JVi. 34. Sonnabend, den 12. Februar. 1887
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Erstes Blatt.
O Papst, Centrum u. Septennat.
Die Münchener »Allgemeine Zeitung' veröffentlich' den italienischen Wortlaut des ersten Schreibens des Kardinal-Staatssekretärs Ja cobini an den päpstlichen Nuntius in München bezüglich der Septennats-Frage und fügt nachstehende Uebersetzung hinzu:
Rom, 3. Januar 1887.
An Monsignore di Pietro, apostolischen Nuntius, München. Hochwürdigster Herr!
Aus meinem Telegramm vom 1. d. M. haben Sie ersehen, daß allernächstens der Entwurf zur schließlichen Revision der preußischen kirchenpvlitischen Gesetze vorgelegt werden wird. Man hat darüber ganz kürzlich formelle Zusicherungen erhalten, welche die früheren, dem heiligen Stuhle zugegangenen Nachrichten bestätigen. Sie können somit den Herrn Windthorst in dieser Hinsicht beruhigen und die Zweifel, welche derselbe in seinem, Ihrem letzten geschätzten Berichte beigefügten Schreiben ausgesprochen hat, zurückweisen. Im Hinblick auf diese nahe bevorstehende Revision der Kirchengesche, welche — wie Grund ist anzunehmen — befriedigend ausfallen wird, wünscht der hl. Vater, daß das Centrum die Vorlage des militärisch en Septennats in jeder ihm möglichen Weise begünstige. Es ist hinlänglich bekannt, daß die Regierung auf die Annahme dieses Gesetzes den größten Werth legt. Wenn es nun in Folge deffen gelingen sollte, die Gefahr eines nahen Krieges zu beseitigen, so würde das Centrum sich sehr verdient gemacht haben um das Vaterland, um die Humanität und vm Europa. Im entgegengesetzten Falle würde man nicht verfehlen, ein feindseliges Verhalten des Centrums als unpatriotisch zu betrachten, und eine Auflösung des Reichstages würde auch dem Centrum nicht unerhebliche Verlegenheiten und Unsicherheiten bereiten. Durch die Zustimmung des Centrums zu der Septennatsvorlage aber würde die Regierung den Katholiken wie auch dem heiligen Stuhle immer geneigter werden, und auf die Fortdauer der friedlichen und gegenseitig vertrauensvollen Beziehungen zu der Berliner Regierung legt der heilige Vater keinen geringen Werth. Sie wollen daher die Führer des Centrums auf das Lebhafteste dafür interessiren, daß Sie Ihren ganzen Einfluß bei Ihren Kollegen anwenden und dieselben versichern, daß sie durch die Unterstützung des Septennats dem heil. Vater eine große Freude bereiten und daß das für die
Die Erdi« von Mersbrum.
Original-Roman von Marie Romany.
(Fortsetzung aus dem heutigen zweiten Blatte.)
Ihren Entschluß hatte des Alles nicht zum Wanken gebracht. Seitdem sie Wallersbrunn verließ, hatte sie nur einen Gedanken gehabt; seit sie in Roin weilte, stand nur ein Ziel vor ihrem Auge, die Sühne der Schuld, welche das Grab ihres Vaters vcn des Himmels Ewigkeit trennte, und d-r Erreichung dieses Ziels hing sie mit aller Energie und Beharrlichkeit nach. Alice, nachdem sie Kenntniß über die Formalitäten der gegen Dr. Rimoli einge- leiteten Untersuchung erlangt hatte, wußte, daß jedes Einhalten des Verspreche.':«, welches sie vor seinem Tode in die Hand des Vaters abgelegt hatte, für sie zur Unmöglichkeit wurde; sie wußte, daß der Inhalt des Kästchens, welches Herr von Waldheim nur ihrer Einsicht vertraute, nicht ihr Gehümniß bleiben konnte, wenn nämlich, wie als nur zu wahrscheinlich zu erachten war, Dr. Rimoli das Faktum in Abrede stillte; dennoch wankte sie nicht; das Gewicht der Schuld, deren Fluch sich auf ihr unschuldsvolles junges Dasein vererbt'', hatte jedem Zweifel über Pflicht und Handeln ein kurzes Ende gemacht.
