M 56.
Donnerstag, den 10. März.
1887.
Intim.
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dant von Widdin» von der bulgarischen Sache abgefallen zu sein, da seine Verhaftung gemeldet wird. Man traute Lubomski schon fest Oktober vorigen Jahres nicht mehr so recht, weil er einmal nach der Widdin gegenüberliegenden rumänischen Donaustadt Kalafat gegangen war und dort — zufällig, wie er sagte — den Miturheber der August Erhebung Hauptmann Radko Dimit- riew getroffen und gesprochen hatte. LubomSkr wollte in dieser privaten Unterredung mit einem offenkundigen Verräther nichts Schlimmes sehen, die Regentschaft aber war anderer Ansicht und gab das dem zu seiner Rechtfertigung nach Tir- nowa gekommenen Oberstlieutenant in so deutlicher Weise zu verstehen, daß Lubomski sehr verstimmt die Stadt verließ. Lubomski stand auf sehr vertrautem Fuße mit Usunow und es scheint daher sehr möglich, daß letzterer wenigstens versucht hat, ihn in die neueste Erhebung hineinzuziehen. Da Lubomski sich in Widdin ruhig verhalten hat, so dürfte er die Vorschläge Usunow« zu thätiger Betheiligung abgelehnt, über das Vorhaben UsunowS aber pflichtwidrig Schweigen beobachtet haben, wodurch seine Verhaftung hinlänglich gerechtfertigt wäre. Wir sehen also, daß unter den acht ehemaligen russischen Offizieren sechs zu Rußland neigten, drei al« offenkundige Verschwörer (Stojanow, Filow, Schiwarow), drei (Gutschein, Kistrew, Lubomski) zum mindesten durch heimliche Förderung und Duldung von Verschwörungen; wogegen nur zwei (Nikolajew, Mutkurow) ihrem geschwore- nen Eide treu blieben. Da nun alle diese abgefallenen Offiziere hohe Kommandostellen einnahmen (vier Brigade-, zwei Regimentskommandeure), so erklärt es sich, daß sie auf viele Untergebene großen Einfluß ausüben konnten.
Trotzdem hätten diese Offiziere nichts ausrichten können,. wenn ihnen nicht in den „Akademikern" eine wirksame Hülfstruppe erstanden wäre. Man mag über die Verhältnisse in Bulgarien denken wie man will, das eine wird kein ehrlich denkender Mensch in Abrede stellen können, daß sich die Urheber der russischen Aufstände einer militärisch und bürgerlich entehrendenden Handlung schuldig gemacht haben. Selbst General Kaulbars hat da» in Sofia seinerzeit offen zugestanden. Diese Revolutionsführer waren aber, ne':en den erwähnten früher russischen Offizieren, durchweg
Akademiker. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß zu allem Unheil, das Bulgarien in den letzten Jahren getroffen hat, auf der ruffi- fchen Kriegsakademie der Grund gelegt worden ist. Drei Jahre lang wurde den jungen Leuten nichts anderes gepredigt, als daß sie ruffi- sche Offiziere und nur dem Zaren Gehorsam schuldig seien, während ihr Landesherr in jeder Weise bei ihnen heruntergesetzt wurde. Wurde doch den die russische Kriegsakademie besuchenden bulgarischen Offizieren untersagt, auf das Wohl des Fürsten zu trinken, wenn sie sich im engem Kreise ihrer Landsleute zu einem Feste versammelten. Diese Untergrabung der Disziplin hat ihre Früchte getragen und es ist nur zu verwundern, daß so viele Akademiker dem verderbli ^en Einflüsse nicht erlegen sind. Während wir überall unter russischem Einfluß erzogene Offiziere an der Spitze der Erhebung sehen, begegnen wir auch nicht ein einziges Mal einem rein bulgarischen Offizier als Führer einer Empörung. Man sage nicht, daß solche Offiziere sich nie an die Spitze hätten stellen können, weil sie untergeordnete Stellungen bekleideten. Die Brigadekommandeure Major Popow in Sofia und Hauptmann Petrow in Erki