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1887.

Montag, den 10. Januar.

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§§ Jahres-Rundschau.*)

VIII.

Oesterreich hat allen Grund, sich darüber zu freuen, daß das Jahr 1886 noch so vorüber- gegangen ist, wie es thatsächlich verlief. Mehr als einmal hat es geblitzt, so daß der Ausbruch schweren Unwetters befürchtet werden mußte - und zwar im eigenen Innern wie auch von Außen her. Eine Bande der schrecklichsten Anarchisten wurde in der Reichshauptstadt noch rechtzeitig entdeckt, lieferte aber doch den Beweis dafür, daß auch im alten Kaiserstaat sozialistische Elemente gefährlicher Art den Boden unterwühlt haben. Für ein Land wie Oesterreich ist das doppelt be­denklich, weil das Konglomerat von Volkern und Nationen, welche das habsburgische Kaiserhaus zu einem Reiche vereint, ohnehin eine Quelle mannig­faltiger Schwierigkeiten im Innern ist. Immer und immer wieder gibt es Zuckungen, die den alten Kaiserstaat an seine schwache Seite erinneren. So war es dieses Jahr in Ungarn anläßlich der sog. Janski-Affaire, die zum Rücktritt des Landes- kommandirenden Edelsheim-Giulay führte und den Kaiser zum persönlichen Eingreifen in Form eines Manifestes veranlaßte; fo am Schluffe des Jahres in Böhmen, wo die liberalen Abgeordneten deutscher Zunge einen parlamentarischen Strike in Scene fetzten, w^il sie glauben, das deutsche Element werde dem czechischen zu sehr hintangesetzt. Hin­gegen trat in höchst erfreulicher Weise Einmüthig- ksit und patriotische Hingebung in den Delegatio­nen der beiden Reichshälften zu Tage, als die bulgarischen Wirren die Gefahr eines blutigen Zusammenstoßes mit Rußland in die Nähe rückten. Längere Zeit hindurch stand Oesterreich den bul­garischen Wirren gegenüber im Vordertreffen der europäischen Diplomatie, und ganz Europa lauschte mit lebhaftestem Jntereffe den Worten seiner Staatsmänner. Sie haben die Grundlinien der österreichischen Orientpolitik offen dargelegt, die mit der ruffisck en kollidirt und in absehbarer Zeit zum Kriege führen muß. In wieweit das „Bünd- niß" mit Deutschland in diesem Falle Vortheil und Rückhalt böte, entzieht sich der Kenntniß des Publikums. Anscheinend bestehen die herzlichsten

*) Nachdruck verboten.

Die Erdi« von Widcrsdrim.

Original-Roman von

Marie Romany.

(Nachdruck verboten.)

I.

Abwärts von Wien, in der Richtung gegen die steyrischen Alpen zeigt sich die Romantik der Schöpfung in wahrhaft berückender Pracht. In bezaubernder Schönheit, so weit das Auge reicht, strecken sich Berge und Hügel, hier im Schmuck der üppigsten Wiesen, dort im Saatengewoge, in- deß reiche Ahorngruppen sich in den Thalstrecken dehnen und das unsterbliche Grün der Nadelwal­dungen von den Spitzen der Berge herunterlacht. Auch die noch junge Leitha plätschert lustig ihre Fluth; sie wüßte zu erzählen von dem Glück der Natur, durch welches ihr die Gunst der Schöpfung den Weg gebahnt hat.

Und so das Volk, dem hier eine Heimath be« schieden ward. Armuth scheint diesem Boden ent­fremdet; die Keller und Scheunen des Landmanns strotzen vor Fülle, der Bauer heimst mit Behagen die üppigen Früchte des Bodens ein. Was lebt und athmet sonnt sich an dem Wohlgefallen, wel­ches die Gottheit diesem Landstriche bekundet; wäre nicht der Grund seit Urzeiten vererbt oder in

