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M 58.

Sonnabend, den 12. März.

1887.

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Die Kuldaer Reituna' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., ' mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen" in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Zweites Blatt.

Ferdinand von Leffeps.*)

Seit einigen Tagen weilt der jugendfrische Greis in Berlin, welcher den ehrenvollen Beinamen des „großen Franzosen" führt. Und er wird mit vol­lem Recht bereits zu seinen Lebzeiten als groß be­zeichnet. Herr v. LessepS wird zur Zeit wohl der einzige Franzose sein, um den alle civilisirten Völ­ker die gallische Nation beneiden. An Staats- und Kriegskünstlern von Ruf und Erfolg hat die Ge­genwart Ueberfluß, aber einen so großartigen und erfolgreichen Helden der Fciedensarbeit, wie Lesseps, gibt es zur Zeit nicht mehr.

Eine Mittelstufe zwischen Leffeps und den Kriegs­helden nehmen Stanley und Genoffen, die Erfor­scher und Eröffner bisher unbekannter Länder und wilder Völkerschaften, ein. Aber auch diesem Metier ist Kampf und Blutvergießen zugcsellt; es kommt thatsächlich auf eine Unterwerfung der uncioilisirten Stämme, auf einen Kulturzwang hinaus. Herr v. LessepS aber braucht weder Peitsche noch Re­volver; er baut einfach mit Hilfe freier Arbeiter Verkehrswege (Suezkanal, centralastatische Eisen­bahnen, Panama-Kanal) und eröffnet so der Kul­tur neue Pfade. Er düngt den Boden der Civili- sation nicht mit Blut, bloß mit Schweiß.

Herr v. LessepS hatte sich ursprünglich der diplo­matischen Laufbahn gewidmet. Sein Austritt aus derselben erfolgte 1849, weil er für den Frieden wirken wollte, während seine Regierung den Krieg wünschte. Er widmete sich fortan dem großen Unternehmen des Suezkanals. Nachdem jetzt der Suezkanal 18 Jahre im Dienste ist, und nachdem bereits das Projekt eines zweiten Kanals von Alexandrien in's rothe Meer aufgetaucht ist und da» noch großartigere Projekt des Panama-Ka­nals seiner Verwirklichung entgegengeht, können wir uns nur schwer einen Begriff machen von der ungeheueren Schwierigkeit, welche Leffeps zu über­winden hatte, ehe das erste Schiff dis seit den Pharaonenzeiten versandete Landenge wieder durch- schneiden konnte. Erinnern wir uns, wie viel Um­stände in den letzten Jahren der Plan eines kleinen Binnenkanals von dem rheinisch-westfälischen Jndu- striebezirk bis zur Emsmündung gemacht hat, und noch immer steht der mit Mühe und Noth zu Stande gebrachte Beschluß im Stadium der Vor­bereitung seiner Ausführung! Einen Kanal für Seeschiffs im fernen Egypten zu bauen war doch ein zehnfach größeres und schwereres Beginnen. Das schlimmste Hinderniß war der politische Wider­stand seitens des englischen Ministers Lord Pal­merston, des mächtigsten Staatsmannes der dama­ligen Zeit. Die kurzsichtige Selbstsucht, welche sich mit dem Beiwort „national" schmückt, ist ja stets das Hinderniß wirklichen Fortschrittes. Wie heute die Engländer stch theils aus Eigensinn, theils aus Feigheit gegen die geplante Tunneloerbindung mit dem Festlande wehren, weil sie dadurch dis Sicher­heit ihrer Insel bedroht glauben, so suchte damals die englische Regierung den Kanalbau zu Hinter­treiben, weil sie fürchtete, daß der Weg nach In­dien in nichtenglische Hände fallen würde und even­tuell der Kanal von Napoleon gesperrt werden könne. Ja, man traute sogar dem damals so ungeheuer gefürchteten Napoleon zu, daß er selbst mit Hilfe des neuen Kanals eine südasiatische Kon­kurrenz-Politik gegen England führen möchte. Trotz­dem setzte Leff.-ps den Kanal durch, und als er 1869 eingeweiht wurde, waren die Engländer be­reits von ihrer Sorge befreit und freuten sich mit

*) Nachdruck nicht gestattet.

Recht über die Erlangung dieser so nothwendigen näheren Verbindung mit Indien.

