jg 54. Dienstag, den 8. März.
filiter W 3tilii|.
»• ,Ä1WKWÄ‘’*1! 1 50 *
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., be, Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. März.
♦ Da« Reichstagspräsidium ist gestern Nachmittag 23/4 Uhr vom Kaiser in Audienz empfangen worden. Der Kaiser sagte, er habe sich nur schwer dazu entschlosien, den früheren Reichstag aufzulösen. Er sei jedoch dazu genöthigt gewesen, nachdem die Opposition die Militärvorlage in dem als nothwendig erkannten Zeitumfange nicht bewilligt hatte. Um so erfreulicher sei es ihm, dem Kaiser, jetzt der Erwartung Raum geben zu können, daß die Mr'itärvorlage nunmehr mit großer Majorität angenommen werden würde. Hinsichtlich der Beziehungen zum Papste äußerte der Kaiser, schon bei der Thronbesteigung des jetzigen Papstes sei er von befielt friedliebender Gesinnung überzeugt gewesen-, deßhalb habe er auch int Karolinen-Streite den Papst als Schiedsrichter angerufen; er hoffe, auch die kirchenpolitischen Fragen würden sich binnen Kurzem in vollem Umfange in friedlicher Weise lösen. Rach Erwiderung de- Präsidenten v. Wedell-Piesdorf, welcher die Hoffnungen Sr. Majestät bezüglich des demnächst zu erwartenden zustimmenden Reichs- tagsbeschlufies .betreffs der Militärvorlage be- stätigte, entließ der Kaiser das Präsidium des Reichstages in der huldvollsten Weife.
* Der Reichstag hat heute in einer 1 ^kündigen Sitzung die Militärvorlage in erster Berathung erledigt, indem er beschloß, ohne corn« missarische Vorberathung die zweite Lesung im Hause vorzunehmen. Auch Fürst Bismarck war erschienen, ohne jedoch das Wort zu ergreifen. Die Debatte wurde eingeleitet durch den Kriegsminister Bronfart v. Schellendorf, der unter Hinweis auf die bereits erfolgte eingehende Erörterung der Militärfrage sich darauf beschränkte, um möglichst einstimmige Annahme der Vorlage zu bitten. Erster Redner aus dem Hause war Herr v. Bennigsen, der anerkannte, daß über wesentliche Theile der Vorlage bereits der srühere Reichstag eine erfreuliche Uebereinstimmung her- beigeführt habe. Auch die Frage der Zeitdauer sei bereits durch die Wahlen entschieden. Es handle sich nur darum, daß der Reichstag unter Verzicht auf die leidenschaftlichen Kämpfe, welche
Deutschland überhaupt durchwühlen, durb ein- müthige Annahme der Vorlage das Gewicht ver- stärke, da» Deutschland zur Erhalung des Weltfriedens in die Wagschale werfen könne. Nächst- dem erklärte Abgeordneter Dr. Windthorst, daß er mit der schleunigen Erledigung dieser Vorlage ganz einverstanden sei, daß er sich jedoch über die Stellung seiner Partei zu: Sache selbst noch nicht äußern könne, da noch einflußreiche Mit- glichet der Fraktion in den Stichwahlen ständen. Das sei jedenfalls unzweifelhaft, daß alle Parteien gegen den gemeinsamen Feind für die Größe unv Integrität des Vaterlandes einstehen würden. Sein definitiver Votum behalte er sich für die zweite Lesung vor. Abg. v. Helldorff erklärte die un- bedingte Zustimmung der Konservativen zum Sep- tennat, ist aber prinzipiell für das Aeternat, um künstigen Militärkonflikten vorzubeugen. Aufgabe des Reichstages werde es nunmehr fein, auch die nöthigeu Mittel zu bewilligen. Abg. Richter kündigte an, daß die Deutfchfreisinnigen am Triennat festhalten und in einer Resolution die Ausbringung der Mittel durch eine Reichs-Einkommensteuer fordern würden. Im klebrigen ver« theidigte Richter die Haltung der früheren Reichstagsmehrheit. Abg. von Kardorff erklärte sich Namen» der Reichspartei für das Septennat und gegen die von Richter gewünschte Reichseinkommen, steuer. Redner freut sich, daß die Auflösung eine nationale Mehrheit gebracht habe. Diese müsse unter allen Umständen aufrecht erhalten und ihrer Existenz selbst die wirthschastlichen und sonstigen Fragen untergeordnet werden. Abg. Singer versichert, daß die Sozialdemokraten keinen Mann unv keinen Groschen bewilligen würden. Die neue Reichstagsmehrheit imponire ihm nicht, weil sie einem Verbrechen an der Wahlfreiheit ihre Ent- stehung verdanke. Seine Partei fei mit dem bei den Wahlen erzielten Stimmenzuwachs zufrieden. Das Facit der Neuwahlen würden nur neue Steuern fein. Da sich Niemand weiter zum Wort meldet, wird die Generaldebatte geschloffen, und da von keiner Seite Kommifiionsberathung Beantragt ist, wird die zweite Lesung der Vorlage sofort im Plenum stattfinden. Morgen 1 Uhr soll nach dem Bericht der ,Germ.' zunächst mit der Etatsberathung begonnen werden.
