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Sonnabend, den 29. Januar.
1887
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er selber will, da haben wir die Wahl. Der Kaiser wählt seine Minister, seine Generäle, seine Gesandten und die ganze große Schaar seiner Beamten, aber die Mitglieder des Reichstages wählt nicht der Kaiser, sondern das Volk.
Der deutsche Kaiser hat eine große Macht, größer als je ein deutscher Kaiser besesien. In der tausendjährigen Geschichte des deutschen Kaiserthums ist es noch niemals vor gekommen, daß ein Kaiser solch" gewaltiges Kriegsheer zu befehlen gehabt, solche kolossale Summen von vielen hundert Millionen vom deutschen Volke erhoben hätte, wie der jetzige Kaiser Wilhelm. Aber alle seine große Gewalt hat ihre Grenzen am deutschen Reichstage. Dem Reichstage hat der Kaiser nicht zu befehlen, und die Abgeordneten sind sowohl frei im Reden, wie auch frei im Abstimmen und Beschließen. Ebenso ist auch jeder Wähler frei beim Wählen des Abgeordneten, was aber in der Regel nur alle drei Jahre einmal an ihn kommt. Aber dabei hat Niemand etwas zu befehlen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Januar.
* Der Vortrag, welchen am 25. Januar Fürst Bismarck dem Kaiser hielt, währte über anderthalb Stunden. Es heißt in der .Köln. Ztg.', es hätte sich dabei um einen Aufruf bezüglich der Neuwahlen gehandelt, desien Erscheinen in Kurzem zu erwarten sei. Wie weit dies richtig ist, wird sich bald zeigen.
• Das Abgeordnetenhaus setzte die Etats- berathung bei der landwirthschaftlichen Verwaltung fort. Abg. Wehr (national!.) griff den Minister für Landwirthschaft an, welcher nichts thue, um die Landwirthschaft zu heben. Minister Dr. Lucius wies diesen Vorwurf zurück, ebenso die Annahme, daß die landwirthschaftlichen Zölle der Landwirth- schäft nichts genutzt hätten. Durch dieselben sei die Krisis für Deutschland gemildert worden. Abg. Frhr. r>. Erffa wünschte nicht, daß eine eventuelle weitere Erhöhung der Getreidezölle in weite Ferne gerückt werde, da die Getreidepreise die Produktionskosten nicht deckten. Abg. Frhr. v. Huene frug, ob die Beseitigung des Ministers Lucius auch ein Punkt des Wahlcartells sei. Abg. Dr. Enneccerus erklärte, daß Abg. Wehr nicht Namens
der Partei gesprochen, welche Zollfragen bekanntlich nicht als Parteifragen behandle. Abg. Dr. Mayer suchte den freihändlerischen Standpunkt seiner Freunde zu rechtfertigen. Abg. Dr. Windhorst brandmarkte das konservative, nationalliberale Wahlkartell. Abg. v. Eynern erklärte, daß die nationalliberale Partei Vorschläge der konservativen auf wirthschaftlichem Gebiet entgegenkommend prüfen werde. Abg. v. Gerlach bekrittelte das Zusammengehen des Centrums mit den Freisinnigen und allerlei reichsfeindlichen Elementen. Adg. Dr. Meyer-Breslau und Dr. Windthorst bestritten die Existenz eines Abkommens zwischen Centrum und Freisinnigen. Letzterer erklärte indeß, daß das Centrum überall da, wo es selbst keine Aussicht durchzukommen habe, den Freisinnigen hilfreiche Hand leisten werde, denn es handle sich um die Verhütung einer Bismarck'schen Dictatur mit parlamentarischer Verbrämung. Abg. v. Rauchhaupt suchte die Windthorst'schen Angriffe auf das Wahlcartell abzuwehren. Daffelbesei wegendes großen nationalen Zieles, der Sicherung der nationalen Wehrkraft, abgeschlossen. Abg. Dr. Langerhans (freis.) versuchte, die Haltung der Reichstagmajorität gegenüber der Militärfrage zu rechtfertigen. — Der Etat der landwirthschaftlichen Verwaltung wird schließlich genehmigt, ebenso der der Gestütsverwaltung. — Montag: Etat.