Die Rivalität der Nationen wollte sich auch auf der amerikanischen Landenge als Hinderniß des Kulturfortschritts erweisen. In noch höherem Grade, als bei Suez, verrieth hier die Natur, daß sie auf einen Durchstich durch Menschenhand rechne; es lag geradezu auf der flachen Hand, daß die beiden großen Weltmeere, das atlantische und das stille, hier durch einen Kanal verbunden werden müßten. Erfunden brauchte also die Idee nicht zu werden; aber die Ausführung — das war eine Niesenanfgabe. Wenn alle großen seefahren­den Nationen sich zusammengethan hätten, so wäre sie freilich schnell und leicht zu bewältigen gewesen; aber die Nordamerikaner wollten nichts von einer europäischen Mitwirkung wiffen, die Engländer waren selbstverständlich wieder eifersüchtig auf die Franzosen, und ibie Deutschen verzettelten lieber ihre Kräfte in samoischen oder afrikanischen Wüsten, ehe sie sich an dieser brennenden Kulturarbeit in längst aufgeschlossener Gegend betheiligten. Aus dem so unbedingt nothwendigen Panama! - Kanal wäre noch nichts geworden ohne die Autorität und die Thatkraft dieses einen Privatmannes, und wenn Herr v. Leffeps sterben sollte, so würden schwerlich die Kanalarbeiten im Gange bleiben können. Es ist „sein" Kanal in einem viel eminenteren Sinne, als wie der Suezkanal.

Die französische Kammer hat sich nicht geneigt gezeigt, die fehlenden Gelder aus der Staatskasse zuzuschießen. Herr v. Leffeps ist auf das Privat- kapital angewiesen und dasselbe vertraut sich bloß seinem Namen an.

Ein Berliner Blatt behauptet nun, Herr v. LessepS sei nach Deutschland gekommen, um hier Geld zur Vollendung seines großen Unternehmens zu suchen; das Blatt fügt die lebhafte Aussorde- rung hinzu, das deutsche Kapital solle sich bethei­ligen. In Geldsachen hört bekanntlich, die Ge- müthlichkeit auf. Wir würden stolz darauf sein, wenn das deutsche Kapital, ein solches Unterneh­men zu Ende führen könnte und allen deutschen Thaler- und Mark-Millionären um Unterstützung Lesseps an's Herz legen. Aber für das gewöhn­liche Publikum, welches von seinem Kapitalbesitz leben muß, sind solche Abenteuer nicht. Ob und wann sich die riesigen Kosten des Panamakanal's regelrecht verzinsen können, vermag jetzt noch Niemand zu sagen; was man in Panama-Aktien anlegt, muß man übrig haben. Ja einer Zeit, wo die kleinen Kapitalisten in Deutschland sogar auf die Schwindelprospekte südamerikanischer Job- berstaaten anbeißen, ist die Warnung wohl am Platze. Wir sind überzeugt, daß Leffeps nicht auf die Sparpfennige kleiner Leute ausgeht; aber es wäre nicht unmöglich, daß er spekulative Mittels­personen des größeren Publikums auch auf die­sem Gebiete zu engagicen suchte.

Die größte Gefahr des Panama-Unternehmens ist die Sterblichkeit Leffeps, auf dessen Schultern das ganze Werk ruht. Ec steht jetzt im 82. Jahre (geboren 19. November 1805); auch er gehört zu jenen unverwüstlichen alten Leuten, welche unsere Zeit die Signatur geben. Seine körperliche und geistige Frische steht bekanntlich in geradezu phänomenalem Contrast zu seinem Alter, selbst außerhalb des kinderarmen Frank­reichs muß es Staunen erregen, wenn ein acht­zigjähriger Familienvater noch auf die Pathen- suche geht. Im vorigen Jahre noch hat er die Reise über den Ocean zur Bssichtigung der Ar­beiten in dem tropischen, ungesunden Klima der Landwege ohne Nachtheil unternommen. Wün­schen wir dem zeitigen Gaste Deutschlands, daß die Dauer seines Lebens und seine Thatkraft

sich in ebenso außerordentlichen Maaßen bewegen möge, wie es seine Energie und seine Erfolge bisher gethan.

Herr v. Lesseps repräsentirt nicht blos die Friedensarbeit, sondern er ist auch der hervor- ragenste Vertreter der kosmopolitischen Anschauun­gen und Interessen, der über {nationale Engher­zigkeit und Selbstgefühl weit erhabenen Idee der allgemeinen Weltkultur. Es ist nicht zu leugnen, daß die Gegenwart in beiden Punkten, sowohl in Kciegsfanatismus als in „nationaler Einseitig­keit", Neigung zu rückschreitenden Bewegung ver- räth. Sonderbar, daß gerade in Frankreich, wo die kriegerische Ueberspannung des Nationalitäts­gefühls am ärgsten ist, der Mann entstehen mußte, welcher ein Held der kosmopolitischen Arbeit ist, wie kein Anderer.

