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M 65.

1887.

Montag, den 21. März.

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Zur SOjährig. Geburtstagsfeier des deutschen Kaisers.

(22. März 1797-22. März 1887.)

Heil dem Kaiser! Heil dem Jubelgreise auf dem Throne der Hohenzollern, dem ersten Kaiser im neuen deutschen Reiche! Dreimal Heil dem Fürsten, dem Gott eine Fülle der Jahre verlieh, welche nicht nur auf Thronen, sondern auch überhaupt int Leben nur einigen wenigen Auser­lesenen zu Theil wird. Der 22. März 1887, der Tag, an welchem Kaiser Wilhelm das 90. Lebensjahr vollendet, wird in allen deutschen Gauen mit besonderem Glanze gefeiert; in fest­lich gehobener Stimmung und mit erhöhter Be­geisterung blickt das deutsche Volk zum Kaiser­throne und seinem ehrwürdigen Inhaber empor.

Kaiser Wilhelm ist heute der Gegenstand vieler glänzenden und enthusiastischen Ehrenbezeugungen. In seltener Zahl haben sich die deutschen Fürsten, die Familienglieder des Hohenzollernhauses und viele Vertreter auswärtiger souveräner Häuser am kaiserlichen Hofe in Berlin zusammengefunden, um dem 90jährigen Monarchen persönlich ihre Glückwünsche darzubringen. Allenthalben im Reiche, in Stadt und Land, begeht auch das deutsche Volk den seltenen Tag durch mehr oder minder prunkvolle äußere Kundgebungen.

Es ist ein wahrhaft erhebendes Schauspiel, wenn an diesem Tage alle Parteiunterschiede ver- geffen, alle politischen Mißklänge vermieden wer­den, und die Herzen sich in der Liebe und Treue zu Fürst und Vaterland zusammenfinden. Kano­nendonner und feierliche» Glockengeläute, die we­henden Fahnen und der Schmuck der Häuser, festliche Musik, Reden und Gesänge sind gewiß sehr dazu angethan, die Stimmung der Bedeu­tung des Tages angemessen zu erhöhen, die pa­triotischen Empfindungen zum begeisterten Ausdruck zu bringen, — jedoch der wahre Patriotismus und die echte Fürstenliebe, die lautere Kaisertreue sind von diesen Aeußerlichkeiten nicht bedingt. Ein herzinniges Gebet für den 90jährigen Mo­narchen und für das Wohlergehen des deut­schen Reiches und Volkes wiegt unter Umständen weit mehr, als jener nicht seltene Scheinpatrio­tismus, welcher sich in Aeußerlichkeiten zu über­bieten sucht, deffen glänzende Kundgebungen aber kaum etwas anderes zur Grundlage haben,

I« Wl der Lildttdirken.

Roman aus dem Englischen von ®. Blackburne.

1. Fortsetzung.

Hier hielt Jakob inne, und entledigte osten­tativ seine Rase von einer großen Hornbrille. Rachläffig stieg er von seinem hohen Sitze herunter und stand jetzt aufrecht da, ein kräftiger, herausfordernder, rothhaariger Bursche, ungefähr in dem Alter seines Herrn. Statt der linken Hand trug er einen eisernen Haken, denn seine Hand hatte er Jahre vorher in einem Parteigefechte verloren.

„Ich ging dahin," fuhr Jakob fort, indem er sich Lynch näherte, „und fragte, ob ich Miß O'Donnel sprechen könne." „Sie können die junge Herrin nicht sprechen", sagte Brady, der Bediente, „denn sie ist am Krankenbette de» Herrn be­schäftigt." „Aber ich muß die junge Dame sprechen," sagte ich, „denn ich habe eine Botschaft für sie von Rath Lynch."

„Run wohl", unterbrach ihn ungeduldig der Advokat. „Ich will nicht wissen, was Sie sagten ober war Er sagte. Ich verlange nur zu wissen, ob Sie meine Botschaft Mister oder Miß O'Donnel überbrachten."

al» das Bestreben, die eigene Person nach Oben hin zu empfehlen und mit politischer Gesinnunzs- tüchtigkeit zu prunken.

