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Zweites Blatt.
Q) Der Konkurrenzschwindel im Geschäftsleben.* *)
Im Gewerbe sowie im Handelsstande wird über nicht» mehr geklagt und gejammert als über die leidige und erdrückende Konkurrenz, und dem soliden Verkäufer bleibt nur zu oft nichts anderes übrig, als zu unredlichem Geschäftsbetriebe Zuflucht zu nehmen, will er nicht seine Existenz voll- ständig auf das Spiel setzen.
„Der Kaufmann X", sagte vor kurzem dem Verfasier ein Materialwaarenhändler in N., „annoncirt und verkauft gemahlenen Zucker mit 31 Pf., Börsenpreis bei Entnahme größerer Posten (100-1000 Ztr.) 301/2-32*/2 Pf., Weizen- stärke pro 1/2 k mit 19 Pf., Einkaufspreis ab Halle 18Vg Pf., (Fracht pro Ztr. ca 40 Pf.); eine gesunde gute Rosine, die billigste zur Zeit kostet 28 Pfg., wird mit 25 Pf. losgeschlagen." Alle Waaren, die zu solchen Schundpreisen verkauft werden, aufzuzählen, würde zu weit führen. Als Originalität möge noch erwähnt sein, daß eine Firma des bedeutendsten Handelsplatzes Sachsen» Kaffee bei Entnahme von V4 Pfund zu Engrospreisen verkauft, bei Entnahme von 5 Pfd. aber noch billigere Preise stellt.
Und wie in der Materialwaarenbranche, so ist es noch in vielen anderen Geschäften. Es ist ebenfalls Schwindel, wenn jemand inserirt: „Verkauf zu Fabrikpreisen." Das kann niemand im Einzelverkauf. Und fernerweit ist es fauler Zauber, wenn irgendwo permanente Ausverkäufe ge- halten werden. Viele andere geben vor, eine Fabrik zu haben und deßhalb billiger verkaufen zu können. Manche wollen per Kaffe cinkaufen, obgleich sie Kredit beanspruchen müssen, und noch andere wollen gar unter dem Einkaufspreise verkaufen re.
Das nennt man allerdings Konkurrenz, welche erdrücken muß. Und daher kommt es, daß nur zu oft viele solide Geschäftsleute den gleichen unsoliden Weg betreten. Die Konkurrenz muß dann als Entschuldigungsgrund für ungehörigen oder gar unredlichen Geschäftsbetrieb gelten. „Ich muß es so thun, weil es meine Konkurrenten so machen."
Die große Konkurrenz namentlich im Handelsstande aber hat ihre Gründe noch hauptsächlich in dem Andrang der Arbeitskräfte zu ihm. Daß die sogenannten distributiven Gewerbe sich von Jahr zu Jahr Überfüllen, ist schon längst statistisch nachgewiesen. Es greifen eben zu viele Hände zum Merkurstab anstatt zu Pflug und Spaten, Ax! und Hammer, Kelle und Richtscheit, man handelt lieber, als daß man in der Werkstätte sein Bro- verdient. Es drängen sich Elemente zum Handels- stand, die demselben niemals zur Ehre gereicher können und durch ihre sinnlosen Geschäfts-Opera tionen den soliden Kaufmann zwingen, ein gleichet zu thun. Wenn sich nun nach Jahr und Tag jene Pfuscher abgewirthschaftet haben und Frau Pleisi zur Thürs hereinguckt, macht sich auch bei den soliden Kaufmann diese unwürdige Konkurrenz be merkbar. Auch er hat die Preise herabsetzen müßen und weil er nicht selbst insolvent werden wollt und zu oder unter dem Einkaufspreis verkauft, sind ihm auch ein guter Theil der Kunden fort geblieben.
Wenn heute durch Inserat ein „junger Mann" für Kontor oder Laden, ein Agent, ein Geschäftsreisender oder auch nur ein Schreiber für ein Geschäft gesucht wird, gehen Meldungen dazu zu Hunderten ein, während es mit dem Angebot nach
*) Nachdruck nicht gestattet.
Zahl und Beschaffenheit schwach bestellt ist, wo man städtische oder ländliche Handarbeiter oder einen tüchtigen Werksührer für irgend ein Gewerbe verlangt.
Mühten sich denn eigentlich unsere Schulen darum seit Jahrzehnten so emsig, Schulbildung, wenigstens das Schreibcnkönnen, auszubreiten, damit jeder Hansnarr sich einbilde, seine Lebensaufgabe müße nur schlechterdings in Schreiben und Rechnen bestehen, und daß er glaubt, ein rechtschaffenes Handwerk oder Feldarbeit seien unter seiner Würde oder überstiegen seine Körperkräfte?
Die zahlreichen einschlägigen Gerichtsverhandlungen bringen leider tagtäglich wieder die traurige Wahrheit, daß cs vielen Merkurjüngern auf dem geraden Wege zu langsam vorwärts geht, und daß sie deßhalb den krummen, zum Zuchthaus führenden Weg eingeschlagen haben.