• Abg. Hitze hat seinen bekannten Antrag zur
2 vm tzknms bkkihrt.
Erzählung von Carlos Armand.
(Fortsetzung.)
Man las in den Augen de» Meister» deutlich den Zweifel an der Erfüllung dieser Hoffnung; aber er lieh ihm keine Worte mehr, um den Freund nicht zu betrüben, sondern erwiderte herzlich:
„Ja, e» war eine schöne, unvergeßliche Zeit, die ich mit Euch und Eurer lieblichen Tochter in diesen paradiesischen Gefilden verlebt — sie gab mir die letzte große Freude meine» Leben»; habt innigen Dank dafür!--Doch, seht dorthin,"
fügte er sich unterbrechend plötzlich lebhaft hinzu, „was begibt sich dort? wa» bedeutet die Menschen« menge, die sich so plötzlich versammelt? —"
Sie hatten, im Gespräch weiterschreitend, sich der Vorstadt genähert und gewahrten nun an deren ersten Häusern einen Auflauf, der sich um einen noch nicht erkennbaren Gegenstand drängte. —
Bei der Annäherung des bekannten Mufik- lehrer» und seine» gefeierten Gaste« wich die Menge ehrerbietig zurück und bildete, sich nach beiden Seiten theilend, eine Gasse, durch die hinschreitend die Freunde im nächsten Augenblick vor der Ursache de» plötzlichen Zusammenlaufs standen.
E« wat ein Kind, ein kleiner Knabe von höchsten« einem Iahte, den eine alte Frau vor der Thüte ihre« Häuschen» in einem Korbe aus- gefitzt gefunden, und den die Nachbarn nun neugierig umstanden, vergeblich nach irgend einem Zeichen forschend, das einen Anhaltspunkt für die Herkunft des Kleinen böte. - Eben hob eine Frau aus der Menge ihn auf ihren Arm und untersuchte nochmal» sorgfältig da» feine Linnen, das die zarten Glieder umhüllte; aber ste fand nichts al» einen Heinen, an dem Hemdchen befestigten Zettel, der nur da» eine Wort „Edmund enthielt — wohl zum Zeichen, daß der Knabe getauft fei. —
Man theilte dieses Resultat auf ihr Befragen in wortreicher Rede den beiden Freunden mit, welche beide mitleidig den kleinen, namenlosen Findling betrachteten. —
Da» Kind ließ alle» mit sich geschehen, ohne nach Kinderart in Weinen auszubrechen. Seltsam — seit dem Erscheinen de» fremden Meister» wandten die blatten Kinderaugen, die so wunderbar groß und ernst au» dem blassen Gesichtchen blickten, sich keinen Augenblick von dessen Ange- sicht, al» ob von demselben eine magnetische An- zieyungikraft ausginge. — Aber auch des Meister» tiefer Blick hing wie geistesabwesend an dem
Gewerbeordnung, betreffend die Frauen- und Kinderarbeit, wieder eingebracht.
