M 48.
Dienstag, den 1. März.
1887.
Filduer W 3titiig.
Die ,Fuldaer Zeitung'
erscheint täalich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts I M. 75 Pf.
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* Die Mittelpartei
wäre also fix und fertig. Durch Lug und Trug, niederträchtige Wahlmanöver und unerhörten Terrorismus haben die Kartellbrüder es endlich zur Mehrheit gebracht, und über 200 Mann stark ziehen sie, bir national-liberalen Marschälle v. Bennigsen und Miquel an der Spitze, mit Pauken und Trompeten in den Reichstag ein. Das wäre also nun der Reichstag, der dem Fürsten Bismarck imponirt! Mögen diese Marionetten sich so etwas nur nicht einbilden! Sie imponiren ihm so lange, als sie seinen Willen thun; sobalo sie Selbständigkeitsgelüste verrathen, muffen sie über die Klinge springen. Der Reichskanzler winkt, und sie verschwinden; er winkt wieder, und das „Volk" schickt sie wieder in den Reichstag. Gerade an den Rational-Liberalen, welche neuerdings oben auf sind, hat in den letzten zehn Jahren genugsam sich gezeigt, daß sie lediglich Abgeordnete von Bismarck's Gnaden sind. Als der Reichskanzler sie 1878 an die Wand drücken wollte, that das „Volk" ihm seinen Willen; als er sich nach ihnen zurücksehnte, gab das „Volk" sie ihm wieder. Wenn es ihm morgen einfiele, die Rational-Liberalen abermals seinen Zorn fühlen zu lassen, das „Volk" würde ihnen ohne Bedenken den nöthigen Fußtritt versetzen. Von politischen Grundsätzen kann bei diesem „deutschen Volke" nicht die Rede sein, und es ist eitel Flunkerei, wenn man bald einen „konservativen Luftzug", bald eine „liberale und freisinnige Strömung" im Lande entdeckt haben will. Das „deutsche Volk" handelt nicht nach politischer Einsicht, denn es hat keine, es wählt seine Vertreter nicht, weil ihm deren Prinzipien und Programme zusagen, denn es versteht nichts davon. Diese polstische Spreu fliegt immer nach der Seite, nach welcher der Winb aus den obern Regionen weht. Man darf überzeugt sein, daß dieses Gebühren des „deutschen Volkes" dem Reichskanzler am allerwenigsten imponirt. Ihm imponirt nur eins, und das ist das katholische Volk. Die 17 Millionen deutscher Katholiken kümmern sich nicht um den Zorn vder die Liebe des Fürsten Bismarck. Sie stehen ausrecht, wenn alles im Staube auf den Bauch fällt, und retten so die Ehre des deutschen Volkes vor der Geschichte. Wenn einst die Geschichte unserer Zeit geschrieben wird, dann werden die 17 Millionen Katholiken sich glänzend abheben von dem trüben Bilde des neuen byzantinischen Zeitalters. Alle Parteien hat der Reichskanzler ohne sonderliche Mühe zerreiben können, an der Phalanx des Centrums prallte sein mächtiger Wille ohnmächtig ab. Die 17 Millionen Katholiken wählen ihre Vertreter immer wieder, mögen sie das Wohlgefallen oder das Mißfallen des leitenden Staatsmannes sich erworben haben. Sie wählen das Centrum wieder, weil dieses in unserer Zeit der Sklaverei 'und der Kriecherei den Mnth der Ueber- zeugung und den stolzen, freien Sinn sich bewahrt hat und nicht bei allem erst fragt, was man „oben" dazu sage. Wäre das Centrum eine Partei von Bismarck's Gnaden, so wäre es bei den jetzigen Wahlen in alle Winde zerstoben. Wenn man bedenkt, daß der gegenwärtige Wahlkampf geradezu auf die Sprengung des Centrums
Die Erdi« m WMMmm.
Original-Roman von Marie Romany.
40. Fortsetzung.
Ruhig ohne jede Anwandlung von Erregung hatte Herr von Erlenburg die Rede des jungen Meisters angehört; er konnte sich ja nicht verhehlen, daß Wahrheit in dem, was Paolo ihm vorbrachte, liege. Auch die Vorstellung über Cacilia, so wie Meister Barlo sie machte, konnte für ihn kaum eine Kränkung sein. Herr von Erlenburg begriff zur Genüge das Verhältniß, welches Paolo und Cacilia in die Welt geführt hatte, und die stille Tugend der Einen, sowie die — trotz schlichter Stellung — noble Gesinnung des Anderen flößten ihm — es war nicht anders möglich — eine gewlffe Hochachtung vor dem jungen Paare ein. Er mußte die Position seiner genaueren Betrachtung vorlegen, um die hier paffende Einwendung zu sinken; also vertiefte er sich in Gedanken, die ihm alle nur möglichen Kombinationen zusammenführten, während Cäcilia, unbemerkt von ihrem Vater, in das Zimmer getreten war und, ihren Gatten umarmend, leise plaudernd mit diesem bei Seite getreten war.