Manche ctabliren sich ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, oder weil sie gerade keine Stelle haben oder keine paffende finden können. Nun geht der Schwindel los, da wird an Maß und Gewicht abgezwackt, altes für neu verkauft, halb- verdorbenes wieder aufgefrifcht, geschönt, gemanscht und gefälscht. Dort fabricirt man Kunstwolle, Kunstwein, Kunstbutter, Kunstkaffee, meist bestimmt, für echte Waare in den Handel gebracht zu werden. Das nennt man heutzutage konkurriren!
Konkurrenz, oder mit anderem Worte Wetteifer, muß sein, die soll nicht fortgeleugnet oder gar abgeschaffl werden; Konkurrenz ist die Mutter des Fortschritts und die Seele des modernen Verkehrs in Handel und Gewerbe, in Wissenschaft und Kunst, d. h. nur so lange, als die Konkurrenz sich auf solider Bahn bewegt. Der Geschäftsmann muß seine Nebenbuhler mehr zu überbieten als zu unterfordern streben, er muß mehr durch die Qualität als durch den Preis konkurriren, dann wird von erdrückender Konkurrenz nicht mehr die Rede sein können.
Gegen jene unsoliden Geschäftsleute, bei denen Schwindel der Morgensegen und Betrug das Abendgebet ist, kann nur durch Bildung von Vereinen, die gegen das Unwesen im Handel und Gewerbe Front machen, energisch vorgegaugen werden. Es müssen diese inszenirten G-schäftskniffe aufgedeckt und entlarvt und dem Publikum die Augen geöffnet werden. Dann werden die Schwindelmanöver und unlauteren Geschäftsmanipulationen von selbst aufhören, und die freie solide Konkurrenz wird wieder den wohlverdienten Platz einnehmen. Das beste Mittel aber gegen die Unsolidität ge- wiffer Kaufleute und Handwerker ist der Pranger.
Vermischtes.
(Die Kunst ein armer Mann zu fein.] In Wien kam jüngst eine seltsame Wette zum Austrag. Ein Graf pries im Klub die Annehmlichkeiten des Winters und einer seiner Freunde bemerkte in spöttischem Ton: „Ja, das sagst Du, weil Du gut gekleidet, in einen prächtigen Pelz gehüllt, durch die Straßen eilen kannst; weil Dir jede Minute ein warmer Raum, ein gutes Mahl, ein paar Gläser Wein zur Verfügung sind. Ich möchte Dich sehen, wenn Du ein armes Menschenkind wärest, das int dünnen Röckchen herumläuft, keine geheizte Stube hat und bei seinem kargen Verdienst nicht weiß, ob es Kohlen ober Brod kaufen soll." — „Jedenfalls hielt ich mich vor Allem an das Brod, denn die Kälte ertrüge ich ganz leicht." — „Du? Richt drei Tage hälft Du es im kalten Zimmer aus, nota bene schlecht gekleidet und bei ungenügender Nahrung." — „Bah! Wenn es eine Wette gelten soll, so verpflichte ich mich zu acht Tagen bitterer Arrnuth!“ — „Gut," sagte Baron M., ich halte die Wette. Der Verlierende stellt den hier Anwesenden ein Souper mit Champagner ad libitum zur Verfügung und spendet eine anständige Summe zu wohlthätigem Zweck." — „Angenommen!" Am andern Tag — Temperatur — 6 Grad Cels. — war Graf W. als „armer Mann" im stallirt. Eine leerstehende Wohnung im Hause des Baron M. war ihm zur Verfügung gestellt. Ein wurmstichiger
Tisch, ein ebensolcher Sessel, ein morsches Bett mit Strohsack und eine Kerze in einem Flaschenhals bildeten das Mobiliar. Ueberdies war absichtlich eine Fensterscheibe zertrümmert und mit Papier verklebt worden, weil „dies einmal so Sitte sei in den Höhlen der Armuth." Uebri- gens sollte das Loos des Grafen noch nicht das allerhärteste sein. Es war angenommen, daß die Miethe bezahlt sei und er nur für seinen leiblichen Unterhalt zu sorgen habe. Ein dem Baron bekannter armer Maler, der für 50 Stück sogenannter „Mandelbögen," die er colorirt, 40 Kreuzer bezahlt erhält, sollte als Muster gelten. Graf W. bekam also eine Farbenschachtel und eine Anzahl „Mandelbögen" beigestellt und sollte aus dem „Erträgnisse" seiner Arbeit sich verköstigen. Ein Ueberwachungs- komite wurde eingesetzt und die Sache in Gang gebracht. Am Sonntag Morgen erhielt Graf W. von seinem „Auftraggeber" großmüthig einen Vorschuß von 30 Kreuzern und begann um 9 Uhr seine Arbeit. Da ihm sein Winterrock abgenommen worden war und man die