Freitag, den 14. Januar.
M W.
1887.
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waren ihm die Verträge nur so lange heilig, als es sie nicht brechen konnte oder aus dem Bruche derselben keinen Vortheil zu erhoffen hätte.
Asiens Geschichte ist die Geschichte der Kaiser- staaten Japan und China und zum guten Theil auch die Geschichte Englands und Rußlands. Wie Japan, so ist auch China eifrig bestrebt, der Cioilisation Europas seine Thore zu erschließen und die Wege zu ebnen. Und näher und näher rückt die Stunde, in welcher beide Staaten anfangen werden, als wichtige Faktoren in der Politik der europäischen Großstaaten zu ftguriren und begehrenswerthe und gesuchte Bundesgenossen zu sein. Mit Riesenschritten schreitet Rußland auf seinem Eroberungszuge in Mittelasien voran. Eisenbahnbauten im großen Maßstabe sollen das Vorschieben der Truppen erleichtern und die ge- machten Eroberungen sicher halten. Im Grunde genommen ist diese Ecoberungsarbeit Rußlands ein ständiger Krieg gegen England. Immer näher rückt der Tag, an dem England auch seine Kraft einsetzen muß, um den Kampf zur Erhaltung seiner Machtstellung in Asien und damit seiner Großmachtstellung überhaupt glücklich auszufechten. Es wird rin Kampf gegen Rußland sein, und bte Schlachten werden in Asten geschlagen werden. Vorläufig sind die Staatengebilde zwischen den englischen Besitzungen und den rusiischen Eroberungen noch das Terr^.n, auf dem Plänklergefechte ausgefochten werden. Sie fristen ein kümmerliches Dasein und leben eigentlich nur von der Eifersucht und dem geheimen und offenen Streit zwischen England und Rußland. Ihr gänzliches Verschwinden ist nur eine Frage der Zeit; dann stehen sich Rußland und England Äug' in Äug' gegenüber, und der geheime Kampf wird von selbst zum offenen Kampfe im großen Maßstab.
Tonkin war für die Franzosen eine Quelle vieler Sorgen und schwerer Opfer. Sie würden wohl nicht mehr die Hand darnach ausstrecken, wenn sie es nicht schon hätten.
Afrika hat auch im Jahre 1886 dem Forschungstriebe wie dem Unternehmungsgeiste euro- päischer Gelehrter, Geschästsleute und Staatsmän- ner reichen Stoff und Ausbeute geliefert. Leider hat der junge Kongostaat gleich im Anfang die Erfahrung machen müssen, daß die Erschließung neuer Gebiete in fremden Wekttheilen Quellen brecherS, hier auf Erden geschändet sein möge, damit nicht der Fluch meiner Sünde das unschuldige Haupt meines Kindes trifft?"
Die Augen aller Anwesenden füllten sich. „Fieberwahn," sprach der Arzt vor sich. „Vertrauen Sie, Herr von Waldheim, besänftigte der Priester; „Gott wird vergeben : - "
Wie von einem Dämon getrieben, fuhr der Gutsherr auf. Einem Gespenst richt unähnlich starrte er um sich. Er sah den Arzt, im Hmter- gründe des Gemachs die Diener, er hörte den Priester, sah das Kruzifix mit brennenden Kerzen umgeben, und mit einem ächzend hervorqestoßenen „Mein Herrgott, erbarme Dich!" schien ihm der Alhem stille zu stehen.
Der Priester betete laut.
„Alice", rief der Gutsherr plötzlich, ohne auf die 'T'-ostesworte des Geistlichen zu hören, „ver- gieb Du mir meine Schuld, so wie der ewige Richter meine Sünde vergebe I Was auch ote Zukunft bringen möge, fluche nicht meinem Leben, fluche nicht der Stunde, in welcher einst das Schicksal Dich mir zur Tochter gab!"
In kindlicher Ehrfurcht neigte Alice das Haupt.
