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27. Freitag, den 4. Februar. 1887

Altar Ä Jeituig.

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88 Das Centrum und seine Stellung zn den Reichstagswahle«.*)

(Fortsetzung.)

Vor Allem soll dem Volke, d. h. seinen gewähl- ten Abgeordneten, das Recht genommen werden, in militärischen Dingen mehr zu sagen, also so vielGeld zu bewilligen, wie die Regierung verlangt.

Mit der wünschenSwerthesten Deutlichkeit hat das Fürst Bismarck selbst erklärt. Von Anfang hat er darnach getrachtet, die Heeresstärke und Heeresorganisation ein für allemal der Einwirkung der Volksvertretung zu entziehen. Er hat nicht bloß die Bewilligung der von der Regierung ge­stellten Anforderungen auf 7 Jahre als ein Recht erklärt, an dem nicht gerüttelt werden dürfe; er ist sogar so weit gegangen, die Welt mit der neuen politischen Lehre zu überraschen, daß der Kaiser zu bestimmen habe, wie viele von den tauglichen Mannschaften in Friedenszeiten einberusen werden sol­len. Falls kein Gesetz zu Stande kommt, durch welches die Armeestärke in Friedenszeiten festgesetzt wird. Ausdrücklich hat er erklärt: wenn die 7 Jahre, auf welche durch Reichsgesetz die Friedens­präsenzstärke festgesetzt wurde, 1. April 1881 bis 1. April 1888, schon vorüber wären, so könnte der Kaiser einfach von sich aus eine beliebige Ver­stärkung der Armee anordnen, ohne daß der Reichs­tag mitzusprechen hätte. Das ist eine ganze neue Lehre, die mit der Verfasiung des deutschen Reiches im Widerspruch steht. Ein Verfasiungrbruch müßte erfolgen, wenn diese Lehre ohne vorausgegangene Verfassungsänderung ausgeführt werden wollte. Also: Bruch oder Aenderung der Ver­fassung, falls der neue Reichstag nicht wider­standslos thut, was Bismarck in Militärsachen will.

Eine zweite Gefahr droht den verfasiungsmäßig garantirten Rechten des deutschen Volkes auf dem Gebiete des Wahlrechtes. Das allgemeine, direkteund geheimeWahlrecht ist ernst­lich bedroht.

Vor drei Jahren schon hat der preußische Mi­nister v. Puttkammer im preußischen Abgeordne­tenhause erklärt, daß das preußische Ministerium sich mit dem Gedanken trage, die Abschaffung

•) Rachdr. Derb.

Die (Erbin m Wallnsdrmm.

Original-Roman von Marie Romany.

21. Fortsetzung.

„Du Glücklicher!" äußerte der Direktor ironisch, indem er blinzelnd, damit er seinen Argwohn nicht bemerke, den Diener fixirte. „Und das wäre?"

„Haha," lächelte Giacomo, wie Vertrauen er­weckend einen Schritt näher gegen den Doktor tretend, „Sofia, meine Braut, hatte einen Onkel, der in Amerika lebte und den Sofia niemals, so lange fie zurückdenkt, mit Augen gesehen hat, that uns nun vor einem Monat den Gefallen, in den Himmel zu gehen. Er hinterläßt keine Erben; da er nicht verheirathet gewesen, fällt da» Vermögen welches er zurückzulafien so freundlich war, seinen Schwesterkindern zu."

Dr. Rimoli sah den Diener mit seinen durch­dringendsten Blick sekundenlang an.

„Und weiter?" forschte er begierig.

