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1887.

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Fiilimer

Donnerstag, den 20. Januar.

Die Fuldaer 8eituna- erscheint tiiqlich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., ' mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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-r Die Auflösung des deutschen Reichstags und die Neuwahlen.

(Schluß.)

Greift man um einige Wochen zurück, so findet man ein ganz anderes Situationsbild, als heute. Damals lautete die Frage: für oder gegen die Heeresverstärkung; der Doppelkrieg gegen Frank- reich und Rußland wurde mit den grellsten Farben an die Wand gemalt, und wer sich erst lange besinnen wollte, ehe er dem Vaterlands für die angeblich schon auf der Schwelle stehende doppelte Kriegsgefahr die geforderten Mehrbedürfniffe be­willigte, der wurde als Reichsverräther gebrand- markt. Hätte die „nationale" Propaganda damals mit der Voraussicht rechnen müßen, daß mit Ausnahme von einigen 30 Stimmen der ganze Reichstag mit lmponirender Einmüthigkeit die Regierungsvorlage für drei Jahre anstandslos bewilligen werde, so hätte ihrer „Entrüstung" jedes Fundament gefehlt. Und heute wissen wir sogar aus kompetentem Munde, daß die Kriegs­gefahr keineswegs akuter Natur ist, wir wissen, daß Rußland unser bester Freund ist, es ist uns gesagt worden, daß die geforderte Erhöhung der Friedenspräsenzziffer für die Kriegsstärke des Heeres in der nächsten Zeit noch gar keine Bedeutung hat, daß erst nach mehreren Jahren mit der steigenden Zahl der mehr als bisher ausgebildeten Mannschaften die Neuerung ihren Zweck erreichen werde.

„ Daß die Parole „Septennat oder Triennium" keine zugkräftige Wahlparole ist, haben wir schon hinreichend dargethan, und es genügt ja nur der Hinweis auf die zahlreichen konservativen und nationalliberalen Preßstimmen, welche vor kaum zwei Wochen erst betont haben, daß um dieser Frage willen kein Puls im Volke schneller schlagen, daß das Volk sich über die Streitpunkte nicht er­hitzen werde. Aber auch die Bismarck'sche Wahl­parole „kaiserliches Heer oder Parlaments­heer" ist haltlos und wird auf sehr sterilen Boden lallen, wie das von den Abgg. Windthorst und Richter bereits in wirkungsvollster Weise und mit einer unanfechtbaren Logik dargethan worden ist. Sind doch selbst nationalliber sie Blätter ehrlich genug einzugestehen, daß es mit diesem geflügelten

Pit Erbin von WMsdrnnn.

Original-Roman von Marie Romany.

9. Fortsetzung.

Das Herz des jungen Kindes, so bestimmt ihr Vorsatz gewesen, zttterte, als sie bei dem Städt­chen angelangt war. Alice hatte niemals ohne Begleitung einen fremden Ort besucht, um wie diel weniger noch allein einen fremden Boden be- kreten; es hatte ihrer ganzen Willenskraft bedurft, Um den Entschluß in sich reif werden zu lassen, uach Rom zu gehen und das Verhältniß Ludwig uon Erlenburg's nach seinem Rechte zu prüfen; u>ie trostlos kam ihr die Welt vor! wie oft wollte ihr dünken, als stürze sie in eine Brandung, 'N der Alles, was ihr übrig geblieben, Ehre, Achtung, Moral und Tugend und das Vertrauen nuf ein besseres Leben für immer verloren war! Ace, ob sie gleich Niemandem ihren Schmerz offenbarte, hatte geschaudert vor dem Gedanken, ^lein, verlassen, ohne Schutz in ein ihr fremdes ^eben zu fahren; nur dem Versprechen, welches Ns ihrem Vater vor seinem Tode gegeben, galt °'eses Opfer, das ihre volle Charakterstärke, ihre Uolle Willenskraft für sich in Ansprach nahm.

