Sonnabend, den 15. Januar.
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1887.
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-r Fürst Bismarck und die Militärvorlage.
Die zweite Lesung der Militärvorlage im deutschen Reichstage nimmt das Interesse in ungewöhnlichem Maße in Anspruch, und es wird selbst einer durch die wechselnden politischen Tages-Aufregungen abgehärteten Natur schwer, in der allgemeinen fieberhasten Aufregung die nöthige Ruhe und Kaltblütigkeit zu bewahren. Der Schwerpunkt der Reichstagsdebatte von Dienstag liegt in den Ausführungen des Reichskanzlers Fürsten Bismarck. Die Bismarck'schen Erklärungen lassen sich in zwei Gruppen theilen, in das, was er über die Militärvorlage selbst und die Stellung der Regierung zu derselben gesagt hat, und in seine Darlegungen über die hohe Politik, über die Beziehungen Deutschlands zu den wichtichsten übrigen Mächten, zu Oesterreich, Rußland und Frankreich. Wenn man aber geglaubt hatte, daß Fürst Bismarck durch ein möglichst düsteres, grau in grau gemaltes Bild der von allen Seiten auf uns lauernden akuten Kriegsgefahr — (so schilderte ja die gesammte „nationale" Presse mit« sammt der Enrüstungsbewegung die auswärtige Lage) — der Militärvorlage einen grellen Hintergrund geben und dadurch einen packenden Impuls zur Annahme derselben bieten werde, so hat man sich gründlich getäuscht. Auch in anderer Hinsicht gab es Ueberraschungen in Menge. Unser Verhältniß zu Oesterreich ist ein so inniges, wie nie zuvor, auch zu anderen Mächten haben wir die besten Beziehungen, Rußland gegenüber sind unsere guten Beziehungen über jeden Zweifel erhaben, und an ein verbündetes Zusammengehen Rußlands mit Frankreich gegen uns haben wir bei der Vorlage gar nicht gedacht. Hat aber nicht diejenige Privatpresse und Parteipropaganda, welche von Anfang an für die bedingungslose Annahme der Vorlage ohne jede Vorprüfung schwärmte, welche selbst in der kurzen Vertagung des Reichstages eine Gefahr für die Sicherheit des Reiches erblickte, fort und fort auf den fron« zösisch-russischen Doppelkrieg abgehoben, ihn mit allen Schrecken an die Wand gemalt, um die besonnene Mehrheit des Reichstags umzu- stimmen? Die Erklärungen des Reichskanz- lers über die auswärtige Lage und über
Die Erdi« von Wallersdrin«.
Original-Roman von Marie Romany.
5. Fortsetzung.
Alice hatte seit ihrer frühesten Jugend unbegrenzte Verehrung, die innigste Liebe für ihre Eltern empfunden; niemals hatte ein unlauterer Gedanke, ein Zweifel an der Makellosigkeit des Vaters ihren Glauben erschüttert, memals ihre kindliche Ergebenheit wanken gemacht; sie war ge wohnt, in Herrn von Waldheim, sowie in früheren Jahren in dessen Gemahlin, ihrer Mutter, ein Ideal an Tugend und gesellschaftlicher Erziehung iu betrachten, ui.b eie Verehrung, welche ihnen uach allen Seiten zu Theil ward, konnte nur dazu vertragen, ihre Pietät zu erhöhen. Um so mehr hatten natürlich die im Fieberwahn hervorge- vrachten Jrrreden — wie sie glaubte — des Wers ihren jungen Sinn erschütlert, wenn ihr auch niemals ein Gedanke an die Wahrheit d,s on Herrn von Waldheim gemachten Bekenntnisses am. Jetzt überließ sie sich ihrem Schmerz. E» ib? n»tS Dor' e8 ereignete sich nicht» mehr, was
/^auer um den theuren Heimgegangen n ", "brochen haben würde; sie lebte ihrer Wed- £“2* A Verlassenheit, die ihr unzählige Thronen vn Wimpern lockte, sie erinnerte sich des Ver-