„Nun, sehr einfach," erwiderte Giacomo. „Es wird uns nicht» mehr im Wege sein, da» Glück zu genießen, nach welchem wir uns sehnen. Der Theil der Hinterlassenschaft, den meine Braut er­hält, beläuft fich auf nahezu elstausend Franken; hierzu mein Ersparniß,--ich denke, e» wird

der geheimen Wahl für den Reichstag zu beantragen. Wie das Leibblatt des Reichs­kanzlers mittheilte, hat Fürst Bismarck dem Mi­nister zu seiner Rede gegen die geheime Wahl gratulirt. Man weiß also, was er selber denkt und wünscht. Ein Theil der nunmehrigen „Misch- masches", die Konservativen, zollten lauten Bei- fall; auch vom anderen Theile desielben, von den Nationalliberalen traten einzelne für fich persönlich gegen die geheime Wahl auf.

Wie das geheime, so ist auch das allge­meine und direkte Wahlrecht dringend ge­fährdet. Von konservativer, wie nationalliberaler Seite ist es offen und unverhohlen erklärt wor­den, daß das Reichstagswahlrecht abgeändert wer­den solle. In Berlin haben es namentlich die konservativen Abgg. von Hammerstein und von Helldorff gethan; letzterer sagte, die Abänderung desselben sei nur eine „Frage der Zeit". In Karlsruhe hat sich der nationalliberale Abg. Fie­ser, ein Hauptsprecher der Partei, mit der aller­größten Entschiedenheit gegen das allgemeine direkte Wahlrecht ausgesprochen. „Eine Frage der Zeit" ist deffen Abänderung. Und diese „Zeit" wäre für die Herren gekommen, sobald sie die Mehr­heit im Reichstage hätten.

Endlich steht das Ansehen und der verfas­sungsmäßige Einfluß der Volksvertre­ter überhaupt auf dem Spiele.

Reichstag, Bundesrath und Kaiser sind die Grundmauern, auf denen der innere Bau des deutschen Reiches ruht. An keinem derselben kann gerüttelt werden, ohne daß Gefahr entsteht und Schaden erwächst. Wie die Majestät des Kaisers, so ist auch die Stellung und Komptenz des Reichs­tage» zu respektiren. Man kann dem Volke und seinen Interessen nicht ärger und bedenklicher ent­gegentreten, als wenn man seine verfassungsmä- ßige Vertretung angreift, deren Ansehen, Ehre und Macht beeinträchtigt. Das ist nun aber in den letzten Jahren in der allerbedenklichsten Weise geschehen, sogar von einem Theil der Volksver­treter selbst. Und e» müßte noch ungleich schlim­mer und geradezu zur Regel werden, wenn da» Volk sich dazu hergeben würde, den Parteien die Mehrheit zu verschaffen, [bie zur Mißachtung und Schwächung de» Reichstage« gethan haben und noch thun, was sie nur können.

fich leben lassen bei den Mitteln, wenn ich arbeit­sam bin. Das Häuschen, wie in den Papieren bemerkt ist, soll im besten Stande sein und das Ackerland fruchtbar; e» ist nämlich bedungen," fügte er hinzu, „daß wir, um das Erbe in Besitz nehmen zu können, nach Amerika gehen."

Des Direktors Auge funkelte mit seiner ganzen Gluth sein Faktotum an:

„Wo find die Papiere dieser Erbschaft?"

„Ei, Sofia, meine Braut, bewahrt fie. Wenn —" „Hast Du sie gesehen?" fragte Dr. Rimoli. „Gesehen!" rief Giacomo. „Wie konnte ich? Es find bald zwei Wochen, seitdem Ew. Gnaden mir den Ausgang verbieten! Es war ja eben, um Alles in Richtigkeit zu setzen, weßhalb ich für morgen Urlaub erbat."

Dr. Rimoli schwieg ein paar Sekunden lang.

„Wann willst Du nach Amerika?" forschte er dann eifrig.

„Nun, ich werde aus den Papieren ersehen, wie die Verhältnisse liegen; ich kann nicht« Be­stimmte« angeben, bevor ich mit Sofia, meiner Braut, Rücksprache nahm. Immerhin sobald, wie e» möglich sein wird."

„Gewiß."