Saghra, die Regimentskommandeure Hauptleute Marinow in Plewna und Dranderewski in Rustschuk, um nur diese zu nennen, sind sicher Offiziere, über deren Einfluß nicht zu streiten ist. Da» Gift ist also unzweifelhaft von außen in die bulgarische Armee hineingetragen worden und hat dann allerdings auch in den ursprünglich gesunden Theilen der Armee schlimme Verwüstungen angerichtet. Ueberhaupt scheint es, daß die Lust an Militärverschwörungen ein russischer Ausfuhrartikel ist, denn auch bei der Revolution in Philippopel finden wir als militärische Führer die früheren russischen Offiziere Nikolajew, Mutkurow, Filow und den Akademiker Hauptmann Panitza. Obgleich nun jene von einem nationalen Gefühl getragene und gegen eine Zwilterregierung gerichtete Erhebung mit den spätem Ausständen in Bulgarien nicht verglichen werden kann, so war sie doch insofern eine durchaus nicht wünschenswerthe Unternehmung, als eine Armee sich niemals zu Aufständen hergeben sollte. Sie hat ganz andere Zwecke und außerdem rächt es sich schließlich an ihr selbst.
* Bulgarische Revolutionäre.
Die neuesten Ereignisse in Bulgarien und die abermalige Betheiligung von Offizieren an einem Aufstande werden wiederum die Frage aufwerfen lassen, wie es wohl eigentlich um das bulgarische Offizierkorps bestellt fein muß, da dergleichen Dinge immer wieder vorfallen können. Der Mangel einer altbefestigten Ueberlieferung in der bulgarischen Armee, die durch wiederholte Revolutionen und Nichtbestrafung ihrer Urheber hervorgerufene moralische Verwirrung, die mit ungemessenen Mitteln unterstützten russischen Verführungskünste, das sind die allgemeinen Gründe, durch welche die gegenwärtigen Vorkommnisse erklärt werden müssen. E« tritt aber noch ein anderer hinzu, der nicht allgemein bekannt sein dürft« und der doch sehr geeignet ist, manche» in einem besonderen Lichte erscheinen zu lassen. Wer waren denn eigentlich die Urheber der im russischen Interesse veranstalteten Erhebungen? Ersten» ehemalige russische Offiziere und zweitens bulgarische Offiziere, die drei Jahre lang russische Kriegsakademie besucht haken. Al» im Jahre 1885 die Revolution in Philippopel ausbrach, verfügte die bulgarische Armee über mehrere Offi- ziere, die, von bulgarischer Abstammung, in der russischen Armee gedient hatten. Wenn man von diesen Offizieren die ihrem Lande treugebliebenen, abzieht, so finden wir, daß die anderen sich ausnahmslos der russischen Verführung zugänglich zeigten. Schiwarow wollte zur Zeit des General- Kaulbars als Brigadekommandeur unL Kommandant von Schumla diese Garnison in russische Hände spielen, Filow soll in Rustschuk dasselbe geplant haben, und seine Theilnahme am neuesten Aufstande in Rustschuk beweist wohl, daß man ihm damals nicht unrecht gethan hat. Major Stojanow war der Kommandeur des Struma- Regiments, welches die August-Revolution in Sofia ausführte, der sich Gutfchew nachträglich durch Widerfttzung gegen die Gegenrevolution anschloß. Major K i s s e w, früher Kommandeur des Regiments Philippopel, trat ebenfalls gegen die Gegenrevolution auf, erhielt Verzeihung, stellte sich aber später wieder so sehr bloß, daß man ihn beseitigen mußte. Endlich scheint auch Lubomski, Brigadekommandeur und Komman-
4 Um Genius berührt.
Erzählung von Carlos Armand.
(Fortsetzung.)
So machte er e» immer, der kleine liebenswürdige Egoist. — Erst tyrannisirte er seine Spielgefährten, und wenn er dann feinen Willen durchgesetzt, dann war er voll offener, unwiderstehlicher Herzlichkeit, so daß ihm Niemand ernstlich böse fein konnte.