Es muß das am heutigen Tage ausgesprochen werden, denn leider ist in Folge der Ereignisse der jüngsten Zeit der Scheinpatriotismus und der einseitige Partei - Patriotismus wieder üppig in's Kraut geschossen. An vielen Orten im Reiche haben gewisse Parteigruppen die äußere weltliche Feier des patriotischen Kaisertages ganz für sich in Beschlag genommen. So wird es manchem guten deutschen Patrioten schwer, wenn nicht un­möglich gemacht, seinen Gefühlen für Kaiser und Reich am heutigen Tage einen erwünschten äuße­ren Ausdruck zu geben. Das soll aber Nieman­den abhalten, aus treuer Gesinnung und deutscher Empfindung dem kaiserlichen Greise die gebührende Huldigung darzubringen.

Heil dem Kaiser! Gott erhalte und schütze ihn und schenke seiner Regierung die ganze Fülle sei­nes Segens! So ruft heute auch das katho­lische deutsche Volk, so rufen aus aufrichtigem Herzen die Hunderttausende von deutschen Män­nern, die jener so viel geschmähten Partei ange­hören, zu der auch wir uns mit Stolz zählen. In der verflossenen Wahlkampagne haben selbst hohe Personen, vielleicht unbewußt, denjenigen anschei­nend Recht gegeben, welche einem großen Theile, ja der Hälfte des politisch mündigen deutschen Volkes geradezu die Treue zu Kaiser und Reich bestreiten und nur einzelnen Parteigruppen diese „nationalen" Eigenschasteu zusprechen.

Heute mag es jedoch Vielen, sehr Vielen im deutschen Reiche zum Bewußtsein kommen, daß man in der Parteileidenschaft weit über das Ziel hinausgeschossen hat, ja es muß einem Jeden die Erwägung sich aufdrängsn, daß Kaiser Wilhelm in tiefer Trauer und Betrübniß die Last der 90 Jahre tragen müßte, wenn in der That der „nationale" Gedanke, der Patriotismus und die Kaisertreue mit den entgegengesetzten Empfindun­gen im deutschen Volke nur mühsam um den Vorrang kämpften. Soll dem denn wirklich so sein? Wir antworten: Rein, nein und aber­mals nein!

Das deutsche Volk ist in seinem Kern und in den weitesten Schichten heute wie immer ein monarchisch gesinntes Volk, ein Volk, welches seine Herrscher ehrt und liebt, welches in ihnen

„Sicher, und ich erzähle Ihnen ja alles so schnell als ich kann," antwortete Jakob, mit der unangenehmen Weitschweifigkeit eines irischen Bauern, „ich konnte Mr. O'Donnel nicht sprechen, da er krank im Bette lag, aber ich sprach die junge Dame in der Halle."

„Und Sie übergaben ihr meinen Brief?"

„Gewiß, Sir."

„La» sie ihn denn?"

„Ja, sie las ihn, und dann blickte sie mich so stolz an, als wenn sie die Königin von Saba sei. „Sagen Sie Mr. Lynch, sagte sie, daß ich ihm über die Sache schreiben würde, sagte sie, morgen, sobald ich meinen Vater über die Sache gesprochen habe, sagte sie."

„Sagte sie weiter nichts?" forschte der Advo­kat in einem etwas niedergeschlagenem Tone.

„Nicht ein Wort mehr," war die lakonische Antwort.

„Sie schloß die Thüre hinter mir, ohne zu fragen, ob ich auch meinen Mund mitgebracht hätte," und Jakob kratzte sich mit seinem Haken hinter dem Ohre, wie da» in seiner Gewohnheit lag, wenn er verwirrt oder verlegen war.

