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Dienstag, den 22. Februar.

1887.

lilhtr W Mitt.

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Deutsches Reich.

Berlin, 21. Februar.

* Bei den Kaiserlichen Majestäten findet mor­gen (Dienstag) im Weißen Saale des Königlichen Schlofles der große Fastnachtsball statt, zu welchem ca. 1600 Einladungen ergangen find. Damit dürften die größeren Hoffestlichkeiten dieser Saison ihren Abschluß gefunden haben.

* Die neue kirchenpolitische Vorlage soll am Mittwoch dem Herrenhause zu gehen.

* Die .Franks. Ztg.' entwirft in ihrem heutigen Morgenblatt vom demokratischen resp. „opposi- tionellen" Standpunkt aus ein ziemlich trübes Bild vom Ausgang der Reichstagswahl, in- dem sie schreibt: „Die Nation hat gesprochen und nach den ersten Botschaften, die uns vorliegen, nicht zu Gunsten der Opposition. Der Telegraph weiß vorerst vorwiegend nur aus den städtischen Bezirken Resultate zu melden, aber wenn wir aus diesen auf die ländlichen Wahlen schließen müssen, so steht es schlimm, so wird das deutsche Volk einen Reichstag bekommen, an den es recht lange zu denken haben wird. Das Resultat in den Städten beweist, daß der agita­torische Appell an die Furcht ein Echo in den Herzen gerade jener bürgerlichen Kreise gefunden hat, die sonst der festeste Rückhalt gegen die Reaktion waren; das lügnerische Wort, daß das Septennat der Friede sei, ist gläubig hingenommen worden in Kreisen, die sonst auf ihre freiheitliche Ge­sinnung pochten unir- hat rinen Abfall zur Folge gehabt, den die Opposition schmerzlich empfinden muß. Der Wahn, daß eine regierungsfreundliche Wahl die stockenden Geschäfte wieder beleben, das Vertrauen in die Erhaltung des Friedens her- stellen werde, hat allen Mahnungen zur Be- sonnenheit getrotzt, das Bürgerthum ist in Massen der Fahne untreu geworden, zu der es seiner Gesinnung nach gehört, der Eigennutz hat triumphirt über die Pflicht für die Allgemeinheit. Wie groß die Niederlage der Opposition ist, ob sie der langersehnten Mitelpartei die Mehrheit sichert, läßt sich heute noch nicht übersehen; gewiß istaber schon,daßdie Opposition schwere Verluste erlitten hat. Auf der einen Seite find die gouvernementalen, auf der andern die sozialdemokratischen Stimmen bedeutend

Vir tritt nee Mmdrunu.

Original-Roman von Marie Romany.

34. Fortsetzung.

Es war eine stattliche Erscheinung, dieser hoch- gewachsme Herr mit bem blonden Vollbart und dem blonden Lockenhaar, der, wie er sofort an­gab, in privater Angelegenheit den Meister Barlo aufzusuchen sich erlaubte; die noble Haltung und der distinguirte Ton, mit welchem er sich in die kleine Häuslichkeit einführte, zeigten auf den ersten Blick den Mann von Rang und gesellschaftlichen Formen.

„Sie wollen mein Eindringen in Ihren Familien- krei« vergeben, wenn ich im Jrrthum bin," schloß er die Anrede, mit welcher er sich unter wohl- angebrachten Entschuldigungen introducirte. „Al- Fremder, der ich —"

„Ich bitte, zu befehlen," unterbrach ihn Paolo. „Wenn ich in der Lage bin, Ihnen meine Dienste zu widmen, wird e» mir ein Vergnügen fein."

Mit einer freundlichen Handbewegung aniwirte er Jenen, auf einem S-ffel Platz zu nehmen, der er ihm mit zuvorkommender Höflichkeit entgegen­gerollt hatte, worauf er selbst sich auf einem gegenüber befindlichen Stuhle niederließ.

