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.HZ. 38.

Sonnabend, den 5. Februar.

1887

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Erstes Blatt.

§§ Das Centrum und seine Stellung z« den Reichstagswahle».*)

(Fortsetzung.)

Wie stellt sich nun das Centrum zu diesen Fragen? Seine ganze Vergangenheit gibt uns die klarste und beruhigendste Antwort auf diese Frage. Stets hat das Centrum die verfaffungsmäßigen Rechte des Volkes hochgehal­len, stets sie vertheidigt. Und sein neuestes Wahl­programm besagt in dieser Beziehung:

„Mit der Forderung der kirchlichen ist die Wahrung der bürgerlichen Freiheit unzertrennlich verbunden. Das deutsche Volk hat schwer genug unter der Herrschaft des falschen Liberalismus gelitten, absolutistischen Regungen aber, welche die von früheren Generationen mühsam er­rungenen Gerecht'ame der Volksvertretung wiederum den durch ungeheure Machtmittel verstärkten Regierungen aus­zuliefern bereit sind, wird es seiner überwiegenden Mehr­heit nach immer unzugänglich bleiben. Die Centrums­fraktion weiß sich frei von jedem Streben nach parlamen­tarischer Herrschaft, aber sie wird, wie sie es immer ge- than hat, so auch in Zukunst jedem Versuche, die verfas­sungsmäßigen Rechte des Volkes zu schmälern, einen un­beugsamen Widerstand entgegenstellen.

Das ist klar und unzweideutig gesprochen und nicht minder entschieden. „Unbeugsam" wird es jeden Angriff auf die verfaffungsmäßigen Rechte des Volkes zurückweisen. Schritt für Schritt haben die Parteien, die sich gegenwärtig zum „Misch, masch" vereinigt haben, die Rechte des Volkes und seiner Vertretung in militärischen Angelegen­heiten schmälern laffen, bis sie auf dem Punkte ankamen, alles preisgeben zu wollen. Ihr Ver- halten nimmt sich wie ein Verrath an den Jn- terefsen und den Rechten des Volkes aus, der nur um so häßlicher und schmählicher wird, je mehr sie ihm den Tugendmantel patriotischer Opfer­willigkeit und Hingebung umzuhängen suchen und die Vertheidiger der Volksrechte schmähen und verleumden. Richt die Frage scheidet die Parteien, ob und wie viel zur Sicherstellung des Vater­landes getragen und geopfert werden soll. Darin ist alles einig, und es wäre traurig über alles Maß, wenn dem nicht so wäre. Was die Par­teien trennt und scheidet, ist die andere Frage, ob mit den Opfern, welche die

•) ÄUchdr. verb.

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Original-Roman von Marie Romany.

21. Fortsetzung.

Giacomo, wie er gemächlich schmunzelnd über die Chauffee schritt, zweifelte gewiß nicht, daß die Zeit des Glücks nun für ihn in Bereitschaft sei. Schon während der vergangenen Nacht, die ihm obgleich die Reihe nicht an ihm war, zur Wache innerhalb der Anstalt zuMirt gewesen, hatte er mit zufriedenem Behagen über sein kommendes Leben nachgedacht. Ja, sein Glück war gemacht! Fünftausend und dreihundert Franken, dazu vier­zehn Dukaten, die er heimlich gespart hatte, waren sein eigen und die Freiheit, die ihm versprochen worden, sowie der Lohn, welchen er außerdem noch von Fräulein von Waldheim erhoffte, sollten ihm zur vollständigen Erreichung des Glucks, welches er für das Leben ersehnte, dienlich fern.

Bevor er in den Prinzen von Bai rn ging, kehrte er in einem bescheidenen Hause einer etwas entlegenen Straße der nördlichen Vorstadt ein.

