M 24.
Montag, den 31. Januar.
1887;
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G Der Kaiser und die Wahlen.
ii.
Als Kaiser Wilhelm im Jahr 1871 nach glorreicher Besiegung der Franzosen heimkehrte, und das neu gegründete deutsche Reich errichtete, da hätte er es möglicherweise auch so einrichten können, daß dem deutschen Volke gar kein Antheil an der Regierung de« deutschen Reiches, an der Gesetzgebung und Verwaltung gegeben, daß das neue deutsche Kaiserreich ganz ohne Volksvertretung, ohne Parlament und Reichstag, ohne alle Wahlen und Abstimmungen eingerichtet worden wäre. Schön wäre es allerdings nicht gewesen, und der Jubel des deutschen Volkes bei der Rückkehr des siegreichen Kaisers wäre bald verstummt und in Mißmuth und Trauer übergegangen. Aber der Kaiser an der Spitze seines kampfgeübten siegreichen Heeres hätte die Macht dazu gehabt, wenn er gewollt. Widerstand gegen dieses Verfahren wäre nicht möglich gewesen. Es wäre auch nicht das erste Mal gewesen, daß es dem deutschen Volke so ergangen wäre. Denn im Jahre 1815, als die deutschen Fürsten ebenfalls siegreich aus Paris zurückkehrten, da gaben sie dem deutschen Volke sür alle Opfer, die es im Befreiungskriege gemacht hatte, gar nichts, keine Verfasiung, keine Volksvertretung, keine Wahlen, kein Parlament, keine Kammern. Erst später, nach und nach errangen sich die einzelnen deutschen Länder ihre Ver- fasiungen und Volksvertretungen.
Im Jahre 1871 ging es aber nicht so zu. Kaiser Wilhelm und die verbündeten deutschen Fürsten wollten kein solches deutsche« Reich, worin das Volk gar nichts zu sagen hätte. Sie gründeten das neue deutsche Reich als einen Verfassungsstaat, in welchem auch dem Volke em Antheil — freilich nur ein kleiner — an der Gesetzgebung und Regierung des Reiches gegeben wurde, sie gaben dem neuen deutschen Reiche nicht nur einen Kaiser, sondern auch einen Reichstag, welcher vom Volke frei gewählt werden sollte und sie gaben dem Volke das kostbare, hochgeschätzte und beliebte allgemein,e, direkte und geheime Wahlrecht zu diesem Reichs- tage. Das bildete die Grundlage der neuen Reichs- Verfassung, und wer dieses Recht frei, ganz frei ausübt, der übt nur ein Grundgesetz des
Die EM von Wlillnsdriim.
Original-Roman von Marie Romany.
18. Fortsetzung.
Rach einer Stunde waren dreiundvierzig Wai- sen einem Manne, den sie niemals zuvor gesehen hatten, willenlos angetraut. Sechsundachtzig Menschen hatte diese Stunde für Zeck und Ewigkeit nut einander verbunden. Mit Thränen in der Wimper — welchem Schicksal mochte gar manches der unglücklichen Geschöpfe entgegeneilen! — entließ die Vorsteherin der Anstalt ihre Kinder, sie ermahnend, ihnen Glück wünschend für das Leben in einer Welt, die sie bisher nur aus der Ferne gesehen, des Himmels Segen für sie erflehend, da- mit das Loos, dem sie egtgegenzogen, ihrer wür- big sei.
Mit erhebenden Worten sprach d-r greise Priester die Männer an. Er erinnerte sie an die Hei- ligkeit der Pflichten, die sie in dieser Stunde auf sich genommen; er betonte, daß der Schöpfer einst dem Manne das Weib zur Gesellschaft gegeben, damit der Mann es ehre und wie ein Kleinod be- wahre, und hob hervor, daß alle Jene, die soeben das heilige Sakrament ihrer Obhut vertraute, der sürsorgenden Liebe doppelt bedürsten, da eine Jede von ihnen, wenn sie des natürlichen Schutzes in
deutschen Reiches aus, das ihm der Kaiser selbst gegeben hat.
