzen.und fonftigem Ungeziefer war und keinen Tisch und Stuhl enthielt. In der Nacht um 2 Uhr wurde ich geweckt. Man brachte mir Civilkleider aus Sofia. Am folgenden Morgen ging es weiter über Taschkesen, wo wir uns einige Zeit aufhielten, nach Vrazza auf holperigen steinigen Wegen. Wir kamen Abends 10 Uhr dort an. Die Stadt fchien wie ausgestorben. Die Nacht brachten wir in einem elenden Han zu. Morgens halb 6 Uhr wurde wieder aufgebrochen. Zehn Kilometer hinter der Stadt auf der nach Rachowa führenden Chaussee, an einer Stelle, wo sich das Terrain wellenförmig erhebt und Tannengestrüpp sich zu beiden Seiten der Straße hin- zieht, wurde plötzlich Halt gemacht. Ich sah, wie die Offiziere sich im Walde zerstreuten, augenscheinlich, um etwas zu suchen. Ich ahnte sofort Unheil, und in der That suchten sie, wie mir später der wachhabende Offizier mittheilte, einen Platz aus, um mich zu erschießen, weil sie in Vrazza die sichere Nachricht erhalten hätten, daß ein Theil der Truppen sich geweigert habe, der neuen Regierung den Eid zu leisten. Nach einer peinlichen halben
Beachtung schenken zu können; deshalb dachte ich auch, es sei am besten, wenn ich zu Ihnen ginge."
„Glauben Sie sicher, daß es mich freuen würde, wenn ich Ihnen irgendwie beistehen könnte," sagte er, sich niedersetzend.
„Und ich kann nicht umhin zu wünschen, daß mein Brief deutlicher gewesen wäre, denn dann wäre ich nicht in die unangenehme Nothwendig- keit gekommen, mit Ihnen über! die unwillkommene Wahrheit zu sprechen, welche er enthält." „Achthundert Pfund!" wiederholte sie fast mechanisch.
„Achthundert Pfund! Wie fallen wir die be- zahlen, Mr. Lynch?"
Der Advokat spielte unruhig mit den Papieren auf dem Tische, gab aber keine Antwort.
„Mr. Lynch," fuhr das Mädchen fort, indem sie die' Hände auf ihrem Schooße faltete und muthlos vor sich nieder sah, „wenn Sie nicht sehr beschäftigt sind und wenn es Sie nicht zu lange aufhält, wollen Sie mir dann nicht einmal die ganze Sache erklären?"
„Wollen Sie sich nicht lieber an Ihren Vater wenden?"
„Ich ziehe e» vor, einen geschäftlichen Bericht von einem GeschäftSmanne zu hören," sagte sie kurz „u'.id Sie wisien vielleicht besier wie ich, daß mein Vater kein Geschäftsmann ist."
Stunde ging es weiter. Nachmittags 3 Uhr erreichten wir bei Rachowa die Donau. Dort konnte ich einige Augenblicke mit dem Kapitän eines österreichischen Donau- Dampfers sprechen und erhielt von diesem den Antrag, er wolle mich, falls ich auf fein Schiff kommen könne, an das rumänische Ufer bei Piket übersetzen. Aber es war mir unmöglich. Ich mußte meine Dacht besteigen, die von Rustschuk geholt worden war, und fuhr mit derselben unter der Bedeckung von etwa hundert Mann und vielen, mir meist ganz unbekannten Offizieren stromabwärts.
