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M 63.

Freitag, den 18. März.

1887.

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Enthüllungen üb. die Ermordung des Polizeiraths

Rumpf in Frankfurt.

lieber diesen Gegenstand berichtet eine soeben erschienene Schrift mit dem Titel: „Der Anarchie mus und seine Träger. Enthüllungen aus dem Lager der Anarchisten von dem Verfasser der Londoner Briefe in der „Köln. Ztg." Berlin, Verlag von Neufeld und Mehring. 1887." In der Regel mischt sich bei solchen Darstellungen Wahrheit mit Dichtung und man kann wohl un­terscheiden, auf welcher Seite das Uebergewicht liegt. Dies vorausgeschickt, lassen wir hier den Bericht folgen. Der Verfasser macht es sich zur Aufgabe, über das Treiben und die Organisation der Anarchisten Aufschlüsse zu geben, die der ge­nannte Verfasser zu allermeist selbst cm der Quelle geschöpft haben will. Insbesondere hat derselbe den deutschen, von London au» geleiteten Anar­chismus studirt. Diesem Abschnitte feiner Mit- theilungen entnehmen wir nachstehende Zeilen, welche dort an eine Erläuterung des Prozesses Lieske anschließen:

Ob Lieske den Todesstoß selbst geführt hat, bleibe dahingestellt; das aber bin ich in der Sage, mit vollster Bestimmheit versichern zu können, Lieske war nur einer von drei Mördern und zwar der geringste. Julius Lieske ist schuldig befunden worden, allein oder in Gemein­schaft mit einem oder mehreren anderen Personen den Polizeirath Dr. Rumpf vorsätzlich getödtet und die Tödtnng mit Uebetlegung ausgeführt zu haben. Das Urtheil trifft zu; Lieske hat erhal- ten, was er verdient hatte, den Tod durch Scharf­richters Hand. Die mit gleicher, wenn nicht grö­ßerer Mordfchulo behafteten Genossen aber wan­deln noch unbehelligt umher.

Im Folgenden will ich wahrheitsgetreu die Geschichte vom Morde des Polizeiraths Dr. Rumpf erzählen, von einer anderen Seite aus, als der der gerichtlichen Untersuchung betrachtet, von der Seite der Thäter. Mein Material erhielt ich aus einer Hand, die nicht weniger, als die der Mör­der, vom Blute der Ermordeten befleckt ist. Im November des Jahres 1884, bald nachdem Dave nach verbüßter Zuchthausstrafe aus Deutschland zurückgekehrt war und zu der Zeit, da Reinsdorf

11 Dom Genius berührt.

Erzählung von Carlos Armand.

(Schluß.)

Was waren das für wunderbare Töne, die unter den schlanken Künstlerhänden hervorquollen? Wie auf einer Himmelsleiter schienen sie auf den silbernen Mondstrahlen hinaufzuschweben zu den Höhen der Sphären und das kleine Zimmer mit mächtigen, überirdischen Klangmaffen zu füllen.

Der Kaiser wußte nicht, wie ihm geschah. Er, der eiserne Kriegsheld, der unerschüttert unzählige Male unter dem Donnern der Schlacht gestanden — er fühlte sich bis in's Innerste bewegt von diesen Tönen, die wie bittende Engelsstimmen an sein Herz drangen.

Und jetzt wurden sie leiser, diese Töne; es ver­banden sich ihnen Worte, die die Geige nur noch mit einzelnen, melodischen Akkorden begleitete.