„Ist heute Morgen denn schon eine Antwort von Schloß Garret gekommen?"

die Träger der gottgewollten weltlichen Autorität, die Fürsten von Gottes Gnaden erblickt, denen es Ehrfurcht, Treue und Gehorsam schuldig ist, ja selbst dann, wenn e» sich in seinen Interessen ge­drückt fühlt. Dieser echt christlichen Auffassung der Fürsten« und Kaisertreue huldigen vor allem die deutschen Katholiken, bei ihnen kommt zu dem historischen deutschen Zuge, zu der natürlichen Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland, als ver­stärkendes Motiv die religiöse Pflicht der Ehrfurcht und Treue gegen den Fürste«, des Gehorsams gegen die Obrigkeit. Von diesen Gesinnungen haben die deutschen Katholiken namentlich während der schlimmen Kulturkampfsjahre ein geradezu glänzendes Zeugniß abgelegt.

Aber nicht das katholische Gewissen allein, sondern auch das Herz hat an unseren Gefühlen gegenüber dem greisen Kaiserjubilar seinen Antheil. Nicht etwa nur das ehrwürdige Alter oder die gerühmte Leutseligkeit und persönliche Herzensgute des Kaisers, nein, auch viele seiner Regierungs- Handlungen haben ihnt das Herz des deutschen katholischen Volkes gewonnen. Darum erlasse man es uns heute, die Schäden de» Kulturkampfes heraufzubeschwören, welche, wie wir gern einräumen, wesent­lich den Rathgebern und Ministern des Königs und Kaisers zuzuschreiben sind.

Zu jenen verdienstvollen Regierungshandlungen des Kaiser», welche auf seine persönliche Initiative zurückzuführen sind und sich zugleich die besonderen Sympathien des katholischen Volke» errungen haben, gehört vor allem die von Kaiser Wilhelm selbst nach den berüchtigten Attentaten eingeleitete Verständigung mit der katholischen Kirche und allmählige Beseitigung de» drückenden Kulturkampfes, — eine Periode, welche durch da» bekannte Wort, „ich will, daß dem Volke die Religion erhalten werde", inaugurirt wurde, in den verschiedenen kirchenpolitischen Novellen ihren Ausdruck fand und jetzt endlich, wenn nicht Diplo- matenkünste und die Jntriguen der Kulturkämpfer die guten Absichten des Kaiser» und Papstes durchkreuzen, auf eine endgilige Revision der preu­ßischen Maigesetze hinzielt. Es verdient an dieser Stelle ganz besonders erwähnt zu werden, daß, wie Fürst Bismarck bei Berathung der vorigen Kirchengesetznovelle im preußischen Herrenhause selbst erwähnt hat, der Kaiser nur mit großem

„Nein, soviel ich weiß, Sir."

„Und es ist auch kein Brief gekommen," sagte der Advokat halblaut. Indessen liegt Schloß Garret ziemlich weit von hier, und vielleicht kommt heute Abend noch pine Botschaft oder ein Brief. „Auf jeden Fall, Jakob," fuhr er fort, „können Sie fortfahren zu kopieren, nur lassen Sie Raum, wo die Daten eingeschaltet werden können."

„Ja, Sir," antwortete Jakob, welcher diesen Befehl als Zeichen ansah, daß die Unterhaltung beendet sei, und zu seinem Sitze neben dem Fen­ster am Ende der Schreibstube zurückkehrte.

Der Advokat drehte nachdenklich seinen Schnurr­bart. Der Ausdruck seines Gesichte» würde selbst einen Physiognomiker verwirrt Haden, so sehr lagen Entschluß und Unentschlossenheit vereinigt darin. Allerlei Gedanken flogen schnell durch fein Gehirn, fast mechanisch öffnete er die Schub­lade seines Schreibtisches und nahm ein Portrait daraus.

Der Rath warf einen verstohlenen Blick zu Jakob hinüber, bevor er das kleine Blld aus den Papieren hervorzog, zwischen welchen es versteckt war. Dann stellte er cs auf die Seite eines Gesetzbuches, welches er aufgeschlagen hatte, als