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Dienstag, den 11. Januar.
1887.
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und keinen anderen Rückhalt hat, als die Stimmen einer Kammermehrheit und wenn die M.hrheit der Art ist, wie die der französischen Kammer, dann ist es nicht zu verwundern, daß der Wechsel im Ministerium ein ständiger ist. Das selbstsüchtige Streberthum im Kleinen und Großen ist Trumpf; kaum ist Einer emporgestiegen, so suchen zehn Andere ihn wieder herunterzuziehen. Monatelang waren die Prinzen der ehemals regierenden Familien der Hauptgegenstand der öffentlichen Diskuffion, bis es endlich dazu kam, daß ihnen ihre militärischen Grade abgesprochen und der Aufenthalt auf dem Gebiete Frankreichs untersagt wurde. Eine Zeit lang sträubte sich die Regü-
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88 Jahres-Rundschau.*)
Frankreich ist während des Jahres 1886 mif der schiefen Ebene rüstig weitermarschirt. M Ministernöthen hat das Jahr begonnen und mit Ministernöthen schließt es in Frankreich. Nicht als ob es keine Liebhaber für die Minister- Wle gebe, im Gegentheil: nur zu viele sind vorhanden, aber von einem Ministerwechsel zum anderen wirb es schwieriger, nicht Minister zu finden, wohl aber ein Ministerium zusammenzubringen. Und von Stufe zu Stufe wird es radikaler und kirchen- feindlicher. Das ist ganz besonders die Doppel- fignatur des gegenwärtigen Ministeriums Goblet, dem übrigens Niemand eine lange Dauer prophezeit. Wenn eben ein Ministerium keine andere Stütze
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Die Erbin von Wallttsbrunu.
Original-Roman von MarieZoma.ny.
1. Fortsetzung. ' -
Voll Bedauern bückt« man aus den Kreisen der Gesellschaft auf ihn, mit trübem Auge sah Alice dem Dahinsiechen des geliebten Paters zu. Alice, zur Genüge vertraut mit dem Geschick ihrer Ahnen, wußte zu wohl, daß Herr von Waldheim sie bald als Waise zurücklassen werde, daß keine Macht der Erde, seine Tage zu ver- iängern im Stande sei. Wie natürlich also, daß das Weh, welches ihren jungen Busen bedruckte, ihre Wimper umflorte; sie sah die Kraft des Paters sich von Tag zu Tage mindern, sah, rote das lichte Roth, dieser untrügliche Vorbote nahen Todes, täglich sesne Wangen höher malte, fühlte, wie so hqld das einzige Band, welches ihr junges Dasein mit der Welt und ihren Freuden verknüpfte, werde zerrisien sein.
Arme Kleine! wie viele Duldung ertrug sie, wie herbe war das Leiden, welches die ^rankheit des Vaters auf ihre Schultern lud: Es waren Nt Launen, die Herrn v. Waldheim's Lebens- Muth oft bis zur Unerträglichkeit herabfinken ließen: Dualen, gegen die er sich mit aller Faffung vräubte, schienen mit unersättlicher Lust in seinem Innern zu wühlen; und diese Qualen stiegen, je unerbiMicher die Krankheit sich zeigte, je kürzer
letzten Anstoß. Er feierte die Hochzett ferner Tochter mit dem Kronprinzen von Portugal, wobei es „königlich" herging. Das Schönste war, daß der Vertreter der französischen Repubük in Lissabon der königlichen Familie zu dieser Ver- Ändung mit einer Tochter Frankreichs gratultrte, ‘ während die Regierung Frankreichs gerade daraus Anlaß nahm, dem Vater derselben den hnmath' lichen Boden Frankreichs zu verschließen. Es hielt indessen sehr schwer, ein für die Regierung annehmbares Votum in der Kammer und im Senat zu Stande zu bringen. Die Kammerkommisslon konnte sich nicht einigen, weil die einen mehr, die
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rang, dem Drängen von unten nachzugeben, end- iSCneir P lich gab dann ein Fest des Grafen von Parts den [1944‘ '■* itti.
