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1887

Sonnabend, den 19. März

M 64

Zeitung

Fnliiier

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenteilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Erstes Blatt.

Enthüllungen üb. die Ermordung des Polizeiraths Rumpf in Frankfurt.

(Schluß.)

Und nicht allein die Zeugenaussagen Draberg's und der Hausdiener» Kratz gewinnen so voller Verständniß. Der Privatier Christ, welcher ganz in der Nähe der Rumps'schen Hause» im Sachsen« lager seine Wohnung hat, sah 10—12 Tage vor dem Mord einen sehr verdächtigen Menschen vor dem Rumps'schen Hause auf- und abpatrouilliren, der mit Licske gar keine Aehnlichkeit hatte. Kon­ditor Schmidt sah am Abend der 13. Januar vor dem Kafö Goethe, nicht weit entfernt vom Sach­senlager, zwei Männer stehen, die leise mit ein­ander sprachen. Der eine sagte zu dem andern: „Wisch mich ab, damit man nichts bemerkt." Al» sich der Zeuge näherte, sagte der andere: „Hier sind Maulaffen feil." Zeuge erkennt in dem An- geklagten nicht einen der beiden Männer. Zeuge Droschkenkutscher Schwertzel: „Ich wurde am 13. Januar um 3/t6 Uhr Abends in der Weiß- adlergafle von zwei Herren engagirt und mußte sie Ecke der Eschenheimer Landstraße und Gärtnerweg, ganz nahe der Straße Sachscnlager fahren; hier mußte ich P/g Stunden warten, dann kamen die Herren zurück, und mußte ich sie nach dem Wiener Safe in der Zeit fahren, wo sie mich mit 3 Mark bezahlten, obwohl ich nur 2 Mark 50 Pf. verlangt hatte." In dem Angeklagten kann Z uge keinen der beiden Männer erkennen.

Den ersten Rapport über den Mord hat das Londoner Komits unfehlbar durch einen der beiden Briefe bekommen, die Lieske aus Bickenbach nach der That entsandte. Dieser nach London adressirte Brief enthielt eine dringende Bitte um Geld 1 Lieske hatte absolut kein Geld mehr und brauchte noth- wendig an 50 Mark, um in's Ausland entfliehen zu können. Der Mangel an Mitt In spielte denn auch hier, wie so oft bei anarchistischen Unterneh­men, eine heilsame Rolle. Lieske hatte von den circa 400 Mark, die in London für den Mord gesammelt worden waren, von jenem vierten Gc- noflen seinen Theil richtig erhalten, welcher auch hinreichend gewesen wäre, um ihm die Flucht in's

Im Wl der Mnlmdm.1

Roman aus dem Englischen von E. Blackburne.

1. Kapitel.

Vier nach verschiedenen Richtungen auseinander gehende Straßen von verschiedener Länge und Breite bildeten das Dorf Donnelstow. Dort, wo sie sich begegneten, war ein freier Platz, etwa» übertrieben „Square" genannt. Der „Square" war das aristokratische Viertel, das „West- End" des Dorfes. Da wohnte der Doktor, der katholische Priester, der evangelische Pfarrer .und Rath „Lynch", von welchem der Volksmund sagte, daß er soviel Gesetzcskenntniß unter dem Nagel seiner kleinen Fingers hätte, als das ganze Parlament drüben in England. Warum sollte er auch nicht, da sein verstorbener Vater, der „alte Rath", gleich Daniel O'Conell redete, und nach einem Allen unbekannten Rezepte einen Li- queur Herstellen ließ, wie er sonst nirgends an­zutreffen war. Das gute Volk von Donnelstow war sehr stolz auf seinen „Rath", wie er etwas unkorrekt genannt wurde. Sein Vater war in Wirklichkeit ein Rechtsgelehrter gewesen und er

*) Nachdruck verboten.