„Ew. Gnaden werden mir unter solchen Ver- hältnißen den baldigm Abgang nicht verwehren,"

Deutsches Reich.

Berlin, 3. Februar.

* Ein Hauptmittel, welches zur Förderung der mittelparteilichen Wahlbestrebungen auf- geboten wird, ist die angebliche Kr iegsgefahr, von welcher Deutschland bedroht sein soll. Das ist nichts als Geflunker, denn S. M. Kaiser Wilhelm hat noch in den letzten Tagen, wie die Regierungsblätter selbst berichteten, zu seiner Umgebung geäußert: „Meine Herren! Die Reserven werden eingezogen, um instruirt zu werden im Ge­brauch des Repetirgewehrs. Dies wird neue Kriegs­gerüchte verursachen, aber ich kann Ihnen sagen, es wird keinen Krieg geben." Dieser Ausspruch zerstört mit einem Schlage das Gebäude der bewußt oder unbewußt hervorgerufenen Beängstigungen. Dank dem Kaiser für seine Er­klärung.

* Die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' de- mentirt die Nachricht, daß dem Herren Hause für seine auf den 14. Februar anberaumte Sitzung der kirchenpolitische Gesetzentwurf bereits ange­kündigt sei.

* Das Abgeordneten Haus, dem die Kreir- theilungsvorlage für Westpreußen und Pofen zu­gegangen ist, genehmigte heute ohne wesentliche Debatte die Extraordinarien der Justizverwaltung, der Staatsarchive, der Kriegsverwaltung und der Bauverwaltung, sowie den Etat der Staatsschulden. Morgen: Eisenbahnetat.

* Die dem Abgeordnetenhause zugegangene Nach- Weisung der eingestellten Leistungen aus Staats­mitteln für römisch-katholische Bisthümer und Geistliche beziffert den Zugang im Jahre 1885—86 auf 15,597 Mk. Der Gesammtbestand beträgt jetzt 16,049,799 Mk.

* Der französische Kriegsminister General Boulanger soll der ,Landeszeitung für Elsaß- Lothringen' zufolge in den letzten Tagen ganz incognito einen Abstecher an die Ostgrenze, nach Verdun und Umgegend, gemacht haben.

Ausland.

* Ueber die bulgarische Frage ist wenig Neues zu berichten. Ein Wiener Blatt ließ sich dieser Tage über Petersburg melden, Kaiser Franz Joseph habe dem Gesandten einer Großmacht

meinte Giacomo wieder. „Es wird ja an Arbefts- kräften für die Anstalt nicht fehlen; ein Wärter für meine Patienten, die alle ruhiger Natur sind, wird Tritt leichter Mühe zu finden fein."

Dr. Rimoli sah den Burschen mit jener malitiös wegwerfenden Miene, die fein ganzes Personal vor ihm zittern machte, eine Minute lang an. Giacomo, eingedenk des Zwecks, der ihn hierher- gesührt hatte, ertrug diese Miene; er wußte, daß er den Geschmeidigen zu spielen habe, wolle er seine Absicht verwirklicht sehen.

„Du kannst morgen fortgehen," sagte plötzlich der Direktor. „Ich gebe Dir Urlaub nach sechs Uhr; um eilf Uhr mußt Du zurückgekehrt sein."

„Es find zwei Stunden von hier bis nach Rom," meinte Giacomo, „und die Straße, in der meine Braut wohnt, liegt am unteren Ende. Es wird zwölf, bevor ich den Weg zweimal gemacht haben kann."

„Also zwölf Uhr," warf der Direktor hin.

„Wenn mein Abgang bestimmt ist," meinte Giacomo wieder, fich in geschmeidigster Devotion vor dem Direktor bewegend und dennoch mit un­abweisbarer Zuverficht redend, „werden Ew. Gnaden mir den Rest meiner Löhnung bezahlen. E« sind zwanzig Jahre, die ich der Anstalt diente; vierhundert und achtzig Franken pro Jahr waten