• In großer Zahl hatten sich am 3. ds. wie schon kurz mitgetheilt, die Mitglieder der Een« tr um »«Fraktion des Reichstage» versammelt, um einen Bericht des Frhrn. von und zu Fran cken« stein Über sein Verhalten in der Angelegenheit der Jacobini'schen Noten entgegenzunehmen, welches in der mittelparteilichen Presse zu so ge» häsfigen Angriffen auf die Person des Vorsitzenden der Centrums-Fraktion sowie des Abg. Dr. Windt« horst die Veranlassung hat bieten müssen. Die Darlegung lieferte den Beweis für die selbstver- stündliche Thatsache, daß Frhr. zu Franckenstein in dieser schwierigen und bedeutungsvollen Frage gehandelt hat, wie man es von einem solchen Edelmanne und weitsichtigen Politiker nicht anders erwarten konnte. Dieser allgemeinen Ueberzeugung gab zunächst der Abg. Dr. Reichensperger (Olpe) in warmen Worten Ausdruck; in demselben Sinne äußerten sich hervorragende Mitglieder aus allen Theilen des Reiches: Graf Ballestrem, Domkapitular Dr. Franz, Domkapitular Dr. Moufang, Graf Conrad Preysing, Graf Adelmann, General- Sekretär Hitze. Einstimmig sprach alsdann die Fraktion Herrn zu Franckenstein und Herrn Dr. Windthorst ihre dankbare Zustimmu ng und ihr vollstes Vertrauen aus. Die Mittheilungen, welche der Vorsitzende der Centrums-Fraktion machte, bezeichnete derselbe ausdrücklich als vertrauliche, so daß darüber nähere Angaben nicht gemacht werden können. Erst die Zukunft wird in seiner ganzen Bedeutung den Dienst würdigen lassen, welchen die genannten beiden Führer der Centrums-Fraktion der Sache der katholischen Kirche in Deutschland erwiesen haben, indem sie auch einem Wunsche de» h. Vaters gegen« über an der für richtig erkannten Stellung in einer innerpolitischen Frage unbedingt festhielten. Das würde nicht minder richtig fein, wenn e» den Mittelparteilern gelungen wäre, mit Hilfe ihrer papstfreundlichen Heuchelei die Centrums-Fraktion zu sprengen und für die neue Abart be« Staatskatholizismus, bie sogen. SeptennatsKatholiken, Dutzende von Man« baten zu ergaunern. Der Brief be» Frhrn. zu Franckenstein wäre und bliebe auch bann eine rettenbe That in bem schwersten Augenblick
kleinen hülflosen Wesen. Die» gegenseitige Anstarren währte fort, bi« der leise Anruf bc» Italiener« Gluck aus feiner Vergessenheit weckte. —
„Das sinb Künstleraugen, Freunb Giovanni, sprach er dann aus da« Kinderantlitz deutend, fast feierlich. „Er ist einer der Unfern, glaube mir’«! Siehst Du nicht die Weihe auf dieser jungen Stirn? sie hat der Genin« der Kunst berührt und ihr sein hehre« Siegel ausgeprägt — ich täusche mich nicht! t u „
Er trat hinzu, und da« Kind au« den Armen der Frau nehmend, neigte er die stolze Stirn, auf deren edler Wölbung stet« ein erhabener Göttergedanke zu thronen schien, voll tiefen Er« barmen« auf da« braunlockige Kinderköpfchen. —
In diesem Augenblicke erklangen die Glocken der umliegenden Kirchen in sonnabendlichem Fest« geläute, und die feierlichen Töne zauberten plötzlich ein Helle«, strahlende» Lächeln auf die Lippen de» kleinen Findling«, der lauschend da» Köpfchen von der Brust be« Meister» erhob.
Letzterer erkannte mit stolzer Freude in diesem Lächeln bie Bestätigung fiiner Ahnung. Wie in plötzlichem Entschluß richtete er sich hoch auf unb sein klare» Auge über die Menge hinschweifen lassend, die flüsternd berieth, wa» mit bem Kinde geschehen solle, sprach er laut und vernehmlich.