Einzelbild herunterladen
 

M 29.

Montag, den 7. Februar.

1887

fnliutt

Zilllng

Die »Fuldaer Bettung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenkeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Februar.

* In der gestrigen überaus schwach besuchten Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die zweite Berathung des Etats der Eisenbahn- Verwaltung fortgesetzt. Abgeordneter Bachem führte die Eisenbahnunfälle der letzten Zeit zum Theil auf die Ueberbürdung der Eisenbahnbeamten zurück, was den Minister Maybach zu der noch­maligen Erklärung veranlaßte, daß jeder Eisen­bahnunfall eingehend untersucht werde und daß überall sofort Remedur eintrete, wenn sich als Ursache des Unfalls Ueberbürdung der Beamten herausstelle. Im Uebrigen bezogen sich die Ver­handlungen in der Hauptsache wieder auf die Frage, ob sich die Verstaatlichung der Eisenbahnen bewährt habe oder nicht, bei welcher Gelegenheit alle Redner des Hauses der Leitung unseres Staatseisenbahnwesens volle Anerkennung zollten. Die weiteren Verhandlungen boten kein allge­meineres Interesse.

* Die Wiener »Politische Korrespondenz" setzt uns heute in die Lage, das Schreiben, welches Kardinal Jacobini am 21. Januar an den päpstlichen Nuntius di Pietro in München gerichtet hat behufs Mittheilung an den Vorsitzen- den der Centrumsfraktion im Reichstage, Freiherrn zu Franckenstein, bezw. an die Mitglieder des Centrums, im Wortlaut mitzu- theilen. Dasselbe trägt das Datum des 21. Jan. und lautet wie folgt:

„Hochwürdigster Herr l Ich habe Ihr geschätztes Schreiben, welchem Sie das Schreiben des Barons v. Franckeustein angeschlossen hatten, empfangen. Während ich davon ab­sehe, die Gründe zu prüfen, mit welchen der Baron be­müht ist, das bei der Abstimmung über die S e pt en n at s- Gesetzvorlage vom Centrum beobachtete Verfahren zu echtfertigen, halte ich es doch für sehr dringend und wichtig, auf einen andern Theil seines Schreibens auf­merksam zu machen. Derselbe wünscht zu erfahren, ob der hl. Stuhl der Ansicht sei, daß der fernere Be­stand des Centrums im Reichstag nicht mehr ivthwendig sei, in welchem Falle er nebst der Mehr­zahl seiner Kollegen auf weitere Mandate verzichten würde. Er fügte hinzu, daß das Centrum nicht Gehorsam zu leisten im Stande sei bei Gesetzen, welche nicht kirchlich e sind, und nicht auf die Rechte der Kirche sich beziehen. Sie, Monsignore, müssen hierauf den Baron zunächst versichern, daß der hl. Stuhl die Verdienste unverändert anerkennt, welchedas

Die tzrbm tum Wnllrrsbrnnn.

Original-Roman von Marie Romany.

22. Fortsetzung.

„Ich wollte, die Zeit Deines Dienstes in St. Salvatore wäre vorüber," meinte sie in der her­zigen Weise, die ihr so wohlgefällig anstand; „wie viele Wochen noch, Giaco?"

„Bei der heiligen Jungfrau! Die Zeit wird lang sein!" entgegnete die Alte.

Giacomo lächelte.

„Ich werde nicht lange bei Euch bleiben dür­fen," meinte er, um der Antwort auszuweichen, die man von ihm begehrte. „Ich habe nur für ein paar Stunden Urlaub erhalten; um 10 Uhr muß ich in der Anstalt zurück sein."

„Wie schade!"

„Gewiß, schade," bestätigte Mutter Forghese. „Wie kommt es nur, daß man einen Menschen so abhängig machen kann!"

„Geduldet Euch nur ein paar Wochen," sprach Giacomo heiter. „Ich kann heute freilich den Tag meine» Abgangs aus St. Salvatore nicht so ge> nau angeben, wie ich möchte, aber lange wird es nicht mehr währen. Wenn der Winter kommt, so hoffe ich, wird Sofia mein Weibchen sein."

„Der Tausend!" rief die Alte.

