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1887.

Die.Fuldaer Zeitung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenkeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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§§ Das Centrum und seine Stellung zn den Reichstagswahlen.*)

(Fortsetzung.)

„Noch ist dersogenannteKulturkampf nicht beendet"! Wie stände es um die katho­lische Kirche Deutschlands ohne das Centrum und besten Leistungen? Die höchste kirchliche Autorität hat anerkannt, daß es seinen Anstrengun­gen mitzuverdanken ist, daß der Kirche wieder größere Freiheit gewährt wird." Bedarf es da noch eines weiteren Wortes darüber, wie nothwendig es ist, das Centrum in voller ungeschwächter Kraft zu erhalten? Ja, es ist gerade jetzt im höchsten Grade Ehrensache für die Katholiken, mehr als je mit unerschütterlicher Treue um den festen „Thurm" sich zu schaaren, auf daß das Werk auch vollendet werde, welches mit unsäglich vieler Mühe und schweren Opfern so weit gefördert worden ist. Und wäre auch der Kulturkampf beendet und Alles hinweggeräumt, was er in’8 Leben gerufen hat, so wäre auch dann noch das Centrum nöthig als Wächter der Rechte und Jntereflen der Kirche. Es wäre eine unheilvolle Verblendung, wenn das katholische Volk sich zu dem Wahne verleiten ließe, seine und seiner Kirche Rechte und Jnteresten bedürf­ten nicht mehr der treuen Hut und Vertheidigung, wenn einmal der Kulturkampf beendet sein sollte. Der hl. Vater selbst hat in der allerletzten Zeit durch den Staatssekretär Jakobini als seine An- , sicht aussprechen lasten:

„Die Aufgabe der Katholiken, die religiösem Interessen zu schützen, könne keineswegs als erschöpft angesehen wer­den, zudem in ihr eine bedingte und zeitweilige, und da­neben eine absolute dauernde Seite erkannt werden müsse. Aus die vollständige Abschaffung der Kampsesgesetze hin­zuwirken, die richtige Auslegung der neuen Gesetze zu vertheidigen und ihre Ausführung zu überwachen — das alles fordert jederzeit die Thätigk/it der Katholiken, im Reichstage.

„Außerdem muß man bedenken, daß in einer Nation, die in religiöser Hinsicht gemischt ist, und in welcher der Protestantismus als Staatsreligion angesehen wird, Gele­genheit zu religiösen Reibungen sich findet, bei welchen die Katholiken berufen wären, ihre Gründe auf gesetz­lichem Wege zu vertheidigen, oder auch ihren Einfluß geltend zu machen, um ihre eigene Lage zu verbessern.

*) Nachdruck verboten.

Die Erbin m Mersbrimn.

Original-Roman von Marie Romany.

31. Fortsetzung.

Alle diese Gedanken thürmten sich wie ein bun­tes Chaos in des Edelmannes Hirn; die Vergan­genheit, die Gegenwart, die Zukunft, Alles stellte sich ihm wie ein Traum vor, besten täuschende Schleier den Horizont seiner Betrachtung verfin- stelten. Umwirbelt von den mannigfaltigsten Ge­bilden der Phantasie und des wirklichen Lebens, vor sich und um sich die Freiheit, von deren Ge­brauch er seit 20 Jahren entwöhnt gewesen, in der Erinnerung die Zelle, die 20 Jahre lang dem I Aufathmen seines Geistes im Wege gewesen, brachte jetzt Herr von Erlenburg Tage lang in wachen Träumen zu. Es war nicht Schwäche, was den Freiherrn in diese trügerische Rühe einwiegte; sein Geist, der 20 Jahre lang durch unrechtmäßigen Zwang niedergedrückt gewesen war, bedurfte einer kurzen Erholung, um die Welt, wie sie j.tzt vor ihm lag, zu begreifen, um wieder frei und klar das Leben vor sich zu sehen.