Jetzt war sie da. Verwirrt, vor Aufregung st'Nhend, stand sie am Ausgang des Bahnhofs

Wort nicht weit her sei. So sagt z. B. die .Straßb. Post' in ihrer Nr. 44 vom 15. Januar wörtlich: „Daß in der vollen Bewilligung auf drei Jahre ein Attentat auf die Krone und auf die kaiserliche Kriegsherrlichkeit liege, wird sich wohl kaum begründen lassen." Solche Zeugnisse sind für uns werthvoll, gerade so werthvoll, wie die Herzensergüsse einer extremnational-servilen Presse, welche bereits einen direkten Verfassungsbruch in Aussicht gestellt und solchen zu beschönigen unternommen hatte.

Der Wahltermin für die Neuwahlen ist in unmittelbare Nähe gerückt, wir besinden uns heute schon an dem Zeitpunkte, der bei sonstigen Wahlen den Beginn der eigentlichen Hauptaktion bezeichnet. Es gilt deßhalb, sofort und ungesäumt an die Arbeit zu gehen, dort, wo es nöthig ist, die Kandi­datenfrage zu regeln, die Wähler zu sammeln, die Wahlagitation planmäßig in Scene zu setzen und mit Wachsamkeit alle Schach« und Winkelzüge der Gegner zu verfolgen. Viel steht auf dem Spiele, es handelt sich um die Vertheidigung der kostbarsten politischen Rechte des deutschen Volkes. Denn wenn eine Jasager- und Kopfnicker-Mehrheit in die Hallen des Reichstages einzieht, — dann adieu parlamentarisches Prinzip, adieu allgemeines Wahlrecht; man wird sozusagen ganz von selbst auf der schiefen Bahn immer tiefer hinabrutschen. Was unsere Stellung zu den einzelnen Parteien anbelangt, namentlich zur konservativen Partei, so hängt vieles davon ab, wie diese Partei selbst sich zu uns stellen wird. Der .Westfälische Merkur', welcher mit .Sicherheit eine Niederlage der. Re-, gierung prophezeit, sagt über unser Verhältniß zu der konservativen und freisinnigen Partei sehr treffend: „Es gibt mehr als eine Kommandite der Firma Richter, die wir durch unsere Kund­schaft auf den Beinen halten können. Und anderer­seits wird nach Entziehung unserer Vorschüsse eine nickt ganz kleine Anzahl alter konservativer Häuser rettunsglos falliren." Ganz richtig, das Centrum wird, namentlich in Preußen, in manchen Wahl­kreisen, wo es bisher den konservativen Kan­didaten gegen den freisinnigen unterstützte, im Jn- teresie der Wahrung der Volksrechts notbqedrungen eine andere Haltung beobachten müssen, aber adererseits dürfte es nicht minder klar sein, daß

und blickte fragend aus die Landschaft, auf das kleine Städtchen, zwischen Bergen gelegen, das sie vor sich sah.

„Villa Monti," hauchte sie mechanisch. „Was ist Villa Monti?" — Man mag ihrer Jugend vergeben, daß ihr erst jetzt der G danke kam. —

Eine kurze Weile stand sie träumend da. Dann befiel sie die Erinnerung, weßhalb sie nach Cro- vigno gekommen war.

„Könnt Ihr mir die Straße nach Villa Monti angebcn? fragte sie kurzweg einen Mann, der des Weges kam.

Der Bauer sah sie an.

„Die Villa Monti?" lächelte er höhnisch. „Sollte die Gnädige nicht wissen, daß die Villa „Barlero" getauft wurde, seitdem sie in die Hände des Pietro kam?"

Erschrocken starrte Alice den Alten an.

„Ah!" machte sie tonlos.

„Ich sollte meinen, daß die Gnädige sich der Monti's kaum erinnert," fuhr der Bauer sie mit spöttelndem Grinsen an. „Zehn Jahre sind's, und vielleicht darüber, daß der Pietro die ganze Wirtbschaft nahm."

„Wirthschaft?" wiederholte Alice wie fragend.

