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1887.

JcilniiQ

fuliiaer

Donnerstag, den 27. Januar.

schließen, wie in unzähligen Wahlkreisen heftige Feinde und Widersacher sich in Freunde und Ver» bündele verwandeln, bloß um uns zu vernichten, — wir sollten einem solchen Beginnen gegenüber nicht auch die Hilfe da suchen und auch selbst leisten, wo sie sich ganz natur« gemäß bietet?

Was aber die Sozial« und Wirtschaft»- reform anbelangt, so wird das Centrum, wenn es, so Gott will, in ungeschwächter Zahl in den Reichstag zurückkehrt, nach wie vor den Krystalli- sationc punkt für diese Bestrebungen bilden, und mit Hilfe der Konservativen wird es, falls auch diese Partei, wie zu erwarten steht, in entsprechender Stärke wieder erscheint, und falls sie, was wir noch nicht wissen, die alten Reform-Grundsätze wieder mit« bringt, gerade so gut, wie bisher, die alte be­währte positive Reform-Mehrheit bilden. Um diese Mehrheit ist uns in numerischer Hin« sicht nicht bange; aber worauf wir unser Augen­merk richten und richten müßen, das ist die noth« wendige Wiederkehr auch jeder anderen Mehr­heit, der sog. Abwehr-Mehrheit, die, aus Centrum -und Linksliberalen bestehend, jedem Versuch, an den Volksrechten und Volks­freiheiten, an der parlamentarischen Verfasiung und dem allgemeinen Wahlrecht zu rütteln, wie bisher, so auch fernerhin energisch entgegenzutreten bereit sein würde. Das Cent rum ist und bleibt der feste Thurm, es bewegt sich nicht, bietet aber gerne den redlichen und gerechten Bestrebungen anderer Parteien sowohl nach rechts, wie nach links, starke Deckung. Und seine Wahltaktik ist dahin gerichtet, sich diese feste Mittel­stellung ungeschwächt zu erhalten.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Januar.

* Unsere Finanzlage im engeren Vater- lande Preußen wird immer trauriger. So mußte bei der ersten Berathung der gouverne- mental-konservative v. Minnigerode zugeben, daß seit 1879 in Preußen zur Balancirung des Etats nicht weniger als 192 Millionen Staatsschulden gemacht worden sind. Und diese gewaltige Schul­denlast für laufende ordentliche Ausgaben hat man in demselben Zeitraum gemacht, in welchem

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender ^Rabatt.

im Reiche die Einnahmen aus neuen Steuern und Zöllen um jährlich 200 Millionen gewachsen sind. Die Folge dieser gewaltigen Anleihen ist natürlich ein furchtbares Anwachsen der Zinslast, und wenn jetzt wieder 28^2 Millionen Anleihen gemacht werden, so bedeutet das, daß wir an Zinsen wieder mehr als eine Million mehr dauernd zu zahlen haben. Geht diese verfehlte Finanz- wirthschaft so weiter, so müsien wir in Zukunft auf den Standpunkt der Rationen herabsinken, bei denen die Verzinsung der Staatsschulden den größten Theil der Einnahmen verschlingt, Die Enkel der gegenwärtigen Generation werden also noch an den Folgen des jetzigen Borgsystems zu tragen haben. Daher rührt die von allen Par­teien ausgesprochene Anschauung: „so darf's nicht mehr weiter gehen!" — Allein trotz dieser traurigen Finanzlage wird weiter gewirth« schäftet, als ob man keire Staatsschulden besäße, anstatt sich nach der Decke zu strecken. Wer aber zum Sparen räth, ist nach den Ansichten gewisser Leute ein Reichsfeind, so schlimm wie ein Sozial­demokrat.

* Die gestern vom Bundesrathe genehmigte kaiserliche Verordnung betreffend das Verbot der Ausfuhr von Pferden wird heute amt­lich publicirt. Dieselbe bestimmt: „Wir Wil­helm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc. verordnen im Namen des Reichs nach erfolgter Zustimmung des Bundesrathes, was folgt: § 1. Die Ausfuhr von Pferden ist über sämmtliche Grenzen gegen das Ausland bis auf Weiteres verboten. § 2. Der Reichskanzler ist ermächtigt, Ausnahmen von diesem Verbote zu ge« statten und etwa erforderliche Controlmaßregeln zu treffen, § 3. Gegenwärtige Verordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündung in Kraft. Ur- kundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unter­schrift und beigedrücktem Kaiserlichen Jnsiegel. Gegeben, Berlin, den 25. Januar 1887. (L. S.) gez. Wilhelm, gez. v. Bismarck. — Hierbei sei bemerkt, daß Deutschland jährlich circa 70,000 Pferde einführt, während die Ausfuhr nur ca. 15,000 beträgt.

* Gegen das auf sechs Wochen Haft lau­tende Urtheil in der gestern stattgehabten Ver­handlung wegen groben Unfugs, verübt durch Ver­breitung des sensationellen Villaume-Ge-

Zm Abommmt

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‘{E Der Wahlkampf.

ii.

