Einzelbild herunterladen
 

M 46.

Sonnabend, den 26. Februar.

1887.

Muer W 3titng.

AM- Mit dem 1. März eröffnen wir ein Monats - Abonnement auf die „Fuldaer Zeitung" zum Abonnementspreise von 50 Pfg. (ohne Bestellgeld). Bestellungen werden von den Postanstalten und Landbriefträgern sowie von unseren Stadtboten und der Expedition (Butter­markt) entgegen genommen.

sen einen andern Maßstab anlegen. Sollen wir aber nach dieser Enttäuschung das Hoffen über­haupt aufgeben? Nein, denn das hieße an der deutschen Nation verzweifeln, welche sich den Namen der Denker und Sieger erworben hat. Wenn nicht alle Sterne trügen, so wird die mit­telparteiliche Herrlichkeit höchstens drei Jahre dauern. Nach 15 Jahren Kulturkampf werden wir wohl auch drei Jahre Reaktion aushalten können. Also den Kopf hoch und da» Pulver trocken! Nach Regen folgt Sonnenschein.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Februar.

• Die Eröffnung des Reichstags wird, wie heute in parlamentarischen Kreisen mitgetheilt wurde, durch den Reichskanzler Fürsten Bismarck selbst erfolgen. .

»Das Abgeordnetenhausvernues m ferner heutigen Sitzung den Gesetzentwurf betr. die Theilung von Kreisen in den Provinzen Posen und Westpreußen an eine Kommiffion von 21 Mitgliedern. Die Debatte war ziemlich belanglos. Es wurde allseitig die Nothwendigkeit anerkannt, die Vorlage einer eingehenden Prüfung zu unter- ziehen. Der Abg. v. CzarlinSki protestirte kurz gegen den Entwurf, der wiederum von der un- richtigen Voraussetzung ausgehe, daß das Deutsch- thum in jenen Provinzen von dem polnischen Elemente bedroht sei. Die Abgg. Hagen (natlib.), Graf Hue de Grais (freie.), Graf Limburg-Shrum (kons.) und auch der Abg. Rickert (dfr.) em­pfahlen die kommiffarische Berathung, während die Abgg. Dr. Windthorst und Frhr. v. Schor- lemer-Alst die Gelegenheit benutzten, um dre Noth­wendigkeit zu betonen, die Landräthe aus den Kreiseingeseffenen zu wählen gegenüber der jetzt beliebten Regel, streberifche Assefloren mit dem Landrathsamte zu betrauen. Der Minister des Innern, v. Puttkamer, versicherte, daß er schon jetzt die angeregten Grundsätze zur Geltung bringe. Nach Erledigung dieses Gesetzes trat das Haus in die Berathung der Kreis- und Provinzial- ordnung für die Rheinprovinz, die zunächst von dem Abg. v. Mayer (Arnswalde) einer Kritck unterzogen wurde. Dieselbe wurde sodann von den Abgg. Jansen (Centr.), vonEynern (natlib.)

Gewalt das bis jetzt unbekümmerte Herz des jun­gen Schwärmers gefangen nahm. Seine über­schwängliche Liebe zu Cäcilia, deren Himmel bis jetzt kein Wölkchen trübte, hielt ihm nun so plötz- lick das Phantasiegebilde vor Augen, dre Anhang, lichkeit an den Vater, die allmählich zunehmen konnte, werde mit dem Laufe der Zeit nur em Hinderniß für die Verehrung, die hingebende Siebe zu ihm, ihrem Galten, sein. Fast bedauerte er, die Denkzeichen aus dem Findelhause nicht, bevor sie Jemand in Augenschein nehmen konnte, ver­nichtet zu haben; Cäcilia, so lange sie in jener Anstalt weilte, hatte niemals irgend Jemanden gekannt, der sie liebte; er, Paolo, der sie in Win. der Verehrung vom Altar der St. Manenkirche in sein Hauü geführt hatte, war der Erste gewesen, der überhaupt das heilige Gefühl, zu heben und Jemandem auf der Welt anzugehören, bet ihr be­rührte ; die ganze Fülle reiner Neigung, deren ihre junge Seele fähig war,. hatte sie ihm als Dank für die ihr entgegengebrachte Liebe zu eigen gegeben und nun kam ein Anderer, deffen Anrecht auf ,hr befferes Fühlen er nicht verhehlen konnte, um Teilnehmer des bis dahin nur von ihm allem besessenen Glückes zu sei". Mußte er dem Him- mel für ein Zusammenführen des Vaters und der Tochter, dir nichts bis dahin von einander wuß.

