M 37. Mittwoch, den 16. Februar. 1887.
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§§ Das Centrnm und seine Stellung zu den Reichstagswahlen.*)
IV.
Centrnm, Kirche und Papst.
Bedrückung und Noth der Kirche war der erste Sporn zur Bildung der Centrumspartei. Je mehr die Noch wuchs und je ärger die Bedrückung war, desto inniger und fester wurden die Bande, welche die Männer des Centrums zu einer großen Partei an einander ketteten. Jahre lang bestand ihre Hauptthätigkeit auf parlamentarischen Boden,, darin, daß sie die Angriffe auf die Jntercffen und Rechte der Kirche abwehrte und dm Eingriffen der Gesetzgebung in das kirchliche Gebiet entgegentrat, so gut und so lange sie konnte. Naturgemäß stand die kirchenpolitische Thätigkeit des Centrums im Vordergrund, so lange der wilde Kulturkampf tobte. Ebenso naturgemäß trat sie et-was mehr zurück, sobald der Kampf gegen die Kirche nachließ.
jntercffen und Rechte der katholischen Kirche waren cs wie auch Interessen und Rechte des katholischen Volkes, welche das Centrum verthcidigt hat. Nicht blos um die große Institution, der Kirche, nicht bloß um Papst und Bischöfe hat es sich gehandelt und handelt cs sich, sondern auch um das Volk. Die Grundsätze der Freiheit und des Rechtes waren die Waffen, mit denen das Centrum kämpfte. Bis auf diese Stunde hat es diese seine Aufgabe in einer Weise erfüllt, daß -man nur staunen kann. Seine Leistungen aus diesem Gebiete stehen einzig da in der parlamentarischen Geschichte der Völker. Unsterblicher Ruhm ist für alle Zeiten ihm gesichert. Glänzender und großartiger kann eine gute und gerechte Sache nicht vcrtheidigt werden, als das Centrum die Sache der Kirche und des katholischen Volkes verthcidigt hat. Mit tiefster Verehrung und innigster Dankbarkeit hat das katholische Volk stets zum Centrum emporgeschaut und mit unverbrüchlicher Treue hat es sich um dasselbe geschaart. Und nicht minder haben auch die Fürsten der Kirche, Bischöfe wie Papst, bei jeder Gelegenheit dem Centrum die höchste Anerkennung gezollt. Besonders gesucht hat es sie nicht, wie es auch
*) Nachdruck verboten.
Die Erdi« von Mkrsdrun.
Original-Roman von Marie Romany.
30. Fortsetzung.
Währenddessen hatte der Präsident das Urtheil erlassen, daß der Betrag vor sechzigtausend Fran- ken, als widerrechtlich erhoben, aus dem Vermögen des Dr. Rimoli zu ziehen und dem Fräulein Alice von Waldheim, al« Erbin des Herrn von Waldheim, ihres Vaters, zurückzuerstatten wäre.
Alicen's Brust wogte stürmisch, als ein solcher Spruch ihr zu Ohren kam.
„Excellenz!" rief sie, das Auge voll zu dem Präsidenten erhebend, „mein Vater, da der Frci- Herr von Eilenburg lebt, hatte niemals Vermögen! Wenn mein Vater eine Summe an die An- statt St. Salvatore bezahlte, so gehörte Heses Geld den Erben von Wallersbrunn, dem heute durch Ihre Hilfe die Freiheit zurückgegeben ward!"
