JK 53. Montag, den 7. März. 1887.
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Zweites Blatt.
Ueber Hünengräber in Hessen
hielt in der zu Marburg am 1. b. stattgehabten Sitzung des Geschichtsvereins Herr Pfarrer Kolbe einen interessanten Vortrag, über welchen die ,Oberh. Ztg.' referirt wie folgt: Nachdem der Vortragende den an und für sich unzutreffenden Namen Hünengräber, als riesige Heiden- grab er erläutert hatte, gab derselbe zunächst eine Uebersicht der verschiedenen Arten dieser Gräber in Deutschland, beziehnngsweise in Hessen. Hiernach unterscheidet man dieselben nach ihrer äußeren Konstruktion in Hochbauten und Tiefbauten, d. h. in Hügelgräb.r und in Tief- gräber, bei denen sich der Todte im Hügel oder in einem, in den Erdboden versenkten, Grabe le findet. Die Hochbauten bestehen aus koloffalen Steinen oder Erdaufschüttungen, oder aus beidem Material zugleich. Die Tiefgräber dagegen sind äußerlich gar nicht sichtbar, da sie über den Erdboden nicht hervorragen. Alle diese Arten von Begräbnissen wurden in Hessen nachgewiesen. Von den eigentlichen Steinbauten, den ältesten Denkmälern der grauesten Vorzeit, die jedenfalls einem vorgermaniichen Volksstamme angehören, hat sich nur ein, wenn auch bedeutender Rest in der Hunburg in der Ginselau erhalten, da sich hier laut den mittelalterlichen Urkunden ein großer Steinring und ein steinernes Todtenhaus (domua lapidea, testa, materia lapidum) vorfand. Von den Erdhügelgräbern mit verbrannten und unverbrannten Leichen, mit und ohne Urnen, in und ohne Steinverpackung, konnte dagegen bei uns eine sehr große Menge nachgewresen werden, wobei darauf aufmerksam gemacht wurde, daß diese großen Erdhügel wohl nur angesehenen Personen errichtet worden, während das Volk im Ganzen und Großen in den Tiefgräbern der Todtenfeldern seine Ruhestätte fand. — Charakteristisch für die bedeutendsten Hünengräber und Todtenfelder ist aber der Umstand, daß dieselben sich stets bei den alten Kultus- und Ger.chtsstät- ten befinden. So wird hervorgehoben, daß sogar ein Dorf in Hessen, in der nächsten Nähe des politischen und religiösen Hauptortes der alten Chatten, des von Tacitus erwähnten Mattium, bis heute nach diesen heidnischen Todtenfeldern benannt ist, nämlich Dissen, das seinen Namen von „dys", dem Grabhügel, erhalten. In den Urkunden des Mittelalters wird das Dorf „Uri- selgentusen" von dem andern, in dem eine Kirche gebaut worden, als die Gräberstätte der Unseligen d. h. der Heiden unterschieden. Außerdem wies der Vortragende auf die drei bis jetzt entdeckten Rosengärten in Oberhessen, als solche Volksbegräbnißstätten, sowie auf ein erst im vorigen Jahre erschlossenes Todtenfeld in Kernbach, den „Tobtengarten" hin, wo bic Skelette übereinander nur mit Steinverpackung der Schädel gebettet liegen. Hieran schloß sich alsdann die Mittheilung von der Auffindung zweier de- namten Hünengräber an, bei denen sich die Namen der daselbst Bestatt tcn bis heute erhalten haben, ein Vorkommniß, das in Deutschland höchst selten und darum von großem Interesse ist, da Namen alter Stammes und Siegeshelben unseres Volkes fast gar nicht auf uns gekommen, sondern mit den alten, von Tacitus ermähnten, Liedern sämmtlich verschollen sind. Das eine dieser Gräber befindet sich in der Nähe der altheidnischen Opfer- und Gerichtsstätte Bannebach in Oberhessen und heißt ganz allgemein Lüppertsgrab, ein Name, der im Althochdeutschen Liutperaht lautete, und den v?r dem Volk (Liut) Hervor
