Sonnabend, den 12. Februar.
Jfo 34.
1887
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Zweites Blatt.
Der „Wunsch" des Papstes.
Die Presse unserer vereinigten Gegner, vor allem die nationalliberale, faßt die päpstliche Kund« gebung in Sachen des Septennats so auf als be- handle der hl. Stuhl das Septennat als eine Ausnahme von der allgemeinen Regel, daß dem Centrum in seiner Eigenschaft als politischen Partei unbeschränkte Aktionsfrei heil eingeräumt ist. Wir können das nicht zugeben. Schon die geflissentliche Wiederholung der einen strikten Befehl oder eine direkte Anordnung absolut ausschließenden Ausdrucksweise, wie sie in den Worten „Wünsche", Rathschläge", Ansichten", „Anschauungsweise" gegeben ist, weist darauf hin, daß der hl. Vater dem Centrum keine direkte Instruktion, welche Gehorsam erheischt, hat geben wollen, sondern nur einen wohlgemeinten Rath, gestützt auf seine persönliche Anschauung von der ganzen Sachlage.
Wir machen auch gar kein Hehl daraus, daß wir einen Befehl des Papstes, für dieses oder jenes weltliche Gesetz zu stimmen, für unverbindlich halten würden, daß vielmehr der päpstliche Stuhl in allen derartigen Fragen dem menschlichen Jrrthum unterworfen und fehlbar ist, wie dies die Geschichte in zahlreichen Beispielen beweist. Wem daher die diebwerthen Herren Kulturkämper die CentrnmSpartei des „Ungehorsams" gegen einen päpstlichen Wunsch (schon in der Terminologie drückt sich der Widersinn aus, denn jeder „Ungehorsam" setzt einen „Befehl" voraus) zeihen wollen, so schicßm sie gewaltig neben das Ziel und machen sich nebenbei noch lächerlich. Denn es ist in der That ein nahezu komisches Schauspiel, die ganze kulturkämpferische Rotte, die Anwälte des Altkatholicismus, die wüthenden Feinde des „unfehlbaren" Papstthums hier plötzlich für einen weit über das Ziel hinaus- schießenden Unsehlbarkeitsbegriff eintreten und die diesem widerstrebenden Katholiken des schändlichen Ungehorsams anklagen zu sehen.
Bedenken denn die Herren gar nicht, welche Konsequenzen aus ihrer neuen politischen Unfehlbarke itS-Theorie entstehen könnten? Gesetzt den Fall, eS gefiele dem Papste über's Jahr, die Katholiken für das Tabaksmonopol und Branntweinmonopol zu verpflichten, so würde er gewiß nicht minder als heute die Zustimmung der
Die (Erbin turn Wallmdriniii.
Original-Roman von Marie Romany.
27. Fortsetzung.
„3ft Ihnen nicht aufgefallen, daß Herr von Erlenburg irrsinnig nar, nachdem er von der Gehirnentzündung geheilt worden?" fragte der Präsident, indem er sein Auge mit aller ihm zu Gebote stehenden Schärfe auf den armen Burschen, der fieberhaft zitterte, richtete.
Giacomo schwieg und starrte den Präsidenten an.
„Run?" wiederhole dieser noch schärfer, als vordem.
„Ich verstand damals so gut wie garnichts von dem Zustande eines Irrsinnigen," versicherte Giacomo bebend; „aber es würde mir aufgefallen fein, wenn Herr von Ludwig Handlungen begangen hätte, die der Zurechnungsfähigkeit entbehrten."
„Sie wollen sagen, daß Herr von Erlenburg bei Vernunft war?" — Der Präsident verlor keine Sekunde den Blick von Giacomo. —
„Ich glaube das —"
„Elende Kreatur!" knirschte Dr. Rimoli vor sich. „Wie!" rief der Präsident.