Ob es nicht trotzdem in Deutschland Leute giebt, welche es uns übel nehmen, daß wir „einen Franzosen" gelobt haben? Möglich ist es schon; denn seit einigen Monaten macht man in Deutsch­land erfolgreiche Anstrengungen, sich doch einem mit Brutalität und Feigheit durchsetzten Chauvi­nismus zu blamiren. In einer Zeit, wo die Wähler haufenweise aus Furcht vor Frankreich in die innere Knechtschaft sich jagen lassen und wo unsere „Nordd." doch die Entdeckung von feindlichen Kriegsschiffen bei Helgoland den besten französischen Spionenmachern den Rang abläuft, können wir einem Gaste wie Lesseps nicht mehr mit dem Sebstbewußtsein gegenüber treten, wo wir es im vorigen Jahrzehnt auf Grund der moralischen Ueberlegenheit Deutschlands über die französische Leidenschaft noch vermocht hätten.

Vermischtes.

[Ue6er Bekleidungssünden.s Aus einem Vortrage des Sanitätsraths Dr. Gauster in Wien entnehmen wir Folgendes: Das Kleid soll in erster Linie gegen die Temperatur von außen, die Abgabe der Temperatur von innen und gegen die Wärme schätzen; es soll dem Blut­umlauf kein Hinderniß bieten, die freie Athmung nicht hemmen und endlich den regelmäßigen Körperbau nicht schädigen. Der menschliche Körper ist ein Ofen, der Wärme erzeugt, und das Kleid dient dazu, übermäßigen Temperatur­wechsel auszugleichen. Die Luft zwischen den einzelnen Kleioerschichten am Körper ist der eigentliche Wärrneregu- lator, und deshalb sind haarige Stoffe glatten vorzuziehen, da innerhalb derselben die Luft, welche das Ausstrahlen der Körperwärme hindert, in größerer Menge vorhanden ist. Ebenso spielt die Farbe, wie bekannt, in Bezug auf Wärme eine große Rolle. Dr. Gauster bemerkt, daß die Damenwelt im Gegensätze zu den Lehren der Physik im Sommer schwarze und im Winter weiße Kleider mit Vor­liebe trage. In Bezug auf den Blutumlauf beginnt die fehlerhafte Behandlung schon Beim Säugling, der in einer Weise „gebündelt" wird, daß ihm der Äthern vergeht, und so manches „normale" Kind zieht bei seinen Versuchen, sich aus den Banden freizumachen, sich Verkrümmungen zu. In spätem Jahren kommen dann die zu engen Halskragen an die Reihe, und da die Halsvenen in's Gehirn münden, entstehen Congestionen im Kopfe, Erweiterungen der Blut­gefäße, Nasenbluten und Kopfschmerzen. Am meisten aber werde die Brust mißhandelt. Im sechszehnten Jahrhundert habe man Bretteln auf der Brust getragen, bann folgte das Blanchett aus — Stahl, und das heutige Corset sei eigentlich auch noch ein „Marter-Jnstrurnent", durch welches zahlreiche Krankheiten, namentlich in der Leber und in den Unterleibs-Organen hervorgerufen würden. Die Kleider der Frauen sollten aus einem Stück bestehen und ihren natürlichen Stützpunkt auf den Achseln und in den Hüften finden. Ausgeschnittene Kleider verursachen haupt­sächlich bei Kindern Verkrümmungen und schlechte Achsel­stellung. Redner kam weiter auf den Schuh zu sprechen, der durch die jetzt so „moderne" Form des „Stöck ls" eine Anomalie gegen die natürliche Form des Fußes bilde. In Bezug auf Kopfbedeckung und Haarschmuck trete dieselbe Unnatur zu Tage. Durch das zu feste Binden der Haare entstehe Haarverminderung. Dr. Gauster schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, daß nicht das Nichtwissen, sondern einzig und allein Gedankenlosigkeit die Schuld trüge an den vielen Bekleidungssünden.

jKathederblüthe.) Die Franken trugen um die Schulter einen Mantel an den „Füßen" hatten sie Hosen.