» Der Fremde äußerte ein paar Höflichkeitsformeln,

gewachsen; bei einer Wahlbetheiligung, wie wir sie in Deutschland noch nicht erlebt haben, hat sich gezeigt, daß zwischen dem Vordringen der Extremen, der Reaktion und der Sozialdemokratie, das frei- gesinnte Bürgerthum mehr und mehr an Boden verliert. Der Abfall ist nach beiden Seiten hin gleich bedeutend, eine Erscheinung, welche die leb­haftesten Befürchtungen für die Zukunft erwecken muß.

Am besten hat sich in diesem doppelten Ansturm das Centrum behauptet, es ist schon heute mit Bestlmmthert zu sagen, daß es keine nennenswerthe Ernvuße er leiden wird. Mlt den auchkatholischen Sep- tennatskandidaten war es nichts, sie sind mit leichter Mühe überall aus dem Felde geschlagen worden und haben bei Lichte besehen dasselbe Schicksal gehabt, wie bei früheren Wahlen die Kulturkämpfer. Die Sozialdemokratie sieht ihre Stimmenzahl bedeutend vermehrt, ob auch die Zahl ihrer Mandate, ist zu bezweifeln; in keinem Falle wird der Gewinn der Zunahme der Stimmen entsprechen. Die Volkspartei erscheint fast ver­nichtet, auch die Freisinnigen büßen eine Anzahl von Sitzen ein, ohne daß der Verlust durch neue Eroberungen ausgeglichen wird. Das Gleiche gilt von den „Welfen", die Schicksale der Polen find noch nicht bekannt.

Wenden wir uns zum Einzelnen fährt das ge­nannte Blatt fort, so ist einstweilen Folgendes als festgestellt anzusehen. In Frankfurt hat die Regierungspartei die erste Stelle erhalten, zwischen ihr und der Sozialdemokratie hat die Demokratie mit einer Stimmenzahl, die nach Lage der Dinge immer noch als erfreulich gelten kann, den Ausschlag zu geben. In Hamburg haben die Sozialdemokraten ihre beiden Sitze behauptet und können daraus rechnen, auch noch den dritten Bezirk von den Rationalliberalen Ul gewinnen, da die Freisinnigen schwerlich für diese eintreten werden. Lübeck geht den Freisinnigen verloren, damit aber noch nicht der Opposition, da die Stich­wahl zwischen dem Kartell und den Sozialdemo­kraten steht. Die Nationalliberalen verlieren Bre­men, da bei der engeren Wahl zwischen ihrem Kandidaten Meier und dem freisinnigen Bulle die Sozialdemokraten unzweifelhaft mit ihrer hohen

dann schien er einen konvenablen Anknüpfungr- punkt für die Unterredung zu suchen, augenschein- lich in Zweifel, auf welche Weise die Absicht, die ihn hierhergeführt hatte, am vortheilhaftesten zu realifiren sei. Jetzt bückte er auf Paolo, dann wieder schweifte sein Auge mit nicht zu verkennen- dem Jnleresse zu der kleinen Hausfrau hinüber; und Cäcilia, in dem Glauben, daß trotz der vor­hin gemachten Aufforderung, zu bleiben, ihre Gegenwart hier nicht erwünscht sei, wollte sich in ein anliegende« Zimmer begeben; aber noch ein­mal, wie vordem, lud ein Wort der fremden Gastes sie zum Bleiben ein.

„Ich besuchte gestern dar Findelhaus," stolperte er, um Cäcilia zurückzuhalten, gegen seinen Willen mit der Thür direkt in'» Haus hinein. „Ich hatte eine längere Unterredung mit der Vorsteherin jener Anstalt und wenn —"

Paolo hatte, al« da« Wort Findelhvu« an fein Ohr schlug, mit flammendem Auge seinen Besucher angesehen.

„Mein Herr," warf er etwa« erregt hin, unbe- k -mmert, ob er seinem Gast in die Rede falle, „wenn ich Ihnen in irgend einer Sache dienen kann, wird e« mir ein Vergnügen sein, wie ich schon einmal erwähnte."