Mit wohlgefälligem Staunen hatte der Präsident das junge Wesen angesehen. Er zögerte ein paar Minuten, auf dieses edle Wort zu erwie- dern; hätte er es gethan, so wäre seine Mühe vergeblich gewesen, denn schon hatte Alice, unterstützt von dem greisen Priester, der Versammlung den Rücken gekchrt. Sie hörte nicht mehr, daß die sie umgebenden Herren zu ihr redeten;
nie nothwendig hatte, sich erst bei der kirchlichen Autorität darüber Raths zu erholen, wie die Angriffe auf die Rechte der Kirche zu beurtheilen und abzuwehren seien. Selbstverständlich wird es stets nur auf dem Boden der kirchlichen Lehre und des kirchlichen Rechtes und in Uebereinftim- mung und Anlehnung an die kirchlichen Autoritäten die Sache der Kirche und des katholischen Volkes vertreten. Allein ebenso selbstverständlich war und ist es als Partei völlig unabhängig, und hat es darum niemals Winke gebraucht und nie bekommen, um darnach sein Verhalten und Auftreten einzurichten. Wie Pius IX., unter dessen Pontifikat der Kulturkampf begann, so hat auch Leo XIII., unter dessen Pontifikat die Beendigung desselben angebahnt wurde, wiederholt vor aller Wett bezeugt, daß das Ccntrum bis jetzt seine Aufgabe als parlamentarischer Anwalt kirchlicher Rechte und Interessen glänzend gelöst hat. Darüber ist alles einig. Und es bedarf der Ausführung und Aufzählung der verschiedenen Zeugnisse nicht. Mit Stolz und wahrhaft erhebender Genugthuunz kann das katholische Volk Deutschlands auf die Geschichte seiner parlamentarischen Vertretung zurückblickcn.
Wie aber ist es in diesem Betreff in der Gegenwart und wie wird es in der Zukunft sein?
Das ist eine Frage, um die cs sich im gegenwärtigen Wahlkampf gleichfalls handelt. Das Wablprogramm des Centrums sagt hierüber:
„Dir (ScrtttumefroKton hat nicht nftffito. in dem. entbrennenden Wahlkampfe ihr Programm n«ch erst zu entwickeln. Es ist das alte, wofür in sechs Wahlen Millionen von Wählern ihre Stimme abgegeben haben. Auch in der nunmehr abgebrochenen Legislaturperiode ist die Centrumsfraktion bestrebt gewesen, für die Verwirklichung ihres Programmes, wo immer möglich, nach Kräften einzutreten. In demselben nimmt die Erkämpfung voller Freiheit und Selbständigkeit der Kirche die erste Stelle ein. Gerne erkennen wir an, daß die Wendung zum Besseren, welche auf diesem Gebiete vor einigen Jahren eingetreten ist, noch weiter angehalten hat. Bei dem engen Zusammenhänge, welcher zwischen den Interessen des Reichs und denen der Einzelstaaten besteht, begrüßen wir dankbar die Erleichterungen, welche der Kirche in Preußen zu Theil geworden sind. Aber noch ist der sog. Kulturkampf nicht beendet, noch bestehen die Reichsgesetze in Kraft, welche die Kirche mit Mißtrauen einengen und der Allgewallt des Staates ausliefern, di« segensreiche Thätigkeit ihrer Diener und Ordensgenostenschaften lähmen und die ver-
fte sah nicht, daß Giacomo sich, um als stumme Dankesbezeugung feine Hand zu küssen, dem Frei- Herrn zukehrte; sie fühlte nichts mehr, als die Schande, die sie während der verflossenen Stunden aufgelesen Hatkd, sie empfand nichts mehr, als das Verlangen, fort von hier, den Blicken der großen Menge entzogen, mit sich selbst und dem einzigen Freunde, der ihr nun, da sie verarmt war, auf der Erde übrig bleiben konnte, allein zu sein. Hastigen Schrittes verließ sie mit ihrem Vormund den Saal. Sie wäre den Bemerkungen, die man zurechtgclegt hatte, in weit größerem Maße Preis gegeben gewesen, hätte sich nicht die Aufmerksamkeit bcS großen Haufens einem anderen und der Menge wichtiger dünken- den Ereigniß zugckehrt.
Kaum zwei Minuten waren vergangen, seitdem Dr. Rimoli, von gerichtlicher Escorte begleitet, den Saal verlassen hatte, als ein gellender Schrei, der aus den zur Polizeiabthcilung gehörigen Räumen des oberen Geschosses bis weithin. über die Treppen und Galerieen ertönte, die Aufmerksamkeit des sich entfernenden Publikums auf sich zog. Mit gewissenhafter Neugier, wie verständlich, drängte man der Ursache des so unheimlich erscheinenden Spektakels zu.
