Mittwoch, den 9. Februar. 1887
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. Februar.
* Die Beruhigung, welche in hiesigen politischen Kreisen über die europäische Lage Platz gegriffen hat, erfährt jetzt, wie man der .Franks. Ztg.' von hier meldet, eine weitere Verstärkung dadurch, daß glaubwürdigen Mittheilungen zufolge in den letzten Tagen ein Schreiben des Czaren an den Kaiser gelangt sein soll, welches in sehr herzlichem Tone abgefaßt wäre.
* Das Abgeordnetenhaus, dem die neue Eisenbahnverstaatlichungsvorlage zugegangen ist, erledigte heute in seiner Sitzung den Etat des Ministeriums des Innern. Eine längere Debatte fand über die bekannte Rheinbrohler Kirchenglockenstreitigkeit statt. Abg. Rintelen (Centr.) brachte dieselbe wieder zur Sprache und griff den Bürgermeister Conrad von Rheinbrohl und den Landrath von Runckel scharf an und beschwerte sich darüber, daß der Minister zu viel Werth auf die Berichte der Lokalbehörden lege. Minister v. Puttkamer und Abg. Berger traten diesen Anklagen entgegen als einem Versuch, das Haus zum Forum für eine noch schwebende Rechtsfrage zu machen. Abg. Berger wies im Laufe der Diskussion u. A. darauf hin, daß der Abg. Rin- telen im Jahre 1861 als fortschrittlicher Kandidat in Bochum aufgetreten se>. Abg. Rintelen bestritt das mit Entschiedenheit. Abg. Hansen lenkte die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Belastung, welche den Gemeinden dadurch entsteht, daß sich Familienväter der Verpflichtung, für ihre Angehörigen zu sorgen, entziehen. Vom Regierungstische aus wurde erwidert, daß über die Angelegenheit Verhandlungen schweben. Zu der erwarteten Poleudebatte kam es nicht. Auf eine Anfrage des Abg. v. Jazdzewski begnügte sich Minister v. Puttkamer zu erwiedern, daß die Zahl der Personen, welche infolge der Ausweisungen das Land verlaffen haben, sich auf 28,696 belaufe. — Morgen: Anträge, Petitionen, Bericht der Ansiedlungskommission.
* Auf Grund des Sozialistengesetzes sind wieder eine Anzahl Flugblätter und Zeitung«, nummern verboten worden. Unter Anderen wurde die von dem bisherigen sozialdemokratischen Reichs-
DK Erdi» mm WÄnsdrmm.
Origtnal-Roman von Marie Romany.
24. Fortsetzung.
Funkelnden Auges nahm Giacomo die so kostbare Börse, komplimentirte unter wiederholten DankeSbezeugungen, verließ dann das Hotel und eilte die Gaffen entlang. Sein Muth schwoll. Als habe Fortuna ihr Füllhorn über ihn ergoffen, so strahlte seine Miene. Krampfhaft umklammerten seine Finger die glitzernden Dukaten, die er wieder und abermals überzählte, so oft ihm das Licht des hervorbrechenden Vollmonds Gelegenheit gab. O, er zweifelte nicht mehr, er war ein gemachter Mann! Fünftausend und dreihundert Franken, die ihm Direktor Rimoli ausbezahlte, dazu zwölf Dukaten, di- er ersparte, und diese Rolle Gold, von der Niemand außer Fräulein von Waldheim und ihm selbst eine Ahnung hatte, dann Scfia's Liebe, — ja, bei der heiligen Jungfrau selber! das Glück war ihm hold! In welcher Laune halte es ihm za diesen Schätzen geholfen! in welcher holdseligen Stimmung hatte cs ihm den Einfall gegeben, durch die Erzählung, welche er gemacht hatte, Sieger über den Starrsinn des Direktors zu sein! Nur ein paar Wochen noch,
tagsabgeordneten Bock in Gotha herausgegebene und redigirte Zeitung „Der Schuhmacher" unterdrückt.
