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ffi 20.

Mttwoch, den 26. Januar.

1887.

hliier W

Alics erhob sich. ,

„Also wäre die Angelegenheit vor der Hand erledigt," meinte der Direktor.

„Erledigt nicht", erwiderte Alice in festem Tone. „Es handelt sich darum, unter welchem Verhalt- niß der Patient für die Folge in Ihrer Behand­lung bleiben wird. Sie sagen, daß er unheilbar ist.

„Nach den bisherigen Erfahrungen sicher.

Alice sah vor sich. Sie zögerte ein paar Sekun­den, dann nahm sie ihre Zuflucht zu den üblichen Redensarten, welche die Etiquette geläufig macht, und empfahl sich dem Direktor, der sich jedoch seinerseits die Artigkeit, Fräulem von Waldheim durch der. Park zu geleiten, nicht nehmen ließ.

Es war eine peinliche Stimmung, die Nch des einen wie des anderen Theiles bemächtigt hatte. Alice, obgleich sie nicht viel Hoffnung aus em Zusammentreffen mit dem Direktor des Irren­hauses, welches Ludwig von Erlenburg beherbergte, gebaut hatte, fühlte sich niedergedrückt durch du- totale Erfolglosigkeit, welche ihr Besuch m St. Salvatore anscheinend aufwies, während Dr. Rrmoli, der seinerfeits gewähnt hatte, die Situation der

Umgebung hat."

„So wiffen sie von der Welt garnichts?" „Nichts," versicherte der Doktor.

. , „Man hört so oft, daß Irrsinnige körperliche „ ! Qualen in den Anstalten auSzuhaltm haben, meinte Alice.

----. .. k4» tf" . SV-.*♦**' gerufen, wonach dre deutsche Regierung Frank­reich Vorstellungen wegen der Truppen- sendungen an die Ostgrenze gemacht habe. Die Meldung wurde durch die Fama dahin erweitert, daß Fürst Bismarck ein förmliches Ultimatum an Frankreich gerichtet habe. Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet. Londoner Nach­richten besagen, Graf Hatzfeld (der deutsche Bot­schafter) habe entschieden in Abrede gestellt, daß ein Bruch zwischen Deutschland und Frankreich unverzüglich bevorstehe. Aus Paris wird berichtet, daß die Minister und namentlich Gablet in den Couloirs der Deputirtenkammer die Meldung der

„Das sind eben Gerüchte, die jeder Wahrheit entbehren. —" .

Wirklich?" rief Fräulein von Waldheim leb­haft. „So schlägt man sie nicht und bindet sie nicht? legt man ihnen nicht die Zwangsjacke an, wenn sie den Befehlen nicht folgen?"

Ein überlegenes Lächeln glitt über des Direktors Gesicht. ,

„Es würde nicht von Nutzen fern, mein gnädiges Fräulein, wenn man sich derartiger Grausamkeiten bedienen wollte; überdies ist die Mehrzahl aller geisteskranken Leute im gewöhnlichen Umgang sehr harmlos. Man pflegt deßhalb mit Gewaltmaß. regeln nur dann einzuschreiten, wenn sich Anfälle von Tobsucht zeigen, die zuweilen sehr ausgreifend und niemals ohne Zwang zu bewältigen sind."

„Und kommt das häufig vor?"

Nicht eben sehr selten," versicherte der Direktor, „doch ist die Zahl der Tobenden die geringere. " Beide schwiegen hierauf.

Mein Gott!" rief Alrce plötzlich angsterfüllt, indem sich ihr Blick auf einen Punkt in der Nähe des Hofraumes fixirte. ,

Der Direktor sah sie an, dann folgte fern Auge derselben Richtung. Ein Fluchen entglitt ihm. Ueber den Rasenplatz dahecgerannt — es war ein Anblick, der auch einem stärkeren Wesen, als Fräulein von Waldheim, das Blut in den

Willen der Minderheit pariren will, so soll das Institut als solches, und mit ihm das allgemeine Wahlrecht in der Achtung des Volkes herabge- würdigt werden. Wir möchten einmal sehen, was geschehen würde, wenn etwa über's Jahr eine „nationale" Reichstagsmehrheit bestände und ein Oppositionsblatt wollte sich erlauben, diese Mehr­heit ein „Gesindel", eine „zusammengelaufene Ge­sellschaft", ein Korps von „Reichsverräthern" zu nennen. Die Folgen möge ein Jeder sich selber ausmalen.

Deutsches .Hetdh

Berlin, 25. Januar.

• Der Kaiser habe seine Krone nieder­legen wollen, so erzählt der konservative ,Reichsbote' und fordert das deutsche Volk auf „fein Haupt zu verhüllen". Indem die .Germania' diese und andere Versuche der Einschüchterung des Volkes bespricht, schreibt sie: „Wir stehen jetzt am Ende der ersten Woche in der Wahlbewegung; was werden wir da erst in der Woche vor dem 21. Februar erleben? Eine Steigerung der Frivolität, mit welcher man mit Krieg und Frieden und der Person des Monarchen spielt, ist kaum noch möglich."

* Wegen Verbreitung des unwahren Sensa­tionsgerüchts über Oberstlieutenant v. Villaume, deutschen Militärbevollmächtigten in St. Peters­burg, wurde heute der Redakteur von der .frei­sinnigen Zeitung' Barth vom Berliner Schöffen­gericht zu sechsjähriger Haftstrafe verurtheilt.