Kulturkämpfer finden, weil solche Forderungen in ihren Kram paffen. Aber wenn nun zu einer späteren Zeit der heil. Vater seine ihm von den Nationalliberalen und von der Regierung jetzt eingeräumte politische Unfehlbarkeit etwa zu Gunsten einer kleinen Steuerverweigerung oder irgend eines der Regierung höchst unbequemen legislatorischen Beschluffes in die Wagschale werfen wollte (um der Regierung seine Unzufriedenheit in kirchlichen Fragen kundzugeben), wie wollte der biedere Nationalliberalismus sich dann aus der Klemme ziehen? Man braucht demnach der ganzen Frage und ihren Konsequenzen nur klar in's Antlitz zu schauen, um sofort die ganze Unhalt- barfeit und Charakterlosigkeit des gegenwärtigen Gebührens der „Nationalen" zu erkennen. Nur der Umstand, daß der päpstliche Wunsch diesmal sich z u f ä l l i g mit einem mittelparteilichen Wunsche deckt, und daß sich ersterer deshalb als momentanes Mittel zur Bekämpfung der Centrumspartei zu eignen scheint, hat die Kulturpauker und Rom- haffer mit einem Schlage zu überfcommen Kirchen- lichter» und hyperstrengen Vertheidigern der päpstlichen Unfehlbarkeit, sogar in reinen politischen Staatsfragen, umgewandelt.
Wir dagegen, die wahren und überzeugten Infallibilisten, „Römlinge" und „Papisten", räumen dem Papste die Unfehlbarkeit nur ein, wenn er über Sachen des Glaubens und der Sitten dogmatische Entscheidungen ex cathedra erläßt, und würden nicht davor zurückschrecken, einer päpstlichen Kompetenzüberschreitung den Gehorsam zu versagen. Aber eine solche Kompetenz- Überschreitung liegt hier gar nicht vor. Der heil. Vater hat uns nichts befohlen und hat das Septennat nicht zum Dogma zu machen versucht, sondern er hat uns nur dm wohlgemeinten Rath gegeben, nur den Wunsch geäußert, das Centrum möge bei der Entscheidung über die Sep- tennatsfrage auch die in dem Jacobinischen Briefe näher bezeichneten kirchlichen Interessen mit in Betracht ziehen.
Daß der seiner Kirche und dem päpstlichen Stuhle treu ergebene Katholik diesen „Wunsch", diesen „Rath" außerordentlich hoch anschlägt, weil er von dem sichtbaren Oberhaupte der gesammten Kirche ausgch: und jedenfalls nur durch schwerwiegerde Gründe und Erwägungen veranlaßt ist, versteht sich ganz von selbst. Und deßhalb wiederholen wir, was wir fchon gleich nach dem Bekanntwerden des Jakobim'schen Schreibens gesagt haben:
„Ich glaube das," wiederholte der arme Bursche, der in jedem Falle, was er auch aussagen mochte, sich zu fürchten schien. „Madonna!" fuhr er fort, weil ihm der auf ihn haftende Blick des Präsidenten peinlich werden mochte, „ich habe nur die Befehle meines Herrn, des Direktors, vollzogen; ich bin Diener und muß gehorchen; und der Direktor versteht es, seine Wärter gehorchen zu lehren! Unsereins dient um den Lohn!"
„Also Sie wußten, daß Herr von Erlenburg nicht geisteskrank war?"
Giacomo zitterte in einem Maße, daß es für Jeden sichtbar war?"
„Ich glaubte es," rief er; „aber was nützt mein Glaube, wenn der Direktor ein anderes Urtheil hat!"
„Hat der Direktor jemals über den Fall des Patienten mit Ihnen gesprochen?"
„Die Befehle wurden jeden Abend im Allgemeinen erlassen; im Uebrigen wäre es mein Abgang gewesen, hätte ich mich zwischen die Affaire gemischt."
Der Präsident schwieg und blickte ein paar Sekunden mit geringschätzendem Lächeln auf Gia-
das Centrum wird mit Rücksicht auf die Wünsche des hl. Stuhles die Frage nochmals nach allen Richtungen hin eingehend und gewissenhaft zu prüfen haben. Und gerade mit Rücksicht auf diese unabweisbare Pflicht nochmaliger Prüfung und Ueberlegung stellen wir das Verlangen, das Wähler des Centrums ihren Abgeordneten kein imperatives Mandat ertheilen, daß sie ihnen vollständig freie Hand lassen, wie sie sich zur Militärfrage stellen wollen. Es fällt uns nicht bei, ohne Weiteres für das Septennat einzutreten, aber das betonen wir nachdrücklich, daß der Wunsch des hl. Vaters ein Faktor ist, mit welchem das Centrum zu rechnen haben wird. Erschweren wir daher den Männern unseres Vertrauens ihre verantwortungsvolle Aufgabe nicht dadurch, daß wir ihnen ein imperatives Mandat, fei es gegen, fei es für das Septennat, ertheilen, sondern überlassen wir es ihnen, nach dem Wiederzusammentritt des Reichstages die Frage abermals in Erwägung zu ziehen und nach bestem Wissen und Gewissen die end« giltige Entscheidung zu treffen.