Mib aufrichtigsten Beziehungen zwischen den beiden Monarchen und ihren Regierungen. Thatsächlich hat aber Oesterreich in der bulgarischen Frage keinerlei Rückhalt an Deutschland gehabt, und es hat ganz und gar den Anschein, daß Rußland und Preußen zum Nachtheil und auf Kosten Oesterreichs sich verständigt haben. Der 200jährige Gedächtnißtag der Befreiung Ofens hat die Ruhmesthaten der österreichischen Armee wieder lebhaft in Erinnerung gebracht. Leider scheint aber die Armee gegenwärtig nicht in der Verfassung sich zu befinden, daß man ohne Sorge den Ge­fahren entgegensehen kann, welche schon in der nächsten Zukunft über das Reich kommen können. So wenigstens haben die Herren vom preußischen Kriegsministerum sich ausgesprochen.

England hat ein höchst unruhiges und sor­genvolles Jahr durchlebt. Seine Geschichte kennt kaum eine Zeit, in welcher die Regierung in so kurzen Zwischenräumen so häufig wechselte und ständig so wenig festen Halt hatte, wie im Jahre 1886. Gleich zu Anfang des Jahres wurde das konfer- vative Ministerium Salisbury gestürzt, indem in einer wichtigen Abstimmung 359 gegen dasselbe stimmten. Gladstone verband sich mit den radikal­liberalen Elementen und wurde Salisbury's Amtsnachfolger. Zwei Monate später siel das Koalitionsministerium wieder auseinander, indem die Vertreter der Radikalen zurücktraten. Im April wurde eine größe Koalitionsverfammlung in London abgehalten, um gegen Gladstone's irische Politik zu protestiren. Nach langen par­lamentarischen Kamp, en wurve Gladstone's irischer Reformplan mit 341 gegen 311 Stimmen abge­lehnt (7. Juni). Gladstone nahm seine Ent­lassung nicht, sondern löste das Parlament auf. Die Neuwahlen fielen höchst ungünstig für ihn aus und er trat zurück. Salisbury wurde wie­der sein Nachfolger. Auch er war genöthigt, sich auf Elemente zu stützen, die nicht durchweg mit ihm gehen. Und nun beim Schlüsse des Jahres ist auch sein Ministerium gefährdet, da das her­vorragendste Mitglied, Lord Churchill, zurückge­treten ist. Immer ist es die irische Frage, welche den Bestand des jeweiligen Ministeriums gefähr­det. Das himmelschreiende Unrecht, welches das katholische Irland Jahrhunderte lang tragen muß, läßt nun in seinen Folgen den englischen

sicheren Händen, so drängten sich Bewerber um das Glück dieses Bereiches von Norden und Süden herzu.

Unter den Gutsherrschaften, die auf diesem paradiesischen GebirgStheile thronen, glänzt durch die Ausdehnung des Besitzthums wie durch die Pracht seiner stolzen Gebäude das Dominium Wal­lersbrunn. Wohl ein Jahrhundert ist vorüberge­gangen, seitdem diese Herrschaft bestanden. Der selige Freiherr von Erlenburg, dessen Gebeine längst in der steinernen Familiengruft auf dem Hietzinger Friedhöfe modern, hatte einst an der Aufführung des kleinen Schlosses seine Freude gefunden; auch der Park und die reichen Gartenanlagen, welche nach allen Seiten hin die Gebäude umgeben, sprechen von seiner Liebe zu romantischer Schönheit, gleich­viel ob die Natur sie erzeugte oder ob die Kunst des Meisters sie hervorgebracht hat. Wie stolz würden Haus und Park und alle die Denkzeichen des von Gott begnadeten bründers dieser kleinen Herrlichkeit sein, dürften sie in dem heutigen Be­sitzer des Dominiums einen Sprossen ihres Schöpfers bewundern; doch Herr von Waldheim ist dem Erlen- burg'schen Hause ein Fremder, wenngleich die Fama ihn zum folgerechten Erben der Besitzung gestem­pelt hat.