anderen weniger gewähren wollten, als der Regierung annehmbar war; im Senat stimmten schließlich 137 gegen und 122 für die Prinzen. Der Herzog von Aumale, Onkel des Familienhauptes der Orleans, ein anerkannt tüchtiger General, protestirte in einem sehr energisch gehaltenen Schreiben an den Präsidenten der Republik gegen die ihm zugedachte Entziehung der militärischen Grade und brachte auch dem Kriegsminister Boulanger eine moralische Niederlage ersten Ranges bei. Derselbe hatte keck geleugnet (im Parlament), daß er dem Herzog von Aumale die Beförderung zum General verdanke. Daraufhin wurden aber Briefe veröffentlicht, in welchen Boulanger um Protektion bettelte, die Enthebung Aumales vom Kommando bedauerte, für erhaltene Protektion dankte und den Tag herbeisehnte, an dem er unter Aumale dienen könnte. Die Blamage war gründ- lich, stürzte aber den Kriegsminister nicht. Den Gipfel der Lächerlichkeit erstieg er mit der Komödie eines Schein-Duells. Die Franzosen, wenigstens ein Theil derselben hoffen eben, Boulanger werde als Kriegsminister ihre Stellung als erste europäische Militärmacht wiederherstellen und so die Wiedergewinnung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen anbahnen. Davon sind ihre Phantasien und Wünsche noch immer erfüllt. Zwar war die Regierung sichtlich bestrebt, gute Beziehungen zum deutschen Reiche zu unterhalten, und der neue Botschafter in Berlin, Herbette, hat in seiner Antrittsaudienz höchst frMehend M ausaeiprocyen. Äuem V- meyr ta utn ÄNscymi aewann, daß Rußland Miene machte, loszusch-agen, desto mehr war Frankreich bemüht, zu Rußland intimer zu werden. Das zeigte sich bet dem Auftreten der übrigen europäischen Mächte gegen Griechenland; in provozirender Weise trat es zu Tage bei der Enthüllung des Denkmals zu Ehren des Generals Chanzy; am allerdeutlichsten aber zeigte es sich in der bulgarischen Fra^e. Wenn eine europäische Macht, so hätte in erster Lime das republikanische Frankreich seine Stimme zum Schutze des Bulgarenvolkes gegen Rußland erheben sollen. Statt deffen hat es das despotische Rußland in seinem brutalen Vorgehen bestärkt, so daß es eine Zeit lang schien, als würden die rusir- schen und französischen Armeen in allernächster die Spanne Zeit ward, die ihm auf Erden zu leben beschieden war. ,
Geduldig, wenngleich mit umflorten Blicken, trug Alice diese Pein. Wie oft hing ihr Auge voll banger Furcht an-, der Miene des Paters, wie lauschte ihr Ohr mit Entsetzen den Aeuße- rungen, die wohl nur das Fieber, welches von Monat zu Monat häufiger auftrat und die Krankheit noch unerträglicher werden ließ, hervorpreffen konnte; doch ihre Jugend, Dank dem Schicksal, vergaß den Eindruck, den folche Stunden erzeugten, und nichts blieb ihr, als das Weh welches sie beklemmte, wenn Herrn von Waldheims Bück voll unaussprechlichem Kummer auf ihr ruhte, wenn die Seufzer, die sich feiner Brust entrangen, ihr fügten, wie schmerzlich ihm die Trennung werde, die ihm so nahe war.
Ja sicherlich! Glück und Wohlergehen, fein halbes Gut würde Herr von Waldheim mit Freu- den zum Opfer gebracht haben, wenn es in feiner Macht gelegen hätte, feinem Leben j tzt noch em paar Jahre Feist zu gewähren; doch hier galt nicht Täuschung; der Gutsherr wußte, wußte sicher, daß sein Stundenglas schon der Hand de» schwarzen Schnitter» vertraut war und vaß der Augenblick nahte, in welchem das letzte Körnchen Sande» gefallen war.