* In Stettin ist es gestern anläßlich einer sozialdemokratischen Versammlung zu blutigen Tumulten gekommen. Die Versammlung, an der gegen 300 Personen theilnah- men, mußte bei der ersten Rede polizeilich aufgelöst werden. Die Menge weigerte sich, den Saal zu verlaffen. Alles lärmte und schrie durcheinander. Bald wurde ein Bombardement mit Biergläsern auf die Tribüne eröffnet, wo sich die Schutzleute befanden. Die letzteren wurden mehrfach getroffen und mußten die Tribüne verlaffen. Nun strömte auch die Menge den Ausgängen zu und demolirte die Fenster des Saales und die Thürfüllungen. Von einem neben dem Lokal befindlichen Neubau wurden Steine herbcigcschleppt, welche durch die Fenster geschleudert wurden. Nachdem der Tumult etwa ^Stunden gewährt, traf eine Abtheilung des Königs-Regiments, - etwa 20 Mann, ein, wodurch sich die Menge an ihrem Zerstörungswerke aber nicht hindern ließ. Schließlich kam es zum Zusammenstoß zwischen den Tumultuanten und dem Militär, wobei ein Arbeiter einen tödtlichen Bajonnetstich in die Brust erhielt. Außerdem kamen noch mehrere Verwundungen vor.
D Wahlartikel und Lotterielisten.*)
Vorne Wahlartikel, hinten Lotterielisten! Das ist augenblicklich zumeist der Inhalt der größcren Zeitungen. Leider haben die Ziffern der Gewinnnummern für mich alle Anziehungskraft verloren, denn mein vorlautes Loos war schon am ersten Tage „ffiön heraus mit 70". Um so tiefer geht es mir zu Herzen, daß diese dummen Gewinnlisten so viel schönen Raum in der Zeitung in Anspruch nehmen und den Setzern und Korrektoren so ungeheuer viel Müh: machen. Der freundliche Leser, welcher sich noch nicht in einer Setzerei oder Druckerei umgeschaut hat, mag sich in einer müßigen Stunde einmal daransetzen, eine solche Ziffern- liste sorgfältig abzuschreiben. Wenn er an der vierten Zeile ist. wird er schon anfangen, das ganze arabische Zahlensystem zu verwünschen. Der Schriftsetzer muß aber geduldig all' die Ziffern
*) Rachdr. verb.
dann verließ er St. Salvatore, vom Glück begünstigt, mit Kapital beladen, dann wanderte er Rom zu, um ein trautes Heim für sich zu gründen und Sofia zu freien! — In welch seliger, vom Traum des Glücks berauschter Stimmung mußte Giacomo an diesem für ihn so wonne.eichen Abend sein! —
Ein ganz anderer Gemütszustand war es, der sich Alicens bemächtigt hatte, nachdem Giacomo gegangen war. Die unerbittlichste Pein, schlimmer noch, als über den Verlauf der Wochen, die sie, ihren Qualen preisgegeben, in Rom zugebracht hatte, folterte ihre Seele nach der so kurzen und doch so vergewifferndcn Erörterung, die der Bursche ihr gemacht. Das sichere Bewußtsein, daß Ludwig von Erlenburg durch die Ruchlosigkeit des niedrigsten Verbrechens zwanzig Jahre lang ohne Anlaß unter der Herrschaft des Dr. Rimoli zugebracht hatte, trieb ihr Gefühl bis zu einer Erregung, welche sie die Herrschaft über ihr Handeln verlieren ließ. Während der verstrichenen zwei Wochen hatte sie geschwankt, welchen Weg sie, ihrer Pfl'cht folgend, zu betreten haben werde; trotz allen Grübelns, trotz aller Bemühungen hatte sie keinen Ausweg aus diesem Labyrinth voll Schande gefunden; heute, nachdem Giacomo ihr den Rücken
Stück für Stück mit größter Aufmerksamkeit zusammenstellen, die Korrektoren müssen, wenn ihnen auch der Schädel zu brummen anfängt, das ganze Zahlengcwirr verlesen und vergleichen. Dazu kommt noch die mühselige Anfertigung des Listenmanuskripts und endlich, oder vielmehr zuerst, die Riesenarbeit der Ziehung, über welche wir bei der ersten verunglückten Ziehung der Jubiläumslotterie schon gesprochen haben. Die Lotterieverwaltung hat schon ankündigen lassen, baß sie in der veranschlagten Zeit von 16 Tagen nicht fertig werden kann; sehr begreiflich, denn es handelt sich um 65000 Loose, und an jedem Tag je 4000 Zettel aus beiden „Glücksrädern" zu ziehen, zu verlesen, herumzureichen, zu buchen, zu kontroliren — das muß die Nerven grauenhaft angreifen.