„Segne mich, Vater," hauchte fie unter Thränen, „Dein Segen wird die Stütze meines ferneren Lebens fein."
des Reichthums erschlossen wurden, ohne daß besondere Opfer von nöthen waren. Es bedarf nicht blos des europäischen Kapitals, um die Hilfsquellen des Landes nutzbar zu machen, sondern auch der europäischen "riegsmittel, um die Grenzen zu schützen. Die Kolonialpolitik hat sich auf dem afrikanischen Boden mit sehr bescheidenen Erfolgen begnügen müssen. Es ist fehr erklärlich, daß der größere Theil Afrika'« Jahrhunderte und Jahrtausende lang der „dunkle Welttheil" geblieben ist und warten mußte, bis die übrige Welt durchstöbert und getheilt war.
Die neue Welt kann das Jahr 1886 nicht zu den glücklichen tnb freubevollen zählen. Die südamerikanischen Republiken kommen aus dem Zustand der Unsicherheit und Gährung, der Parteikämpfe und innerer Zerrissenheit nicht heraus. Die große nordanierikamsch : Republik hat durch Wassernoth, Orkane und Erdbeben schwer gelitten und ungeheure Verluste gehabt. Das Bemsr- kenswertheste in der amerikanischen Geschichte des Jahres 1886 war das Vordringen der sozialen Frage in die vorderste Reihe der öffentlichen Angelegenheiten. Wiederholt kamen Arbeiterstriks und Ärbeiterrevolten im großen Maßstab vor; aber auch die Arbeiterbewegung in legalen Bahnen hat mächtig um sich gegriffen und angefangen, die politische Arena zu betreten, um dort sich geltend zu machen, wo die Gesetze zur Regelung der öffentlichen Angelegenheiten und Verhältnisse berathen und beschlossen werden. Da Amerika in hervor- rasendster Weise das Land der Arbeit ist, so wäre es fast zu verwundern, wenn es nicht auch die Arbeiterfrage hätte. Den anarchistischen Elementen, die unter dem Schutze der amerikanischen Freiheit ihre grausige Zerstörungsarbeit betreiben zu können glauben, hat das Jahr 1886 eine bitterböse Ent- täuschung gebracht. Nirgends in der Welt hat der ordentliche Mensch einen freien Spielraum; nirgends verlangt das, was man Staat nennt, so geringe Opfer von ihm, wie gerade Amerika. Allein nirgends in der W lt versteht man auh so wenig Spaß mit dem Verbrecher, wie gerade in Amerika. Und nirgends macht man so kurzen Prozeß mit ihm, wie gerade in Amerika. Letzteres bä-igt mit Ersterem wie Folge und Ursache zusammen und erklärt sich auch noch aus dem weiteren Umstande, daß im Laufe der Jahrzehnte Tausende und Tausenoe in
Eine feierliche Pause kam.
„So möge Gott Dich schützen!" quoll es endlich mit bet ganzen Innigkeit bes Gefübls von den Lippen des Gutsherrn: „Gott, der Dir bas
L den gab, errette Dich von den Gefahren, in welche bie Thorheit meiner Jugend Dein Dasein geleitet hat 1" .
Herr von Waldheim stöhnte, bann tank er zurück. Der Arzt bemühte sich, ihm, soweit es thunlich war, Erleichterung zu geben, inbeß bet Pr,ester in frommer Andacht für das Seelenheil des Sterbenden seine Gebete sprach. Auch bie Dienerschaft lallte die Gebete nach.
So war die Arbeit de« Schnitters nun get Han. Unter langsamem Stöhnen hatte Herr v. Wald- heim den Geist aufgegeben. Man legte ihn auf eine Bahre, schloß bie Läben, worauf der Arzt sich entfernte unb bie Dienerschaft sich in die äußeren Gemächer zurückzog; nur der Priester blieb bei dem Entseelten, wo er vereint mit Alice, die jetzt eine Waise im Leben, für die ewige Ruhe des Entschlafenen seine Andachten las.
Monate waren vorbei.