Ich und mein Bruder mußten uns in dem Speisesaale aufhalten, dessen Fenster und Thüren mit Doppelposten besetzt waren. Während des Tages war es unerträglich heiß. Die Maschine unseres Schiffes wurde überheizt, um die Fahrt zu beschleunigen und so jeden Rettungsversuch zu verhindern, der etwa von rämänischer Seite hätte gemacht werden können. Glücklicherweise wurde keiner gemacht; denn die Wachoffiziere hatten den gemessenen Befehl, mich beim ersten Rettungsversuche niederzuschießen. Um Mitternacht fuhren wir an Rustschuk, folgenden Tages 2 Uhr Nachmittags an Galatz vorüber, So oft wir an einer Stadt vorüberfuhren, legte sich die Wachmannschaft auf Befehl nieder, damit sie nicht gesehen würde. Um 4 Uhr Nachmittags endlich langten wir an der russischen Grenze an und legten bei der Grenzwache an. Um 5 Uhr etwa fuhren wir dann vollends nach Reni. Merkwürdigerweise war Niemand an der Landungsbrücke, nicht einmal ein Gendarm. Ein Offizier fuhr in die Stadt und hörte, daß man mich nicht annehmen könne, da von St. Petersburg keinerlei Instruktionen da seien. Wir blieben deßhalb auf dem Schiffe. Um halb 10 Uhr des folgenden Tages meldete sich bei mir Gendarmerie-Oberstlieutenant und zeigte mir ein Telegramm von Obrutschew, in dem stand, daß die Behörden von Reni den Prinzen von Battenberg übernehmen und auf dem kürzesten Wege nach der Grenze reifen lassen sollten; das Gendarmerie-Kommando sei für die Sicherheit des Prinzen verantwortlich, da sein Leben in Rußland in Gefahr fei. Auf meine Bitte telegraphirte dann der Oberstlieutenant nach St. Petersburg, ob ich nicht via Galatz reifen, also auf rumäni- iches Gebiet übertreten dürfe. Ließ wäre der kürzeste Weg gewesen; aber die" Antwort kam, der Prinz dürfe nur über Woloczyska ober Warschau reifen.
Um 10 Uhr etwa betrat ich den russischen Boden, bestieg mit meinem Bruder einen Wagen und fuhr, gefolgt von einem russischen und einem bulgarischen Offizier, zu dem Bürgermeister von Reni, wo mir Quartier angewiesen worden war.
Mein Hausherr war ein freundlicher, liebenswürdiger Bulgare. Leider war ich immer noch nicht frei: vor meinem Hause standen zwei berittene Gendarmen, im Hofe waren drei Wachtposten, in der Nacht schlief ein Gendarmerie- Rittmeister vor meiner Thür. Auf meine Bitte hatte mir die Regierung einen Extrazug nach Rasdelnaja zur Verfügung gestellt, mit dem ich den Odessaer Schnellzug erreichen konnte. Morgens in aller Früh fuhren wir zum Bahnhofe, und da ich nothwendig, um das Reisegeld, das mir in einer Cigarrenkiste übergeben worden war, nicht auf den Armen tragen zu müssen, eine Tasche brauchte
„Das bin ich gewahr geworden, Miß O'Donnel." „Dann, um des Himmels willen, sagen Sie mir alles. Halten Sie nicht zurück, damit ich deutlich verstehe, wie es kommt, daß wir diese enorme Summe von achthundert Pfund binnen drei Monaten bezahlen sollen. Ich dachte, wir hätten bis zur vollständigen Abbezahlung noch anderthalb Jahre Zeit gehabt."
Der Advokat öffnete die Blechdose, welche die Papiere von Schloß Garret enthielt, und nahm eine Vollmacht heraus, welche er vor sie auf den Tisch hinlegte.
„Ja," erwiderte er, das Schriftstück überlesend und dann auf einige Linien zeigend, „ich gebe zu, dieses war das Uebereinkommen." Ec wendete um und zeigte auf eine andere Stelle. „Aber diese Clausel ist wahrscheinlich Ihrem Gedächtniß entschlüpft."
Sie sah hin und sagte dann: „Ich verstehe Ihre gesetzliche Phraseologie nicht ganz; wollen Sie mir sagen, was damit gemeint ist?"
„Es bedeutet dies-«: Sie wissen, Ihr Vater erhob vor zwei Jahren elshundert Pfund und ließ sie auf das Besitzthum Garret eintragen."
„Ja, da« weiß ich." ‘
„Das Kapital und die Zinsen scllten in einer gewissen Zeit zurückbezahlt werden."