1887.
6. Dienstag, den 15. Februar.
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Deutsches Reich.
Berlin, 14. Februar.
* Während bisher als offic.ös geltende Berichterstatter behaupten, die kaiserliche Procla- mation in ihren Grundzügen im Wesentlichen zu kennen, ferner daß dieselbe bereits Freitag im Druck erscheinen werde, ist die .Nationalzeitung' in der Lage zu melden, daß eine kaiserliche Proc- Imnatton mit Bezug auf die bevorstehenden Reichs-' tagswahlen nicht erfolgen werde.
* Der Bundesrath hielt heute eine Plenarsitzung ab. Die Gegenstände der Tagesordnung sind meist von sccundörer Bedeutung. Die Anberaumung einer gewissermaßen außerordentlichen Sitzung des Bundesrathes dürfte, so schreibt die ,Nat. Zig.' namentlich mit Rücksicht auf den Umstand, daß SirL’eiten von Wichtigkeit nicht vorliegen, die Annahme unterstützen, daß die Verhängung des „kleinen Belagerungszustandes" über Stettin und Umgegend in Frage steht. Man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß dieser Gegenstand den Bundesrath schon heute beschäftigt.
* Das Herrenhaus nahm heute seine Verhandlungen wieder auf. Das Präsidium wurde ermächtigt, dem Königlichen Hause die Glückwünsche des Herrenhauses zu der Geburt eines Sohnes des Prinzen Wilhelm abzustatten. Dann wurde die Kreis- und Provinzialordnung für die Rheinpcovinz nahezu unverändert nach der Regierungsvorlage angenommen. Die Fürsten zu Wied und Solms - Braunfels beklagten die Beseitigung des Virilstimmrechts der reichsunmittelbaren Familien, stimmten aber der Vorlage zu. Mit den beiden Gesetzentwürfen fand man eine Resolution, betr. baldige gesetzliche Regelung der Ausstellungsund Pensionsverhältnisse der Landgemeindebeam- ten der Rheinprooinz, gleichzeitig Annahme. — Nächste Sitzung: morgen 12 Uhr. — Das Herrenhaus wird sich dem Vernehmen nach morgen wieder vertagen. Während der Vertagung wird die neue kirchenpolitische Vorlage eingehen, zu deren Vorberathung bereits heute die Einsetzung einer Commission beschlossen wurde, die sich morgen constituiren wird.
* Der Unterstaatssecretär im preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe, Magdeburg, ist zum Bevollmächtigten des Bundesraths ernannt worden.
Die Erbi« von WMsbrim.
Original-Roman von Marie Romany.
29. Fortsetzung.
„Das Papier ist falsch!" entrang es sich ihm, wie der Aufschrei um Rettung eines Ertrinkenden, heften Auge nichts als das nasse Grab um sich findet. „Die Quittung wurde von meiner Hand nicht ausgestellt!"
Der Präsident lächelte mitleidsvoll.
„Gegenüber einem so gravirenden Beweise wird ihr Leugnen fruchtlos sein," meinte er. „Haben Sie sonst keine Einwendung, die den Strafantrag, in einem gewissen Maße wenigstens, entkräften kann?"
Dr. Rimoli hielt ein paar Sekunden an.
„Ich halte die Behauptung aufrecht, daß jener Schein falsch ist," warf er dann matt hin. „Ich handelte meiner Pflicht gemäß!"
Der Präsident nickte stumm. Er ordnete die Papiere und befahl, daß man den Freiherrn von Erlenburg vor den Richtertisch führe.
Ein Gemurmel, laut genug, daß es von allen Wänden zurückoröhnte, entstand, als der angeblich Irre nun vor die Affiftn trat. Der Direktor d s ;
* Die über den Kreil Offenbach auf Grund des SocialistengefetziS verhängten Ausnahmemaßregeln erstrecken sich auf Abhängigmachung der Abhaltung von Versammlungen von vorgängiger Genehmigung der Lokalpolizeibehöcde, Befugniß zur Ausweisung von Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu besorgen ist, Verbot des Waffentragens, sowie des Besitzes, der Einführung, des Verkaufs von Sprengstoffen. Der bisherige Abgeordnete Liebknecht ist wie schon mitgetheilt, aus Offenbach ausgewiesen.
* Straßburg, 14. Febr. Hier fanden Haus- suchungen statt auf Requisition der Reichs-Anwalt» schäft wegen Verbindungen, welche die französische Patriotenliga mit dem Reichslande hat.
Ausland.
* Rom, 14. Febr. Die von Gen« eingesandten detaillirten Berichte ans Massauah vom 29. Januar bestätigen, daß sich am 25. Januar 5—6000 Abefsynier in den Thälern der Umgebung von Saatis zeigten. Der Kommandant von Saatis, Major Boretti, entsandte eine halbe Kompagnie nebst Baschibozuks unter Lieutenant Cuomo, um die Adtftynier in ihrer Bewegung zu behindern, zu umgehen und zu zwingen, den Kampf unter dem Fort aufzunehmen. In dem Kampfe wurde Cuomo verwundet. Die Abessynftr, mit zahlreicher Kavallerie versehen, griffen lebhaft ar/, näherten sich, durch das Terrain begünstigt, bis auf dreihundert Meter dem Fort. Die Italiener widerstanden tapfer und verhinderten ein weiteres Vorrücken. Gegen 4 Uhr Abends begann der Rückzug der Abefsynier. Kurz darauf gestaltete sich der Rückzug zur Flucht, welche die Italiener mit Hurrahrufen begrüßten. Die abessynischen Verluste sind ziemlich groß; «die Italiener, einschließlich der Baschibozuks hatten fünf Todte und fünf Verwundete. Die Kommandanten lobten den militärischen Geist der Truppen. Nachdem der Kommandant in Saatis Vorräthe verlangt hatte, wurden solche am 20. Januar dahin entsendet. Dieser Expedition waren 3 Kompagnien, eine Mitrailleusensektion unter Oberst- lieulenant Christoforis und eine Bedeckung beigegeben. Zwischen halb 9 und halb 10 Uhr sandte Felucci an den 'Kommandanten von Monkullos zwei Billete, worin er anzeigte, es sei von einer großen abessynischen Streitmacht bei Dogali an-
St. Salvatore stierte auf ihn, als ob ein Gespenst erschienen wäre, und Fräulein von Waldheim, ohnehin im tiefsten Innern niedergebeugt, wagte nicht mehr, den Blick zu erheben; sie schien vol- lends zu Boden gedrückt in dem Verhältniß, unter welchem sie dem Herrn von Erlenburg hier gegenüberstand.