Was ist also das für ein thörichte«, verlogenes Geschwätz, wenn jetzt gesagt wird, bei dieser Wahl handle es sich um die Frage: „Für oder gegen den Kaiser?" — Der Kaiser hat uns ja die Verfasiung des deutschen Reiches gegeben, er will also, daß wir frei wählen, wen wir wollen, sonst ist es keine Wahl mehr. Wir mögen also roth oder schwarz wählen, so ist die Wahl nicht gegen den Kaiser. Das til natürlich, daß es dem Kaiser immerhin nicht gleichgiltig bleibt, wie wir wählen, daß ihm die eine Wahl lieber, die andere weniger lieb wäre, aber trotzdem hat er darin uns — dem Volke, die Wahl gelassen und er läßt uns auch heute noch die Wahl, sonst hätte er ja nicht „Wahlen" auf den 21. Februar ausgeschrieben. Wenn nun das ganze deutsche Volk wählt, so versteht es sich von selber, daß viele tausend Wähler eine solche Wahl treffen, die dem Kaiser weniger erwünscht ist. Aber das ist doch unvermeidlich bei einer rechten „Wahl". Denn wenn alle Deutschen nur so wählen dürften, wie es dem deutschen Kaiser erwünscht ist, so hätten wir keine Wahl mehr. Deswegen haben auch dis Nationalliberalen schon wiederholt im Reichstage anders abgestimmt, als der Kaiser wünschte, z. B. gegen die Schutzzölle, obgleich der Kaiser mit seiner Na- mensunterschrist das Schutzzollgesetz dem Reichstage vorgelegt hatte. Auch im preußischen Landtage gegen die Aushebung der Maigesetze. Haben damals die Nationalliberalen auch gegen den Kaiser gestimmt? Das war doch viel wichtiger, als der Unterschied zwischen drei- und siebenjähriger Bewilligung.
Deutsches Aeich.
Berlin, 30. Januar.
• Ueber den „furor catholicus“, welcher angesichts der Reichstagswahlen in unsere Mittel- parteiler hineingefahren ist, schreibt man der ,Köln. Vztg.' aus Berlin: Die eifrige Jagd nach katholischen Kandidaten, welche man besonders geeignet hält, die bisherigen Centrums-Abgeordneten zu verdrängen, dauert fort. In Nord und Süd, in Ost und West dasselbe Bemühen in derselben
ihrem Manne entbehre, nur gedemüthigt, geschändet, verlassen im großen Reiche der Schöpfung sei.
Dann war die Ceremonie vorbei. Die Paare erhoben sich, das Volk drängte nach den Thüren, um die sich Entfernenden, wenn möglich, noch einmal zu bewundern. Auch Cacilia schritt, ihrem Gatten willenlos folgend, mit diesem dem Ausgang des Gotteshauses zu. Beide schwiegen. Der junge Ehemann führte sie am Arme, so lange sie sich über den Gang der Kirche bewegten; vor der Kirche angelangt, winkte er einen in kurzer Entfernung harrenden Kutscher herzu.
„Nach Hause!" rief er ihm zu.
Bald rollten sie dahin. Beglückt hielt der junge Ehemann das Auge auf seine Gattin gerichtet, die, fiebernd unter Thränen, die sie nicht zurückzuhalten vermochte, zu seiner Rechten saß.
Eine lange Pause kam.
„Cacilia," klang es endlich in sanftem Tone, „Gott selbst war es, der Dein Leben in meine Hände gab."
Das junge Wesen nickte, doch nur ein wenig und stumm.
„Ich werde Dich beschützen," sprach der junge Ehemann wiederum; „ich werde bemüht sein, daß sich Dein Dasein heiter gestalte und frei von Sorge und Trübsal."