Sache der Katholiken sehr vortheilhaft sein wird. Wenn diese letzteren auch infolge der neuen Militärgesetze immerhin neuen Lasten und Beschwerlichkeiten entgegengehen, so werden sie anderseits entschädigt werden durch den vollständigen religiösen Frieden, welcher doch das höchste aller Güter ist. Indem ich die vorstehenden Betrachtungen Ihrem Takte und Ihrer Umsicht anvertrau«, bin ich überzeugt, daß Sie den in Betracht zu ziehenden Personen und Verhältnissen gegenüber davon Gebrauch machen werden.
(gez.) L. Card. Jacobini.
Da» vorstehende Schreiben enthält nichts wesentlich Neues, was nicht schon aus dem zweiten Schreiben und aus den sonstigen Mittheilungen über diese ganze Affaire in der Hauptsache bekannt wäre. Erst die Vorlegung des ganzen bezüglichen Akten Materials, auch des Briefes von De. Windthorst, auf den sich das vorliegende, und des Franckenstein'schen Briefes, auf den sich das zweite Jrcobini'sche Schreiben beruft, würde eine völlige Klärung des ganzen Vorganges herbeiführen. Ob und wann diese vollständige Publikation erfolgt, muß abgewartet werden. Soviel geht aber aus dem vorliegenden Schreiben bestimmt hervor, daß der Nuntius di Pietro ausdrücklich angewiesen war, mit Takt und Umsicht nur gegenüber den „in Betracht zu ziehenden Personen" von diesem Schreiben des päpstlichen Stuhles Gebrauch zu machen; demgemäß waren auch die in's Vertrauen gezogenen Personen, anscheinend nur Windthorst und v. Franckenstein, gar nicht berechtigt, einen weitern Gebrauch davon zu machen und die delikate Sache an die große Glocke zu hängen. Zum Uebcrfluß bestätigt die vorgestrige Nummer des päpstlichen ,Offervatore Romano', daß auch der zweite Jacobini'sche Brief „nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt gewesen, und deßhalb die Form konfi- dentieller Korrespondenz gewählt sei."
Was nun das vorligende Schreiben selbst an- bclangt, so sehen wir voraus, das die Gegner einzelne Stellen desselben z. B. von der „Kriegsgefahr", von dem zu erwartenden Vorwurfe „un- patriotischen Verhaltens" von der „dem hl. Vater zu bereitenden großen Freude" aus dem Zusammenhänge reißen und zu ihren Wahlzwecken mißbrauchen'werden. Aber jeder ehrliche und objektive Beurtheiler wird zugeben müffen, daß, wie
Fräulein von Waldheim zitterte nicht, als sie dem Aufruf des Präsidenten zufolge in den Saal geführt ward; aber ihre Miene war eisig und ihr Auge, ehedem so strahlend im Bewußtsein des Glücks, welches ihr das Leben befcheerte, blickte mit Ausdruckslosigkeit vor sich, niedergedrückt im Gefühl der Schande, die, rote sie nicht zweifelte, für sie in Bereitschaft war. Dennoch zeigte ihr Aeußercs nicht eine Spur der Erregung, die ihr den Athem beengte, als sie nun vor den Richtertisch trat.
Der Präsident betrachtete sie mit dem Ausdruck des ungetheiltesten Jntereff s Sekunden lang.
„Sie sind Alice von Waldheim?" fragte er sodann in einem Tone, in welchem die Theilnahme, die er für das junge Wesen fühlte, nicht zu verkennen war.
Al'ce bejahte.
„Sie sind Besitzerin de» Dominiums Wallers- brunn?" fragte der Präsident wieder.