„Es wird kaum nöthig sein, Sie durch weitläufige Fragen zu beschweren," meinte der Präsident, zu Ludwig von Erlenburg gewendet. „Sie kennen den Herrn dort?"
„Es ist Dr. Rirnoli."
„Und jener dort hinten?"
„Es ist der Wärter, dessen Obhut ich in der Irrenanstalt anvertraut war."
„Glauben Sie, daß dem Wärter ein Theil der Schuld an Ihrer Gefangenschaft beizumessen wäre."
„Nein," entgegnete Herr von Erlenburg bestimmt. _ „Giacomo bewachte mich, so weit ihn der Befehl des Direktors gebunden hielt, aber er erwies mir Dienste, wo nur feine persönliche M.inung zu befragen war. Ich glaube, daß der Mann keinen Antheil an dem Vergehen hat."
2)tr Präsident schien zufriedengesiellt. Er rich- । tete noch einige, unwichtige Nebenumstände betres-
gegriffen worden. Der Kommandant von Monkullos sandte alsbald eine Kompagnie dorthin; diese konnte aber auch nur noch die bereits erfolgte Katastrophe konstatiren. Sie meldete, daß die italienischen Offiziere und Soldaten in Reih und Glied, ohne sich vom Flecke zu rühren, gefallen seien, fünf Stunden lang widerstanden, ihre gesammten Munitionsvorräthe verbraucht hätten und endlich der Uebermacht erlegen seien. 90 Verwundete konnten sich retten. Die auf 20,000 angegebenen Abefsynier erlitten große Verluste. Wegen der geringen disponiblen Streitkräfte und der isolirten Stellung der Detachements ordnete Geno die Einschiffung der Detachements von Saati und Wua Arafali an. Das Detachement Saati kehrte nach einem glänzenden Nachtmarsche nach Monkullo zurück.
Aus SLüdt, proöiti} unö TLachbargebieL.
Fulda, 15. Februar.
lqj Die vorgestrige Aufführung des großen H a y d n'schen Oratoriums: „Die vier Jahreszeiten" im geräumigen Saale der „Harmonie" hierselbst wird gewiß bei vielen Hunderten einen unverg.ß- lichen Eindruck hinterlassen haben. Die Begeisterung des Publikums war in der That so groß, daß nicht bloß bei der Hauptausführung der große Saal bis zum letzten Plätzchen besetzt war, sondern daß auch schon die Generalprobe am Sonnabend, zu welcher Schülerbillete ausgegeben wurden, an 250 kunstsinnige Zuhörer angelockt hatte. Zn verwundern ist dies freilich nicht. Denn der Haydn'sche Genins kommt in diesem Tonwerk zu einem so reinen, unverfälschten Ausdruck, daß nicht nur ausgebildete Musiker, sondern auch gewöhnliche Menschenkinder die einfachen unschuldigen Melodien und Modulationen, die Einem bei ihrer Natürlichkeit sozusagen in die Hände laufen, mit Leichtigkeit auf- zufafsen und zu einer inneren Gesammtstimmung harmonisch zu verarbeiten vermögen. In dieser Verständlichkeit und Grundstimmung liegt wohl das Geheimniß der Volksthümlichkeit, welche „Die Jahreszeiten" genießen. Ueber Plan und Gliederung des herrlichen Oratoriums ist schon anderen Ortes das Nöthigste hervorgehoben worden. Der am meisten hervorstechende Zug liegt auf dem Gebiete der sog. „Tonmalerei". Mit Haydnschen
sende Fragen an den Freiherrn, vernahm in Kürze die noch übrigen Zeugen, Diener des St. Salvatore, und.schloß dann die Inquisitionen, worauf der Staatsanwalt sich in beredten Worten über die Schwere des vorliegenden Verbrechens erging und die härteste Strafe der Schuldigen begehrte. Dann zog sich der Gerichtshof zur Berathung in ein anliegendes Zimmer zurück.
Eine halbe Stunde ging vorüber, während welcher Zeit ein Jeder von Allen, das Publikum nicht minder als die Betheiligten, mit wahrhaft größter Spannung dem Richterspruche entgegenfah. Giacomo zitterte; Dr. Rimoli war vernichtet; Alice, fiebernd an allen Gliedern, hatte nur im Beistand des greifen Priesters die Stütze gefunden, ohne welche ihre Selbstbeherrschung verloren gewesen wäre; mit geisterbleicher Miene, die Wimper glänzend in Thränen, starrte sie vor sich nieder; doch als sie — war es Zufall? — den Blick für einen Moment auf ichtete und zu Ludwig von Erlenburg hinübersah, bemerkte sie, wie das Auge des Freiherrn mir der vollen Gluth seelischer Empfindung auf sie gerichtet war. In diesem Augenblick wollte es ihr dünken, als ob sie selbst für eine Sekunde erglühte, und beschämt