Centrum und seine Leiter bei der Verthei- digung derSache der Katholiken sich'erworben haben. Im Namen des hl. Vaters wollen Sie ihm auf seine Anfrage folgende Bemerkung mittheilen. Die Aufgabe der Katholiken, ihre religiösen Interessen zu beschützen, kann noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden; man muß dabei die absolute und andauernde, sowie anderntheils die hypothetische und zeitliche Seite in's Auge fassen. Auf eine gänz­liche Beseitigung der Kampfgesetze hinzuwir­ken, die legitimeAuslegung der neuenGesetze zu vertheidigen, deren Ausführung zu über­wachen, das bedingt jetzt die Aktion der Katho­liken im Reichstage. Es ist ferner zu bedenken, daß in einer Nation, bei der die religiösen Verhältnisse ge­mischt und der Protestantismus als Staatsreligion angenommen ist, sich Veranlassungen zu religiö­sen Reizungen finden können, bei denen die Ka­tholiken berufen sind, ihre Ansichten in gesetzlicher Weise zu vertheidigen, oder ihren Einfluß zur Bes­serung der Lage geltend zu machen. Auch wollen Sie nicht verfehlen, hervorzuheben, daß eine katholische parlamentarische Partei, welche für die un­haltbare Lage des erhabenen Hauptes der Kirche Mitgefühl hat, passende Gelegenhei­ten benutzen kann, um die Wünsche ihrer ka­tholischen Landsleute zu Gunsten des Papstes auszusprechen und zur Geltung zu bringen. Dem Centium in seiner Eigenschaft als politische Partei ist stets unbeschränkte Aktionsfreiheit eingeräumt worden, sobald es sich aber um die Interessen der Kirche handelt, würde es in dieser Eigenschaft dieselbe nicht nach eigener Anschauung vertreten können. Wenn der hl. Vater geglaubt hat, dem Centrum seine Wünsche hinsichtlich des Septennats aussprechen zu müssen, so ist das dem Umstande zuzuschreiben, daß die Frage mit Fragen von religiöser und moralischer Bedeu­tung zusammenhängt. Zunächst sind triftige Gründe vorhanden, anzunehmen, daß für die endgiltige Re­vision der Maigesetze ein mächtiger' Im­puls und eine große Berücksichtigung seitens der Regierung zu Theil geworden wäre, wenn Letztere durch das Benehmen des Centrums bei der Abstimmung über das Septennat befriedigt worden wäre. Der hl. Stuhl hätte dann in weiterer Linie durch Vermittelung des Centrums auf die Erhaltung des Friedens hingearbeitet, und auf diese Weise das Berliner Gouvernement verpflich­tet und ferner dasselbe günstig für das Centrum und freundlich für die Katholiken gestimmt. Schließlich hat der hl. Stuhl mit dem hinsichtlich des Septennats ertheil- ten Rathschlage eine neu« Gelegenheit herbeisühren wol­len, sich dem Kaiser von Deutschland und dem Fürsten Bismarck angenehm zu machen. Andererseits kann der hl. Stuhl vom Standpunkte seiner eigenen Interessen, welche mit den Interessen der Katholiken identisch sind, sich nicht eine Gelegenheit entgehen lassen, durch welche er für die Verbesserung seiner künftigen Lage das mäch­tige .deutsche Reich günstig stimmen könnte. Die vorste­henden B.'trachtungen, welche nach der Anschauungsweise

Sofia lachte; aber dieses Lachen stand ihr so reizend an.

„Ganz arm ist Sofia nicht," sprach die Alte plötzlich wohlgemuth. „Sie hat schon seit 3 Jah­ren ein Viertel von Allem, was sie verdiente, für ihre Ausstattung bei Seite gelegt".

„Wirklich?" rief Giacomo.

Sofia nickte. Sie holte einen Schlussel aus der Tasche ihres Kleides, öffnete ein Schubfach des Kastens, welcher das einzige betrachtenswerthe Möbelstück im Stübchen ausmachte, und ließ Gia- camo die kleine Herrlichkeit an Wäsche bewundern, mit deren Anschaffung sie über den Verlauf der letzten drei Jahre beschäftigt gewesen war.

„Nun?" sprach sie lustig, „Ist Giaco zufrie­den mit dem, was ich ersparte?"

Giacomo mar des Lobes über den Fleiß des Mädchens voll. Er herzte sie, betrachtete lustig tändelnd die kleinen Spielereien, welche sie aus ihrer Kinderzeit bewahrte und sprach über kom­mende Tage und über Alles, was die Liebe Schö­nes und Verlangenswerthes zu ersinnen vermag.