„Nein", entgegnete Al'ce fesi, ihren Blick zu dem Fragenden erhebend. „WallerSbruNn ist seit einem Jahrhundert das rechtmäßige Erbe der Freiherrn von Eilenburg; das Anrecht auf die Besitzung, welches man mir zuerkennt, ist nicht richtig; Wallersbrunn gehört, nachdem er am Leben und gesund ist, dem ehemaligen Patienten 1
groß auch die moralische Nöthigung des päpstli- chen „Wunsches" erscheinen mag, dennoch ein direktes Verdikt über das Verhalten der Centrumspartei daraus keineswegs gefolgert werden kann.
Zunächst heißt es in dem Schreiben, der hl. Vater wünsche, daß das Centrum die Vorlage des militärischen Septennats in jeder „ihm möglichen" Weise begünstige. Nun ja, Herr von Franckenstein hat dem hl. Vater darauf mit eingehender Motivirung geantwortet, daß das Centrum aus politischen Gründen das Septennat nicht acceptiren könne, daß cs ihm also unmöglich sei, den Wunsch des hl. Vaters im vollen Umfange zu erfüllen. Jndeffen hat das Centrum — und darauf ist das größte Gewicht zu legen — thatfächlich in der „ihm möglichen Weise" die Regierungsvorlage begünstigt. Diese „Begünstigung", also dieses Entgegenkom- men gegenüber den Wünschen des hl. Vaters liegt eben in dem Beschlüsse der zweiten Lesung, welcher der Regierung zunächst für drei Jahre „jeden Mann und jeden Groschen" zur Verfügung gestellt hat. Daß dieser Beschluß ganz erheblich mehr bietet, als der ursprüngliche Centrumsantrag, bedarf wohl kaum eines Beweises. Wenn die gegnerische Presse und Agitation aus dem ersten päpstlichen Schreiben neue Anhaltspunkt; für die mittelparteiliche Verhetzung der Centrumspolitik entnehmen will, so übersieht sie absichtlich, daß das erste Schreiben für sich allein nicht mehr betrachtet werden darf, sondern nur im Zusammenhang mit dem späteren Schreiben und den dazwischenliegenden Vorgängen. Der „Wunsch" des Papstes konnte vom Centrum nur th eil weise erfüllt werden; diese theilweise Erfüllung lag in dem Beschluß der zweiten Lesung. Die volle Erfüllung erkürte Freiherr v. Franckenstein für unmöglich unter den gegebenen Umständen. Zugleich unternahm der Präsident der Centrumsfraktion den geradezu heroischen und großartigen Schritt, dem hl. Vater für den Fall, daß er auf der bestimmten Einmischung in die rein politischen Pflichten der Partei bestehe, die Auflösung des Centrums anzubieten. Die Frage von geradezu 'weltgeschichtlicher Bedeutung: „Ist der Fortbestand des Centrums nicht mehr nothwendig," ist nun vom hl. Vater
der Heilanstalt St. Salvatore, Ludwig von Erlen» bürg."
„Und Sie?" fragte der Präsident. — Sein Blick ruhte mit nicht zu verkennendem Wohlwollen auf Fräulein von Waldheim's Erregung.
„Ich kam nach Rom, um das Anrecht auf das Dominium welches mir nicht gehört, in die Hände feines Eigenthümers niederzulegen. Ich bitte also den hochgeschätzten Gerichtshof, Herrn von Eclen- burg die Freiheit, die ihm bis j-tzt entzogen wurde, wiederzugeven, damit er den Genuß feines Eigen- thums antreten kann."
Ein lautes Murmeln durchlief den Saal, nachdem Fräulein von Waldheim diese dem Publikum o mysteriös dünkenden Worte sprach. Ein großer Theil der Menge glaubte, ihre Worte nicht richtig vernommen zu haben; wenigstens konnte sich fast Niemand einen Begnff machen, in welcher Weise ihre Aussage mit der Verhandlung in Bezug zu iringen war. Eine Frage des Präsidenten half dem Veiständniß nach.
„Was veranlaßte Sie eben j tzt, nach Rom zu kommen?" meinte er in mehr geschäflsmäßigem Tone. „Weshalb überhaupt begehrten Sie nicht einfach die Heraus abe des Patienten von dem Dinktor des St. Salvatore, nachdem doch von Ihrem Vater, dem H;rrn von Waldheim, der