Vermischtes.
* Heber bett Verlauf der Diphtheritis-Erkran- kungen veröffentlicht der ,Hamb. Corr/ eine au3 berufener Feder herrührende Schilderung, durch deren Wiedergabe wir im Interesse mancher unserer 8eret zu handeln glauben: „Das Kind fängt plötzlich an zu fiebern, bricht, klagt über den Kopf und nur wenn es schon erwachsen ist über den Hals. Die Stirn fühlt sich auffallend heiß an. Das heftige Fieber läßt bald nach, meist schon nach einer Nacht, und bie Eltern glauben, das Kind habe nur ein Schnupfenfieber durchgemacht ober sich ben Magen nerbotben, unterlassen demnach dem Kind den Hals zu untersuchen. Nimmt man nun einen breiten Löffelstiel zur Hand und drückt damit bie Zungenwurzel herab, so daß die tieferen Halspartien sichtbar sind, so sieht man nach dem Fieberanfalle auf den Mandeln (die haselnußgroßen Wülfte rechts und links vom Zäpfchen hinter dem Gaumenbogen) weiße, unregelmäßige Fleckchen. Jetzt kann der Arzt helfen. Wird die Besichtigung nicht vorgenommen und die Krankheit nicht erkannt, so scheint das Kind nach dem Fieberanfall scheinbar wieder wohl und fängt an zu essen und zu spielen. Der diphtheritische Prozeß nimmt aber nun ungestört seinen Fortgang. Derselbe geht auf die Nase (selten), meist auf den Kehlkopf und die Limphdrüsen über, und nach 2 ober 3 Tagen treten bie schweren, augenscheinlichen Krankheiten auf, welche ben Arzt schnell zur Stelle schaffen. Der Arzt gibt sich bie erdenkliche Mühe, das Kind zu retten, zuweilen gelingt es ihm noch, meist ist aber Alles vergeblich. Also das ist den Eltern an das Herz zu legen, nach jedem Fieberanfall den Hals zu untersuchen, und wenn dieselben sich kein Urtheil zutrauen, den Arzt rufen zu lassen. Wird so verfahren, so ist fast jedes Kind zu retten, welches an Diphteritis erkankt ist.
como. Dann gab er ihm ein Zeichen, seinen Platz in der Nähe der übrigen Zeugen zu nehmen, und veranlaßte, daß Fräulein von Waldheim in den Saal geführt ward.
Ein lautes Gemurmel durchlief die Menge, als Alice, gefolgt von ihrem Vormund, dem greisen Priester, vor die Assisen trat.
Obgleich das Bewußtem, den edleren Weg, den Weg zur Sühne des Verbrechens, erwählt zu haben, ihr während der langen Wochen, die ihr zu eing'hender Betrachtung gegeben gewesen, eine nicht zu unterschätz nde Genugthuung gewährte, so hatte dennoch das so entsetzlich Schmachvolle ihrer Lage seinen ganzen Einfluß auf den zarten Sii n des jungen Wesens zur Geltung gebracht. Alice hatte nicht vergessen, daß sie, indem sie Dr. Rimoli verklagte, als Schänderin des Namens Felix von Waldheim, ihres eigenen Vaters, vor die Gerechtigkeit trat; Alice wußte, daß sie in dem Zeugniß, welches sie gegen den Direktor des St. Salvatore aussagte, ihre Existenz ruinirte; sie wußte, daß sie ihr eigenes Dasein mit Schande bedeckte, indem sie für dar Lebensglück eines Anderen in die Schrankes trat. (Forts, im 1. Blatt.)