unser sicheres Verhältniß zu Rußland könnten selbst diejenigen, welche bereit sind, für drei Jahre der Regierung die ganze Forderung zu bewilligen, in ihrem Entschlusie wankend machen, wenn nicht alle Veranlassung vorläge, zwischen der strikten Bedeutung der russenfreundlichen Wendungen und der diplomatisch-taktischen Bedeutung wohl zu unterscheiden. Selbst die Autorität eines Bismarck wird nicht ausreichen, dem einsichtsvollen Theile des deutschen Volkes die Besorgniß zu benehmen, daß uns im Kriegsfälle von Rußland her fast die gleiche Gefahr droht, wie von französischer Seite. Die Beziehungen der Mächte schwanken von Monat zu Monat, und ist Ruß- land von augenblicklichen Hof- und Volksstimmungen kaum weniger abhängig, als Frankreich. Aber wenn wirklich der Reichskanzler Recht hätte, also von Rußland für uns nichts zu besorgen wäre, so ist es absolut unerfindlich, weßhalb in der Kommission gerade die französische und russische Heeresverstärkung als Grund sür die nothwendige Verstärkung der deutschen Armee regierungsseitig geltend gemacht worden ist. Nicht mit Unrecht hat der Centrumsführer Dr. Windthorst in seiner geradezu meisterhaften Rede dem Reichskanzler mit einer gewissen Ironie zugerufen: „Heber die Stärke der russischen Armee können wir uns doch nur freuen, denn die Russen sind ja unsere besten Verbündeten und werden uns im Rücken decken, wenn man uns an der Seine anzugreifen Miene macht." Bismarck hat diesen Hieb später zu pariren gesucht, indem er sagte, die Russen seien nicht unsere Verbündeten, aber das war eine lahme Vertheidigung Angesichts der sehr bestimmten Erklärung über unsere sichere, zweifellose Freundschaft mit Rußland. Die Behauptung Bis- marck's, daß die oppositionelle Presse Deutschlands zum Kriege gegen Rußland habe drängen wollen, und zwar aus übertriebenen Sympathien für Bulgarien, beruht auf einer sehr schlechten Information, sie ist total falsch. Namentlich die Centrumspresse hat stets betont, daß sie nur an eine diplomatische Intervention für den Fürsten Alexander denke, und der größte Theil gerade der nationalliberalen Presse ist in dem Russenhaß der Russenhetze viel weiter gegangen, als die sogenannte „oppositionelle" Presse. Bismarck sieht die G-fahr lediglich und allein auf
lorenen in der Zurückgezogenheit, in welcher sie ihre Tage verbrachte, in den Andachten für das Wohl seiner Seele, die sie niemals vergaß.
Alice erreichte bald ihr achtzehntes Jahr. Noch in der zartesten Blüthe reiner Unschuld stand sie im Leben. Sie hatte nichts gesehen, als die Pracht ihrer elterlichen Heimath, nichts empfunden, als die Liebe der Mutter, des sie verhätschelnden Vaters; sie kannte nichts von der Welt und ihren verkommenen Wegen, niemals war sie mit einem unsauberen Pfade in die geringste Berührung getreten; da« einzige Leid, welches die Vorsehung auf ihre jungen Schultern gelegt hatte, war die Krankheit des Vaters gewesen, deren unersättliche Laune mit bewundernSwerther Ruhe und Geduld von ihr getrogen werden war. Nun traf sie in dem Tode de' Herrn von Waldheim der erste und daher um so herbere Schlag. Es maa ihr vergeben werden, wenn sie mancher Aeußerlich ketten nicht gedachte, wenn selbst Handlungen, welche die Etiquette ihr geboten haben würde, von ihr vernachlässigt blieben; Alice lebte ihrer Weh- muth, ihren Thrän-n, 0er Erinnerung an den Verlogenen, den einzigen Menschen auf Erden, an den verwandtschaftliche Rechte sie knüpften, den Einzigen, dessen Liebe ihr ein Schutz gegen die Rauhheiten des Lebens gewesen war.
französischer Seite. Den augenblicklichen Friedens« betheuerungen legt er kein Gewicht bei, weil das Regiment dort täglich wechseln kann und der Gedanke an die Revanche für 1870/71 und an die Rückeroberung Elsaß-Lothringens niemals im französischen Volke schwinden werde. Gewiß, diese Gefahr im Westen e.kennt jeder deutsche Patriot rückhaltlos an, aber auf die Bismarck'sche Theorie gestützt, müßte man logisch schließen, daß unsere thurmhohe Freundschaft mit Rußland und Oesterreich zugleich alle Gelüste der Franzosen zügeln werde. So viel für heute über die Erklärungen Bismarck's zur auswärtigen Lage.