Endlich erhob er sich.

„Ich muß nun leider f. rt," sagte er geschäftig, nachdem er Sofia ein letztes Mal küßte; „es würde unangenehme Stunden für mich geben, wurde ich nicht bis 10 Uhr zurückgekehrt fein."

Sofia seufzte.

des hl. Stuhles auf di« mit dem Septennat zusamme hängenden religiösen und moralischen Fragen sich beziehen hatten den hl. Vater veranlaßt, seine Wünsche dem Cen­trum erkennen zu geben. Das gegenwärtige Schreiben, welches gleich dem früheren die erhabenen Ansichten 6t. Heiligkeit wiedergibt, wollen Sie dem Baron Franckenstein mittheilen und ihn beauftragen, es zur Kenntniß der Centrumsmitglieder zu bringen.

Kardinal Jakobini."

Für heute beschränken wir uns auf einige kurze Bemerkungen zu diesem interesianten Aktenstück, welches übrigens vollinhaltlich bie bereite vor einigen Tagen in der .Köln. Volksztg." veröffent­lichten Angaben bestätigt. Für die innere Erhal­tung und die Machtstellung der deutschen Centrumspartei ist die päpstliche Kundgebung eine hocherfreuliche und bedeutungsvolle. Klar und präzis sind die Gesichtspunkte festgestellt, welche den Fortbestand der katholisch-parla­mentarischen Partei im deutschen Reich unter allen Umständen auch für die Zukunft wünschens« werth erscheinen lassen. Die Fingerzeige des aposto­lischen Stuhles bezüglich der zukünftigen Auf­gaben der Centrumspartei — Beseitig­ung der Kampfgesetze, Vertheidigung der kirchlichen Rechte, Ueberwachung der Ausführung und der legitimen Ausleg­ung etwaiger neuerGesetze, allgemeine Schutzwehr gegen mögliche zukünftige religiöse Reizungen, Eintreten zuGun- sten des bedrängten Papstes — sind von entscheidendem Gewicht und strafen alle die Lügen, welche behaupten, die Centrumspartei könne sich jetzt auflösen und ihre Aktion einstellen. Was sodann die Septennatsfrage anbelangt, so stellt die Kundgebung als obersten Satz die unbedingte Aktionsfreiheit der Cen- trumspartei als politischen Partei auf. Die weiter erörterten Gründe, welche ein Entgegenkommen des Centrums in der Heeresfrage wünschenswerth erscheinen lassen, um die Regierung für kirchenpolitische Konzessionen günstiger zu stimmen, sind einleuchtend, und es handelt sich nur darum, ob ein sosches Entgegenkommen nicht mit den poli­tischen Pflichten kollidirt, welche das Centrum gegenüber seinen Wählern übernommen hat. Eine Politik des reinen „do ut des“, wie sie dem Centrum von seinen Gegnern stets schmachvoller

„ES ist möglich, daß ich während der nächsten Woche nicht wieder Erlaubniß zum Ausgang ha­ben werde," sprach Giacomo weiter; „darum be­sorgt Euch nicht, wenn ich nicht wiederkomme, bis mein Dienst in der Anstalt verlaufen ist. So­bald meine Zeit um ist, werde ich bei Euch sein."

„Ungefähr wann?" drängte Sofia.

„Ein paar Wochen, Schatz. Und nun laßt mich weiter. Es ist halb neun Uhr vorüber und der Weg zur Anstalt dehnt sich. Lebt wohl, Mutter Forghese," fügte er, der Alten die Hand reichend, hinzu; „pflegt Euch und, bis ich wiederkomme, denkt an mich."

„Ei," rief die Angeredete, „das versteht sich! Man vergißt es nicht so leicht, wenn man einen wackeren und strebsamen Eidam hat!"

„Also lebewohl, Giaco," machte Sofia heiter.

„Du vergißt mich nicht?"

„Schelm, warf Giacomo hin. Noch einen Kuß, dann war er unter heiterem Geplauder der Zu­rückgebliebenen die Treppe hinab.

Sofia trat vor die Mutter hin.

„Nun?" fragte sie, den Blick voll Treuherzig- auf die Miene der Alten gerichtet; „werde ich glücklich sein, wenn Giaco mich nimmt?"

„Warten wir noch ejn Welchen," erwiderte Mutter Forghese; „man bespricht nicht das Glück