„Paolo," sagte nun der Freiherr, den Blick wie fragend auf den jungen Meister gerichtet,
ausging, daß das katholische Volk nicht bloß gegen die Kriegshetzereien und die sonstigen mittelparteilichen Lügen und Wahlmanöver und gegen die Tyrannei der großen „Brodherren" anzukämpsen hatte, ebenso wie die Freisinnigen, sondern daß den Centrums-Wählern noch ganz besondere Gefahren und Schwirigkeiten bereitet waren, durch die Ausnutzung der römischen Aktenstücke und durch das Aufgebot des ganzen staatskatholischen Heerbannes — dann muß man bewundernd zugestehen, daß das katholische Volk sich wiederum herrlich bewährt und gezeigt hat, daß keine Partei es an Klarheit, Festigkeit und Treue übertrifft. Wir bezweifeln deßhalb auch, ob der Reichskanzler des jetzigen Wahlresultates so recht von Herzen froh werden mag. Gerade das verhaßte Centrum, auf dessen Vernichtung es abgesehen war, bleibt. Nachdem der jetzige Vorstoß mißglückt ist, wird der Reichskanzler wohl selbst an der Vernichtung des Centrums verzweifeln; denn günstiger können für ihn die Bedingungen nicht mehr werden, als dies Mal. Das Centrum steht ungebrochen und frei da. Es war schon verlassener als jetzt und hat sein Gewicht in die parlamentarische Wagschale zu werfen gewußt; es w'rd auch dem Hereinbrechen der mittelparteilichen Reaktionshochfluth einen Damm entgegenftetten und immer die Partei der Zukunft, die Partei fein, um die auch der Reichskanzler nicht herumko-nmen wird, mit der er im Guten oder Bösen wird rechnen müssen. Die un- geschwächte Existenz des Centrums ist ein lebendiges me- mento mori für die Mittelparteiler. So lange das Centrum existirt, kann eine gefügige mittelparteckiche Mehrheit immer nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Zunächst freilich wird das „deutsche Volk", welches so gutmüthig diese Mittelparteiler wählte, wohl am eigenen Leibe zu spüren bekommen, für wen es eine Ruthe gebunden hat. Bei den nächsten Wahlen mag sich mancher „patriotische" Narr rächen; er hat aber nichts mehr zu sagen und wird einfach ausgelacht. Ausgelacht! Wie mag wohl den Konservativen ob des Wahlresultats zu Muthe sein? Wirkliche Konservative gibt es freilich nicht mehr; die letzten konservativen Männer, die wie aus einer längst vergessenen Zeit noch hineinragten in die gegenwärtige Periode, sind ja nach und nach als lästige Gesellen bei Seite geschoben worden. Aber es gibt unter dem, was jetzt den Namen „konservativ" der Verachtung preisgibt, doch noch einige Wenige, die sich eine dunkele Srinnnerung an konservative Männer und Grundsätze bewahrt haben. Was mögen sie wohl zu dem nationalliberalen Kuckuck sagen, den sie sich da in thörichter Verblendung grotzgezogen haben? Wir sind Überzeugt, es wird nicht gar zu lange dauern, so werden die Konservativen vor den Rational-Liberalen Zuflucht beim Centrum suchen müssen. Dann werden sie es bereuen, bei den jetzigen Wahlen gegen das Centrum ge- wüthet zu haben, und werden Gott danken, daß ihr Wüthen nichts genützt, daß das katholische Volk sich freigehalten hat von der Uctheilslosigkeit, Feigheit und Knechtsseligkeit, welche das protestantische Volk in's mittelparteiliche Lager trieb. Uebrigens ist in seiner Gesammtheit das deutsche Volk, auch das Nichtkatholische, doch nicht ganz so haltlos, als vorstehende Schilderung der ,Schief. Bztg.' annimmt. Es ist Thatsache, daß in den meisten Wahlkreisen die
„ich will Dir eine Summe geben, durch welche Du den Betrieb Deines Geschäft« vergrößern kannst; es wird Deinem Streben eine gewiffe Befriedigung sein, Deine Firma über andere Geschäfte Deines Berufs erheben zu können. Nun?" fügte er hinzu.
Der junge Meister sah den Freiherrn mit'weit aufgeriffenen Augen an.