Absicht. Ist man doch schon dazu übergegangen, in einem weit überwiegend protestantischen Wahlkreise mit einem katholischen Anhängsel die Kandidatur eines Katholiken aufzustellen. Wenn das so weiter geht, wird die Parität ernstlich bedroht und der „Evangelische Bund" wird sich in's Mittel legen müssen. Ernsthaft gesprochen, ist die in Rede stehende Erscheinung eine der anwiderndsten Blüthen politischer Heuchelei. Die betref- senden Persönlichkeiten in den in Betracht kommenden Wahlkreisen sind zum guten Theile solche, die in irgend einem Stadium des Kulturkampfes alles ehrlich Katholische mit verbissenem Hasse verfolgt haben, und auch jetzt mit ihren katholischen Kandidaturen vor Allem darauf spekuliren, die fo nothwendige Einheit im Lager der deutschen Katholiken zu untergraben. Was soll man nun von denjenigen sagen, welche der Mittelpartei unter den obwaltend-n Verhältnissen sich zur Verfügung stellen? Fehlt e» an der Einsicht oder am Willen? Arbeitet man bewußt dem Gegner in die Hände oder läßt man ohne Verständniß für das, was bei der gegenwärtigen Wahl auf dem Sp.ele sicht, sich mißbrauchen ? Die Antwort wird je nach Lage de« Falles verschieden lauten müssen. Darauf aber möchten wir ausdrücklich Hinweisen, daß unter den so plötzlich mit dem Vertrauen unserer National-Liberalen, Frei-Konservativen und gleichwerthiger Konservativen heimgesuchten Katholiken mehr als Einer sich befindet, welchem die ihm zugcmuthete Rolle gewiß aus's äußerste unbehaglich ist, welcher, der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, den Namen zu der mittelparteilichen Wahlmache hergibt. Amtliche Stellung, persönliche Beziehungen aller Art müssen hier als Milderungsgründe gelten. Von mehr als einem der Herren, welche insbesondere auch in der Rheinprovinz, vielleicht von ehemaligen Mitgliedern des an der allgemeinen Verachtung zu Grunde gegangenen Deutschen Vereins auf den Schild erhoben worden sind, dürfen wir annehmen, daß sie die Niederlage bei der bevorstehenden Wahl als eine wahre Erleichterung empfinden werden. Es ist, so möchten wir sagen, auch eine Pflicht der Wähler gegenüber diesen Persönlichkeiten, dafür zu sorgen, daß denselben eine Zwangs läge erspart bleibe, in der sie auch
Doch Cacilia blieb stumm.
Der junge Gatte wendete sich ihr abermals zu. Es lag nicht zu verkennende Zärtlichkeit in seiner Bewegung, als er ihre zarte Hand in seine markigen Finger nahm. Er redete nichts mehr; aber sein Auge blieb beglückt auf ihrer Miene ruhen. So durchfuhren sie Neapel, Straße auf, Straße nieder, bis der Wagen vor einem bescheidenen Hause der nördlichen Vorstadt, das ein Schild trug „Paolo Barlo, Zimmer- und Maurermeister," stille hielt.
Paolo öffnete den Wagen, hob Cäcilia heraus und führte sie durch den in Üppiger Blüthenfülle prangenden Garten in fein friedliches Haus. Ein trautes Heim war es, daß er seinem jungen Weibe bescheerte; freundliche Stübchen, die blank polirte Möbel aus Nußbaumholz zierten, dazu der Garten mit seinen duftigen Blüthen, und vor Allem die Zuneigung eines Gatten, der, ohne zu schmeicheln oder selbst Schmeichelreden zu ernxn- ter., im Tone wärmster Hingebung zu ihr sprach. Eine Empfindung, die sie niemals kannte, — es war wohl ein Gefühl der Dankbarkeit, das sich in ihr regte — überkam Cäcilia; sie schwankte, dann hob sie den noch thränenfeuchten Blick zu ihrem Gatten auf.
Es war das erste Mal, daß sie ihm in's Ani-