„Ich beleidigt« Sie?" fragte Jener, da ihm der

Stimmenzahl für den letzteren eintreten werden. Dortmund und Stuttgart, die bisher demokratisch vertreten waren, sind den National- liberalen zugefallen, ebenso Tübingen, wo der Führer der volksparteilichen Gruppe sein lang­jäh: iges Mandat einbüßt. In Leipzig hat sich der Nationalliberalismus, der schon 1884 stark durch die Sozialdemokratie gefährdet war, bei einer geradezu beispiellosen Wahlbetheiligung glän­zend behauptet, in Nürnberg die Sozialdemo­kratie, in Düsseldorf da« Centrum trotz der hohenzollerischen Gegenkandidatur, in Straß­burg der Protestkandidat Kable trotz der statt- halterischen Rede. Königsberg ist für den Frei- finn verloren, dort handelt cs sich in der Stich­wahl nur noch um Kartell-Partei oder Sozial­demokratie. Die beiden Breslauer Sitze sind von den bisherigen Inhabern, den Sozialdemo­kraten, in einem zweiten Wahlgang zu vertheidigen, aber im Gegensatz zu 1884 sind es nicht mehr die Fortschrittler, sondern die Kartellparteien, die an dem Kampf bctheiligt sind. Den einen Mün­chener Sitz werden die Nationalliberalen an da« Centrum verlieren, da« ihnen dafür Kempten- Jmmenstadt abgibt; ob in München II. die Sozial­demokratie sich behaupten wird, hängt von den Liberalen ab, die Sozialdemokraten verlieren Braunschweig an einen Septennatskandidaten, haben Nürnb erg behauptet und kommen in Hannover, das sie bisher dank den National­liberalen besaßen, mit diesen in die Stichwahl. Die Berliner Wahlen bilden ein Kapitel für sich und zwar ein hochinteressantes. Wir sparen uns die Betrachtungen, zu denen dasselbe heraus­fordert, für später auf und verzeichnen hier nur die Thatsache, daß auch in der Reichshauptstadt die bürgerliche Opposition immer mehr in Gefahr gerieth, zwischen den beiden Extremen, Reaktion und Sozialdemokratie, zerrieben zu werden. Im ersten Wahlkreis wird der Fortschritt sicherlich durch den Beistand von link« Sieger bleiben, desgleichen im zweiten, wo Virchow noch ein­mal mit dem antisemitischen Kartellkandidaten Wolf zu ringen hat; im dritten hängt die Entscheidung zwischen Fortschritt und Sozialdemo­kratie von den Konservativen ab, ist also höchst ungewiß, im fünften wird der Fortschritt sich nur durch die Hilfe der Sozialdemokratte den Besitz

Ton, in welchem Paolo sprach, augenscheinlich mißfiel.

„Nein," entgegnete Meister Barlo, sich mäßigend. „Es ist für Niemanden ein Geheimniß, daß meine Frau im Findelhaufe groß gezogen wurde, aber es ist eine Säche, deren wir, seitdem Cäcllia meine Gattin ist. niemals wieder Erwähnung gemacht haben. Wenn e« Ihnen daher angenehm ist, so bin ich für von Ihnen gewünschte Angelegenheit zu Ihrer Verfügung."

Der andere stammelte eine Entschuldigung. „Er selbst fei kein Freund von Findelhäusern," meinte er. „Und dennoch," fügte er hinzu, „wird e«, wenn nämlich mein Besuch in Ihrem Hause einen Zweck haben soll, kaum möglich fein, dieses Wort ohne Berührung zu lassen. Es ist nämlich eine Angelegenheit, die mit jener Anstalt eine Verbin­dung hat; —"

„Und wie das?"

Der Fremde zögerte ein paar Sekunden, dann zog er sein Portefeuille hervor und entnahm dem­selben ein Papier, welche« er Herrn Barlo über- händigte. Paolo schien nicht angenehm überrascht, da er die wenigen Zeilen, welche da« Zettelchen enthielt, mit raschem Blick überflog.

„E« ist der Name meiner Frau und der mei­nige," sagte er, da« Auge auf sein Gegenüber