Inzwischen all' diesem Phantasiegewirre zeigte sich wie ein lichter Punkt die Dankbarkeit, die er Fräulein von Waldheim schuldig war; der Frei­herr ermaß ja voll und ganz die Größe alle der Opfer, durch welche ihr Dasein von der Höhe des

„Auch darf man nicht unterlassen, hervorzuheben, daß eine katholische parlamentarische Vertretung, indem sie sich für die unerträgliche Lage interessirt, die dem Ober­haupt der Kirche bereitet worden ist, günstige Gelegen­heiten benutzen könMe, um die Wünsche ihrer katholischen Landsleute zu Gunsten des hl. Vaters auszudrücken und zur Geltung zu bringen."

Bekanntlich ist der hl. Vater von der 'zuver­sichtlichsten Hoffnung erfüllt, daß dem traurigen Kulturkämpfe ein voller Friede folgen werde. Wenn er gleichwohl mit dieser Bestimmtheit er­klärt, daß die Fortdauer des Centrums eine Roth- wendigkeit sei, so dürfte den Katholiken gegenüber jedes weitere Wort überflüssig sein. Und wenn diejenigen es ehrlich meinten, die jetzt im grellen Gegensatz zu ihrer Vergangenheit auf den Papst sich berufen und des Papstes Wort den Katholi­ken vorhalten, dann müßten sie den Kampf gegen die Centrumskandidaten aufgeben. Allein auch Diejenigen, denen die Rechte und Jnteresten der Kirche als eine gleichgiltige Sache ohne Bedeutung erscheinen, mästen dringend wünschen, daß dieser parlamentarische Hort und Schutz kirchlicher Frei­heit fortbesteht, so fern sie es ehrlich gut meinen mit der bürgerlichen Freiheit. Die Geschichte des Kulturkampfes hat ja den unwiderlegbaren Be­weis dafür geliefert, daß mit der kirchlichen auch die bürgerliche Freiheit vertheidigt wurde. Und mit den kirchlichen und religiösen Jnteresten des katholischen Volkes sind die Rechte und Jnteresten des Volkes überhaupt vertreten und vertheidigt worden. Die Ueberzeugung davon dringt in immer weitere Kreise und wird wesentlich dazu beitragen, endlich den Bann zu brechen, unter dem sich einzelne Persönlichkeiten wir ganze Par­teien dem Centrum gegenüber befunden haben.

V.

Centrum und Sozialpolitik.

Es lastet wie ein Verhängniß auf unserem deutschen Vaterlande, daß die Bismarck'sche Politik den Frieden im Innern nicht gewähren und nicht erhalten kann. Der Reichskanzler ist eifrigst be­strebt, Deutschland als den Hort des Friedens gepriesen zu sehen. In der That war ja die Er­haltung des Friedens das Ziel seiner auswärtigen Politik, seitdem die Siege auf den französischen Schlachtfeldern das neue deutsche Reich erstehen

Glückes in die Niedrigkeit des Lebens hinabgewälzt war. Er konnte nicht verhindern, daß sie sich des Besitzes entäußerte, der nach dem Recht der Ge- burt sein unbestrittenes Eigenthum bleiben mußte; aber er hielt es für Pflicht, ihrem jungen Leben Genüge zu bieten; und in dieses Bewußtsein der Pflicht mischte sich ein Gefühl der Verehrung, über welches er sich jetzt, da . die widerstrebendsten Empfindungen sein Gemüth von allen Seiten be­stürmten, nicht Rechenschaft zu geben im Stande war. Zwei Tage nach jenem Morgen der Ver­handlung, welche ihm die Freiheit zurückgegeben hatte, begab er sich nach dem Prinzen von Bayern, um Fräulein von Waldheim seinen Besuch abzu­statten; er wäre bereit gewesen, ihr jeden Dienst zu erweisen, den sie von ihm begehrte.

Um so niederschlagender wirkte daher aus ihn die Nachricht, daß Fräulein von Waldheim in Begleitung ihres Vormundes, des Priesters, am vorangegangenen Nachmittage abgereist war.

