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M 58.

Sonnabend, den 12. März.

1887.

Mm W Zitiiiig.

Di- »Fuldaer Zeitung' LEN,Ä?«Tb

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabats___________________=

Erstes Blatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. März.

• Der Reichstag erledigte heute die dritte Lesung der Militärvorlage ohne ein Wort der Debatte. Die Gesamrntab- stimmung ergab die unveränderte Annahme der Vorlage mit 227 gegen 31 St. Die Mehrheit des Centrums, 84 Mitglieder, enthielt sich der Abstimmung. Im Anschluß daran sand die Be> rathung über die von dcn Frcistnnigen beantragte Resolution auf Einführung einer Reichsein­kommensteuer zur Deckung der durch die Militärvorlage veranlaßten Mehrausgaben statt, die bald einen lebhaften Charakter annahm. Abg. Rickert motivirte die Resolution. Abg. Frhr. v. Huene (Centr.) erklärte sich dagegen, aber für eine landesgesttzliche Reform der dirccten Steuern im Sinne einer schärferen Heranziehung der gro- ßen Einkommen. Abg. Grillende rger erklärte die Zustimmung der Sozialdemokraten zu der Reso­lution. Abg. Dr. Miquel (nat.) suchte an der Resolution besonders zu tadeln, baß sie allen in Deutschland geltenden Steuergrundsätzen zuwrder für einen bestimmten Zweck eine bestimmte Steuer fordere und in bestehende Verhältnisse auf das Verwirrendste eingreife. Ec sprach sich ferner für eine Reform der Zucker- und Branntweinsteuer aus. Das Reich müsse finanziell auf eigenen Füßen stehen, die Matricularbciträge wüßten möglichst wegfallen; müßige Ueberweisungen von Reichseinnahmen an die Einzelstaaten halte er für berechtigt, doch dürften fie nicht die dinctrn Steuern entbehrlich machen. Abg. Dr. Miyer- Halle und Dr. Bamberger vertheidigten die Re- solution, Abgg. v. Helldoiff und v. Kardoiff be­kämpften die Resolution. Schließlich kam cs zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den Abgg. v. Köller und Richter über die Be­rechtigung der Bezeichnung „nationale Parteien; im Verlaufe derselben zogen sich beide Redner Ordnungsrufe zu. Schließlich wurde über die Resolution einfach zur Tagesordnung übergegangen. Nächste Sitzung: Montag. Kleine Vorlagen, Etat.

• Dem Staatssekretär Grafen Herbert Bis­

° vom Kmis berührt.

Erzählung von Carlos Armand.

(Fortsetzung.)

III.

Jahre waren vergangen seitdem. Es war an­ders gekommen, als die kleine Gabriele damals beim Abschied gemeint, Edmond hatte nicht bte Musikschule besuchen können: er hatte blutenden Herzens den hochfliegenden Hoffnungen, die er an sein ferneres Studium dort geknüpft, entsagen müssen, um ihretwillen, um Gabriele'» willen.

Wenige Monate rach der Abreife Rene's hatte ein schweres Geschick die kleine Familie im weißen Hause heimgesucht. Der Conte Giovanni war von einem Schlaganfall getroffen worden, von dem eine Lähmung zurückgeblieben, die ihn zu jeder Bewegung unfähig machte. Er war hinfort — ein hülfloser Greis — gänzlich auf den Bei­stand Anderer angewiesen. An seinem Sessel ge- fesselt, verbrachte er trübe, sonnenlose Tage; nicht nur, daß er seinem geliebten Gkigcnspiel für im­mer entsagen niußte, auch seinen Beruf als Mu- fiklehrer war er gezwungen aufzugeben. Damit war er des einzigen Mittels beraubt, feinen und der Seinen Unterhalt zu erwerben.

marck wurde der russische Orden oo.t Weißen Adler verliehen. Diese Gnadenbezeugung des Zaren gerade vor der Geburtstagsfeier des Kaisers er­scheint als ein bemerkenswerthes Zeichen über das Verhältniß Rußlands zu Deutschland.