leuchtenden, den strahlenden Volkshelden bezeichnete. Daß dieser alte Chatte seinen Namen mit Recht geführt und eine höchst angesehene Persönlichkeit gewesen sein muß, wies der Vortragende durch den Nachweis einer altgermanischcn Volkssitte nach, die sich an dieses Grab knüpfte und bis in unser Jahrhundert erhalten harte. Wer nämlich von den Bewohnern der benachbarten Orte im Frühling zuerst an Lüppertsgrab vorüberkam, pflegte alsdann stets einen grünen Zweig darauf zu stecken. Dieser auch sonst, durch Geschichte und Sage bezeugte altgermanische Volksgebrauch ward durch den Gebrauch des Maibaumes als Symbol des Lebensbaumes erläutert, der für gewöhnlich den Lebenden, hier aber auch den Tobten, nach aitheidnischer Sitte gepflanzt unb später auch seitens der Christen acceptirt würbe. — Als zweites benamtes Hünengrab in Hessen wirb alsdann der „Warmschleh" bei R a d e n, Pfarrei Hattendorf, angesüh t. Dort befindet sich ein dem Donar geweihtes heidnisches Todtenfeld und Heiligthum, unter dessen zum Thcil noch vorhandenen großen Hünengräber, der Warmschleh, d. h. das Grab des Waramann, besonders hervorgeragt haben muß, da die ganze Lokalität darnach benannt ist. Leh heißt nämlich im Mittelhochdeutschen der Grabhügel, dc-r im Althochdeutschen als hlSo und im G.thischen als hlaiv bezeichnet wird. Durch sachliche, geschützt liche und etymologische Erläuterungen wies der Vortragende die Bedeutung dieser höchst interessanten Lokalität nach und brachte dieselbe in Parallele mit der Donars-Mark in Island und in Schlesien, von der auch das gräfliche Geschlecht der Henkel von Donnersmark seinen Namen trägt. Auß-r- dem ward der enge Zusammenhang des Donarkultus mit dem Kultus der Unterirdischen dargelegt unb gezeigt, wie in den Volksgebräuchen der Bewohner einzelner bestimmter Höfe in Raden der, an dieser Grabesstätte hafcend', Donarkultus seine Schatten bis in das Helle Tageslicht unserer Zeit hineinwirft.
Vermischtes.
* Die über Bremen mittels der deutschen Postdampfer direkt auf dem Seewege nach den Anlaufplätzen der deutschen Dampfer in Australien (Adelaide, Melbourne, Sydney) zu befördernden Briese unterliegen als Schiffsbriefe der ermäßigten Taxe von 20 Pfennig für je 15 Gramm. Dieselben müssen vom Absender mit der Bezeichnung „Schiffsbrief über Bremen" versehen und frankiert fein.
* Gegen die Fremdwörter wird jetzt auch im Eisenbahnverkehr vorgegangen. Für Barriere wird j-tzt Wegeschranke gebraucht, für Extrazug Sonderzug. für Rangirzug Zuqverschiebung, für. Niveau Schienhöhe, für ä fonda perdu nicht zu- \ rückzahlbarer Zuschuß, für Central Weichen Appa- ; rate wird der Ausdruck Weichei.stellwerke n. s. w. angewendet.
§ Die Herstellung des Theodor Körner-Denkmals, welches in Pirkenhammer bei Karlsbad errichtet werden soll, ist vom Ausschüsse den» Bildhauer Hermann Hultzsch, Vorsitzenden der D resd erre r Kunstgenossenschaft, endgiltig übertragen worden. Die Kosten des Denkmals sind auf etwa 6000 Mark veranschlagt, die meisten deutschen Fürsten haben Beiträge gespendet. Die Theodor- Körner-Liedertafel zu New Uork wird zu Gunsten des Denkmals ein Konzert geben.
8 Das Technikum Mittweida (Kgr. Sachsen) wird diese Ostern das zweite Jahrzehnt seines Bestehen abschließen. Mit hoher Befriedigung darf die Anstalt auf die letzten 20 Jahren zmücksehen, ist doch die Schülerzahl eine stetig wachsende und beträgt im gegenwärtigen Wintersemester allein 562, wovon 409 die Abtheilung für M aschinen-Jngenieure und Elektrotechniker, ferner 138 die für Werkmeister und 15 Schüler ver- !
schiedene Fächer besuchen. Unter den Geburtsländern bemerken wir: Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland, Schweiz, Großbritannien, Dänemark, Holland, Spanien rc„ aus Asien besonders Java, aus Afrika: Kapland und Goldküste, ferner Nord- und Südamerika und Australien. Die Eltern der Schüler gehören besonders dem Stande der Fabrikanten und Gewerbtreibenden an, ein Beweis für das Vertrauen, welches das Technikum in den maßgebenden Fachkreisen genießt. Programm und Jahresbericht erhält man unentgeltlich von der Direktion des Technikum Mittweida (Sachsen).