Doch wie gesagt, Herr von Erlenburg befand sich in einem Zustande, in welchem er für den Moment nicht Herr seiner Ideen und Entschlüsse sein konnte. Ec war nicht im Zweifel, welche Handlungen Pflicht und Ehre und Gefühl von ihm begehrten; er wußte genau, daß er in erster Reihe Amalia's Grab zu besuchen und das Schick­sal seines Kindes zu erforschen haben werde, wie

ließen. Freilich ist es eine Friedenspolitik mit eigener Färbung: wie die Umgestaltung Deutsch­lands auf „Blut und Eisen" ruhen sollte, so auch die Erhaltung des Friedens im neuen deutschen Reiche. Deutschland soll so in Waffen strotzen, daß Niemand mit ihm Krieg zu beginnen wagt. Darin sieht die Bismarck'sche Politik die Garantie für Erhaltung des Friedens. Wer die Lehren der Geschichte nicht spurlos an sich vorüber gehen läßt, der kann in dieser Art von Friedenspolitik nur eine große soziale Gefahr für die Zukunft erblicken. Von Jahr zu Jahr wächst sie größer heran, je länger der Zustand dauert, in welchem weitaus die meiste und die beste Kraft des Volkes für militärische Zwecke in Anspruch genommen wird. Wie viel Arbeit, Kraft und Geld ist in den 16 Jahren nach dem großen Kriege dazu verwendet worden, um Deutschland den Rang der ersten Militärmacht Europa's zu er­halten! Wie ganz anders ständen wir da, wenn wenigstens ein Theil dieser Arbeit und Opfer dem Ziele gewidmet worden wäre, die sozialen Miß- verhältniffe auszugleichen und die Schäden zu heben! Immer dringender tritt darum an die Volksvertretung die Aufgabe und Pflicht heran, die Friedenspolitik der deutschen Regierung in andere Bahnen zu drängen. Sonst bleibt eine gründliche und gedeihliche Sozialreform der Haupt­sache nach stets nur ein schöner Traum. Bismarck'« Politik hat die europäischen Großstaaten in die Bahn der Militärstaaten gedrängt. Dieselbe deutsche Politik kann und muß dieselben Groß­staaten in die entgegengesetzte Bahn drängen. Andernfalls ist die Zukunft Deutschlands wie dis Zukunft Europa's der dringendsten Gefahr aus­gesetzt, vom Sozialismus in seiner schrecklichsten Gestalt beherrscht zu werden. Wenn es nun eine Partei im Lande gibt, von der zu erwarten steht, daß sie in diesem Sinne ihren Einfluß geltend macht, so ist es die Partei des Centrums. Die Grundsätze garantiren dafür, nach denen sie ihr Handeln regelt. Und ihre Geschichte beweist, daß ihr weder der Muth, noch die Kraft fehlt, auch einem Fürsten Bismarck gegenüber sich Geltung zu verschaffen und zu erhalten. Möge nun das Volk für das nöthige Gewicht der Stimmen sorgen.

tief auch seine Spuren verborgen sein mochten; er wußte, daß er Fräulein von Waldheim Ge- nugthuung schulde; und wenn er nicht sofort den richtigen Weg einschlug, um den Verpflichtungen, welche ihm sein befferes Gefühl auferlegte, Genüge zu bieten, ,so war es der Verworrenheit auf die Rechnung zu schreiben, in welche seine Weltan­schauung durch die langjährige Gefangenschaft ge­bracht worden war.

Diese Verwirrung seiner Betrachtungen dauerte indeffen nur kurze Zeit; ein Geist, stark genug, um 20 Jahre der Gefangenschaft in einem Irren- Hause Widerstand zu halten, bleibt nicht lange ohne ausreichende Klarheit über die Sage eines Pfade«, selbst wenn dieser in dem verwickeltsten Labyrinth verschlungen ward.

Kaum eine Woche nach Herrn von Erlenburg'« Befreiung war vergangen, al« sein Plan mit guter Berechnung zurechtqelegt war.

XVI.

Die späte Herbstzeit hatte auch für Neapel und feine an pittoresker Schönheit so reiche Umgebung noch entzückend wonnige Tage gebracht. Obgleich man sonst gegen Ende November gewohnt war, die Wiesen öde, die Olivenwaldungen vergilbt und fast entblättert zu sehen, obgleich sonst die Herbst­stürme, diese unausbleiblichen Vorboten einer rau­heren Jahreszeit, längst die etwa noch blühende