• Zu einem größeren heute beim Reichs­kanzler stattfindenden parlamentarischen Diner sind nur Vertreter der Majoritätsparteien geladen. Man nimmt an, daß auch diese Gelegen­heit benutzt werden soll, eine Einigung über die nächsten gesetzgeberischen Ausgaben einzuleiten.

* Das Abgeordnetenhaus wählte an Stelle des Abg. Schmidt • Sagan den Abg. Barth zum Schriftführer, nahm den Gesetzentwurf über das Verfahren bei Vertheilung von Jmmobiliarpreisen im Geltungsbereich des rheinischen Rechtes en bloc an und erledigte Petitionen. Eine Anzahl von Petitionen um Gleichstellung der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten mit denen an Anstalten staatlichen Patronats wurden der Re­gierung als Material für die baldige gesetzliche Regelung der Verhältniffe der Lehrer an den nicht­staatlichen öffentlichen Lehranstalten überwiesen. — Dienstag 11 Uhr: Sekundärbahnvorlage.

♦ Wie man der ,Köln. Ztg/ meldet, seien die Zeitungs-Meldungen über die Vorgänge in der kirchenpolitischen Kommission des Her­renhauses nicht zuverlässig. Daß z. B. der Kultusminister mit Zurückziehung der Vorlage ge­droht habe, sei ebenso unrichtig, als daß sämmt- liche Anträge des Herrn Bischofs Kopp abgelehnt worden seien. Es sollen vielmehr verschiedene seiner Wünsche, wenn auch in anderer Form und meist eingeschränkt, Arnahme gesunden haben. Die Hauptschwierigkeit der Verhandlungen soll darin bestehen, daß auch diejenigen Materien wieder zur Abänderung vorgcschlagen werden, welche in der vorjährigen Novelle geregelt sind und bezüglich deren in der Jakobinischen Note keine fernere Ab- änderung verlangt wurde. Die Beschlüsse sollen aber im Allgemeinen mit solcher Mehrheit gefaßt sein, daß auf ein Zustandekommen des Gesetzes wenigstens im Herrenhause zu rechnen sei.

* Eine größere Steuerreform ist, wie offiziös berichtet wird, erst für die Herbstsession beabsichtigt; doch dürfte bereits in gegenwärtiger Session dem Reichstage ein Branntweinsteuerge- setz vorgelegt werden, wenn darüber vorher mit

In der Nacht diese» Unglücks zeigte sich die Liebe und Dankbarkeit seines Pflegesohnes im hellsten Glanz. Auf des Knaben Schultern lag nun die ganze Sorge für die kleine Familie, und mit nimmer müder Geduld nahm er dieselbe auf sich. Jctzt war die Zeit gekommen, wo er sein der tobten Lucia gegebenes Versprechen voll und ganz einlöscn konnte; und er that es freudig, welche Opfer es ihn auch kosten mochte. Ohne laute Klage begrub er den Traum seiner Künst­lerseele, sich durch eifriges Studium unter der Leitung berühmter Meister zu jener Höhe aufzu­schwingen, die einst der große Gluck dem Kinde prophezeit. Er durfte nicht mehr daran denken, nach Paris zu gehen — all seine Kräfte gehöiten ja fortan den Seinen. Ihnen zeigte er nichts von dem Schmerz, der fein junges Herz durch­bebte. Die glühenden Thränen, mit denen er des Nachts fein Kiffen benetzte, sah nur Gott allein!

Stundenlang mühte er sich geduldig ab, gegen geringes. Honorar kleinen Kindern die Anfangs- gründe seiner hehren Musik» beizubringen; ja, er verschmähte ei nicht, wenn die Noth es erheischte, geistige Tagelöhnerarbeit zu verrichten, lange Abende hindurch mit seiner Geige in den Scken« ken und Tanzlokalen der Vorstadt zu stehen. Mit zusammengepreßten Zähnen — die brennenden

den maßgebenden Parteien eine Verständigung herbeizuführen ist.

