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Donnerstag, den 3. März.

M 50.

1887.

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* Der neue kirchenpolitische Gesetz- Entwurf

entfprif t nicht dm Hoffnungen, welche man in Deutschland und auch wohl in Rom gehegt hatte. Die Staatsregierung hatte im vorigen Jahre mit dem heil. Stuhle ein Abkommen dahin getroffen, daß erstere die Zusicherung einer abschließen­den Revision der Maigesetze geben solle, wo­gegen letzterer die Anweisung zur Anzeige erlaffen werde. Die Regierung gab das Versprechen, und der hl. Stuhl bewilligte die Anzeige. Die Regie­rung muß also eine abschließende Revision machen. Es scheint, daß sie diese Vorlage in der Thal als die Erfüllung ihres Versprechens betrachtet wiffen will; denn sie erinnert in der Begründung an die Verhandlungen vom vorigen Jahre und bezeichnet als Zweck der Vorlage, „das Verhältniß zwischen dem Staate und der katholischen Kirche zu beiderseitiger Zufriedenheit auszugestalten". Demgegenüber werdm die preußischen Katholiken keinen Zweifel darüber laffm, daß die Vorlage sie nicht befriedigt und daß dieselbe noch keinen Ab­schluß der kirchenpolitischen Grenzabsteckung bedeu­ten kann. In der Novelle vom 21. Mai 1886 waren verschiedene Punkte absichtlich nur zur Noth Halbwegs erledigt worden, um nur erst dis Grundlage zur Verständigung zu gewinnen. Da­hin gehört z. B. auch die Frage der gerichtlichen „Unfähigkeits"-Erklärung. Das Gesetz von 1886 hat den kirchlichen Gerichtshof aufgehoben, aber den § 24 vom 12. Mai 1873 bestehen las­sen, wonach durch „gerichtliches Urtheil" die „recht­liche Unfähigkeit zur Ausübung des Amtes ic." ausgesprochen werden kann. Eine Bestimmung über die Zusammensetzung dieses Gerichtshofes und das Verfahren findet sich jetzt im Gesetze nicht mehr. Wenn die Kirchen»Gesetzgebung zum wirklichen Abschluß kommen soll, so muß man entweder die g mze „Unfähigkeits"-Erklärung beseitigen, oder man muß die Anwendung dieses Kampfmittels regeln. Der j tzt eingebrachte Ent­wurf läßt diese Frage ungelöst, ebenso wie er sich sorgfältig bei der hochwichtigen Frage vorbeidrückt, welche Instanz über die Berechtigung des Ein­spruches das letzte Wort haben soll. Es ist wieder Stück- und Flickwerk, nichts Ganzes, Abschließen­des, Befriedigendes. Wir sind im Jahre 1887

Die Adi» von WMsdkmn.

Original-Roman von Marie Romany.

42. Fortsetzung.

XIX.

Als Alice von Waldheim am Tage der Ge­richtsverhandlung in den Prinzen von Bayern zurückgekehrt war, halte sie, ohne eine Stunde zu verlieren, die Vorkehrungen dazu getroffen, am nächsten Mittag in Begleitung des Pfarrer Bornau der ewigen Stadt, diefem Schauplatz ihrer, wie sie meinte, unauslöschlichen Schande, Valet zu sagen. Am Abend desselben Tages hatte der Zug sie bis nach Verona gebracht.

Nicht«, seitdem die Verhandlung vorüber gewesen, hatte sie aus der Apathie, in die sie versunken war, aufzuwecken vermocht. In stummer Ge­dankenlosigkeit hatte sie während der langen Fahrt ihrem Vormund gegenüber gesessen; nicht die Be­merkungen. welche dec ehrwürdige Greis in Bezug ihrer Zukunft machte, nicht die Andeutungen, durch welche er, um ihren Sinn auf eine ange­nehmere Fährte zu lenken, auf die romantische Schönheit der Natur, durch welche die Bahn ihren Weg nahm, aufmerksam machte, noch seine Vorstellungen über die Pflicht, jede Lage des Lebens mit fester Hand zu erfaffen, hatten auf