Eomond war wieder in die Knie gesunken, den leuchtenden Blick wie in weite Fernen gerichtet, erzählte er halb unbewußt dem lauschenden Kaiser die einfache, rührende Geschichte der brn Kinder, die als unzertrennliche Spielgefährten mit einan­der aufgewachsen in den blühenden G-filven der fernen Provence. Er erzählte von Rene, dem feuriger., warmherzigen Knaben, der schon in früher

| und Genossen prozessirt wurden, halte sich in London ein Vertrauenskomitö für die Propaganda der Thal gebildet; feine Mitglieder waren Dave, Trunk, Knauerhase, Bäthke und Rinke; alles be­währte Anarchisten. Dave war der Gründer, während Peukert und auch Rinke anfänglich ener­gisch protestirten. Zweck des Comits's war nach Penkert's Darstellung folgender: Knauerhase sollte seine Verbindungen dem Cornitö und damit Dave abtreten und zweitens, was noch wichtiger, Peu- kert, Rinke und alle Genossen, welche "mit dem Continent in Verbindung standen, sollten genölhigt werden, nur durch das Comitö oder im Einver- ständniß mit demselben ihre Correspondenz zu führen. Man ging von Dave's Seite in der Debatte sogar soweit, zu erklären, daß ein Jeder, der irgend eine Thal ausführen wolle oder zu einer solchen Hilfe verlange, seinen Plan vorher dem Somit e zur Begutachtung vorlegen müsse, andernfalls werde er weder auf moralische, noch materielle Unterstützung zu rechnen haben. Der von Dave nicht ausgesprochene, nächste Zweck des Comitv' war ohne Zweifel, Vorbereitungen zur Ermordung Rumpfs zu treffen.

Noch war der Kopf Reinsdorfs nicht gefallen, als man in den Clubs schon Gelder sammelte unter der Firma, Reinsdorf zu rächen. Mehr erfuhren die Genossen nicht. Dave selbst gab eine beträchtliche Summe, hatte er doch Dr. Rumpf die unfreiwillige Muße in Halle zu verdanken. Drei Genossen aus dem Ausland hatten sich zur Mordthat erboten, ein vierter in Deutschland, aber nicht in Frankfurt wohnender nahm das Geld in Empfang und hatte die andern drei aus- zurüsten. Auf gänzlich verschiedenen Wegen und zu verschiedener Zeit kamen die drei Mörder nach Frankfurt. Lieske, der schon im Dezember 1884 von Basel aufgebrochen, traf zuerst ein. Er wat der einzige Mörder, der noch nicht kompromittirt war; die beiden anderen waren bewährte und darum stark verdächtige Anarchisten. Eben aus dem Grunde hatte Lieske den Auftrag bekommen, die beste Gelegenheit zur Thal, den geeigneten Ort und die Stunde auszuspüren und Polizeirath Dr. Rumpf auf Schritt und Tritt za belauern.

Nur selten scheint er mit seinen Spießgesellen in der kritischen Zeit zusammengetroffen zu sein. Jene beiden unheimlichen Gesellen, die der Haus-

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Jugend mit glühender Bewunderung an dem General Bonaparte gehangen und dann später mit unaussprechlich stolzer Freude den Fahnen des Kaisers Napoleon gefolgt war.

Ec schilderte, wie sich um ihn und die holde Gespielin allmählig ein festes unzerreißbares Band geschlungen, und wie nun in dem Augenblick, als sie es knüpfen wollten zum glücklichsten Bunde, ein furchtbares Geschick den jungen Offizier mit dem Tode bedrohe.

Und Napoleon — dieser große Menschenkenner — er errieth auch, was der Erzähler verschwieg ober mit raschen Worten überging, seine eigene Liebe — und sein Opfer! Ec errieth den Namen des Offiziers, und nun wußte er auch, was die Töne, die jetzt wieder anschwellend, mit inbrün­stiger Bitte fein Ohr umschmeichelten, von ihm wollten: sie flehten Gnade!

Und noch etwas Anderes sah er, was der Künstler selber noch nicht ahnte: er sah die Weihe des Todes auf der jungen Stirn — sah den Strahl, der schon aus einer andern Welt stammte, in den großen blauen Augen.