* Der Bundesrath hat gestern genehmigt, daß die deutschen Postdampfschiffe der australischen Hauptlinie auf der Fahrt zwischen Aden und Adelaide künftig an Stelle der Tschggosinseln den Hafen von Colombo auf Ceylon anlaufen.
* Wenn hier und da von der bevorstehenden Einberufung einer gewiffen Anzahl von Reserven die Rede ist, so darf dies, wie die .Kreuzzeitung' hervorhebt, nicht im besorglichen Sinne aufgefaßt werden; es werde sich vermuth- lich darum handeln, die Mannschaften im Gebrauch des Repetirgewehres zu unterweisen. Es sollen 72000 Mann Reserven einberufen werden.
* Ein römischer Korrespondent der ,Frkf. Ztg.' erfährt angeblich aus zuverlässiger Quelle, daß vor kurzer Zeit ein päpstliches Breve an den Bischof Senestrey von Regensburg abgegangen ist, in welchem der Papst erklärt, daß er mit den kirchlichen Zuständen in Bayern durchaus nicht so zufrieden sei, wie allgemein verbreitet worden.
O Der Kaiser und die Wahlen, i.
Unsere Nationalliberalen und Konservativen befinden sich in der größten Noth wegen der bevorstehenden Reichstagswahlen. Sie sollen um jeden Preis dem Reichskanzler eine gefügige Mehrheit von Jaknapprn liefern und doch sehen sie täglich deutlicher, daß das Volk sich immer mehr von ihnen abwendet, daß das Volk von der Jaknapper« Partei, von der Mischmaschpartei, von der Stockspringerpartei, von der Bedientenpartei nichts wiffen will. Deßhalb suchen sie verzweiflungsvoll nach Mitteln und Kniffen, nie sie das Volk be- thören und doch noch schließlich für sich gewinnen könnten. Da kommen sie denn auf die allersonderbarsten, verschiedenartigsten, oft einander geradezu widersprechenden Einfälle, auf die unglaublichsten Mittel zu diesem Zwecke.
Es ist ein alter, allgemein gültiger Grundsatz, daß in einem Verfassungsstaate die Person des Regenten aus den Streitigkeiten der Parteien ausgeschieden wird. Der Regent steht über den Parteien und sein Name soll niemals für sich oder gegen eine Partei mißbraucht werden. Wenn es eine Partei doch thut, so ist das ein Beweis, daß solche Partei allen Anstand und alle Schicklichkeit verloren hat, ist aber auch ein Beweis, daß solche Partei sich zu schwach fühlt den Gegnern gegenüber und sich deßhalb unter den mächtigen Schutz des Regenten stellt. Das thun auch zuweilen solche Minister, deren Seffel in's Schwanken gerathen, so daß sie die Abdankung fürchten muffen. Dann schützen sie sich auch zuweilen hinter dem Regenten. Aber gewöhnlich hilft solcher Kunstgriff doch nichts.
So wird s auch hier nichts helfen, daß diese Mischmaschpartei sich so laut und zudringlich auf den Kaiser beruft und sich mit so großem Spektakel als die kaiserliche, die reichstreue, die nationale Partei rühmt, gleichsam als ob die gegnerischen Parteien von alledem das Gegentheil wären. Der Kaiser steht hoch über allen Parteien, er ist der Kaiser aller Deutschen, gleichviel welcher Partei sie angehören, und alle Deutschen jeder Partei erkennen und verehren ihn als ihren Kaiser und Herrn, und gehorchen ihm in allem, was der Kaiser befiehlt. Aber bei den Wahlen befiehlt der Kaiser nicht, da steht es jedem Deutschen frei, zu wählen, wie
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Original-Roman von Marie Romany.