glücklich wieder an dem System der „diskre­tionären Vollmachten" angelangt, deffsn Ausbildung im Jahre 1880 versucht wurde. Durch den kautschukarligen Einspruchsparagraphen wür­den die Schicksale der meisten Weltgeistlichen dem diskretionären Ecmcffen der Staatsbeamten preis- gegeben werden; durch diese Novelle zum Kloster- gesetz würde auch noch eine ganze Schaar von Ordensleuten auf die Gnade der Regierung angewiesen sein, ihr ganzes Dasein und Wirken von dem diskretionären Ermeffen abhängig sehen. Daß eine solche Vorlage nicht als abschließende und einen wahren Frieden begründete Revision angesehen werden kann liegt auf der Hand. Die Regierung sagt in den Motiven, daß sie „die Grundlage" dieser Vorlage in Vorverhand­lungen mit dem h. Stuhle gewonnen habe. Was auf dieser Grundlage aufgebaut ist, ist nicht derart, daß es dem h. Stuhle gefallen kann. Wie die vorigjährige Vorlage erst im Laufe der parla­mentarischen Verhandlungen eine erträgliche Ge­stalt erhielt, so wird auch in das buntscheckige Gefäß des vorliegenden Entwurfs der rechte In­halt erst hineingethan werden müffen. Sollte das nicht gelingen, so wird die Ansicht des katholischen Volkes dahin gehen, daß es bester sei, mit der weiteren Revision zu warten, als dieselbe zu ver­pfuschen.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. März.

* Bei der morgigen Eröffnung des Reichs­tages wird die Verlesung der Thronrede wahrscheinlich durch den Staatssekretär des Innern, Minister v. Bötticher stattfinden. Es haben sich bereits heute auf dem Bureau des Reichs­tages so viel Abgeordnete angemeldet, daß die Be­schlußfähigkeit für morgen gesichert erscheint.

* Das Abgeordnetenhaus erledigte heute Petitionen und kleine Vorlagen ohne allgemeines Interests. Nächste Sitzung: Freitag. Organisation der Unfallversicherung für land- und forstwirth- schaftliche Arbeiter.

* Die Berliner Abendblätter bringen überein­stimmend ein Telegramm aus Posen, wonach Erzbischof Dinder eine Bauern-Deputation, welche für Jazdzewski die Erlaubniß zur Annahme

das erschütterte Gemüth des jungen Wesens den geringsten Emdruck gemacht.

Mit banger Sorge hatte der greise Priester sie beobachtet, sie, die bi« zu jener verhängniß- reichen Stunden, welche den Fehltritt ihres Vaters vor aller Welt aufdecken mußte, die größte Fas­sung und Selbstbeherrschung zur Schau getragen hatte; er fand ja nicht eine gerechte Erklärung für ihre Apathie in der Farblosigkeit der Zukunft, die, wie es den Anschein hatte, durch die Fügung des Schicksals für sie bereit war.

Wie ganz anders hatte sich der würdige Mann diese Abreise von Rom gedacht! Ec hatte ja nicht einen Moment gezweifelt, daß Alice Alles, was sich an Wallersbrunn knüpfte, "aus der Hand geben werde, aber er hatte vertraut, daß Herr von Erlenburg, ohne zu zögern, dem jungen Wesen Alles, was an Glück und irdischem Wohl­behagen ihr gehörte, für seine Erlösung, zu seinen materiellen Gunsten hingegeben hatte, eine wenn nur annähernde Entschädigung für ihr Opfer an­bieten werde.

Daß Herr von Erlenburg sich weder nach der Verhandlung, noch vor ihrer Ab.eise bei Fräulein von Waldheim gemeldet, hatte ihn für sie traurg gemacht.

Seit einem Menschenalter hatte Tyomas Bor-

eines Reichstagsmandates erwirken wollte, nich vorgelassen, sondern abgewiesen habe.