Es dauerte auch nicht lange, so war das Räch- sel gelöst. Ein paar Gensdarmen, die um die
fassungsmäßigen Rechte von Millionen Reichsbürgern, sogar das ursprüngliche Recht an's Vaterland, das Heimaths- recht, verletzen. Rur verhängnißvolle Selbsttäuschung könnte zu der Meinung verführen, als dürften die im Jnterefle der Kirche erhobenen Forderungen von nun an aus dem politischen Streite ausscheiden. Die Centrumsfraktion wird sie so lange erheben, bis sie voll und ganz erfüllt sind."
Auch das ist eine deutliche Sprache.
Deutsches Aeich.
Berlin, 15. Februar.
* Die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' bestätigt, daß eine Proklamation des Kaisers bezüglich der Wahlen nicht erfolgen werde.
* Der Bundesrath hat den Antrag Preußens auf Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Stettin undsUmgegend angenommen.
* Vor der heutigen Plenarsitzung des Herrenhauses konstituirte sich die Kommission zur eventuellen Vorberathung der kirchenpolitischen Novelle und wählte die Grafen zur Lippe und Brühl zu Vorsitzenden. Der Kommission gehört u. Ä. der hochw. Herr Bischof Kopp aus Fulda an. Der Gesetzentwurf, betreffend die Festsetzung der Leistungen für Volksschulen wurde in der heutigen Plenarsitzung des Herrenhauses mit der Modifikation angenommen, daß bei Widerspruch der Verpflichteten über Schulbauleistungen die Entscheidung nicht wie bei sonstigen Leistungen dem Kreis- bezw. dem Bezirksausschuß zustehen soll. Ein Antraa des Herrn v. Kl eist.-Rkkow. wonach der Staat die Kosten tragen solle, wenn die Verpflichteten von der beanspruchten Leistung freigesprochen werden, wurde zurückgezogen, ein Antrag der Kommission, das Schulleistungsgefttz in Posen, Schleswig-Holstein, Westfalen unb Rheinland erst nach der Einführung der Kreis- und Provinzialordnung dortselbst in Kraft zu setzen, wurde ab- gelehnt, nachdem sich Fürst Bismarck und Kultusminister v. Goßler dagegen ausgesprochen. Fürst Bismarck bezeichnete das Gesetz als ein provisorisches ; eine definitive Lösung der schwebenden Frage hänge von der Eröffnung der erforderlichen Quellen durch den Reichstag ab. — Nächste Sitzung unbestimmt.
* Die kirchenpolitische Vorlage wird dem
Hilfe der Sanitätswache den Flur entlang und die Treppen hinabeilten, erzählten es Anderen raunten es mit so beflissentlicher Geschäftigkeit Dem und Jenen in die Ohren, daß Alle, die sich zu horchen bemühten, verstanden, Dr. Rimoli habe, da das Spiel im Gerichtssaal für ihn ver- loren gewesen, den Kontrakt gebrochen, der ihn mit dem Leben verbunden, ein Fläschen Cyankali, das er — wohl im Vorbewußtsein des Urtheils- spruches, der über ihn gefällt werden würde — unter seiner Kleidung vei steckt gehabt, habe ihn von der Misere des Erdenlebens für immer erlöst.
So währte es nur kurze Stunden, bis der Ausgang der mit so viel Spannung erwarteten Verhandlung über die ganze Stadt hinaus be- kannt gemacht war. Man beglückwünschte im Stillen den Freiherrn, dem das Schicksal nach so langen Jahren der Gefangenschaft durch die Laune eines Kindes die Freiheit beschcerte, und zuckte die Achseln über den Direktor, der trotz seiner glänzenden Stellung einer so thörichten Handlung fähig gewesen war.
Der Freiherr von Erlenburg, obgleich er Insasse der Gesängnißirrenanstalt gewesen war, hatte Tage unbedingter Freiheit hingebracht.
Schon nach dem Verlauf weniger Wochen, nachdem der Patient dem Direktor Parncse übergeben