Ausland zu ermöglichen; er hatte aber für einen wohl mit dem Meuchelmord int Zusammenhangs stehenden Zweck den größten Theil der ihm zugc- komm-nen Summe in Frankreich verausgabt. Er schrieb also damals, und zwar zum letzten Male, um Geld; daffelbe sollte an eine Deckadresse ge­sandt werden, deren Inhaber wir jedenfalls in der Umgegend Frankfurts oder Mannheims zu suchen haben. Nach Empfang des bewußten Briefes hielt das Vertrauenskomits in London eine Sitzung — cs war das erste Mal, daß die Mitglieder voll­zählig verfammelt waren, denn bisher hatte sich der Anarchist Rinke den Verhandlungen fern ge­halten — man berathfchlagte, wie das Geld zu übermitteln. Da erbot sich Rinke, die Sendung zu bestellen, da er mit dem Deckadressaten bekannt war. Dave will di-fem das Geld ausgehändigt haben, es ist aber niemals in Siede’« Hände ge­langt. Natürlich beschuldigt Dave den Rinks, das Geld unterschlagen zu haben. Als Lieske verhaf­tet wurde, hatte er nur 13 Mark bei sich, die er in einem neuen Portemonnaie von dem vierten Genossen aus seiner Flucht kurz vor seiner Ver­haftung erhalten Haden wird. Durch die von Neinsdorff und Genossen begangenen verhängniß- vollen Unvorsichtigkeiten gewitzigt, hatten sich die Mörder Rumps'S der größten Vorsicht befleißigt, mit Ausnahme Lieske's, der an und für sich schon etwa» beschränkt, durch gänzlichen Geldmangel vol­lends in der übelsten Lage war. Von den beiden Anderen erhielt man in London in den ersten Wochen nach dem Meuchelmord nicht die geringste Nachricht, befand r» der Eine, der sich zuletzt im Südwesten der französischen Schweiz aufgehalten hatte, war gänzlich verschollen. Vergebens ließ Dave bei den Genfer Genossen Erkundigungen nach ihm einziehen. Schon glaubte man tu London, er sei Einer unter den Vielen, die gleich nach der That verhaftet worden waren, da langte endlich nach 7 Wochen bei Dave ein Brief von seiner Hand an mit dem Poststempel „Genf". Er hatte sich nach Italien geflüchtet und sandte von dort über Gens einen Brief. In ihm gab er seiner Entrüstung Raum, daß Lieske das Geld nicht zur rechten Zeit erhalten habe: Könne man nicht jede beliebige Summe denen, die ihr Leben bei solcher That aufs Spiel setzen, zur Verfügung stellen, möge man die Hände davon lassen und keine Ge­nossen zu einer solchen That aussenden.

hatte feinem Sohne die Bildung ein 6 Advokaten gegeben, aber al» der alte Mann starb, glaubten die einfachen Dorfbewohner und die ehrlichen Land­leute der Umgegend, der Titel sei erblich gewesen, und so kam e», daß Gustav Lynch immer der junge Rath genannt wurde.

Jetzt allerdings war er nicht mehr jung, viel­leicht ein angehender Fünfziger. Er war eine stattliche Gestalt, gesund und blühend aussehend, mit wohlgeordnetem Haar, das anfing grau zu werden, und sorgfältig gepflegtem Backenbart. Rath Lynch wurde mit nicht geringem Interesse von der weiblichen, unverheiratheten Bevölkerung des Dorfes und der Umgegend angesehen; denn er war reich, ein Junggeselle und durchaus fein Frauenhafler. Ec hatte keine näheren Verwandten und lebte mit seinem Bedienten und seiner Haus­hälterin in dem großen, bequem eingerichtetcn grauen Sandsteinhause an der Ecke des freien Platz:» von Donnelstow. Es war halb zwei Uhr Nachmittag» an einem düsteren Novembertage. Rath Lynch saß in seiner Schreibstube, fleißig in einer Menge Akten lesend, welche vor ihm auf dem Tische lagen. Zuweilen hielt er ein und machte einige flüchtige Bemerkungen auf ein neben ihm liegendes Blatt Papier. Sie waren

Deutsches Reich.