Zeit vereint als Bundesgenossen ausmarschiren. Und doch hätte kein Land mehr Anlaß als Frankreich, sein Möglichstes für Erhaltung des allgemeinen Friedens zu thun und feine Kraft darauf zu verwenden, Ordnung und Sicherheit, Ruhe und Thäügkeit in die inneren Verhältnisse zu bringen. Statt deffen ist Kulturkampf und Kirchenverfolgung Trumpf. Die Bischöfe sahen sich genöthigt, gegen den Kultusminister Goblet, jetzt Ministerpräsident, Protest zu erheben, weil er als Ankläger gegen den Klerus auftrat und ihnen selbst zu- mnthete, sich die Rolle als Präfekten des Ministers gefallen zu lasten. Ein eigene» Unterrichtsgesetz will die vorhandenen Schulen entchristlichen und )er Kirche die Thätigkeit auf dem Gebiete des Unterrichts unmöglich machen. Die völlige LoS- ägung des Staates von allen Verpflichtungen gegen die Kirche ist von der Kammer in Erwägung gezogen worden und steht in Aussicht. Täglich wird der Sozialismus mächtiger und nähert sich )er Zeit, da er über die öffentliche Gewalt ver- ügen wird. Abgeordnete selber waren es, die revolutionäre Arbeiterbewegungen schürten und unterstützten. In politischer Beziehung ist die Zerfahrenheit und Unsicherheit ganz unbeschreiblich. Im Saufe des Jahres ist wiederholt der Versuch gemacht worden, die konservativen Elemente unter republikanischer Fahne zu einer Partei zu sammeln; es wollte und will aber nicht gelingen. Freilich, wenn ein Mann wie Ferry so etwas unternehmen SMetWotfW^ M
kein konservativer Tropfen fließt, war Jedermann sofort im Klarem, daß die Sammlung konservativer Elemente nur ihn selber wieder emporbringen soll. Wenn auch Raoul Duval keinen Anklang fand, so ist es ein Zeichen dafür, daß es eben nicht zieht. Die Franzosen sind kein republikanisches Volk und ihre Republik kann den Völkern diese Staatsform unmöglich als begehrenswerth erscheinen lasten. Durch das Gesetz gegen die Spionage hat Frankreich an Sympathie und Achtung im Ausland be» deutend eingebüßt, während die Vorlage eines neuen Militärgesetzes wesentlich dazu beigetragen hat, die Unsicherheit der europäischen Lage zu verschärfen.
Spanien hat im Laufe des Jahres einen
Eine unheilvolle Ruhe hatte sich über die wei- ten Räume der Besitzung gelegt. Es war ein Frühlingstag, warm und sonnenhell, aber die Freude, welche sich rings über, die Natur gebreitet hatte, sand auf Wallersbrunn keinen Wieder- hall; düster und mit knmmerfchwerer Miene schritt ein Jeder an dem Anderen vorüber, die Diener- schäft wagte kaum, ein lautes Wort von sich zu geben, Alice, die nur mit Mühe den hervorbrechenden Thränen wehtte, sandte flehentlich ihre Gebete zum Himmel und Herr von Walvheim selbst mochte durch die Gewalt der Seelenqualen, welche ihm das sichere Bewußtsein des nahen Todes bescheerte, vernichtet sein.
Ader auch Alles, was auf der Besitzung lebte, schien zu roisten, daß die Scheidestunde für den Gutsherrn gekommen war. Niemand wagte sich zu regen. Voll banger Erwartung Mt em Jeder feine Aufmerksamkeit nur aus die Vorgänge im Salon de» ersten Stockwerks gerichtet, wo der Gutsherr, wie es feit mancher Woche schon fein Wille geroefen, die Nachmittagsstunden nur in Gesellfchaft feiner Tochter verbrachte; ein Jeder fühlte, daß dem Untergänge de» heutigen Tage» eine trübe Stunde beigegeben war.
Und dennoch wußte Niemand, wie trübe sie kam. Niemand außer Alice von Waldheim ha e» jemals erfahren. Niemand hatte eine Ahnung,