* Große Erregung hat, insbesondere an den

mittel nachzuahmen. Gewiß, die gegnerische Preß- I agitation ist, soweit sie im Stile eines „Schwäbischen Merkur", einer „Badischen Landeszeitung" geführt wird, unserer Preffe an und für sich um einige Pferdelängen voraus; sie scheut vor keiner Lüge, vor keiner Verläumdung und Verdächtigung zurück, wenn sie nur dem einen Zwecke dient, dem Gegner zu schaden, ihm das Volk abwendig zu machen. Einer solchen Kampfesweise gegenüber haben wir kein anderes Mittel, als die unausgesetzte Aufklä­rung und Belehrung des Volkes, die Zurückwei­sung der falschen, hinterlistigen Ausfälle. Wenn wir, um den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, auch die Lüge, die Verleumdung zu unserer Bundesgenoffin machten, so könnten wir bei der großen Verbreitung unserer katholischen Preffe dem Gegner gewiß auch manchen schweren Schaden znfügen, aber wir würden uns nicht nur vor unserenGesinnungsgenoffensondernauchvoruns selbst schämen müffen. Eine ehrlose Handlung kann nie erlaubt sein, sie läßt sich weder durch die Hitze des Kampfes, noch durch die Nothwehr rechtfertigen.

Es ist schon weit gekommen mit der Mißachtung auch der fundamentalsten Rücksichten des politi­schen Anstandes, wenn jetzt der ganze Troß der großen und kleinen „nationalen" Kläffer sich in der Erfindung von Schmähworten über den auf­gelösten Reichstag und seine Majorität gegenseitig zu überbieten sucht. „Maulwurfsgesellschaft", „Gesinnungslumpen", „reichsverrätherische Bande", „Gesindel", so wird die Mehrheit des deutschen Reichstages in der Preffe der Minderheit titulirt, „nt, ' vU. R3tv.ll TO-tl. X...U....Ö v._ I

.Köln. Ztg.' scheut sich nicht, dieses Schimps-Ver- zeichniß durch die Bezeichnung der Reichstags- Mehrheit als einer zusammengelaufenen Gesell­schaft" zu vervollständigen. Jeden deutschen Mann, der in dem deutschen Reichstage die stolze Krönung des deutschen Einigungswerkes erblickt, muß eine I solche freche Mißhandlung der deutschen Volks­vertretung mit gerechtem Schmerz erfüllen. Und gerade aus diesen schlimmen Stößen, welche gegen das eigentliche Fundament der freien Reichsver- faffung geführt werden, erkennt man die Tendenz des ganzen gegenwärtig geführten Kampfes. Wenn die Mehrheit des Reichstages nicht nach dem jungen Dame gegenüber vollständig zu beherrschen, mit dem Ausgang der Unterredung durchaus nicht zufriedengestellt war. Beide fühlen, daß ein be- qütigendes Wort hier nicht nur wünschenswerth, sondern für die folgerechte Erläuterung der Ange­legenheit sogar am Platze war.

„Unsere Anlagen sind so prächtig, wie beinahe in keinem ähnlichen Asyl der Welt," bemerkte daher Dr. Rimoli, nachdem er einige Sekunden stillschweigend neben der jungen Dame über die Allee geschritten war.

„Und dennoch müffen sich die armen Geschöpfe, die so rettungslos der ewigen Nacht verfallen sind, unermeßlich unglücklich fühlen," meinte Alic;.

Der Direktor lächelte.

„Ich darf versichern, daß die Mehrzahl der­selben über ihre Existenz so gut wie gar kein Be­wußtsein hat. Sie erfreuen sich an dem Sonnen­glanz, wie der Schmetterling um die Blume flattert. Es kommt selten vor, daß ein Irrsinniger eine andere Empfindung, als di; der nächsten

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*!E Der Wahlkampf.

I.

Allenthalben im deutschen Reiche hat die Wahl­agitation bereits mit aller Macht begonnen; wir sehen einem Kampfe entgegen, welcher an Heftig­keit alle bisherigen Wahlschlachten im neuen deutschen Reiche weit übertreffen wird. Schon jetzt arbeiten die vereinigten Gegner mit Mitteln so sragwürdiger Natur, daß man sich bei steigen­der Kampfeshitze auf gar merkwürdige Dinge ge­faßt machen muß. Wir können unseren Gegnern doch nicht so viel taktischen Unverstand zumuthen, daß sie all ihr Pulver schon vor der eigentlichen Schlacht verschießen; und wenn sie heute bereits durch „K r i e g -i n- Sicht"Artikel, durch Sensations- depeschen über einen vielleicht schon über Nacht hereinbrechenden Krieg mit F r a n k r e i ch, durch wohl berechnete Aussätze über die Behandlung Kriegs- verwundeter und Fortschritte der heutigen Kriegs- lazerethskunde das Volk in eine künstliche Er re- gung hineintreiben, mit den edelsten Gefühlen ein frevles Spiel treiben, — wie wird dann erst der Hetz- Apparat aussehen, mit dem man in den letzten Tagen vor der Wahl der widerstrebenden Vernunft nachhelfen wird?! Aber mag bte Burgerhetze »»»

nationaler" Seite diesmal auch noch so toü getrieben werden, die vereinigt; Opposition und vor Allem wir, die Centrumspartei, muffen uns nach Möglichkeit bestreben, der Wuth der Gegner mit kaltem Blut, mit Besonnenheit und Ruhe entgegenzutreten, uns selbst mit dem berech­tigten Zorn über die gegnerischen Frivolitäten nicht zu weit hinreißen zu lassen. .

In der Zurückweisung schändlicher Angriffe und Verlänmdungen darf man jederzeit, besonders aber in aufgeregten Tagen, ein scharfes Wort nicht scheuen, aber man soll sich stets hüten, den Gegner in der Anwendung unredlicher Kampfes- ~ Jit Erbin m Mmbruim.

Original-Roman von Marie Romany.

14. Fortsetzung.