Es wäre eine intereffante Aufgabe, mal einen Ueberschlag zu machen, wieviel Arbeitskraft die preußische Lotterie jährlich in Anspruch nimmt. Nahezu zwei Mona te füllen jährlich die Z i e h u n g s- tage aus, an denen die Kontroleure, Schreiber, Zieher rc. ihres Amtes walten müffen. Ebcn'o lange dauert die Thätigkeit der zur Veröffentlichung der Gewinne dienenden Organe, und das ist eins ganze Armee, da alle größeren Taget- blätter die Gewinnlisten abdrucken; auch die telegraphische Verbreitung der Hauptgewinne gehört hierher. Drittens kommt die Arbeit der zahlreichen Kollekteure in Betracht, sowohl beim Vertrieb der Loose, als beim Auszahlen der Gewinne. Viertens erfordert die Herstellung der Loose (jährlich je 8 sorgfältig gedruckte und obendrein handschriftlich mit der Nummer versehene Zettel für jedes Theilloos), sowie die Herstellung und Einzählung der für die Ziehung bestimmten Nummern, noch eine Masse Arbeit. Wollen wir schließlich auch noch die Kraft und Zeit in Anschlag bringen, welche jeder Loosinhaber bei der Zmaligen Erneuerung und bei der Durchsicht der Listen verwendet, so steigt der Aufwand ins Ungeheure. Und die Frucht all' dieser Mühen ist, daß sich einige hunderttausend Menschen eine Zeit lang Luftschlösser bauen können.
Trotz des Gewinnes, welcher die Lotterie dem Staate und dem Einnehmer bringt, muß man doch das Ganze als eine Verschwendung von Arbeitskraft, Ait und Kapital betrachten. Man muß den riesigen Apparat vereinfachen. Wenn ich gewendet, hatte sich ihr die Straße, die einzig zur Erreichung ihres Zieles, zu Ludwig von Erlenburg'ß Befreiung führen würde, vor die Augen gelegt. Ihr Entschluß war gefaßt. Es quälte sie nicht mehr, daß Herrn von Waldheim's Mitschuld an den Tag treten würde, sie kümmerte sich nicht darum, daß sie ihr Geheimniß der Welt zum Preis gab; sie war sich ja kaum bewußt, daß ihre eigene Sicherheit in Gefahr kam, denn ohne länger eine Stunde zu verlieren, ließ sie den Entschluß, welcher so jäh zur Reise gelangt war, in die Wirklichkeit treten, noch an demselben Abend hatte sie der Staatsanwaltschaft zu Rom den Vorfall mit allen ihr zur Verfügung stehenden Detail« zur Anzeige gebracht.
XIII.
Die versengende Gluth de« Hochsommers hatte einem kühleren Herbstwetter Platz gemacht. Während der letzten Wochen hatten finstere Wolken unaufhaltsam den Horizont umzogen, seit gestern und heute schickte die Sonne wieder mit Alles belebender Wärme ihre freundlichen Strahlen auf Italiens Fluren herab.
Es war ein heiter lachender Oktobertaa. Der Himmel, der zum erstes Male nach so langen