Der Aufruf der Centrumspartei ist ein Muster ruhiger, würdevoller, ernster und sachlicher Behandlung; wenn er gerade deswegen von der gegnerischen Presse als „matt", „kraftlos" u. s. w. bezeichnet wird, so ist das nur ein Lob. Gewiß, in den Augen einer Presse, welche jetzt täglich einige Millionen „Reichsverräther" und Gesinnungs­lumpen" zum Frühstück verspeist, welche in der Wahlzeit überhaupt immer im Superlativ spricht, mag ein Wahlaufruf, wie der der Centrumspartei, „matt" erscheinen. Der Aufruf enthält keine hoch­tönenden Phrasen, keine nichtssagenden Schlag­worte, keine gekünstelte Entrüstung oder geheuchelte Begeisterung, er steht auf dem Boden der That- sachen, er rechnet auch mit solchen Faktoren, welche von anderer Seite jetzt mit absichtlicher Tendenz als gänzlich nebensächlich bei Seite geschoben wer­den, er trifft Vorsorge auch für jene Zeit, wenn die gegenwärtige „nationale" Champagnerschaum- Stimmung verrauscht sein und der Reichstag den hochwichtigen Aufgaben des weiteren Ausbaues der Sozial- und Wirthschaftsreformen, der völligen Be­seitigung des Kulturkampfes u. s. w. aufs Reue sein Augenmerk schenken soll.

Wenn man uns jetzt vielfach den Vorwurf macht, wir wiesen mit Stolz hin auf die hauptsächlich durch die Centrumspartei errungenen bis­herigen Erfolge auf sozialem und wirthschaftlichem Gebiete, wollten aber trotzdem in dem bevorstehen­den Kampfe dem Freisinn, dem Feind jener Reformpolitik, unter die Arme greifen, um seinen Besitzstand zu wahren, so ist dieser Vorwurf — offengestanden — von kindlicher Naivetät. Also wir sollen ruhig zusehen, wie Konservative und Nationalliberale unter dem Schlachtruf „Nieder mit dem Centrum und dem Deutsch­freisinn" sich zu vereintem Kampfe aneinander

Die Erbin era Wallkksbrnn«.

Original-Roman von Marie Romany.

15. Fortsetzung.

„Welch' ein Zeitraum! — Und Ihr gefallt Euch hier?"

Giacomo zog die Achsel. „Man folgt dem Ver­dienst," entgegnete er zögernd.

Fräulein von Waldheim nickte. Sie wußte ja zur Genüge, daß Bedienstete ihrer Honorirung er­geben sind. Wieder streifte ihr Blick mit Bewun­derung über die Schöpfung, indeß ihr Kopf mit einem andern Thema beschäftigt schien. Nun wen­dete sich ihr Auge dem Manne zu.

„Wie heißt Ihr?"

„Giacomo."

„Nennt man Euch so in der Anstalt?"

„Man wechselt nicht unsere Namen," erwiderte der Angeredete.

Eine Minute ging hin.

„Wenn Ihr zwanzig Jahre hier seid, müßt Ihr mit der Anstalt vertraut sein," meinte sodann Fräulein von Waldheim.

„Madonna!" fuhr Giacomo auf, „nicht viel schlechter, als mit meiner Seele! Ich verstehe Alles, ich kenne jeden Kranken und ich darf ver­

sichern, es weiß Niemand besser, als ich, mit den Kreaturen umzugehen!"

„Da seid Ihr eine gute Stütze für den Direktor."

Ein malitiöser Zug legte sich um des Mannes Mund.

„Ich liebe den Direktor nicht besonders; warf er hin.

„Wirklich?" — Und warum bleibt Ihr denn? — Freilich, es gibt nicht viele Irrenhäuser, wo man Geld verdient, — habt Ihr freie Zeit aus- zugehen?" fragte sie plötzlich, Giacomo fixirend.

„Die Stunden sind uns zugetheilt," erwiderte Giacomo; „und wenn uns einmal auszugehen er­laubt wird, darf es nur um die späte Abendzeit sein."

Alice war still.

„Ich wünsche eine Auskunft, die Anstalt betre- fend," sagte sie dann halblaut, nachdem sie sich versichert hatte, daß Niemand außer dem Burschen sie höre; „es sind ein paar Fragen, die Ihr mir beantworten könntet, ohne irgend welchen Schaden in Eurer Stellung zu haben. Ich würde Euch diesen Dienst mit gutem Golde bezahlen, doch ist es nothwendig, daßJor, um sicher zu gehen, des­halb zu mir kommt. Die Zeit soll mir gleich sein. — Nun?" fügte sie hinzu, da der Andere nicht augenblicklich erwiderte.

Giacomo hatte mit seinen fuchsartigen Augen verständnißinnig der Fremden in die Miene gesehen.

„Während der nächsten acht Tage wird mir kein Ausgang erlaubt sein," sagte er dann zögernd.

„Also in der folgenden Woche."

„Man nimmt jeden Verdienst mit Freuden wahr, wenn man arm ist —"

„Gewiß," versicherte Alice schnell. „Und die Angelegenheit, über die ich mich zu unterrichten wünsche, wird keine böse Folgen für Euch haben. Nehmt dies vor der Hand," meinte sie, ihm eine Goldmünze reichend, „und nächste Woche kommt zu mir; Ihr findet mich zu Hause, auch wenn die Stunde vorgerückt ist. Ich wohne im Prin­zen von Baiern."

Giacomo notirte sich das.

„Und der Name?" forschte er. Das gnädige Fräulein von —"

„von Waldheim," ergänzte Alice. „Im ersten Stockwerk, Zimmer Nr. 10."

Mit blitzendem Auge hatte Giacomo sie an­gesehen.

„Der Name von Waldheim ist mir nicht un­bekannt," berichtete er eifrig, während ein leichtes Roth in seine Wangen stieg; „wäre nicht vor langen Jahren ein Herr von Waldheim gewesen, so würde ich schwerlich in dieser Anstalt fein.