• In Sachen der Handwerkerfrage rst mitzutheilen, daß die bei Eröffnung des Reichs­tages angekündigte Vorlage in erst r Linie den Zweck hat, die außerhalb der Innung stehenden Gewerbetreibenden zu gewissen Lasten, welche die Innungen auch für die dem Verbände nicht An­gehörenden bisher zu tragen hatten, heranzuziehen. Die Ausgaben der JnnungSkaffen für HerbergS- und Reifeunierstützungswefen, für Arbeitsnachweis, Fachschulen rc. kamen bisher auch den NichtinnungS- meistern und Fabrikanten, welche Gesellen rc. be­schäftigen, zu Gute, ohne daß die Arbeitgeber gleich den Jnnungsmeistern Beiträge an die Kassen zu zahlen hatten. Bisher wurden alle bei der Reichsregierung eingegangenen Anträge von In­nungen, alle Nichtinnungsmeister rc. zu verpflich­ten, bestehenden Innungs-Krankenkassen beizutreten und zu den Kosten von Jnnungs-Fachschulen bei- zutrazen, mit Rücksicht auf die erst neuerdings er­folgte Regelung der Krankenversicherung und auf den gegenwärtigen Stand der Entwickelung des Fachschulwesens abgewiesen. Ueber den weiteren Inhalt der Vorlage ist zu bemerken, daß sie ein Reichsinnungsamt schaffen soll.

• Der Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung der Gebührenordnung für Rechtsanwälte, ist nunmehr in den Ausschüffen des BundeSratheS so durchgearbeitet, daß der Antrag der Ausschüffe demnächst im BundeSrathe zur Vertheilung und Berathung gelangen wird. Dem Vernehmen nach sind an dem ursprünglichen Entwürfe Aenderun- gen der Art vorgenommen morden, daß einige Gebührensätze in 'der Richtung der bestehenden Gebührenordnung abgeändert wurden.

• Offiziös wird über die zunächst in Preußen geplante endliche Regelung der Organi­sation des ärztlichen Standes Folgendes mitgetheilt: Es ist der Erlaß einer Allerhöchsten Verordnung in Anregung gekommen, und es sind die Grundzüge der Organisation in einer am 11. Februar d. I. unter dem Vorsitz des Ministers v. Goßler abgehaltenen Konferenz einer Besprech- ung mit Vertretern des ärztlichen Standes unter- zogen worden. Das Bedürfniß einer ärztl.chen Standesvertretung wurde von den Betheiligten auf das Dringendste betont und dem Vorschläge

Thränen zurückvrängend nach dem zuckenden Her- «n — spielte er lustige Tanzweisen', während die Röthe der Scham über diese Entweihung sei- ner heiligen Kunst auf seinen Wangen brannte.

Wenn dann die Marter zu Ende, flog er hm- auf an die mondbeglänzte See, und schluchzend in» hohe Ufergras sich werfend, bat er unter zärtlichen Liebkosungen seiner geliebten Geige bte Erniedrigung ab und entschädigte sich durch emen Strom herrlicher Melodien, die er ihren Salten entlockte für die lange schmerzliche Entsagung. — Seltsam, daß je größer der Druck der Noth der Quell dieser Melodien nur um so frischer und reicher hervorsprudelte. Die innerliche Reffe, die die schweren Kämpfe ihn trotz seiner Jugend erreichen ließen, offenbarte sich auchi tn feinem Spiel, das immer gkwann an Gefühlstiefe und geistigem Gehalt. Inzwischen suchte er auch noch durch Notenschreiben zu verdienen; aber all jene Bemühungen würden nicht ausgereicht haben, (ei­nen Sieben den Hunger fern zu halten, wenn nickt die Großmuth einiger Familien, deren Kin­der der Conte Giovanni früher unterrichtet, dem­selben Unteistützungen gewährt und eine derselben, von der er die Wohnung im weißen Hanse ge- mikthet, ihm den MiethzinS erloffen hätte.

So gelang er den Dreien, sich, wenn auch