Berlin, 18. März.

* Da» Herrenhaus beauftragte fein Prä­sidium dem Kaiser zu dessen neunzigsten Geburts­tage die Glückwünsche des Hauses zu übermitteln. Der Antrag Kleist. Retzow, betreffend die Selbst­ständigkeit und bessere Dotirung der evangelischen Kirche, und der dazu gestellte Unterantrag des Grasen von Stolberg, wurden einer 15»er Kom­mission überwiesen. Dann wurden kleine Vor­lagen und Patitionen durchweg nach den Anträgen der Kommissionen erledigt. Der Reichskanzler wohnte theilweise der Sitzung bei, betheiligte sich aber nicht an der Debatte. Morgen: Etat.

* Der Reichstag nahm den deutsch-serbischen Vertrag, betreffend den gegenseitigen Musterschutz, in zweiter Lesung an, überwies die Gesetzentwürfe, betreffend den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenständen, sowie, betreffend die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfindenden Gerichtsverhand- lungen, an Commissionen und stellte die Novelle zum Reichsbeamtengesetz zur zweiten Lesung im Plenum. Der erste Gegenstand wurde bebattelos erledigt. Der Gesetzentwurf betreffend bleihaltige Gegenstände wurde vom Direktor des Reichsge« sundheitsamt Dr. Köhler mit gesundheitlichen Rücksichten motivirt und von den Abgeordneten Hu lisch (kons.) und Kalle (nlb.) befürwortet, während die Abgg. Wo ermann (nlb.) und Goldschmidt (frs.) Bedenken gegen einzelne Bestimmungen geltend machten. Die Novelle zum Reichsbeamtengesetz wurde vom Abg. Hahn (kons.) befürwortet. Der Gesetzentwurf betreffend die nichtöffentlichen Gerichtsverhandlungen wurde vom Staatssekretär Dr. v. Schelling und Wirkl. Geheimen Legationsrath Kaiser mit Forderun­gen de» Anstand:» und vor allem mit den Inte­ressen der Innern und äußern Sicherheit des Lan­des motivirt. Der letztere theilte mit, daß die letzten Landesverrathsprozesse der fremden Spio­nage reiches Material zum Schaden de» Lande» geliefert. Die Abgg. Klemm (kons.) und Dr. Meyer-Jena (nlb.) sprachen sich im ganzen zu Gunsten der Vorlage aus. Abg. Rintelen (Centr.) wandte sich gegen einzelne Bestimmungen derselben, während die Abgg. Klotz (freis.) und Kräcker (Soz.) die Vorlage als einen Eingriff

offenbar angenehmer Natur, denn ein Zug von Befriedigung glitt über die Züge dc» Advokaten, als er die Dokumente zusammenfaltete und in eine blau lactirte Blechdose verschloß, welche die Aufschrift trug: „Vollmachten und Papiere, be­treffend das Besitzthum von Garret O'Donnel auf Schloß Garret."

Manche ähnliche Dosen, welche andere Namen trugen, standen in Reihen auf dem Gesimse an einer Seite der Schreibstube. Rath Lynch war nämlich nicht nur der vorzüglichste Advokat der Grafschaft, er war auch Grldverleiher, und so kam es, daß fast keine Familie der Umgegend zu finden war, welche nicht Geschäfte mit ihm hatte; denn die umwohnenden irischen Landadligen waren, wie fast alle Irländer ihrer Klaffe, arm und stolz. Zu stolz um zu arbeiten, sich schämend zu betteln, waren gewöhnlich ihre Ländereien verschuldet bi» über ihren Werth. Dann kam der unvermeidliche Krach, die Söhne wanderten meisten» au» und die unerzogenen Töchter mußten in abhängigen Verhältnissen bei wohlhabenden Verwandten ihr Leben verbringen. Da» ist die Geschichte von leider zu vielen irischen Familien und so wird es bleiben, bi» die Irländer und Irländerinnen ver­lernt haben, von der Glorie der Vergangenheit