Er war der einzige Sohn des Hafenkommandanten von Marseille; seine Mutter war früh gestorben. Geschwister besaß er nicht, und so war er, so lange er denken konnte, der Spielkamerad der beiden Kinder aus dem weißen Häuschen des Conte Giovanni drunten im Olivenhain gewesen.
De» Musiklehrers junge Tochter Lucia war damals, kurz nach der Abreise de» deutschen Meisters, die Braut und bald daraus die Gattin eines schönen glänzenden Offizier» geworden, mit dem sie fortzog nach der fernen Hauptstadt. So war der Conte Giovanni mit seinem kleinen Pflegesohn Edmond allein zurückgeblieben im weißen Hause. Aber schon nach kaum vierjähriger Ehe kehrte Lucia schmerzgebrochen, int Wittwenschleier, krank und elend zu ihrem Vater zurück. Ihr Gatte war als Offizier de» König» der Revolution zum Opfer
gefallen. Sie überlebte ihn nicht lange: ein schlei- chende» Fieber zehrte ihre Kräfte auf, ein Jahr später schloß sie die thränenmüden Augen für immer, ihrem gebeugten Vater ihre holde kleine Gabrielle, al» einzige» Vermächtniß zurücklassend.
Fortan hatte der alte Musiker anstatt für eines, für zwei Kinder zu sorgen, und e» wurde seiner abnehmenden Kraft ost schwer, da» Nothwendige für Beide zu beschaffen.
Die Geldsendungen au» Deutschland für de» kleinen Edmond Unterhalt, die bis zu Meister Gluck's Tode und auch noch in den ersten Jahren nach demselben pünktlich eingetrcffen waren, hatten aufgehört, seit durch die große Revolution alle Verkehrswege mit dem Auslande gestört und ab- geschnitten worden, und der Conte Giovanni mußte nun sehen, wie er auch ohne dieselben fertig wurde.
Der edle Mann dachte trotzdem nicht daran, sich von dem Knaben zu trennen, der ihm unbeschreiblich theuer ge -wrsen, und der mit einer Liebe ohne Gleichen seine» Pflegevaters Wohlthaten vergalt.
In dem kleinen Eomond zeigte sich schon früh die hohe musikalische Begabung, die einst Gluck mit prophetischem Blick in ihm erkannt. Die Stunden, in denen der Conte Giovanni den Knaben im Geigenspiel unterrichtete, waren für Beide
die schönsten des Tage«; Ersterer zweifelte nicht daran, daß sein junger Schüler dereinst ein hochberühmter Geigenvirtuose werden würde.
Die Leute aus der Vorstadt aber, die an dem Hause vorüberkommend, oder draußen am Strande, wo der kleine Edmond häufig mit seiner Violine zu sitzen pflegte! die wunderlieblichen Klänge vernahmen, welche die schmale Kinderhand dem un- cheinbaren Instrumente zu entlocken wußte, blickten einander mit fast abergläubischem Staunen an. Der Eine ober Andere sagte dann wohl, indem er dazu bedeutungsvoll mit dem Kopfe nickte:
»Ja, ja, der wird dermaleinst gewiß noch ein großer Künstler werden, dem hat'» ja der Meister Gluck selber prophezeit, und der mußt' e« doch wissen!"
Außer seiner Geige und seinem Lehrer liebte »er » nabe nichts so sehr auf der Welt, al» sein goldselige» Pflegeschwcflerlein, die kleine, blonde Gabrielle. — Er hatte einst mit schwärmerischer Zärtlichkeit an ihrer schönen Mutter gehangen, die vor ihrer Verheirathung mit liebender Sorgfalt eine erste Lebenszeit behütet und die dann später, als sie zurückgekehrt, während ihre« langen Siech- thum» dem kaum sechsjährigen Knaben oftmals die durchsichtige Hand auf da» Lockenhaupt gelegt und ihn unter Thränen gebeten hatte, ihr kleines Mäd-