* Wie aus Rom gemeldet wird, soll das bischöfliche Seminar der Diözese Kulm alsbald wiedereröffnet werden.

* Das Armee-Verordnungsblatt veröffentlicht einen allerhöchsten Erlaß vom 24. Februar, welcher bestimmt daß 1887 das erste und zweite Armee­korps jedes für sich große Herbstübungen (Parade, Korpsmanöoer gegen markirten Feind, dreitägige Feldmanöver, Divisionen gegeneinander vor dem Kaiser) abhalten, welchen zehntägige Hebungen sämmtlicher Kavallerie-Regimenter dieser Armeekorps im Brigade-Divisionsverbande vorher­gehen sollen.

* Der Bischof von Münster hat durch einen besonderen Erlaß angeordnet, daß in nächster Zeit in allen Orten des Bisthums, in welchem die Verhältniffe es rechtfertigen, unter geistlicher Leitung katholische Arbeitervereine einge­richtet werden. Die Organisation derselben wird derjenigen der bewährten Gesellenvereine genau entsprechen. Dem Diözesanpräses der Gesellen­vereine, dem in kirchlichen Kreisen wegen seines organisatorischen Talents geschätzten Vikar Holl­mann Hierselbst, ist auch die Oberleitung der be­stehenden und noch zu gründenden Arbeitervereine übertragen worden.

* Waldenburg (Schlesien), 2. März. Stich­wahl. Websky (nationallib.) mit 10,980 St. gewählt. Eberty (deutschfreisinnig) erhielt 10,825 Stimmen.

* Neuß, 1. März. Die amtliche n Kr eis- blätter, versuchen, bett Ausfall dc« Wahlen für ihren Geldbeutel zu fcuctifiziren. Es scheint von maßgebender Stelle eine Weisung in dem Sinne ergangen zu sein, gehörig auf den „gemeinen Ton und den Parteifanatismus" der Centrumspreffe zu schimpfen. Ein benachbartes Kreisblatt scheint da­rüber verrückt geworden zu fein, indem es behauptet, mit dem Centrum sei es aus. Jawohl! „Es wär' so schön gewesen," den Thurm zu stürzen — aber es hat einmal nicht sollen sein. Es wird auch gar nicht verlangt, daß ein Reptil einen Begriff von ManncSmuth und Ueberzeugungs- treue habe.

* Kempten, 1. März. Pfarrer Schelbert in Maria - Rain, bisher Reichstags - Abgeordneter

nau ein ungetheiltes Interesse für die Familie von Waldheim gehabt. Schon während der Le­benszeit de« Freiherrn Max war er Seelsorger der nahen Ortschaft gewesen; er hatte Herrn von Waldheim gekannt, bevor er jene unheilvolle Reife nach Italien angetreten, und während der langen Jahre, da Felix von Waldheim al« Besitzer des Dominiums gegolten, war er ein fast täglich gesehener Gast und der Freund des Hauses ge­wesen ; er hatte Alice getauft und zum Theil mit erzogen; er war ihr Berather während der un­heilvollen Krankheit ihres Vaters gewesen; hatte er selbst doch beinahe die Siebe eines Vaters für das junge Kind und nun mußte er sie, das verzärtelte, unschuldsvolle junge Wesen, dessen Gemüth durch ein solches Eclebniß bis in'8 tiefste Jnnnere erschüttert sein mußte, ohne Stütze, ohne Hilfe, mittellos in das Leben hinaustreten sehen!

Und dennoch fehlte ihm jedes Mittel, ihr an die Hand zu gehen. In seiner Eigenschaft als Priester, was konnte er ihr bieten? Hätte seine Pfarrei in einem anderen Theile des Landes gelegen, so würde er nicht angestanden haben, sie, die das Verhängniß seinem Schutze vertraut, mit sich in sein Pfarrhaus zu nehmen, bis sich eine andere, vielleicht Glück bringende Zukunft für sie eröffn-t haben würde; aber unter einem Ver-