Es war die simple Wohnung einer Wrttwe Forghese, an deren Pforte er schellte; man schien zu wissen, daß Giacomo am heutigen Nachmittage seine Aufwartung machte, denn kaum hatte er die

Sicherstellung des Vaterlandes noth- wendig macht, auch die Rechte der Volks­vertretung preisgegeben werden sollen — nicht etwa zur Sicherstellung und Rettung des Vaterlandes, sondern zur Erweiterung der Macht und Gewalt der Regierung. Das ist der Kern der sog. Militär­frage. Es kann dem Volke und Vaterlande nur nützen, wenn eine starke Regierung deffen Geschicke lenkt; aber nicht minder wünschenswerth und noth- wendig ist das Andere, daß die Vertretung des Volkes nicht zum Schein- und Schattenparlament herabsinkt. Die Geschichte des französischen Volkes lehrt uns, wie verhängnißvoll das werden kann. Wozu dann auch überhaupt einen Reichstag wählen, wenn er einfach Ja sagen soll zu dem, was Fürst Bismarck will? Wozu dann die ungeheuere Auf­regung, die jeweils bei Reichstagswahlen das ganze Volk ergreift? Wozu die schweren persönlichen Opfer, die Hunderte von Männer dadurch bringen, daß sie die Vertretung des Volkes übernehmen? Sind denn die Rechte des Volkes Etwas, das man heute wegwerfen kann, um es morgen wieder emporzuheben und geltend zu machen? Die besten Kräfte des Volkes wurden daran gesetzt, und die edelsten Männer haben Jahrzehnte hindurch ge­kämpft und geduldet, bis sie errungen waren; glaubt man denn, ein Nachfolger Bismarck's werde sie dem Volke wieder zurückgeben, wenn sie dem Fürsten Bismarck zu Füßen gelegt worden sind? Nie und nimmer. Um so mehr verdient Beach­tung, was der Wahlaufruf der Centtumsfcaktion besagt:

„Der Augenblick ist ernst. Von dem Ausfall der Wahlen hängt nicht nur der Fortgang der Gesetzgebung während der nächsten drei Jahre, sondern die ganze Zukunft unseres Verfassungslebens ab.

So ist es. Um so mehr steht zu erwarten,daß um das Centrum Alle sich schaaren, die es ehrlich meinen mit den Rechten des Volkes.

Die Geschichte lehrt, wie wahr es ist, was das ' Centrum resp. dessen parlamentarische Fraktion von sich selber sagt:

„Gestützt auf das Vertrauen und die Eintracht ihrer Wähler, hat sich die Centrumsfraktion bei der wechselnden Verschiebung der Parteien als der unerschüttert „feste Thurm" erwiesen.

Ohne das Centrum wären die verfaflungs- mäßigen Rechte des Volkes bereits vernichtet, ohne

Glocke berührt, als die Thüre für ihn geöffnet ward.

„Guten Abend, Giaco," lachte ihm eine silber­klare Mädchenstimme entgegen. „Laßt Ihr Euch endlich einmal wiedersehen bei den Forghese's? Es sind an sechs Wochen vergangen, seitdem die Muiter Euch ein letztes Mal zu Gesicht kam!"

„Ihr seid ein Schelm, Sofia", erwiderte Gia- conto heiter, indem er da« bescheidene Stübchen der Wittwe betrat, „Ihr wißt, daß es nicht mein Wunsch ist, wenn der Dienst mich bindet. — Guten Abend, Mutter Forghese" fügte er hinzu, indem er der Alten, die, seit Jahren gelähmt, in einem bequemen Sessel nahe dem Fenster saß, die Hand entgegenstreckte. „Wie macht sich das Leben?"

„Die heilige Jungfrau, meine Schutzpatronin, mag ihre Bitte für mich im Himmel anlegen," ächzte die Angeredete mit klagender Geberde.

„Die Schmerzen?" fragte Giacomo so theil> nehmend, als es ihm möglich ward.

„Haha," machte die Alte, „Ihr wißt ja, daß die Gicht mich plagt bei Nacht und bei Tage. —"

„So unaufhaltsam?"