. In der Umgebung, fo scheint es, erhmert man

Staat nicht zur Ruhe kommen. Und das ist um so bedenklicher, als er gerade jetzt alle Aufmerk­samkeit und Kraft den auswärtigen Verhältnissen sollte zuwenden können, die für England immer bedrohlicher werden. Das Vordringen Rußlands in Mittelasien, die Wirren in den Balkanstaaten und die Verhältnisse in Egypten sind lauter be­denkliche Momente für England, die schwere Kriegs­gefahren in sich bergen, ohne daß für solche Eventualitäten genügend vorbereitet und gerüstet ist. Selbst seine Flotte befindet sich in sehr fa­talem Zustande. Sehr energisch trat es gegen Griechenland auf, indem es dasselbe mit Gewalt zwang, sich ruhig zu verhalten, als es, ganz Europa trotzend, zum Kriege mit der Türkei drängen wollte. Wegen Egyptens ließ es mit sich reden, als Frankreich daran erinnerte, daß dasselbe keine englische Provinz sei. In der bul­garischen Frage übte es große Zurückhaltung bis zu dem Momente, da Oesterreich Miene machte, energisch vorzugehen. Dann aber führte es auch eine sehr entschiedene Sprache und erklärte sich ganz offen bereit, mit Oesterreich zusammenzu­gehen. Der Türkei hat es förmlich gedroht, weil sie sich im Verlaufe der bulgarischen Krisis von Rußland ganz in's Schlepptau nehmen ließ. Neben der offenen Wunde, die Irland ihm ge­schlagen und farterhält und den schweren Sorgen, welche die auswärtigen Verhältnisse ihm bereiteten, hat das Jahr 1886 auch noch anderes Bittere ihm gebracht. Sozialisten und Anarchisten haben kühn ihr Haupt erhoben. Und der blutige Auf­ruhr in Beifast hat gezeigt, welch' groß« Gefah­ren die irische Frage in sich birgt.

Belgien hat die Schrecken einer Arbeiter-Re­volution im kleineren Maßstabe durchlebt und weit über Belgien hinaus ist der Schrecken gedrungen. Bei dieser Gelegenheit ist zu Tage getreten, daß die sozialen Mißverhältnisse in Belgien allerdings sehr groß sind, während die Gesetzgebung bis jetzt so viel wie nichts zur Hebung derselben gethan hat. Nicht einmal politische Rechte genießen die Arbeiter. Um so mehr verdient es Anerkennung, daß man sich allseits daran gemacht hat, den Miß­ständen auf bett Grunb zu gehen und nach Mitteln zur Hebung zu forschen. Das katholische Mini­sterium hat eine umfassende uttb genaue Prüfung ber Arbeiterverhältmffe angeordnet. Die Bischöfe

sich nicht mehr bet Beziehung, in welcher ber nun­mehrige Gutsherr einst zum Erleuburg'schen Hause gestanden hat; ist man doch seit mehr als 20 Jah­ren gewöhnt, ihn als Nachfolger des Freiherrn Max zu betrachten; und Bilder, welche ber Lauf ber Zeit nicht verwischte, entsanken ber Erinnerung burch den Freimuth unb Biedersinn, durch die ge­sellschaftlichen Vorzüge und Talente, vermöge bereit Herr von Waldheim sich als vielumworbenes en- fant cheri der vornehmen unb reichen Familien ber Umgebung festgesetzt hat.

Daß unter solchem Verhältniß ber Name von Erlenburg je mehr unb mehr ber Vergessenheit anhein fiel, kann nur natürlich sein. Freilich, unter ben älteren Leuten ber Nachbarschaft gibt es Die­sen unb Jenen, ber mit bem Haupte wiegt, wenn über bas Erlöschen eines so berühmt gewesenen Stammes berichtet wird; aber in jenen Kreisen ber Gesellschaft, bie heute bem Leben gehören, erinnert man sich nicht ber von Erlenburg's, man kennt nur ben Namen von Waldheim; unb man zweifelt wohl nicht eine Sekunde, daß Felix von Waldheim ber rechtmäßige Besitzer des Gutes unb daß Alice, bie blendend schöne Tochter eines so bevorzugten Vaters, als einst­malige Erbin des Dominiums Wallersbrunn zu betrachten sei. \