M t feierlichem Pomp, unter Begleitung aller der vornehmen und reichen Familien ver weiten Umgebung, war die Hülle de« Entseelten auf dem
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§§ Jahres-Rundschau.*)
Rußland war eifrig bestrebt, auch dem Jahre 1886 möglichst deutlich den Charakter feiner ganzen Geschichte aufzuprägen. Mit brutaler Gewalt- thätigkeit setzt sich dieser völkermörderische Koloß über alle Forderungen der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und Treue hinweg, stets das eine Z-el verfolgend: die Grenzen feines Gebietes weiter v»i zuichieben. So war es ganz besonder« im Jayre 1886. Wie wiederholt glaubwürdig ver- sichert wurde, hat der Kaiser selbst die Leitung der auswärtigen Politik zum größten Theile an sich gezogen und das ist für den Frieden Europa'« bedenklich, weil er — mct t gefuno ist. Ein altes Nebel des russischen Kaiserhauses soll sich auch bei ihm eingestellt haben: Verfolgungswahn und Größenwahn. Hand in Hand mit der brutalen Eroberung nach Außen geht die religiöse und konfessionelle'Verfolgung im Innern. Hat sie bisher mit himmelfchreiender Graufamkeit die Katholiken zertreten, so haben im Jahre 1886 auch die Protestanten zu kosten bekommen. Gerade in dieser Beziehung ist die Geschichte Rußlands eine lange Kette von Verbrechen. Die Nihilisten haben auch im Jahre 1886 wiederholt ihr Dasein bekundet und ihr Unterminirungswerk fortgesetzt. So ent* schliche Verbrechen, wie in vorausgegangenen Jahren in großer Zahl, sind indessen nicht vorgekommen. Um so mehr Lärm hat die panslavistische Partei gemacht. Hätte die BiSmarck'sche Politik einen Krieg mit Rußland gewollt, so hätte die panslavistische Presse Anlaß in Hülle und Fülle geboten; in der frechsten Weise hat sie ständig provocirt und zum Kriege gehetzt. Und so despotisch das russische Reglement auch ist, so ist doch diese Partei nicht ohne Einwirkung auf die Entschließungen an höchster Stelle. Das gilt um so mehr, als die russischen Armeeverhältnisse nach Mittheilungen des preußischen Kriegsministeriums seit dem letzten Türkenkriege nach allen Richtungen hin sich be- deutend verbessert und vervollkommnet haben. Wenn die Stadt Batum dem Berliner Vertrag zum Trotz ihre Stellung als Freihafen verloren hat, so entspricht es ganz und gar den traditio- nellen Praktiken der Politik Rußlands. Stets
(Nachbr. verb.)
-jiTtoiT m HJaUtrsbmnn.
Original-Roman von Marie Romany.
4. Fortsetzung.
Eine bange, unheimliche Stunde verrann. Nicht ein Saut, nicht die leiseste Bewegung verrieth, daß Herr von Waldheim noch dem Dasein gehörte; Nur ein schwacher Hauch seines Athems bezeugte, daß der Geist dem matten Körper noch nicht entflohen war.
Plötzlich regte er sich. Nur ein schwaches i Etöhnerz war es, das übet seine Lippen bebte, und nur eine unsichere Bewegung seiner Rechten, mit der er nach dem Haupte der vor ihm knieen- | den Tochter griff.
I „Alice," flüsterte er kaum hörbar, „betest Du I zu Gott um Eilösung? flehst Du zum Himmel, I daß nicht der Last meiner Sünde durch die Ver- I dammniß meiner Seele Vergeltung wird?"
„Ich bete, Vater," hauchte Alice. Sie war sich I kaum bewußt, was sie sprach.
„Und flehst Du", rief der Gutsherr lauter, I „daß nicht der Geist des Freundes, den ich rnor- I bete, mich, ein Gespenst der Hölle, in das Jen- Ifeits begleite? flehst Du —"
„O, Vater, —"
„daß nicht mein Name, der Name des Ver«