„Laßt es gut sein, Giaco," lachte Sofia wieder; „die Mutter ist nun einmal daran gewöhnt, daß sie stets über Schmerzen klagt. — Wie geht es

das Centrum bestände keine Aussicht, sie in Zu­kunft zu retten und zu erhalten. Au« der Mitte der Parteien heraus, denen die Volksrechte so feil sind, ist das Ansinnen an das Centrum gestellt worden, die politischen Rechte des Volkes um den Preis kirchenpolitischer Zugeständnisse zu verkaufen. So heilig ihm aber die Rechte und Jntereffen der Kirche sind, so unverletzlich sind in seinen Augen die Rechte des Volkes. Die einen sind ihm so wenig feil wie die anderen.

Deutsches Äerch.

Berlin, 4. Februar.

* Das Abgeordnetenhaus trat heute in die Berathung des Eisenbahnetats ein. Referent war von Tiedemann-Bomst. Abg. Dr. Mayer- Breslau bestritt die Zuläffigkeit eines Urtheils darüber, ob mit der Verstaatlichung der Bahnen ein gutes Geschäft gemacht worden. Der Rück­gang der Eisenbahneinnahmen beweise, wie be­denklich es war, unseren Staatshaushalt von wirth- schaftlichen Schwankungen abhängig zu machen. Die Nothwendigkeit von Differentialtarifen werde unabweisbar hervortreten. Bei den letzten Schnee­verwehungen hätte beffere Vorsorge getroffen wer­den sollen. Die Eisenbahnunfälle seien zum Theil auf mangelhafte Instruktion zurückzuführen, die man revidiren sollte, anstatt Preßprozeffe anzu­strengen. Graf Kanitz (konservativ) sagt, daß die Eisenbahnverwaltung durch ihre Tarifpolitik die einheimische Industrie fördere, befürwortet aber Herabsetzung der Getreidetarife im Verkehr vom Osten nach dem Westen. Minister Maybach wies zunächst nach, daß Abg. May-r früher als eifriger Anhänger des Staatsbahnsystems aufgetreten und legte dann var, daß die Ueberschüffe der Staats­bahnen nicht blos die Beträge der Verzinsung und Amortisirung der Staatsbahnschuld deckten, sondern daß noch ein erheblicher Betrag darüber einkomme, ohne welchen unser Staatsdefizit ein beträchtlich höheres sein würde. Dabei seien die Beamtenbesoldungen unter dem Staatsbahnsystem um 9'/z Millionen erhöht und die Tarife er­mäßigt worden. Die Eisenbahneinnahmen seien jetzt wieder im Steigen, eine Erscheinung, die in den Nachbarländern nicht zu Tage trete. Gegen tendenziöse Entstellungen der Maßnahmen der Verwaltung werde er sich das Recht nicht nehmen mit Euch? seid Ihr noch immer zufrieden, daß die Anstalt Eure Dienste so ganz für sich in An­spruch nimmt?"

„Ich war das nie," erwiderte Giacomo ernst­hafter, al« vordem; „wenigstens so lange nicht, als ich Euch kenne, Sofia."

„Wie hübsch Ihr scherzen könnt!"

„Bei meinem Wort, Sofia, es hat mich genug verdroffen, daß ich mir die Erlaubniß zu erbetteln habe, wenn ich Euch einmal sehen will. — Ver­liebt sein. —

Sofia lachte.

„Das Verliebtsein steht Euch wohl an," warf sie lustig hin; „seit bald zwei Jahren sagt Ihr mir, so oft ich Euch sehe, das Gleiche."

„Also?"

„Also?" scherzte das Mädchen. „Also daß man's Euch zum Schluffe nicht mehr glaubt, weil Ihr immer nur sprecht und niemals Beweise davon gebt, daß Jhr'S ehrlich meint mit dem, was Ihr redet. — Zwei Jahre!

„Und nun ist'S am Ende," warf Giacomo hin. „Nur ein paar Wochen noch, so werde ich quit- tirt sein in St. Salvatore."

„Was?" ächte Frau Forghese. „Hat man Euch fortgeschickt?"