„So sprich doch," drängte Cäcilia, deren Antlitz vor Freude über den Vorschlag ihres Vaters erglüht war. — Cäcilia wußte, ein wie sehnlicher Wunsch ihres Gatten die Vergrößerung seines geschäftlichen Betriebs seit ihrer Verheirathung gewesen war.
Es war jedoch nicht die Absicht, auch dieses Anerbieten von sich zu weisen, weshalb Paolo zögerte; der Ton, in welchem Herr von Erlenburg sprach, mußte ihn wohl an seine Eifersucht erinnern, die ja die alleinige Ursache seiner vorherigen Auseinandersetzungen gewesen war.
„Und diese Summe?" fragte er endlich. „In welchem Sinne —"
Er stockte. Sein Blick suchte aus der Miene seines Schwiegervaters zu lesen, in welcher Meinung dieses Anerbieten ausgesprochen war.
„Paolo," sagte der Freiherr wie vordem „es würde mir eine Freude sein, wenn ich über Jahre
Mittelpartei ihre Siege nicht durch Stimmenverlust der Opposition, durch Umfall erfocht, sondern durch die starke Betheiligung der sonst Gleichgültigen, welche dies Mal die tolle^Kriegssurcht an die Urne trieb.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Februar.
* Das Abgeordnetenhaus nahm heute in dritter Lesung das Güterkonsolidationsgesetz für Wiesbaden und ebenfalls in dritter Lesung den Staatshaushalt für 1887/88 an. Der Staatshaushaltsentwurf hat in den Ziffern keine Abänderungen erfahren. Die heutige Debatte erstreckte sich auf prinzipielle Fragen nicht. Dr. Windthorst gab wiederholt die Erklärung ab, daß das Centrum sich prinzipieller Erörterungen mit Rücksicht auf die kirchenpolitische Vorlage enthalte. Mit dem Staatshaushalt wurden auch das Etatsgesitz und das Anleihegesetz angenommen. — Mittwoch: Petitionen, kleine Vorlagen.
* Der Bundesrath berieth heute über die Wiedereinbringung der Militär Vorlage, der Vorlage über die unter Ausschluß der Oiffent- tichkeit stattfindenden Gerichtsverhandlungen, sowie der Vorlage über den Servistarif und die Klas« seneintheilung der Orte.
• Dem Reichstage wird sofort nach seiner Eröffnung der Entwurf über die Versicherung der Seeleute zugehen, ebenso eine Vorlage, wegen Unfallversicherung der bei Bauten beschäftigten Arbeiter (Erdarbeiter).
* Die Vermehrung der Centrumsstim- men ist wahrscheinlich auf weit über 300,000 gegen das Jahr 1884 zu schätzen. Die ,®erm.‘ beabsichtigt, die ziffermäßige Vermehrung zusam- menzustellen, sobald aus allen Wahlkreisen das amtliche Resultat vorliegt. Es vermehrten sich in der Rheinprovinz die Centrumsstimmen um etwa 100,000, in Westfalen um fast ebenso viele, in Schlesien um 42,000, in Bayern um etwa 80,000, in Baden um 50,000.
* Die ,Frkf. Ztg.' läßt sich aus Rom telegraphisch melden: „Ich erfahre aus sicherer Quelle, daß zwischen dem Vatikan und der preußischen Regierung bezüglich des Kirchengesetzes ein gleiches Verfahren vereinbart worden ist, wie bei der letzten Novelle. Bischof Kopp wird im nach Neapel zurückkehren werde, zu finden, daß meine Kinder in einer behäbigeren Lebensstellung sind. Wenn ich Dir eine Summe anbiete, so vertraue ich das Geld Deiner Tüchtigkeit. — Welche Summe willst Du?"
Doch Paolo schwieg noch immer, aber seine Züge erheiterten sich mit jedem Moment.
„Papa," rief er endlich, „Sie überhäufen uns mit Güte! Gewiß, mein inniger Wunsch seit Jahren ist es gewesen, meinen Beruf über die Höhe des vulgären Handwerkerthurns zu erheben, aber bei den Verhältnissen, die in Neaprl herrschen, brachte mich der größte Fleiß nicht schneller empor!"
„Und welcher Summe bedarf es, um ein besseres Gelingen zu fördern?" meinte der Freiherr.
Cäcilia hatte sich einen Stuhl an die Seite de» Vaters geschoben und blickte mit ihrem seelenvollen Auge den Freiherrn an.
„Ich glaube, daß zehntausend Franken ein glänzendes Geschäft Herstellen würden," meinte sie, da Paolo zögert.
Herr von Erlenburg lächelte. Ec streichelte irit einem Schmeichelworte die Wange des Kindes, dann fegte er zu Paolo:
„Machen wir unsere Angelegenheit in Kmze ab, junger Freund. Ich schulde Dir meinen