Bezüglich der Frage Septennat oder Triennium, Bewilligung auf 7 ober 3 Jahre, hat ber Reichskanzler sich klar und bünbig bahin ausgesprochen, die Regierung werbe kein Haar breit vom Septennat abweichen, und den Reichstag, wenn er diesem nicht zustimmt, auflösen. Auch Andeutun- gen vom möglichen Konflikt ließ Bismarck beiläufig einflicßen. Für die Forderung des Septennats wußte er indessen keinen einzigen stichhaltigen Grund anzuführen. Wir wollen's so, das war Alles. In sehr erregter und gereizter Stimmung warf er die Phrase „kaiserliches Heer oder Parlamentsheer" in die Debatte, vergaß aber, daß wir keins von beiden haben ober wollen, sondern daß es nur ein deutsches Volksheer gibt auf Grund ber allgemeinen Wehrpflicht, unb baß nach ber von ihm selbst ausgearbeüeten Reichsverfassung bie Bestimmung über bie Heeresstärke ber gemeinsamen Entschließung des BunbeSratheS unb Reichstages anheimgegeben ist. Die Parole „Reichsheer oder Parlamentsheer" riecht bereits stark nach Konflikt. Der Raum- mangel zwingt uns, auf eine weitere Besprechung an bieser Stelle zu verzichten. Es sei nur noch bie Aeuße- rnng Mollke's mitgetheilt: „Wenn Sie diese Vorlage ablehneu, so haben wir den Krieg." Das ist augenscheinlich nicht auf die Ablehnung des Septennats gemünzt gewesen, sondern auf bie Ablehnung ber Heeresvermehrung überhaupt. Denn im andern Falle würde Graf Molike bei aller militärischen Autorität, die ihm beiwohnt, schon bald von den Ereignissen ad absurdum geführt werden. Die Annahme der Vorlage auf drei Jahre scheint gesichert zu sein, ebenso wie die Ablehnung des Septennats und bie Folge davon wird sein: Die Auflösung des Reichstags, welche bereits voll-
Sobald die ersten beiden Wochen vorüber waren, störte sie auch nichts mehr, sich ihren Thränen zu weihen. Ein Testament hatte sich in dem Nachlasse des Gutsherrn nicht gefunden; somit blieb die Tochter unbeschränkte > Erbin all' des Reich- lhums; und auch dem vielfach ausgesprochenen Wunsche des Verblichenen, den Geistlichen der Ortschaft — der greife Pfarrer Vornan war feit Jahren ein fast täglich geseh,ner Gast unb Freund DeS Herrn von Walsheim gewesen — zum Vormunde seines KmdeS zu erwählen, war von Seiten der Gerichte Rechnung getragen, durch welchen Umstand Alice noch eine Stutz- für die pietätvolle Hingabe an ihre Trauer geboten ward.
„Die Siebe, mit welcher Sie des teuren Heimgegangenen gedenken, wird zum Segen Ihres zukünftigen Lebens werden," hatte ner würdige Mann unzählige Male zu feiner Münd.l gesprochen; unb Alice bebui fte solchen Trostes, es verlangte sie — in Erwn rung ' e- unheilvollen Abschieds, den Herr von Waldbeim von ihr ge= nomm-n — nach den Segenswünschen dess n, Der ihr für die Zukunft Berather, Freund und Vater war.
Woche um Woche ging so vorder. Der Mai kam, Juni und Juli zogen vorüber und nichts unterbrach bie stille Ruhe, bie über Wallersbrunn