Hoffnung, aber es ist doch noch eine Hoffnung. Wenn nicht die Stichwahlen die Regierungsmehr­heit noch in ganz unerwarteter Weise verstärken ollte, so dürfen wir immer noch in Aussicht neh- men, daß wir nach drei Jahren noch einmal nach )ent bestehenden Wahlrecht wählen können. Bleibt >is 1890 das allgemeine gleiche und direkte Wahl­recht erhalten, dann ist Polen noch nicht verloren. Ja, dann ist mit Sicherheit zu erwarten, daß nach drei Jahren die mittelparteiliche Mehrheit wieder gesprengt wird.

Warum man das mit „Sicherheit" behaupten kann? Aus dem einfachen Grunde, weil die jetzige Wahl nicht die Volksmeinung wiedergibt, sondern nur aus der augenblicklichen Furcht ent- tanden ist. Aus Furcht vor dem Ausbruche eines Krieges und der damit verbundenen Geschästsstockung oder Arbeitslofigkeit sind zahlreiche freisinnige und auch manche sozialdemokratische Wähler zu Kreuze gekrochen, bloß die katholischen Wähler haben sich diese Furcht nicht einjagen lasfin. Ein trauriges Zeichen für den Verstand und den Muth der protestantischen Wähler, aber doch kein Grund zur Verzweiflung. Denn alle drei Jahre läßt sich beim besten Willen kein zugkräftiger Kriegslärm machen. Wollten die Mittelparteiler im Jahrs 1890 das­selbe frivole Spiel versuchen und um ihrer Selbst­sucht willen Europa '.abermals mit verderblichen Kriegslügen überschwemmen, so könnte doch leicht die Entrüstung stärker werden als die Furcht. Die zusammengeschwindelte Mehrheit kann unmöglich die Probe einer neuen Wahl bestehen.

Eigentlich soll'man nichts hoffen,' sondern sich stets auf das Schlimmste gefaßt halten, damit man nicht enttäuscht wird. Denn geknickte Hoff, nungen verursachen bittere Schmerzen, die dem Hoffnungslosen erspart bleiben, wie ja z. B- ein Mann ohne Beine nicht an Fußverrenkung leiden kann. Wir haben in Bezug auf die Wahl zwei- fellos zu viel gehofft, und zwar aus dem Grunde, weil wir das protestantische Volk nach dem katho­lischen beurtheilten. Wir dachten, das thörichte Kriegsgeschrei und all' die anderen Lügen und Verdrehungen würden auf die freisinnigen Prote­stanten ebensowenig Eindruck machen, als auf un­sere Glaubensgenossen. Das war ein Jrrthum, und für die Zukunft muß man bei der Schätzung des Verständnisses und des MutheS in jenen Krei­

nicht geben, da zahlreiche Särge unter dem näm­lichen Hügel eingescharrt waren und es jetzt, nach 20 Jahren, unmöKich geworden, festzustellen, ob diese oder jene der unangetünchten Holzkisten die der Amalia Monti resp. von Erlenburg war.

Auch über die Verhältnisse des Freiherrn waren die jungen Gatten zur Genüge in Kenntniß ge­setzt. Sie wußten, daß Cäcilia einer angesehenen Adelsfamilie Oesterreichs entstammte, daß Herr von Erlenburg reich war, daß eine der glänzendsten Besitzungen der Steyermark ihm gehörte, daß er niemals andere Kinder besessen hatte und somit Cäcilia, des Zimmermeisters Gattin, als einstmalige Erbin alle der von Herrn von Erlenburg beschrie­benen Herrlichkeit zu betrachten war. Und sie batten auch verstanden, daß der Freiherr, obgleich das Geschick sie ihm mit 20 Jahren zum ersten Male unter die Augen geführt hatte, mit väter­licher Liebe um das Wohl seiner Tochter bemüht war, daß der Zusall, sein Kind wiedergefunden zu haben, vielleicht der beglückendste Moment seines Lebens gewesen war.