Wie herzerschütternd die kleine, braune Geige fang und klang unter den Händen, die schon so bald im Tode erkalte« würden! Der Kaiser konnte nicht widerstehen — der Große fühlte sich besiegt

diener Kratz von der christlichen Herberge in Frank­furt mit Lieske und des Zeugen Nau des öfteren hat verkehren sehen, waren sicher die beiden anderen Mörder. Der eine war von starker Figur und trug einen schwarzen Schnurrbart. Das letzte Mal trafen sich die Mörder am 12. Januar, am Tage vor dem Mord, Abends gegen 9 Uhr auf dem Neckarbahnhof. Herr Hauptmann Draberg sah dort, nach seiner Zeugenaussage, in der Nähe der Säulen an der Freitreppe zwei Männer eifrig und ängstlich mit einander flüstern. Plötzlich kam ein dritter angerannt, die beiden augenscheinlich suchend. Einer von den beiden rief ihn an: „Es-tu lä?“ (Bist du da?) Ec: „Ce n’etait rien ce soir, j’ai attendu jusqu’ä neuf heures !* (Heute Abend ist es nichts, ich habe bis 9 Uhr gewartet.) Wenig Zeugenaussagen in diesem Prozeß waren so gravicend als diese; leider war man nicht im Stande, sie zu verwerthen; sie blieb unberück­sichtigt, zumal Hauptmann Draberg versichern konnte, daß keiner dieser drei mit dem Ange­klagten identisch sei; bei dem Scheine der Bahn­hofslaternen hatte er sie genau zu sehen ver­mocht. Nun weiß ich aber, daß diese drei Männer die Mörder waren; entweder trug Lieske einen falschen Bart ober er war in der That abwesend. In diesem letzteren Fall war der dritte Hinzuge- fommene jener vierte Genosse, der die anderen auszurüsten hatte und sich mit ihnen ein Rendez­vous gab. Dann wäre er soeben mit dem Zuge etwa aus Darmstadt oder Mannheim, denn in dieser Gegend hielt er sich auf, angekommen. Die drei sprachen französisch, und in der That waren die drei Mörder des Französischen mächtig, auch Lieske, der sich eine Zeit lang in der französischen Schweiz aufgehalten hatte.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 17. März.

* Der Reichstag ermächtigte sein Präsidium zum Erlaß einer Beglückwünschungs - Adresse an den Kaiser anläßlich dessen Geburtstags, nahm die Novelle zum Militärpensionsgesetz (betr. Pen­sionen der Marine) in 3. Lesung an und über­wies den Gesetzentwurf betr. den Servistarif und die Claffeneintheilung der Orte an die Bub-

durch die Größe; durch die Größe des Menschen, der sterbend dem Nebenbuhler die Braut zu er­halten strebte, während die unerwiderte Liebe zu ihr ihm selbst das Herz gebrochen — durch die Größe des Künstlers, dessen Töne eine Sprache redeten, wie sie ergreifender, beredter nie von Menschenlippen' gekommen.

Als jetzt Bogen und Geige den plötzlich er­mattenden Fingern btS Spielers entsanken und dessen Lippen — den letzten Akkord gleichsam in Worte übersetzend — „Gnade 1" stammelten, da beugte er sich zu dem dem Tode Geweihten und legte die weiße, mächtige Kaiserhand, bereit leise­stem Wink Millionen gehorchten, in sanfter lieb­kosender Berührung auf feine weichen, braunen Locken.

„Du hast gesiegt," fprach er feierlich, „der milde Genius der Kunst, der mit leuchtendem Finger Deine Stirn berührt, hat in meiner Brust die Dämonen des Zornes bezwungen — hier nimm den Dank uno die letzte Gabe Deines Kaisirs."

Ec riß ein Blatt aus seiner Brieflasche, das er hastig beschrieb und in die Hand des wie go »lenbet zu ihm Aufschauenden legte — im näch­ten Augenblick hatte sich die Thüre hinter ihm geschlossen.