„Nun ja. Wirthschaft," betonte der Mann. „Schweizer Kaffeehaus, wie es in der Gegend ge­nannt wird. Dort drüben auf dem Berge liegt

wir bei der Wahl zwischen einem nationalliberale" und einem konservativen „Jasager" diesem letztere" den Vorzug geben, sofern er in der Sozial- und Wirthschaftspolitik und den wichtigsten Fragen der Kirchenpolitik unseren Standpunkt theilt.

Die Centrumsfraktion des Reichstages hat bereits eingehende Berathung gepflogen über die bevorstehende Wahlagitation und Wahltaktik, auch ist die Veröffentlichung des Parteiaufrufes bereit« erfolgt. Windthorst hat schon dutzende Male der Regierung zugerufen: Löst uns nur auf, wir sind parat. Der 21. Februar wird zeigen, daß der Cenlrumsführer nicht geflunkert hat. Also: Mit Gott für Kaiser und Vaterland, für Wahrheit, Freiheit und Recht!

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Januar.

* Der Kronprinz und die Kronprinzessin empfingen gestern Mittag die Präsidien der beiden Häuser des Landtags.

* Beide Häuser des preußischenLandtags hielten heute Sitzungen ab. Das Herrenhaus nahm nach einer Ansprache des Berichterstatters der Adreßkommission, von Kleist-Retzow, den von dieser Kommission ausgearbeiteten Entwurf einer Adresse an den Kaiser einstimmig und ohne Debatte an. Die Gegner des Antrags hatten sich von der Sitzung ferngehalten. Fürst Anton Radziwill gab vor Eintritt in die Tagesordnung die Erklärung ab, daß die in den Zeitungen enthaltenenBerichte, wo­nach er gegen die Adresse gestimmt l ätte, falsch seien. Er habe dafür gestimmt. Die Adresse wird dem Kaiser durch eine Deputation überreicht werde«, welche aus dem Präsidium und neun anderen Mitgliedern des Hauses besteht, die durch Aus- loosung bestimmt wurden. — Das Abgeordneten­haus überwies den Antrag Dr. Lieber und Ge­nossen auf Vermehrung der Fabrikinspektoren an die Budgetkommission, nachdem Unterstaatssekretär Magdeburg im Auftrage des Handelsministers ein näheres Eingehen auf den Antrag zugesagt und die Abgg. Goldschmidt (freis.), Lohren (freikons.), von Minnigerode (kons.), Dr. Eynern und Reinhold (nat.) sich im Wesentlichen für den Antrag aus­gesprochen hatten. Das Gesetz, betr. die Unsall- Versicherung derländlichen Arbeiter wurde einer Kom-

es; wenn die Gnädige will, fuhrt der Weg sie in einer halben Stunde dahin."

Er lächelte höhnisch, dann hatte er der Frem­den den Rücken gewandt.

Unschlüssig stand Alice still. Sie erinnerte sich wobl jetzt erst, daß zwanzig Jahre seit der Ab­fassung der Briefe dahingeflossen waren. Zu was mochte der Besuch der Villa tbr nutze sein, wenn diese in den Händen eines anderen B-sitzers war?

Und dennoch blieb ihr fast keine Wahl. Sie war fremd in Crovigno und bis zum nächsten Zuge, der nach Rom zurückführte, hatte sie vier Stunden. Mechanisch trat sie daher den Weg zur Villa Barlero an.

Es dauerte auch nickt lange, so war sie da. Eine Magd, die just über den Hofraum schritt, beauftragte sie, ihr eine Tasse frischen Kaffee zu serviren, und nahm dann Platz auf einer Bank, die ihr freie Aussicht über die Landschaft gewährte. Sie fühlte eine Unbehaglichkeit, die sich wie ein Druck auf ihr Inneres legte: es war das Bewußt- sein, ihre erste Bemühung auf Erfolglosigkeit stoßen zu sehen.

Zum Glück jedoch ließ ihr die Dienstfertigkeit der Wirthschaft nicht viel Zeit zu eitler Träumerei. Crovigno, wie schon erwähnt, ist nur ein winziges Städtchen und so war man erstaunt gewesen, al» sie in der Villa anlangte, eine junge Dame, die