* Bei einer jüngst am Landgericht II in München stattgehabten Verhandlung gegen einen Bauerngutsbesitzer und eine Bäuerin aus der Dachauer Gegend wegen Meineidsverleitung qualifizirte der Vertheidiger der Angeklagten die bäuerlichen Bewohner dieser Gegend als die „dümmsten des ganzen Königreiches Bayern, die nicht im Stande seien, die Tragweite ihrer Worte und Handlungen in solchen Dingen zu ermessen!" Sehr schmeichelhaft für die Dachauer! —
fKurz und treffend) Einem Autor, dessen Stück von Plagiaten wimmelt, wird nach der Premiere vom Direktor telegraphirt: „Ab gelehnt." — Sofort tele- graphirt der Autor zurück: „Grund?" unb erhält die Antwort: „Angelehnt!"
sVerkennung des Geschäftsbetriebs) Ein Bettler spricht einen Herrn in dunkler Abendstunde um eine Gabe an. Unwillig ruft der Spaziergänger: „Aber wer wird denn die Leute in der Nacht anfallen und anbetteln?" — „Lieber Herr", entschuldigte sich der verschämte Arme, „ich bettle auch bei Tage".
* (Kindergedanken.) Karl: „Ach, Mama, was habe ich gesehen! Christel hat mich in die Mühle mitgenommen, und da habe ich einen Esel gesehen, so groß — so groß rote der Onkel!'" — Lieschen: „Nicht wahr, Mama, Karl übertreibt wieder einmal? So einen großen Esel, wie der Onkel kann's ja gar nicht geben!"
Literarisches.
„Deutscher Hausschatz."" Jllustrirte Zeitschrift. Jährlich 18 Hefte. Größt-Quart (Oktober—Oktober) zum Preise von 40 Pf. per Heft — complet 7 M. 20 Pf. Regensburg, Fr. Pustet.
Vom neuen XIII. Jahrgang liegen bereits 7 Hefte vor. Der Hausschatz ist ein Blatt, das sich durch strenge Sichtung und Gediegenheit höchst vortheilhaft auszeichnet. Seine größeren Erzählungen haben Substanz und stehen durchschnittlich auf historischem Untergrund oder demjenigen wirklicher Erlebnisse, haben also mehr als blos unterhaltenden Werth ; die kleineren umfassen ineist interessante Ereignisse aus dem Touristen- und Kriegsleben. Der Gegenwart trägt das Blatt durch die Biographien bedeutender Männer besonders der katholisch-kirchlichen und politischen Richtung in korrekter und pietätvoller Schilderung nebst Porträts Rechnung. Die naturwissenschaftlichen, geographischen und kunstgeschichtlichen Darstellungen sind frisch gehalten und treu in der Anschauung. WaS illustrative Ausstattung betrifft, liefert der „Hausschatz" nur Vorzügliches. Sittlicher Ernst durchweht das Ganze bis zur kleinsten Einzelnheit. Wer das Blatt noch nicht kennt, begeht in dessen Beschaffung für die Familie keinen Fehlgriff.
Statut
über bie
Erhebung von Gkmrmdr-lluckgkn
iu der Stadt Fulda.
In G mäßheit ber §§ 3 unb 77 ber Kur- hessischen Gemeinbe-Ordnung vom 23. Oktober 1834 unb auf Grunb bet Beschlüsse bes Stabtraths vom 20. August 1886 unb bes Bürger - Ausschusses vom 18. Oktober 1886 wirb hierbmch vorbehaltlich ber Bestätigung burch ben Bezirks-Ausschuß das nachstehenbe Statut erlassen.
S 1.
Insoweit das Einkommen ber Stabt Fulba zur Bestreitung ber ihr obliegenben Ausgaben nicht ausreicht, sollen bie fe'rlenben Mittel durch Erhebung von Gemeinde-Umlagen nach Maßgabe ber folgenden Bestimmungen beschafft werben.