Dennoch fühlte sich Paolo nicht zufrieden m dem Bewußtsein, Schwiegersohn dieses reichen und .noblen Edelmannes zu sein. Nicht etwa, daß oer Unterschied des Ranges dieses Mißbehagen hervor- • gebracht hatte; es war Eifersucht, die mit jäher

“ Inserat« Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

-t- Wahlgeschicke.

(Schluß.)

Göthe sagt, es sei nichts so schwer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen. Daraus folgt aber keineswegs, daß die schlimmen Tage so sehr leicht zu ertragen seien. Das Gefährliche des Glückes liegt ja zumeist darin, daß es uns unge­schickt und kraftlos zur Ertragung des Unglücks macht. Wir sind nun in ein politisches Unglück verwickelt und müssen sehen, wie wir uns daraus zurecht finden. In den letzten sechs Jahren haben wir es freilich nicht gut gehabt, aber doch besser, als je in Zukunst. Wenn uns der Reichskanzler bisher auch nicht verwöhnt hat, so werden wir doch fortan noch weniger verwöhnt werden; denn nun fehlt uns die Abwehrmehrheit, welche bisher das schlimmste verhütete, und unsere Interessen und Rechte sind der Gnade der — Nationallibe­ralen preisgegeben! Aber da hilft fein weibisches Klagen, sondern die Parole heißt: Ertragen und Wagen! Nicht die Flinte in's Korn werfen, sondern geduldig ausharren unter bet., neuen Mehrheit und inzwischen rastlos die Erlösung im Jahre 1890 vorbereiten.

Es sind drei lange Jahre bis dahin und es kann uns viel Böses in denselben passiven. Aber wenn ein Baum auch sehr hoch aussieht, so wächst er doch noch nicht in den Himmel. Die Mehrheit, welche der Reichskanzler erlangt, wird nicht allzu groß sein. Wenn er also seine längstgehegten Pläne, wie das Monopol und die Beschränkung des Wahlrechtes durchsetzen wollte, so müßte er sämmtlich e Leute bis auf den letzten National- liberalen auf der Jaseite haben. Nun ist aber zu hoffen, daß unter den Nationalliberalen, so nichts­nutzig sie auch im Ganzen sind, doch noch ein­zelne bessere Naturen sitzen, welche solche gefähr­liche Experimente nicht mögen. Es ist eine dumme

~ Die Erbin m WMMimi.

Original-Roman von Marie Romany.

38. Fortsetzung.

XVII.

Kaum zwei Tage waren vorüber, als Cäcilia und Paolo mit Allem vertraut gemacht waren, was die einst so unglücklich verlassene Waise mit dem Leben verknüpfte; in Vereinigung mit dem Freiherrn hatten die beiden jungen Gatten Cro- vigno besucht und aus dem Munde der dort Le­benden vernommen, welches Schicksal vor 20 Jah­ren der so viel besprochenen und bedauerten Ama­lia Monti zu Theil geworden war. Cäcilia hatte die Stätte gesehen, wo unter verwildertem Rasen ihre nie gekannte Mutter schlummerte; sie hatte in kindlicher Pietät für den verwahrlosten Huge Sorge getragen, hatte ein Kreuz darauf errichte und durch späte Herbstblumen, die sie pflanzte, das Andenken derjenigen in Ehren gehalten, deren Herz im Jammer gebrochen, durch deren unver­schuldetes Elend sie der Fürsorge des Fmdelhauses anvertraut worden war. Wie sehr levauerteHerr von Erlenburg, daß eine Uebertragung der Lerche an einen ihr gebührenderen Platz nicht möglich war! Aber die Verwaltung des Friedhofs konnte zu einer derartigen Operation ihre Einwilligung