17. Fortsetzung.
Feierlich, mit ergreifender Gewalt — just als gälte es, heute einem doppelten Feste seine jubelnde Huldigung darzubringen — entströmten die Töne der Orgel; der Gesang in seinem weihevollen Hymnus schien aus dem Himmel zu schweben; und so lauschte die Menge, hin und wieder glänzte ein Auge in Thränen, welche die ergreifende Feier hervortrieb, und jedes Knie beugte sich willig in Anbetung des Höchsten, den bei der Heiligkeit solchen Augenblicks wohl Niemand vergißt.
Der Priester sprach das Jntroibo, er verlas das Evangelium und vollzog die Opferung; er reichte die Hostie einer Anzahl junger Mädchen, die, unisormartig in schwarze Kleider gehüllt, seitwärts von den Altarstufen knieten: dann erst nahten Jene, welche das Verlangen, den Leib des Herrn zu empfangen, hierhergeführt.
Dann war die Meffe vorbei. Unter weit dahinbrausenden Jubelklängen der Orgel hatte der
Priester der frommen Schaar den Segen gegeben; jetzt schritt er der Sakristei, ein Theil des Publikums drängte den Ausgängen zu.
„Doch nein.
„Ruhe!" tönte es wie ein allgemeiner Schall durch den Kottesraum.
Ein plötzliches Schweigen kam. Jener Theil des Volks, der nach auswärts getrieben hatte, retirirte; dann wendete sich die Aufmerksamkeit der gesummten Schaar wieder dem Altar zu.
Deß Meßgewands entledigt, hatte der Priester die geheiligte Stätte von Neuem betreten; er zögerte, betrachtete schweigend die Menge vor ihm, dann wendete er sich zu der kleinen Schaar jener schwarz gekleideten Mädchen, die noch immer, in einer kleinen Entfernung von den Stufen des Altars betend auf den Knieen lag.
„Meine Kinder," begann er in feierlichem, von Theilnahme erschütterten Tone, „die Stunde ist gekommen, die durch den Willen unseres Schöpfers über das Loos Eures ferneren Lebens zu entscheiden hat. Sendet Eure innigsten Gebete zum Himmel, damit Gott seine schützende Hand über Euch strecke und Euer Dasein einem tugendhaften, sicheren Ziele entgegenführt!"
Eine lautlose Stille folgte diesen Worten nach.
Die Mädchen verharrten auf den Knieen, ihre flehentlichsten Gebete zum Schöpfer des Weltalls entsendend; nur hin und wieder verkündete ein Seufzer, 'ein Schluchzen, mit welch' banger Fürcht man der kommenden Stunde entgegensah.
Der Priester ließ Minuten vorübergehen. „Wohlan, meine Töchter," begann er dann wieder in demselben feierlichen Tone, „setzt Euer Vertrauen in die allewige Güte deflen, der Aller Vater ist! Seid muthig! Blickt dem kommenden Augenblick mit der Fassung guter Christen entgegen ! Die liebende Hand Eures Gottes selbst hat Euch die Heimath bereitet, der er Euch in dieser Stunde entgegenführt! Erhebet Euch! — Steht auf, meine Töchter," fügte er in Alle erschütterndem Tone bei, „der Augenblick der Entscheidung für das Wohl Eures Lebens ist da!"
Die Mädchen richteten sich empor, die einen glühend vor Erregung, die anderen bleich und zitternd vor Scham und Sorge, doch Aller Herzen angefüllt m.t der Furcht des nun Kommenden, dem man in banger Erwartung entgegensah. O, diese Armen! Sie gleichen einer Schaar gefesselter Sclavinnen, diese herangereiften Zöglinge des Findelhauses zu Neapel, die man — aus Mitleid, um sie vor der Härte niedriger Dienste zu