Sache doch nicht zu weit treiben wollte, so wurde ihm ein Diener concedirt, der die nothwendigen Nahrungsmittel einkaufen sollte. Von einem Corniternitgliede überwacht, brachte dieser für die 30 Kreuzer des Grafen eine heiße Suppe, etwas Wurst und Brod, ein Glas schlechten Schnaps und zwei noch schlechtere Cigarren. Der Graf arbeitete unermüdlich. Abends hatte er wieder 30 Kreuzer „verdient." Die Summe wäre wahrscheinlich größer gewesen, wenn Graf W. nicht zu wiederholten Malen hätte aufstehen und Turnübungen vornehmen müssen, um die erstarrten Glieder zu wärmen. Nachts fror es ihn jämmerlich unter der leichten Decke und die eisige Nebelluft, die durch die gebrochene Scheibe einströmte, setzte ihm fürchterlich zu. Nichtsdestoweniger machte er sich auch am nächsten Tage an die Arbeit. Am Abend hatte er aber nur 20 Kreuzer verdient. Die zarten, wohlgepflegten Hände waren rauh und gesprungen, nnb die erstarrten Finger vermochten kaum mehr den Pinsel zu halten. Am dritten Tage war die Kälte so arg, daß Graf W. sich mit einer Schale Suppe, einem Stück Brod und einer schlechten Cigarre begnügte und den Rest seines Geldes zum Einkauf — von Kohlen verwendete. Dieselben brannten in dem kleinen eisernen Ofen in einer halben Stunde zu Ende, und dann war es kalt wie zuvor, ja noch kälter. Resultat: 10 Kreuzer Verdienst. Am Mittwoch vermochte Graf W. kaum mehr fein Lager zu verlassen. Die Glieder versagten den Dienst, die Arbeit war unmöglich geworden. Nochmals wollte er sich aufraffen, aber Mittags war seine Energie gebrochen, und bald darauf erklärte er sich, zur Freude des schon besorgt werdenden Comitös, — geschlagen ... . Es ist eben eine schwere Kunst ein armer Mann zu fein. . . . Bei dem prächtigen Souper, das Graf W. gab, trank er das erste Glas auf das Gedeihen der Wärme- stuben, deren Fonds auch der verwettete ansehnliche Betrag zugeführt worden ist.
(Die Macht der Annonce.] Die »Magd. Ztg.' berichtet von einem Berliner Geschäftsmann, der für seine Geschäftsanzeigen 400,000 Mark ausgibt. „Als ich nicht inferirte", sagte er jüngst im Kreise seiner Freunde, „hatte ich so geringen Umsatz, daß ich besser gethan hätte, das Geschäft zu schließen. Dann begann ich zu inferiren, ich wendete im ersten Jahre 1000 Mark daran, mein Umsatz stieg auf 30,000 Mark, im dritten Jahre verwendete ich 10,000 Mark auf Inserate, mein Umsatz bezifferte sich aus Hunderttausende, und jetzt beträgt er Millionen, und mein Gewinn steht im Verhältnis: dazu. Alles, was ich habe, verdanke ich n/cht allein der Reellität der Geschäftsführung, sondern zu »»/ioo der Macht der Zeitungsanzeigen. Ich bin zur Gewißheit gekommen, daß heutzutage kein Geschäft ohne die Macht der Zeitungsannoncen in die Höhe kommen und gewinnbringend sein kann.
* [<5in praktischer Bühnenchef.] Von einem bereits in der Theaterwelt historisch gewordenen reisenden, die sächsischen Lande unsicher machenden Direktor M. kommt dem ,M.-Bl.' wieder ein neues Pröbchen „künstlerischen Standpunktes" zu Ohren. „Heute Abend gaben mer de Stuat", sagte er beim Frühseidel einigen Abonnenten, „ich hatte Sie wieder ordentlich zu duhne!" — „Ist das Stück von Ihnen neu bearbeitet worden?" fragte man ihn. — „Nein — aber ich habe Sie das Rothfener arrangirt." — „Rothfener? Kommt denn in Maria Stuart Schlachtengetümmel mit Feuerbränden oder bengalischer Beleuchtung vor? Wo bringen Sie denn das Rothfener an?“ — „Des weeß ich „ich! Des is Sache meiner Regisseure !" — „Aber um mit Rothfener zu experimentiren, muß man doch ein szenisches Motiv haben?" — „Allerdings hab' ich Sie mei’ Motiv," sagte mit sublimer Hoheit der Direktor, „des Rothfeuer is noch von de Jllimi- nation bei's letzte Schitzenfest ibrig."
* [Unbegreiflicher Eigensinn.] „I versicher' Jhna, i hab wenigstens sechs Paar Stiefel, warum kapri- ciern's Jhna denn, auf dö z' tret m, dö i groad' anhab?“
[Einfache Definition.] Frieda: „Warum nennt man Eure Prüfungen Examen?" — Fritz: „Weil man gerne Amen sagt, wenn die Prüfung ex ist!"